„Best of Technology“-Award: Wenn im Supermarkt die KI kassiert
Mittags, halb zwei in Düsseldorf. Im Rewe-Markt am Wehrhahn herrscht der übliche Mittagspausenansturm: Ein Büroarbeiter im blauen Businesshemd greift sich einen Salatmix, ein Schüler im T-Shirt einen Energydrink, eine Mutter mit Babytragetuch Zutaten fürs Abendessen.
Durchaus auffällig verhält sich der Mann in weißen Sneakern, der seine Einkäufe schon im Markt einfach in den Rucksack stopft: Biohackfleisch, Reibekäse, Saft – alles hinein in die Tasche. Dann, ohne zu zahlen, geschwind durch die Ausgangssperre und hinaus auf die Straße. Niemand schaut kritisch, kein Alarm ertönt, kein Ladendetektiv springt aus der Wandverkleidung.
Denn hier läuft das Einkaufen bereits so, wie der Rewe-Konzern sich die Zukunft des Shoppens vorstellt. Der Kassenstopp ist dabei nur noch optional. Wer möchte, kann sich alle gewünschten Produkte aus den Regalen greifen und damit den Einkaufsbeutel füllen.
Kameras, wo das Auge hinschaut
Ermöglicht wird der bequeme Einkauf durch eine Kombination aus Kameras und KI, die Rewe hier und in einigen anderen Läden installiert hat. „Produkte in die Tasche legen, rausgehen – fertig“, fasst Anja Richter, Projektverantwortliche für die Testläden namens Pick&Go, die wohl simpelste Art des Einkaufens zusammen.
Der Supermarkt der Zukunft von Rewe ist eine der Technologien, die die Jury beim Best of Technology Award der WirtschaftsWoche überzeugt haben. Der Wettbewerb zeichnet digitale Lösungen aus, die einen konkreten Nutzen für Unternehmen erzeugen und diese in ihrer Zukunftsfähigkeit unterstützen.
Beworben haben sich Start-ups, Mittelständler und Großkonzerne aus ganz Deutschland. Als strategischer Partner unterstützt das Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen Capgemini den Award, wissenschaftliche Partner sind das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe sowie das Karlsruher Institut für Technologie.
Auf einer Preisverleihung beim Summer Camp der Handelsblatt Media Group in München nahmen am Mittwochnachmittag die Gewinner ihre Auszeichnung entgegen. „Die Finalisten des Awards zeigen, was möglich ist in Deutschland, wenn wir nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern mutig nach vorne gehen“, sagte Maja Brankovic, stellvertretende Chefredakteurin der WirtschaftsWoche.
Einige Gewinner der diesjährigen Runde verbindet dabei ein besonderer Blick auf Technologie: Sie erschaffen nicht nur Software oder Produkte, die künstliche Intelligenz schneller oder Lieferketten effizienter machen – sondern sie nehmen dabei einen zentralen Aspekt in den Fokus, der bisher noch zu oft ausgeblendet wird: die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine.
Sei es, indem die KI den Kunden im Supermarkt beim Einkaufen über die Schulter schaut, den Kassenbon ganz automatisch erstellt – und sich dabei auch von unübersichtlichen Gemüsezusammenstellungen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Oder indem eine Softwareplattform entscheidet, auf welche Dateien Büroarbeiter Zugriff haben und auf welche nicht – damit Hacker es schwieriger haben, sich über menschliche Schwachstellen Zugang zu sensiblen Dokumenten zu verschaffen.
Es sind Vorreiter, die zeigen, wie KI und Mensch bald Hand in Hand arbeiten können. Gut zu besichtigen ist das im Testmarkt von Rewe. Gleich am Eingang informiert ein großes Schild die Besucher: „Wir testen in diesem Markt ein neues Einkaufserlebnis mit Kameratechnologie.“
„Pick&Go ist das erste vollständig kassenlose Einkaufssystem Deutschlands“, sagt Produktmanagerin Richter. Weniger Schlange stehen, nichts mehr an der Kasse umpacken, schneller einkaufen, das ist das Versprechen. Am Ausgang müssen die Kunden nur noch einen QR-Code scannen, damit sich die Schranke öffnet.
Den Code und einen digitalen Kassenbon erhalten sie automatisch in einer Smartphone-App, in der die Kunden sich zuvor registriert haben. Bei der Registrierung muss man eine Rechnungsadresse eingeben und Zahlungsdaten hinterlegen, etwa die Kreditkartenangaben oder den persönlichen PayPal-Account. Wer die App nicht nutzen will, kann im Markt auch mit einem Tipp auf einen Bildschirm per Karte zahlen. Und wer das gesamte Pick&Go-System nicht nutzen möchte, kann auch einfach an einer gewöhnlichen Kasse seine Einkäufe aufs Band legen.
