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  4. Patek Philippe, Zenith, Victorinox: Die spannendsten neuen Fliegeruhren

Breguet Type XX, Chronographe 2075 Foto: Ragnar Schmuck

Über den WolkenWelche neuen Fliegeruhren besonders interessant sind

Die Fliegeruhr, Vorläuferin der modernen Armbanduhr, ist längst vom Cockpit in die Kabine gewandert. Mit diesen Klassikern und Neuheiten fliegen Sie dennoch vorne mit.Joern Frederic Kengelbach 02.12.2025 - 12:10 Uhr

Wenn der brasilianische Luftfahrtpionier Alberto Santos-Dumont nur geahnt hätte, dass er eines Tages eher wegen einer Armbanduhr weltberühmt würde – und weniger wegen seiner von ihm konstruierten Heißluftballons, Luftschiffe und Flugzeuge –, hätte ihm der Gedanke vermutlich ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert.

Der Mann, der sich 1932 aus Verzweiflung über die militärische Nutzung seiner luftfahrttechnischen Errungenschaften das Leben nahm, hat entgegen aller Tragik ein Genre geprägt, das bis heute Synonym für Abenteuer, Präzision und technischen Fortschritt ist: die Fliegeruhr.

Im Jahr 1904, über den Dächern von Paris, erkannte er in seinem eigenen Luftschiff ein entscheidendes Problem: eine Taschenuhr war im Cockpit ­unbrauchbar. Beide Hände wurden zum Steuern benötigt, doch die Zeit sollte schnell ablesbar sein.

Oris x Bamford Watch Department Limited Edition Mission Control Foto: Ragnar Schmuck
Über die Uhren
Breguet Type XX, Chronographe 2075 (Titelbild), 18 Kt Breguet-Gold, 38,3 mm, 42.400 Euro. Der zum 250. Jubiläum vorgestellte Handaufzugs-Flyback-Chronograf geht auf ein Modell aus den 1950er-Jahren für die französische Luftwaffe zurück.
Oris x Bamford Watch Department Limited Edition Mission Control, Kohlefaser- und Titangehäuse, 47 mm, 6700 Euro. Die einzige Automatikuhr der Welt mit eingebautem mechanischem Höhenmesser ist auf 250 Exemplare limitiert.

Louis Cartier reagierte sofort und entwickelte für seinen Freund die erste Armbanduhr zur Nutzung im Flug: die Cartier Santos. 1911 erstmals in Serie produziert, gilt sie bis heute als Vorläuferin von Fliegeruhren – und als erste kommerziell vertriebene Armbanduhr. Ihre im Gehäuse integrierten Bandanstöße waren revolutionär. Bis heute wird sie gebaut.

Da Herr Santos in seiner Zeit in Paris als stilprägend und bis zum Bekanntwerden des Erstflugs der Gebrüder Wright sogar als Erfinder des Motorflugs galt, trug dieses Modell doppelt zum Erfolg der noch jungen und als unzuverlässig geltenden Kategorie Armbanduhr bei.

Links: Tutima Chronograph M2 6450-05 (oben), Santos de Cartier, großes Model (unten), rechts: Victorinox Air Pro GMT Automatic, Omega Speedmaster Pilot Foto: Ragnar Schmuck
Über die Uhren
Tutima Chronograph M2 6450-05, Titan, 46 mm, 5050 Euro. Auch der Nachfolger des Nato-Chronografen aus dem Jahr 1984 ist bis heute die offizielle Dienstuhr der Luftwaffenpiloten.
Santos de Cartier, großes Modell, Edelstahl, Handaufzug, 39,8 mm, 8850 Euro. Als erste Serienarmbanduhr wurde der Vorläufer 1904 für den brasilianischen Flugpionier Alberto Santos-Dumont entworfen.
Victorinox Air Pro GMT Automatic, Edelstahl, 43 mm, 1650 Euro. Neben den Taschenmessern entwickelt man seit 2016 Uhren: Die erste automatische GMT-Uhr zeigt die Zeit in drei Zeitzonen an.
Omega Speedmaster Pilot, Edelstahl, 40,85 mm, 10.300 Euro. Der Automatikchronograf mit magnetfeldresistentem Co-Axial-Kaliber zitiert die Flightmaster, die 1969–1977 gebaut wurde.

Über den Himmel ans Handgelenk

1909 überquerte Louis Blériot als erster Mensch in einem Flugzeug den Ärmelkanal – am Handgelenk eine Zenith mit schwarzem Emaillezifferblatt. Sein Flug war ein Triumph der frühen Luftfahrt und zugleich ein Werbemoment für die Armbanduhr. Zenith ließ sich schon 1888 den Namen Pilot schützen und entwickelte bald Bord- und Armbanduhren für Flugzeughersteller und später für militärische Einsatzkräfte. Im Ersten Weltkrieg wurden Uhren dieser Art auf beiden Seiten der Front getragen – ein unfreiwilliges Gütesiegel. Kaum ein Jahrzehnt später begann die Entwicklung großer funktionaler Uhren für Navigatoren.

