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Weltmarktführer Innovation DayWas bei Quantencomputing schon möglich ist – und was noch kommt

Quantencomputing ist nicht länger Science-Fiction – es verändert Märkte, Sicherheit und Strategien. Ein Gastbeitrag.Sabina Jeschke 30.09.2025 - 11:11 Uhr
3D-Illustration eines in einem Raum installierten Quantencomputers. Konzept der Quanteninformatik. Foto: Getty Images

Digitalexpertin Sabina Jeschke hat auf dem Weltmarktführer Innovation Day der WirtschaftsWoche in Erlangen zehn Thesen zum Quantencomputing präsentiert. Wir veröffentlichen ihre Ausführungen an dieser Stelle als Gastbeitrag.

Quantencomputing hat die Schwelle von der Vision zur Praxis überschritten. Cloud-Zugänge und erste Anwendungen treffen auf spürbare Dynamik an den Kapitalmärkten. Gleichzeitig wächst der Druck in der Cybersicherheit.

Die folgenden zehn Thesen ordnen das Feld für Entscheider: von Quantum-as-a-Service über die Verzahnung mit KI bis zur Rolle Europas im multipolaren Technologieumfeld. Ziel ist Orientierung ohne Hype: Was ist heute möglich, was kommt als Nächstes – und wo entstehen jetzt strategische Vorteile?

Digitalexpertin Sabina Jeschke. Foto: PR
Zur Person
ist Expertin für Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Quantencomputing. Nach mehr als drei Jahren als Vorständin „Digitalisierung und Technik“ bei der Deutschen Bahn und einer zwölfjährigen Karriere als Professorin an den Universitäten Berlin, Stuttgart und Aachen ist sie seit 2021 CEO des Start-up-Accelerators KI Park e.V. in Berlin. Die Multi-Aufsichtsrätin und Beraterin Jeschke ist auch Mitgründerin des Quantencomputing-Start-ups Quantagonia.

1. Quantum ist in der Gegenwart angekommen

Quantencomputing war lange ein Stoff für Visionäre. Richard Feynman hat die Idee schon in den 1980er-Jahren skizziert, theoretisch ist sie seit Jahrzehnten konzeptionell klar. Doch wie so oft in der Technologiegeschichte brauchte es Zeit, bis Konzepte zur Praxis reiften. Spätestens mit einigen vielbeachteten Nature-Veröffentlichungen von 2015 war klar: Der Durchbruch wird in den 2020er-Jahren erfolgen.

Heute erleben wir genau diesen Moment. IBM treibt mit Planungen für modulare Systeme, wie dem 1.121-Qubit-Prozessor Condor, den Übergang zur praktischen Nutzung voran. Parallel dazu werden Förderprogramme der US-Regierung stark ausgeweitet, und Unternehmen wie BASF, BMW oder Schaeffler prüfen bereits seit einigen Jahren Quantenanwendungen in Pilotprojekten.

Für Unternehmen heißt das: Die Zukunft ist da, und der richtige Zeitpunkt zum Einstieg ist JETZT.

2. Quantum-Aktien erleben eine Rally

Die Börse hat Quantencomputing längst als Wachstumsstory entdeckt. Schon seit Monaten steigen die Kurse von Unternehmen wie IonQ, D-Wave oder Rigetti kontinuierlich – getragen von staatlichen Programmen, wachsendem Investoreninteresse und ersten Pilotanwendungen.

In den vergangenen vier bis fünf Wochen aber kam es zu einem regelrechten Ausbruch: Die Aktienkurse haben sich zeitweise verdoppelt, ausgelöst durch neue technologische Fortschritte und Partnerschaften, die die Fantasie der Märkte beflügelt haben. Solche Ausschläge sind typisch für junge Technologien – sie können Blasencharakter haben, sie zeigen aber zugleich, wie ernst Kapitalmärkte das Thema inzwischen nehmen.

Für Unternehmen ist das ein Signal: Das Potenzial wird längst eingepreist, die Frage ist nur, wer es praktisch nutzt.

Blick auf die Märkte

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3. KI+Quantum: Das Power-Duo der Zukunft

Künstliche Intelligenz ist das Zentrum der vierten industriellen Revolution. Ihre Entwicklung wird von (mindestens) drei Faktoren getrieben: immer leistungsfähigeren Algorithmen, einer exponentiell wachsenden Datenbasis und immer schnelleren Netzen, die Daten nahezu in Echtzeit bewegen können. Doch weil das Moore’sche Gesetz an seine Grenzen stößt, fehlt die passende Hardware-Power. Es ist, als würde man mit einem Ferrari durch eine 30er-Zone fahren.

