Autonomes Fahren: Wenn Audi-Fahrer bei Tempo 130 einen Film schauen können
Audi-Chef Gernot Döllner hat eine neue Offensive für das autonome Fahren erarbeitet. „Im September werden wir unsere Strategien bei dem Thema mit dem Management und den Mitarbeitern teilen“, kündigte er im Gespräch mit der WirtschaftsWoche an. „Ich kann heute schon sagen, dass autonomes Fahren für uns ein Fokusthema sein wird“, so Döllner. „Wir streben Level 3 bis 130 Kilometer pro Stunde auf der Autobahn an. Ich erwarte, dass wir dieses Ziel bis 2030 erreichen. Das ist also keine ferne Vision mehr, sondern wird in der Industrie nun sehr konkret umgesetzt.“
Level 3 des autonomen Fahrens bedeutet, dass der Fahrer innerhalb von zehn Sekunden in der Lage sein muss, die Kontrolle des Fahrzeugs zu übernehmen. Aber er kann sich anderen Aufgaben zuwenden, während das Auto die Fahrerfunktionen übernimmt. Audi strebt diese Funktion zunächst nur auf Autobahnen an, weil die Komplexität der Fahrsituationen dort geringer ist als innerorts oder auf Landstraßen.
Döllner erwartet durch die Autonom-Funktionen neue Erlösquellen: „Wenn Sie bei 130 Kilometer pro Stunde einen Film schauen, E-Mails schreiben oder eine Videokonferenz machen können, dann verändert das die Autonutzung sehr stark und es entstehen für uns neue Geschäftsmodelle.“
Motorwagen statt Pferdekutsche
Von solchen neuen Ertragsquellen sprachen Audi-Verantwortliche schon vor etlichen Jahren. Bis heute wurden sie bei Audi nicht Realität. CEO Döllner räumt ein: „Wir hatten uns früher sehr ambitionierte Ziele beim autonomen Fahren gesteckt. Die haben wir nicht erreicht, jedoch eine Menge gelernt. Wir nehmen aus der damaligen Zeit besonderes Wissen um die entscheidenden technologischen Schlüsselfaktoren mit.“
Zuletzt haben die deutschen Autohersteller immer wieder den Eindruck erweckt, sie kämen vielleicht nie in der Zukunft des autonomen Fahrens an – obwohl sie ihr schon vor zehn Jahren mit großen Worten entgegengeeilt waren: „Man kann das autonome Fahren vergleichen mit dem Sprung von der Pferdekutsche zum Motorfahrzeug“, tönte 2014 der damalige Mercedes-Chef Dieter Zetsche: „In einigen Jahren werden sich Autos völlig frei bewegen.“
Danach aber ließ die Zukunft auf sich warten. Die Euphorie verflog, die Automanager schraubten Erwartungen runter. Zu teuer sei die Technologie, hieß es plötzlich, nicht lukrativ, schon gar nicht für Massenhersteller. Doch Volkswagen, BMW und Mercedes blieben am Ball und melden sich nun mit technologischen Erfolgen und belastbaren Geschäftsmodellen zurück. Die VW-Tochter Moia setzt auf Robotaxidienste. Mercedes dagegen will, wie auch Audi, BMW und Porsche, das normale Auto zunehmend autonom machen, damit der Fahrer auf Wunsch entlastet wird.
Mercedes will im Herbst seinen neuen CLA auf den chinesischen Markt bringen und dabei erstmals einen Level-2-Punkt-zu-Punkt-Fahrerassistenten (Level 2++) für den Endkunden präsentieren. Der Fahrer gibt dann nur noch wie im Navi das Ziel vor, das Auto übernimmt die Lenkarbeit.
„Wir bewegen uns mit hoher Geschwindigkeit evolutionär immer weiter, von Level 2 über die sogenannten Level 2+ und 2++ und 3 in Richtung Level 4 und 5“, sagt Mercedes-Technikvorstand Markus Schäfer. In Level 5 hat der Mensch keine Möglichkeit mehr, überhaupt noch einzugreifen, wie ein Fahrgast im ICE.
Gamechanger in Reichweite
Der Stand der Dinge? Man habe „das schnellste Level-3-Serienfahrzeug“ im Angebot, sagt Schäfer, „bei dem das Auto auf der Autobahn in Deutschland die Fahraufgabe bis 95 Kilometer pro Stunde übernehmen und der Fahrer sich vorübergehend anderen Aufgaben zuwenden kann“. Der nächste Schritt? Mercedes plant, wie Audi, sein automatisiertes Fahrsystem Drive Pilot bis 2030 mit einer Geschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde anbieten zu können.
„Ein Gamechanger“ wäre das, meint Autoexperte Bratzel – weil Vielfahrer auf der Autobahn dafür wirklich bezahlen würden. Schäfer sagt, bei der „luxuriösen Positionierung“ gehörten die modernsten Fahrerassistenzsysteme inzwischen „einfach dazu“: Viele Kunden setzten voraus, „dass das Auto sie beim Fahren entlastet“. Grundlage für das automatisierte und assistierte Fahren bei Mercedes ist das neue, selbst entwickelte Betriebssystem MB.OS. „Es wird künftig in jedes neue Modell eingebaut werden“, sagt Schäfer.
Ob man den Drive Pilot mit seinen 130 Kilometern pro Stunde in jedem Modell anbiete, müsse sich erst noch zeigen, sagt Schäfer. Denn bisher ist das Programm teuer. In Deutschland gibt es Drive Pilot nur in den Oberklasse-Fahrzeugen der S-Klasse und EQS, die serienmäßig mit dem Fahrerassistenz-Paket Plus ausgestattet sind. Zusatzkosten für Drive Pilot? 5950 Euro, in manchen Modellen der Elektro-S-Klasse EQS 8840 Euro.
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