In Deutschland entstanden ab den 1930er-Jahren die berühmten B-Uhren – Beobachtungsuhren –, gefertigt von Stowa, Laco, Wempe und A. Lange & Söhne. Mit 55 Millimeter Durchmesser, zentraler Sekunde, markantem Dreieck auf 12 Uhr und hohem Ganggenauigkeitsanspruch dienten sie der Navigation in Flugzeugen, auch in Bombern. Parallel definierte IWC in der Schweiz den Standard für Fliegeruhren: Mit der 1936 lancierten Special Pilot’s Watch ging es los, 1948 folgte die Mark 11 für die Royal Air Force. 30 Jahre lang trugen RAF-Piloten dieses Modell – robust, antimagnetisch und funktional. Das „Broad Arrow“-­Symbol auf dem Zifferblatt markierte sie als staat­liches Eigentum.

Zenith Pilot Big Date Flyback 160th Anniversary Edition (l.), IWC Big Pilot’s Watch Perpetual Calendar Top Gun Lake Tahoe (r.) Foto: Ragnar Schmuck
Über die Uhren
Zenith Pilot Big Date Flyback 160th Anniversary Edition, blaue Keramik, 42 mm, 16.500 Euro. Der Wegbereiter moderner Bord- und Fliegeruhren ließ sich bereits 1888 den Begriff Pilot patentieren.
IWC Big Pilot’s Watch Perpetual Calendar Top Gun Lake Tahoe, weiße Keramik, 46,5 mm, 43.000 Euro. Seit 1936 baut man Fliegeruhren. 2002 wurde die große Fliegeruhr wieder eingeführt.

Die Zeit wird relativ

Mit dem Aufkommen der Zivilluftfahrt änderten sich die Anforderungen. Nun mussten die überlebenswichtigen Zeitmesser nicht nur robust und schnell ablesbar sein, sondern auch die Zeit an mehreren Orten anzeigen: 1884 hatte die Internationale Meridian-Konferenz den Nullmeridian in Greenwich definiert – Grundlage der Weltzeit und für GMT-Uhren. Der Bedarf an „Dual Time“-Uhren wuchs rasant.

Longines brachte 1925 die erste Armbanduhr mit zwei Zeitzonen auf den Markt, die Zulu Time – benannt nach dem Funkalphabet für die koordinierte Weltzeit. 1927 überquerte Flugpionier Charles A. Lindbergh im ersten Nonstop-Alleinflug den Atlantik, fünf Jahre später folgte ihm Amelia Earhart als erste Frau. 1931 entwickelte Lindbergh aus dieser besonderen Erfahrung mit Longines die erste Stundenwinkeluhr, die eine präzise Längengradbestimmung ermöglichte. Die Genfer Manufaktur Patek Philippe baute 1936 ebenfalls zwei Prototypen besonderer Stundenwinkel-Uhren, die den heutigen Eigentümer Thierry Stern zur Serie Calatrava Pilot Travel Time inspirierten, die seit 2015 auf dem Markt ist.

Longines Spirit Pilot Flyback (links oben), Junghans Pilot Chronoscope (links unten), Patek Philippe Calatrava Pilot Travel Time Ref (rechts) Foto: Ragnar Schmuck
Über die Uhren
Longines Spirit Pilot Flyback, Edelstahl, 39,5 mm, 5100 Euro. Der Fliegeruhrenpionier zeigt seine Aviatikgene im Logo. Der Handaufzugschronograf verfügt über eine Flybackfunktion, die man 1935 patentierte.
Jungahns Pilot Chronoscope, Edelstahlgehäuse, 43,3 mm, 2690 Euro. Die Neuauflage des ersten Fliegerchronografen für die Bundeswehr aus den 1950er-Jahren erkennt man an der ergonomischen Drehlünette.
Patek Philippe Calatrava Pilot Travel Time Ref. 5524G-010, 18K Weißgold, 42 mm, 59.910 Euro. Die fünfte Variante der erstmals 2015 vorgestellten Fliegeruhr mit zweiter Zeitzone ist inspiriert von seltenen Prototypen aus den 1930er-Jahren.

1953 setzte die Schweizer Marke Glycine einen Meilenstein: Die Airman war die erste serienmäßige Automatikuhr mit durchgehender 24-Stunden-Anzeige und arretierbarer Lünette, die eine zweite Zeitzone sichtbar machte. Soldaten im Vietnamkrieg trugen sie, weil sie schnell ablesbar war.