Quantencomputer wirken als Enabling-Technologie, die KI auf das nächste Niveau hebt. Im Zusammenspiel entsteht ein Innovationsduo, das mehr ist als die Summe seiner Teile – beschleunigt durch 6G und Satellitenkommunikation, die die riesigen Datenmengen verfügbar machen.

Für Unternehmen heißt das: Strategien für KI sollten heute schon die nächste Stufe mitdenken – die Integration von Quantencomputing.

4. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann und wie

Die Existenzfrage ist entschieden: Quantencomputing wird Realität – die Unsicherheit liegt nur noch im Tempo. Ähnlich wie beim Google-Car, das vor gut zehn Jahren den Durchbruch der künstlichen Intelligenz markierte, geht es nun darum, wer den nächsten Technologiesprung für sich nutzen kann.

Für Unternehmen heißt das: Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch Abwarten, sondern durch aktives Gestalten. Der erste Schritt ist nicht die Suche nach einer „passenden Anwendung“, sondern die Frage, wo im eigenen Geschäft beschleunigte Berechnungen oder optimierte Prozesse einen Vorsprung schaffen könnten. Von dort aus eröffnet sich die Chance, Quantenverfahren als Katalysator für die eigene Innovationskraft einzusetzen – und damit im globalen Wettbewerb die Nase vorn mit dabei zu haben.

Weltmarktführer Innovation Day
Quantencomputer, Künstliche Intelligenz, Verteidigungstechnik: Auf dem Weltmarktführer Innovation Day in Erlangen ergründen Unternehmen, Wissenschaft und Politik die Zukunft der deutschen Wirtschaft. Zum sechsten Mal lud am 25. September 2025 die WirtschaftsWoche Unternehmer, Forscherinnen und Politiker zu dem Event, um sich über die Wirtschaft von morgen auszutauschen. Manager von Start-ups, Mittelständlern, Großkonzernen kommen zusammen, ergründeten den Status Quo – und Strategien für die Zukunft.

5. Quantum-as-a-Service macht den Einstieg sofort möglich

Wenn das Wort Quantencomputing fällt, winken viele Entscheider ab: „Die Rechner gibt es doch noch gar nicht, und selbst wenn – wer soll sich so etwas leisten können?“ Doch dieses Bild ist falsch. Wer ohnehin Cloudlösungen nutzt, kann ohne eigene Infrastruktur erste Algorithmen testen, Prototypen entwickeln oder Pilotprojekte starten. Anbieter wie AWS, Microsoft, Google und IBM stellen schon heute echte Quantenprozessoren und Simulatoren bereit – nutzbar im Pay-per-Use-Modell, eingebettet in bestehende Services. Niemand muss eigene Hardware anschaffen oder warten, bis sich eine bestimmte Architektur durchsetzt.

Damit wird Quantencomputing plötzlich greifbar: Auch Mittelständler können experimentieren, Erfahrungen sammeln und eigene Pilotprojekte starten – ohne Millionenbudgets und ohne Zeitverlust. Der Weg ins Quantenzeitalter beginnt nicht erst mit milliardenschweren Investitionen, sondern kann heute – mit wenigen Klicks – Realität werden.

6. China zieht stark auf

Das Quantenrennen wurde lange als US-Story wahrgenommen – getrieben von großen Börsenplätzen und Tech-Konzernen. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass China massiv aufholt. Staatlich finanzierte Programme, schnelle Fortschritte in Quantenkommunikation und Kryptographie sowie stark steigende Patentanmeldungen zeigen den Anspruch auf Technologieführerschaft.

Für Europa heißt das: Wer nur nach Amerika blickt, läuft Gefahr, eine zweite Achse zu unterschätzen. Entscheidend ist ein nüchterner Blick in beide Richtungen – Partnerschaften können Chancen eröffnen, bergen aber auch geopolitische Abhängigkeiten, wie wir sie aus anderen Schlüsseltechnologien bereits kennen.

