Bayer-Aufsichtsratschef: Geopolitik als strategische Herausforderung
Globale Machtverschiebungen, Ressourcenknappheit und demografische Umbrüche verändern gerade grundlegend die Spielregeln für Unternehmen. In einer Welt wachsender Unsicherheit sind sie gefordert, nicht nur wirtschaftlich leistungsfähig, sondern auch geopolitisch klug und vorausschauend zu agieren. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Bayer AG gibt hier einen Einblick in die geopolitische Strategie des Weltkonzerns.
Die geopolitische Landschaft durchläuft gerade einen tiefgreifenden Wandel, der etablierte Rahmenbedingungen für globale Unternehmen und damit die Grundregeln der Globalisierung, wie wir sie kannten, fundamental verändert. Alle Welt schaut dabei auf die US-Handelspolitik und ihre Folgen, doch in Wahrheit gehen die tektonischen Verschiebungen weit darüber hinaus:
1. Von einer unipolaren zu einer fragmentierten Weltordnung: Die bisher von den USA dominierte Weltordnung weicht einer multipolaren Struktur mit China als zweiter Großmacht und der chinesisch-amerikanischen Rivalität als neuralgischem Charakteristikum einer neuen Zeit. Gleichzeitig streben Nationen wie Brasilien, Indien, Indonesien oder Südafrika nach mehr Eigenständigkeit und Einfluss. Etablierte multilaterale Institutionen und Instanzen verlieren an Bedeutung zugunsten regionaler, oft temporärer Allianzen.
2. Vom Wachstum im Überfluss zum Ringen um knappe Ressourcen: Das bisherige Wachstumsmodell, basierend auf günstigen, reichlich verfügbaren Ressourcen, stößt an natürliche Grenzen. Kritische Rohstoffe werden in Zeiten des Klimawandels zunehmend knapp, teuer und geopolitisch umkämpft. Unternehmen müssen neue Wege finden, um trotz eingeschränkter Ressourcen Wachstum zu generieren. Innovationen müssen auf Basis von weniger Einsatzstoffen und weniger Emissionen mehr Wert generieren.
3. Vom Bevölkerungswachstum zum demografischen Ungleichgewicht: Die Welt zerfällt zunehmend entlang der Bevölkerungsdynamik ihrer Nationen. Während entwickelte Industrien immer älter werden, werden vor allem Entwicklungsländer in Afrika und Asien immer jünger. Beide Extreme haben immense Auswirkungen auf die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen, auf die Risikobereitschaft und Offenheit für neue Technologien, auf Migrationsbewegungen und politische Stimmungen.
Diese Verschiebungen verbleiben nicht im luftleeren Raum. Sie sind der neue Rahmen, in dem sich ökonomische und staatliche Akteure bewegen: Regierungen reagieren mit nationaler Industriepolitik, Protektionismus und einer zunehmend machtbasierten statt regelbasierten Handelsordnung. Unternehmen verabschieden sich von der Managementlehre der reinen Kosteneffizienz und steigern zunehmend die Resilienz ihrer Lieferketten und Handelsrouten. Investoren versuchen zunehmend, ihr Portfolio zu diversifizieren, auch entlang von geopolitischen Einflusssphären. Konsumenten setzen zunehmend auf lokale Trends und erwarten von globalen Marken eine starke regionale Verankerung.
Für Deutschland sind diese Herausforderungen besonders gravierend. Nicht nur, weil die starke Exportorientierung unserer Volkswirtschaft ein tiefes globales Verständnis erfordert, sondern auch, weil die drei Säulen des langjährigen deutschen Erfolgsmodells – günstige Energie aus Russland, günstige Sicherheit aus den USA und stetig steigende Nachfrage aus China – mehr oder weniger gleichzeitig in Frage stehen.
Unternehmen müssen auf diese Umbrüche strategisch reagieren
Unternehmen müssen darauf reagieren – durch den gezielten Aufbau geopolitischer Risikoanalyse- und Managementkompetenz; durch die Diversifizierung und Regionalisierung von Lieferketten, Einkaufsstrukturen oder Produktionsnetzwerken; durch die Anpassung von Wachstumsstrategien an eine fragmentierte Welt; durch Investitionen in ressourcenschonende, nachhaltige Innovationen; durch einen aktiven Dialog mit Regierungen in relevanten Märkten.
Die neue geopolitische Realität erfordert eine dynamische und vorausschauende Unternehmensführung, die über traditionelle Denkmuster hinausgeht. Wir erleben dabei, wie sich gerade die Rolle der politischen Abteilung in einem Unternehmen wandelt, vom klassischen Lobbying zu einem internen Partner für zahlreiche Prozesse – vom Einkauf über das Risikomanagement bis hin zu Lieferketten, Logistik oder IT –, die früher einer rein betriebswirtschaftlichen Logik folgten und heute auch geopolitische Faktoren umfassen. Das gilt insbesondere auch für Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz oder Biotech, die von Regierungen weltweit zunehmend als ein Thema der nationalen Sicherheit gesehen und behandelt werden.
Unternehmen sollten sich darauf konzentrieren, an der Spitze der technologischen Entwicklung ihre systemische Relevanz zu untermauern. Sie sollten einen Grad der Regionalisierung in den entscheidenden Machtzentren der fragmentierten Welt anstreben. Und sie sollten ihr internes Betriebssystem so aufstellen, dass agile Teams die neue Volatilität navigieren und damit der Dynamik einer neuen geopolitischen Realität entsprechen können. Unternehmen, die diese Herausforderungen proaktiv angehen, erhöhen ihre Resilienz und schaffen langfristig stabile Grundlagen für nachhaltiges Wachstum inmitten der geopolitischen Umbrüche.
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