Wirtschaft von oben #351 – KI-Infrastruktur in den USA: Hier bauen Amazon, Google und Meta ihre gigantischen Rechenzentren
Die Zufahrt zum neuen Google-Gelände hat auf Google Maps jemand auf ganz besondere Weise markiert. Wo auf den Karten sonst nüchtern Straßennamen und Unternehmen auftauchen, steht: „Giant Computer Replaces Forest“. Gigantischer Computer ersetzt Wald. Hier in Chesterfield County im US-Bundesstaat Virginia weicht jener Wald und macht Platz für ein riesiges Rechenzentrum voll mit Chips, die künstliche Intelligenz (KI) zum Laufen bringen.
Neun Milliarden US-Dollar investiert Google in das neue und zwei bestehende Datenzentren in Virginia. Amazon, Google, Meta, Microsoft und auch Elon Musks KI-Unternehmen xAI übertrumpfen sich quasi wöchentlich mit Ankündigungen über KI-Investitionen in Milliardenhöhe. Der Facebook-Mutterkonzern Meta macht sich auf 37 Hektar in Louisiana breit.
Die US-Regierung spornt das Silicon Valley an: „Build, baby, build“, lautet die Devise. Die Kampagne war bislang extrem erfolgreich, Dutzende Milliarden Dollar sind schon in Datenzentren im ganzen Land geflossen. In diesem Jahr werden Meta, Microsoft, Google, OpenAI und Amazon zusammen mehr als 325 Milliarden Dollar investiert haben.
Umstritten ist jedoch der langfristige, auch technologische Nutzen der Hallen. Die Technik in den KI-Chips entwickelt sich rasend schnell weiter, und für Betrieb und Kühlung brauchen die Prozessoren Unmengen an Energie und Wasser.
Während die Investitionen US-Präsident Donald Trump umschmeicheln, bedeuten sie für Menschen, die in der Nachbarschaft der riesigen Hallen leben, Probleme. Server und Kühlaggregate summen und brummen rund um die Uhr, halten Anwohner wach.
Eine Anwohnerin im nördlichen Virginia zeigte sich dem US-Nachrichtenportal „Business Insider“ genervt von dem Geräuschpegel. Man komme um KI nicht herum, aber sie sei dagegen, die Zentren in die unmittelbare Nachbarschaft von so vielen Menschen zu stellen.
Im nördlichen Virginia kennen sich die Menschen aus mit dem Betrieb von riesigen Datenzentren. Oft werden die nur im Auftrag der kalifornischen Konzerne betrieben. Dass die weiß gestrichenen Hallen zu Amazon, Google oder Meta gehören, lässt sich häufig gar nicht erkennen.
„Business Insider“ ging der Frage nach, wie viele Datenzentren es in den USA tatsächlich gibt. Den Recherchen zufolge waren es bis Ende 2024 mehr als 1200 und damit fast viermal mehr als 2010. Die meisten betreiben Amazon, Microsoft, Google, Meta und QTS, ein reiner Betreiber digitaler Infrastruktur.
Nirgendwo auf der Welt sind so viele Daten versammelt wie im Norden Virginias. Die Data Center Alley in Loudoun County ist zugepflastert mit den charakteristischen Hallen, zeigen Satellitenbilder. Die Stadt Ashburn ist ein Hotspot.
Die Nähe zur Macht ist kein Zufall. Ministerien und Behörden haben im Zuge der Digitalisierung ihre Daten hierher ausgelagert. Seit ein paar Jahren sind die Techfirmen da – und kaufen zu.
Bilder: LiveEO/Google Earth
In den ersten neun Monaten 2025 beantragten die Konzerne im Zuge des KI-Booms 54 neue Datenzentren allein in Virginia. Wo eines steht, ist ein Umspannwerk nicht weit, um optimale Energieversorgung zu gewährleisten.
Das gilt auch für das an Loudoun County angrenzende Prince William County. Die Vorher-Nachher-Darstellung macht besonders deutlich, wie viele Datenzentren hier in den vergangenen fünf Jahren hinzugekommen sind.
Laut einem Report des US-Energieministeriums könnte der Anteil des KI-Booms am landesweiten Energieverbrauch in wenigen Jahren auf zwölf Prozent steigen. Die Internationale Energieagentur rechnet vor, der Stromverbrauch von Rechenzentren weltweit dürfte sich bis 2030 auf jährlich 945 Terawattstunden mehr als verdoppeln. Das entspricht dem gesamten Verbrauch Japans.
KI-Konzerne wollen die neuesten Prozessoren und müssen diese rund um die Uhr kühlen. Ein Deal von OpenAI und Broadcom verlangt 26 Gigawatt Leistung, was 26 Atomkraftwerken (AKW) entspricht. Kann die Energieversorgung in den USA das stemmen? Zweifel sind angebracht.
Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Airbus/Pleiades
Zur Deckung des Energiebedarfs lässt Microsoft zurzeit das einst leckgeschlagene Kernkraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania wieder in Betrieb nehmen. Der Konzern will den Strom des intakten Reaktors für die kommenden 20 Jahre kaufen. 1979 kam es im Block 2 zu einer Kernschmelze. Nur knapp entging Pennsylvania einem nuklearen Super-GAU. Block 1, umbenannt in Crane Clean Energy Center, soll ab 2027 die KI-Hochleistungsserver füttern, verlässlich und rund um die Uhr.
Es ist ein Einzelbeispiel. Und Strom liefert auch das frühestens in 15 Monaten. Während die KI-Rechenzentren wie Pilze aus dem Boden schießen. Eine Koalition aus Amazon, Google und Meta will die Leistung der weltweit laufenden AKW bis 2050 verdreifachen. Google hat den Neubau von drei Kernkraftwerken beauftragt. Amazon setzt auf kleine modulare Reaktoren (SMR), die theoretisch schneller errichtet, aber nicht unbedingt billiger sind. Doch aktuell ist nur ein einziger SMR im Bau – und kein einziger Großreaktor. Großbritannien, das unabhängig von KI zwei neue AKW baut, kämpft derweil mit Verzögerungen und explodierenden Kosten.
Erneuerbare Energieträger wiederum verschlingen viel Platz. Nicht nur die Rechenzentren selbst nehmen enorm viel Fläche ein, die der Landwirtschaft nicht mehr zur Verfügung steht oder Wälder verdrängt. Um den Energiehunger der Chips zu stillen, müssen auch Solaranlagen und Windräder gebaut werden. Viele. Um mit erneuerbarer Energie konstant ein Gigawatt zu produzieren, braucht es etwa 12,5 Millionen Solarpaneele. Windräder brauchen noch mehr Raum.
Die Techkonzerne geben vor, für all diese Probleme Lösungen zu haben. Vor allem Geld soll es richten. Immer unter Rücksichtnahme auf die lokale Bevölkerung und als Antrieb für die Wirtschaft. Google preist sich dafür, den USA zu helfen, auch in Zukunft die KI-Welt anzuführen.
Die Milliardeninvestitionen, die der Konzern allein in diesem Jahr auf US-Boden angekündigt hat, ermöglichten „substanzielle wirtschaftliche Chancen für amerikanische Geschäfte“, wissenschaftliche Durchbrüche, Stärkung der Cybersicherheit und Jobperspektiven „für Millionen von Amerikanern“. Bloß: So viele neue Arbeitsplätze entstehen langfristig nicht. „Business Insider“ zufolge beschäftigt das größte Datenzentrum 150 Menschen, manchmal sind es gerade einmal 25. Dafür winken viele Bundesstaaten mit Steuererleichterungen. Insbesondere dann, wenn sie noch kein Prestigeobjekt mit einem der großen Namen vorweisen können.
New Carlisle, Indiana. Sieben Datenhallen, eine größer als ein Sportstadion, zeigt das aktuelle Satellitenbild von Ende September. Das Project Rainier bewirbt Amazon ganz offen. In den kommenden Jahren sollen weitere 23 Gebäude dazukommen, voll mit spezialisierten Chips und Datenkabeln und mit einem Ziel: eine gigantische Maschine für künstliche Intelligenz.
Den KI-Wettlauf gegen die Zeit geht Amazon mit. Der Konzern hat vier Baufirmen gleichzeitig unter Vertrag, um möglichst zügig voranzukommen. „Ich weiß nicht, ob die um Geld oder Steaks zum Dinner oder was auch immer wetteifern, aber es ist verrückt, wie viel sie hochziehen“, sagte ein Vertreter der Behörde für wirtschaftliche Entwicklung im County der „New York Times“. In einer normalen Woche seien 4000 Arbeiter auf der Baustelle. Die Folge: volle Hotels und volle Straßen.
Einen Vorteil hat Amazon gegenüber Google, Microsoft und Meta: Weil der Onlinehändler kleinere und weniger Chips in den Zentren verwendet, fällt ihm die Kühlung leichter, braucht er nicht so viel Wasser wie die Konkurrenz. 2,2 Gigawatt an Energie wird die gesamte Anlage eines Tages benötigen – der Bedarf von einer Million Haushalten. Hauptabnehmer ist das KI-Start-up Anthropic, in das Amazon acht Milliarden Dollar gesteckt hat.
Das größte Datenzentrum seiner Geschichte baut Meta in Louisiana. Aus dem All betrachtet wirken die Dimensionen fast surreal. Seit Monaten wird kilometerweit Erde umgepflügt. Die ersten Fundamente sind Mitte Oktober gegossen. Unter den drei Baufirmen, die den Campus errichten, ist auch Turner Construction, eine Tochter des deutschen Hochtief-Konzerns.
Rund 37 Hektar, mehr als zehn Milliarden Dollar Einsatz, mehr als 5000 Arbeiter auf der Baustelle, wenn es richtig rundgeht. Auch Meta verspricht, sich für die Gemeinde einzusetzen, für Schulen, NGOs und kleine Betriebe. „Ich danke Meta für das Engagement für unseren Staat“, lässt sich der Gouverneur von Louisiana auf der Meta-Internetseite zitieren.
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