7. Europa hat Kompetenz, aber Kapital und Geschwindigkeit fehlen

Europa verfügt über herausragende Kompetenzen in Quantenforschung – von führenden Universitäten über Fraunhofer-Institute bis hin zu exzellenten Start-ups. In Bereichen wie Optik, Photonik und Materialwissenschaften zählen europäische Teams zur Weltspitze. Doch oft gelingt es nicht, diese Stärken in vergleichbarer Geschwindigkeit und Größenordnung zu skalieren wie in den USA oder China. Kapital ist knapper, Projekte zersplittern, und die notwendige Risikobereitschaft fehlt.

Das Risiko: Wir liefern die Grundlagen, andere schöpfen die Wertschöpfung ab. Wenn Europa seine technologische Souveränität sichern will, muss es jetzt Tempo aufnehmen, Investitionen bündeln und die eigenen PS konsequent auf die Straße bringen. Die Frage ist nicht, ob Europa mithalten kann, sondern ob es den Anspruch erhebt, eine führende Rolle zu übernehmen.

8. Die nächste Frontlinie: Cybersicherheit im Quantum-Zeitalter

Quantencomputing ist nicht aufzuhalten – und es stellt die heutige Kryptographie grundlegend infrage. Public-Key-Verfahren, auf denen nicht nur sichere Kommunikation, sondern auch Kryptowährungen und dezentrale Datenbanken basieren, könnten durch Quantenalgorithmen wie Shor’s in kurzer Zeit gebrochen werden.

Das ist kein überzeichneter Alarmismus, sondern eine reale technische Perspektive. Forschung und Standardisierung zu Post-Quantum-Kryptographie laufen längst, doch die wenigsten Organisationen haben sich damit praktisch auseinandergesetzt. Wer seine Sicherheit anderen überlässt, wird im Ernstfall abhängig. Besser ist es, sich heute damit zu befassen, Kompetenzen aufzubauen und selbst handlungsfähig zu bleiben – bevor der Technologiesprung kommt.

9. Quantum – vom Exotikum zum Breitenphänomen

Neue Technologien werden zu Beginn fast immer falsch eingeschätzt. Auch bei künstlicher Intelligenz glaubten viele Branchen lange, sie seien nicht betroffen – bis sie erkannten, dass KI in Anwendungen wie Übersetzung, Kundeninteraktion oder Supply-Chain-Optimierung relevante Kosten- und Wettbewerbsvorteile bringen kann.

Beim Quantencomputing droht derselbe Irrtum: Wer heute meint, es handle sich nur um ein Werkzeug für Spitzenforschung, übersieht das breite Potenzial. Schon in naher Zukunft werden Quantenalgorithmen komplexe Fahrpläne optimieren, Finanzportfolios neu berechnen oder industrielle Prozesse energieeffizienter steuern. Und da Quantencomputer zudem energetisch deutlich ressourcenschonender arbeiten als klassische Hochleistungsrechner, wird auch Nachhaltigkeit zum Treiber. Quantum wird damit vom Spezialinstrument zum Katalysator für ganze Industrien.

Weltmarktführer Innovation Day

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10. Von der Industriegeschichte zur Quanten-Zukunft: Ökosysteme als Schlüssel

Die nächste Phase im Quantenrennen entscheidet sich nicht durch einzelne Maschinen, sondern durch Ökosysteme. Genau deshalb entsteht in Erlangen-Nürnberg ein virtuelles Quantum-Computing-Center: ein Portal, das verschiedene Hardware-Architekturen bündelt und so Experimente mit Algorithmen und Daten auf Knopfdruck ermöglicht. Eingebettet ist diese Initiative in den KI Park, dessen Gründungsmitglied die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) ist. Dort hat gerade die neue Expertengruppe für Quantum Computing und Machine Learning ihren Auftakt gefeiert – ebenfalls in Erlangen.

Das fränkische Modell versteht sich als Demonstrator: Es zeigt, wie sich Wissenschaft, Industrie und Netzwerke klug verbinden lassen, um Quantencomputing greifbar zu machen. Andere Regionen können und sollen ähnliche Ansätze entwickeln. Damit wird Franken nicht zum Alleingänger, sondern zur Blaupause für ein offenes, vernetztes Ökosystem, das die nächste industrielle Ära prägt.

Fazit: Quantum ist kein Werkzeug wie jedes andere – es verschiebt die Grenzen des Denk- und Machbaren. Die Barrieren sind niedrig, die Potenziale enorm. Europa hat die Chance, beim Quantencomputing nicht nur Konsument zu sein, sondern Taktgeber. Die Entscheidung fällt jetzt. Wer hier mutig vorangeht, prägt nicht nur Märkte, sondern eine ganze Epoche der Innovation.

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