Bierpreise auf dem Oktoberfest: Darum wird die Maß Bier schon wieder teurer
Es muss schon Coronapandemie sein, wenn Mitte September in Deutschland etwas anderes als diese Frage diskutiert werden soll: Warum ist das Bier auf dem Oktoberfest schon wieder so viel teurer geworden?
Insofern ist 2025 also ein ganz normales Jahr. Zwischen 14,50 Euro und 15,80 Euro kostet der Liter Bier 2025 auf der Wiesn. Im vergangenen Jahr waren es zwischen 13,60 und 15,30. In den offiziellen Pressemitteilungen ist von einer Preissteigerung von 3,5 Prozent zu lesen.
Die Tatsache, dass sich die Menschen darüber aufregen, kann man positiv sehen: Sie steht eben auch für ein Stück Normalität. Man erinnere sich nur an die Inflationsjahre 2022 und 2023. Da echauffierten sich nicht nur ein paar Biertrinker südlich der Donau, sondern die gesamte deutsche Mittelschicht über horrende Gurken- und Butterpreise.
Normalität bedeutet eben auch, dass es den allermeisten Menschen nur einmal im Jahr auffällt, dass die Zentralbanken dieser Welt ein sachtes Inflationsziel von zwei Prozent ansteuern, wenn sich der Wasserstandsmelder in Form einer Maß Bier wieder meldet. 50 Wochen im Jahr nehmen die Konsumenten diese Tatsache hin, oder sie fällt gar nicht erst auf. Im Idealfall wachsen die Löhne sogar mit.
Warum steigt der Preis einer Maß Wiesnbier schneller als alles andere?
Eine Tatsache aber wirft doch Fragen auf, und bietet Wutpotenzial: Die Maß Bier ist dieses Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent teurer. Dabei lag die Verbraucherpreisinflation im selben Zeitraum bei 2,2 Prozent. Auf gut Deutsch: Alles wird teurer, aber das Wiesnbier wird noch teurer. Auch eine Studie der Sutor Bank bestätigt das: „Während sich der Preis für die Maß Bier zwischen 2015 und 2025 um rund 53 Prozent erhöht hat, lag die kumulierte Verbraucherpreisinflation in Deutschland im selben Zeitraum bei etwa 29 Prozent“, heißt es darin. Tatsächlich liegt die Inflationsrate auf dem Oktoberfest seit 1950 bei durchschnittlich vier Prozent – also konstant über der allgemeinen Preissteigerungsrate.
Woher kommt das? Nutzen gierige Wiesnwirte ihre Kartellmacht aus? Warum steigt der Bierpreis mal wieder schneller als alles andere?
Die Pressestelle des Oktoberfests München antwortet rasch, doch zwischen den Zeilen lässt sich eine gewisse Defensiv-Haltung herauslesen: „Ein Blick in die Historie mag die alljährliche Diskussion über den Bierpreis auf der Wiesn relativieren: In den 1950er-Jahren kostete eine Maß Bier auf der Wiesn rund 1,70 D-Mark. Ein Arbeiter verdiente damals etwa 2,00 D-Mark pro Stunde, was bedeutete, dass er fast eine Stunde arbeiten musste, um sich eine Maß leisten zu können.“ Heute dagegen müsse ein durchschnittlich entlohnter Arbeiter nur noch 35 Minuten für eine Maß Bier arbeiten. Also nicht meckern, in Deutschland läuft es doch gar nicht so schlecht.
Man möchte vermuten, dass die Produktivitätszuwächse in den vergangenen 70 Jahren doch etwas höher gewesen sein müssten als 25 Minuten Gewinn in der Bier-/Arbeitszeit-Ratio. Schließlich gab es in den 1950ern weder E-Mails oder Elektroroller, noch existierte eine digitale Prozesskontrolle bei der Bierherstellung. Aber sei’s drum. Immerhin – die E-Mail schließt mit den versöhnlichen Worten: „Die Wiesn ist und bleibt damit ein Volksfest für alle Gäste aus nah und fern.“
Das letzte Wort könnte als versteckter Hinweis gedeutet werden: Ist es vielleicht die internationale Beliebtheit des Festes, sprich die zahlungskräftigen Gäste aus Fernost und -west, die die Preise treiben?
Doch an der Nachfrage kann es auch nicht liegen: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist der deutsche Bierkonsum im ersten Halbjahr 2025 um 6,9 Prozent gesunken. Auch auf dem Oktoberfest ist der Konsum rückläufig: Der Rekordabsatz lag 2014 – vielleicht dem Scheidejahr der goldenen Merkel-Ära – bei 7,7 Millionen verkauften Maß. Vergangenes Jahr waren es nur 6,9 Millionen. Allein mit der Beliebtheit von alkoholfreiem Bier lässt sich der Rückgang nicht erklären: Dessen Anteil liegt gerade einmal bei vier Prozent. Wenn also nicht einmal die gestiegene Nachfrage die hohen Bierpreise erklären kann, was dann?
Die Studie der Sutor Bank gibt eine wiesnwirtfreundliche Antwort: „Die Maß auf der Wiesn ist ein Sonderfall: Hier wirken zusätzliche Faktoren wie hohe Zeltmieten, gestiegene Personalkosten und Sicherheitsauflagen.“
Ähnlich äußert sich auch die Pressestelle der Wiesnwirte. Dort erhält man zwar keine zitierfähige Antwort, aber immerhin ein Hintergrundgespräch, in dem ebenfalls auf die zahlreichen versteckten Kosten hingewiesen wird, die man als Wiesnwirt eben so habe.
Bierdunstige Nebelkerzen
Schön und gut, aber das sind bierdunstige Nebelkerzen. Sollte der Warenpreiskorb, an dem die Inflation gemessen wird, nicht genau diese Faktoren mit abbilden? Der Verbraucherpreisindex (VPI) misst die durchschnittliche Preisveränderung eines repräsentativen Warenkorbs von Gütern und Dienstleistungen. Darin enthalten sind eben auch Kosten für Miete, Transport und Energie.
Noch eine letzte Erklärung der Diskrepanz zwischen Wiesnbier und Gurkenpreisen gäbe es, wenn man nicht auf die simple Erklärung „Raffgier“ zurückgreifen möchte: Kann es sein, dass die offizielle Inflationsrate falsch ist? In goldnahen Finanzkreisen geht immer wieder das Gerücht um, die veröffentlichten Inflationsraten bilden gar nicht die tatsächlichen Preissteigerungen ab. Diese seien in Wahrheit höher. Demnach würde der Preis einer Wiesnmaß die tatsächliche Inflation zeigen.
Wie sieht es dann mit einem anderen unbestechlichen Wassermelder aus – dem Preis einer Unze Gold? Die Firma Incrementum aus Wien erstellt jedes Jahr die „Gold/Wiesn-Bier-Ratio“, will heißen, sie ermittelt, wie viel Maß Bier man für eine Unze Gold kaufen könnte. Tatsächlich ist die Maß Bier gemessen an Gold so günstig wie noch nie. Für eine Unze bekäme man dieses Jahr sage und schreibe 186 Maß Bier. Das liegt knapp unter dem Alltime-High von 1980, in dem man 227 Maß damit hätte kaufen können. Der Durchschnitt der vergangenen 75 Jahre liegt bei 91 Maß. Hinter dem starken Goldanstieg vermuten viele Analysten Käufe der chinesischen Zentralbank. Ewig können die auch nicht andauern.
Am Ende aber bleibt nur eine Gewissheit: Die Maß Bier auf dem Oktoberfest wird jedes Jahr teurer. Und die Menschen regen sich darüber auf.