Hinter der neuen Art des Einkaufs steckt eine ausgeklügelte Technologie, die Rewe zusammen mit Partnern entwickelt hat: Eine intelligente Software erkennt die Kunden schematisch wie Strichmännchen und begleitet ihren Weg durch den Supermarkt. Gesichter und andere biometrische Daten bleiben dabei anonym.
Per Bilderkennung registriert das System, welche Waren der Kunde greift und ob er sie in die Tasche oder wieder zurück ins Regal legt. Zugleich sind Sensoren in jedes Regel eingebaut, die erkennen, wenn sich das Gewicht verändert. Sie erfassen auch auf das Gramm genau, wie viele Tomaten, Kartoffeln und Co. die Kunden einpacken.
Bis zu 20.000 Produkte gibt es in einem typischen Rewe-Markt – jedes einzelne muss das smarte System erkennen. „Wir brauchen dafür ein 3-D-Modell des Marktes, das immer auf dem neuesten Stand ist“, sagt Richter. In Düsseldorf erkennt die künstliche Intelligenz auch, wenn jemand aus einem großen Aktionskorb im Gang eine Flasche Vitaminwasser mitnimmt, das dort gerade im Angebot ist. In einem anderen Testmarkt in Hamburg fügt das Pick&Go-System sogar Fleischwaren zum virtuellen Warenkorb hinzu, die Verkäufer frisch verpackt über die Theke reichen.
Dass die Technik funktioniert, haben die Entwickler seit dem Start des ersten Testmarkts im Jahr 2021 in Köln bewiesen. Mittlerweile hat Rewe den sechsten Pick&Go-Markt in Deutschland eröffnet. Nun wollen die Rewe-Experten vor allem herausfinden, wie die Kunden mit dem System umgehen – und wie sie es annehmen. Nicht die Technik soll im Vordergrund stehen, sondern das mühelose Einkaufserlebnis: „Die Kundinnen und Kunden sollen am besten gar nichts von der Magie mitbekommen, die im Hintergrund passiert“, sagt Richter.
Eine Steuerzentrale für Zugangsdaten
Auch die Gründer des Start-ups Cyberdesk in München wollen den Umgang mit digitaler Technik möglichst reibungslos gestalten – und diesen dabei gleichzeitig sicherer machen. Ihre Plattform schützt digitale Schätze auf Unternehmensservern: sensible Daten, die dort lagern und die bisher nicht immer ausreichend vor unerwünschtem Zugriff gesichert sind.
Um diese Daten zu stehlen, müssen Datendiebe sich nicht unbedingt mühsam in die Server hacken – sie können es sich leichter machen und gestohlene Zugangsdaten etwa von Mitarbeitern dafür verwenden. „80 Prozent aller Datenschutzverletzungen gehen von Identitäten aus“, sagt Tobias Lieberum, Mitgründer von Cyberdesk. „Angreifer hacken nicht, sie loggen sich ein.“ Das liegt nicht nur daran, dass Menschen – anders als Computer – Fehler machen können und oft durch Emotionen geleitet werden. Sondern auch daran, dass viele IT-Systeme gerade beim Faktor Mensch besonders viele unnötige Angriffspunkte bieten.
So erhalten Mitarbeiter oft die Zugriffsrechte auf zahllose Dateien und Programme, die sie in ihrer täglichen Arbeit gar nicht benötigen – oder die mit einem Projekt zu tun haben, an dem sie schon lange nicht mehr arbeiten. Leichtsinnig sind viele Unternehmen auch im Umgang mit KI-Bots wie Microsofts Copilot, denen sie umfassenden Zugriff auf Daten einräumen – ohne zu bedenken, dass diese Daten durch Dritte ausgewertet werden könnten.
Gründer Lieberum etwa berichtet von einem Unternehmen, das seine Gehaltsliste der KI irrtümlich zur breitflächigen Nutzung zur Verfügung gestellt hatte. „Wenn ich da den Copilot gefragt hätte: Wie viel verdient denn mein Chef – dann hätte mir der Copilot die Antwort gegeben.“ Genau solche Datenleaks will Lieberum, der vorher im Banken- und Beratungssektor gearbeitet hat, mit seiner Technologie nun verhindern.
Zusammen mit dem Softwareexperten Prabhakar Mishra entwickelte Lieberum eine Plattform, die Unternehmen einen Überblick verschafft, welche Daten überhaupt von wem eingesehen werden können – und mit der sich die Zugriffe auch steuern lassen. „Wir steuern granular, wer auf was Zugang hat“, sagt Lieberum und öffnet auf seinem Bildschirm ein Beispielprojekt.
Da sind in einer Spalte Dutzende Nutzer eines fiktiven Unternehmens aufgeführt, die alle unterschiedliche Zugangsberechtigungen auf die digitalen Daten haben. Welche, das ergibt sich aus dem Access Graph – einer Art Flussdiagramm, auf dem Linien anzeigen, welche Nutzer mit welchen Dateien welche Möglichkeiten haben: etwa ob sie nur lesen oder auch bearbeiten dürfen. „Das geht hinunter bis zum einzelnen PDF“, sagt Lieberum. Ausgewertet wird über verschiedene Cloud-Umgebungen und Programme hinweg, von der Word-Datei bis zum Teams-Kanal, von der E-Mail bis zur Kreditkartennummer.
Wo IT-Sicherheitsbeauftragte bisher stundenlang Tabellen studierten, um etwa herauszufinden, welche Accounts Eingangstore für Hacker gewesen sein könnten, erhalten sie jetzt einen intuitiven Überblick über die oft enorm verschachtelten Zugriffsrechte im Unternehmen. „95 Prozent aller Zugriffsrechte werden nicht genutzt“, sagt Gründer Lieberum. Über die Plattform können Unternehmen regelmäßig die Zugriffsrechte der Mitarbeiter überprüfen und anpassen.
Helfen soll dabei bald auch eine künstliche Intelligenz: Cybo, so ihr Name, analysiert, wer wie oft welche Dateien benutzt, wo Zugriffe aus einer ungewöhnlichen Region oder zu einer merkwürdigen Zeit stattfinden – und erstellt so eine Empfehlung an die menschlichen Administratoren, welche Mitarbeiter, Apps oder Bots welche Zugriffe besser beschränkt bekommen sollen.
Das soll IT-Abteilungen Arbeit sparen. „Es gibt einen wahnsinnigen Mangel an Fachkräften in der Cybersicherheit“, sagt Lieberum. „Mit unserer Plattform entlasten wir die Mitarbeiter.“ Unternehmen wiederum sparen Kosten und verhindern Cyberangriffe, die schnell Millionenschäden nach sich ziehen.
Ein zweites Gehirn für Unternehmen
Während Cyberdesks Technologie so etwas wie der maschinelle Sicherheitstrupp für den Büromenschen sein soll, verspricht Blockbrain nicht weniger als ein zweites Gehirn. Die Plattform des gleichnamigen Start-ups aus Stuttgart will Unternehmen eine Art Baukasten anbieten, der ihnen ermöglichen soll, mithilfe künstlicher Intelligenz mehr aus ihren internen Daten herauszuholen.
Denn Bots wie ChatGPT mögen zwar große Teile des Internets verarbeitet haben – doch die digitalen Schätze im Innern vieler Unternehmen sind oft noch nicht gehoben worden. „Wissen ist die kostbarste Ressource vieler Unternehmen“, sagt David Widmann, Leiter Umsatzwachstum beim Unternehmen Blockbrain, hinter dem unter anderem der Mitgründer des Datenportals Statista, Mattias Protzmann, steht. Zu den Investoren zählen der Sicherheitsanbieter Giesecke+Devrient und zuletzt LBBW Venture Capital, eine Tochter der Landesbank Baden Württemberg, mit einem siebenstelligen Investment.
Das Start-up soll nun helfen, die kostbare Wissensressource der internen Unternehmensdaten zu heben. Dazu haben die Gründer eine Technologie entwickelt, mit deren Hilfe die zahllosen Dokumente und Dateien auf Unternehmensservern aufbereitet und indexiert, also letztlich durchsuchbar werden. Die Kunden können dann mit sogenannte Wissens-Bots chatten, die für sie die gesuchten Informationen abfragen.
Den Dialog mit dem Bot in natürlicher Sprache ermöglichen große Sprachmodelle verschiedener Anbieter, die Blockbrain in sein Modell integriert hat. Diese Anbieter sind gleichzeitig direkte Wettbewerber von Blockbrain, ebenso wie Anbieter von Software zur Datenauswertung (Data Mining) wie die deutsche Celonis.
Das junge Unternehmen fokussiert sich auf Branchen, in denen Datensicherheit eine besonders große Rolle spielt. Dazu gehören etwa die Sektoren Recht und Finanzen. Erste Anwendungsfälle stammen denn auch aus dem juristischen Alltag. So können die KI-Bots von Blockbrain Gerichtsurteile analysieren und Patentanträge automatisch überprüfen, um herauszufinden, ob die dargestellte Erfindung womöglich schon existiert und bereits früher patentiert wurde.
Solche Aufgaben, für deren Erledigung selbst Fachleute mitunter einige Tage benötigen, sollen mit der KI innerhalb von Stunden erledigt sein. Unter anderem mehrere Großkanzleien nutzen das System laut Blockbrain schon.
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