Der große Durchbruch gelang jedoch Rolex: Die 1954 für Pan Am entwickelte GMT-Master war mit rot-blauer, später Pepsi genannter Lünette ideal für das Jetzeitalter geeignet. 1982 folgte die GMT-Master II, deren unabhängig verstellbarer Stundenzeiger das Prinzip perfektionierte – ein Mechanismus, den heute fast alle GMT-Uhren übernehmen.

Rolex Oyster Perpetual GMTMaster Foto: Ragnar Schmuck
Über die Uhren
Rolex Oyster Perpetual GMTMaster II, 18 Kt Weißgoldgehäuse, 40 mm, 47.500 Euro. Die erste Rolex der Firmengeschichte mit Keramikzifferblatt geht zurück auf einen Entwurf für Piloten der ehemaligen US-Airline Pan Am aus dem Jahr 1955.

Vom Werkzeug zum Kultobjekt

Zeitgleich war der Fliegerchronograf im Vormarsch. Willy Breitling entwickelte mit der Navitimer (1952) ein Werkzeug zur Berechnung von Treibstoffreserven, Steigrate und Geschwindigkeit – mittels Rechenschieberlünette. Der Chronograf etablierte die Marke im zivilen wie militärischen Bereich.

Blancpain entwickelte parallel eine Flyback-Pilotenuhr auf Basis der Taucheruhr Fifty Fathoms für die US Air Force. Und Louis Breguet gewann für die französische Luftwaffe den Auftrag zur Type 20, einer auf das Wesentliche reduzierten Funktionsuhr mit Schnellnullstellung. Diese Modelle prägten die Anfangsjahre der modernen Luftfahrt – daher sind viele Fliegerchronografen bis heute fester Bestandteil der Kollektionen.

Bell & Ross BR-05 Chrono Patrouille de France (links oben), Breitling Navitimer B19 Chronograph 43 Perpetual Calendar (links unten), Blancpain Air Command, Rotgold- Gehäuse (r.) Foto: Ragnar Schmuck
Über die Uhren
Bell & Ross BR-05 Chrono Patrouille de France, limitiert auf 500 Exemplare, 42 mm, 6990 Euro. Nach dem Start der offiziellen Partnerschaft mit der Kunstflugstaffel im Jahr 2021 folgt dieses Jahr die vierte Edition der Baureihe.
Breitling Navitimer B19 Chronograph 43 Perpetual Calendar, Edelstahlgehäuse, 43 mm, 28.500 Euro. In dem Modell mit Platinlünette und eisblauem Blatt arbeitet das erste Chronografenkaliber der Manufaktur mit ewigem Kalender.
Blancpain Air Command, Rotgold-Gehäuse, 42,5 mm, 35.450 Euro. Der Flyback-Fliegerchronograf stoppt die Zehntelsekunde und zitiert berühmte Prototypen für die US-Airforce der 1950er-Jahre, von denen nur wenige Exemplare existieren.

Auch in Deutschland wurde die Fliegeruhr weiterentwickelt: Junghans belieferte nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundeswehr, während Tutima ab 1984 Titanchronografen für Nato-Einheiten fertigte. Ausgerechnet ein Modell von Porsche Design schrieb Filmgeschichte: Den 1972 als Autofahreruhr mit Orfina entwickelte ersten schwarzen Chronograf trugen auch Piloten und deshalb auch Hollywoodschauspieler Tom Cruise in beiden „Top Gun“-Filmen. Sponsor der berühmten Navy Fighter Weapons School ist seit 2007 IWC mit der Top-Gun-Uhrenlinie. Die Schaffhausener haben die offizielle Lizenz für die Herstellung von Uhren für US Navy und Marine Corps.

Neue Normen – TESTAF und DIN

Erstaunlich bleibt, dass erst seit 2012 über den ­TESTAF (Technischer Standard Fliegeruhren) definiert ist, was eine Fliegeruhr leisten muss. Entwickelt von Sinn mit der FH Aachen, verlangt er Funktions­sicherheit unter extremen Bedingungen und betrifft Themen wie Druck- und Stoßfestigkeit sowie Magnetfeldschutz. 2016 folgte die offizielle DIN 8330. Sinn, Stowa und Laco führen normgerechte Modelle.

SinnModellreihe 717 (l.), Laco Hamburg GMT DIN 8330 (r.) Foto: Ragnar Schmuck
Über die Uhren
Sinn Modellreihe 717, Edelstahl mit schwarzer Hartstoffbeschichtung, 45 mm, 4990 Euro. Mit Piloten- und Borduhren wurde das deutsche Unternehmen in den 1960er-Jahren bekannt. Das Modell 717 geht auf die NaBo 17 ZM zurück.
Laco Hamburg GMT DIN 8330, sandgestrahlter Edelstahl, 43,5 mm, 2390 Euro. Das 100 Jahre alte deutsche Unternehmen verfügt mit der Uhr über eines von drei am Markt befindlichen Modellen, das die Fliegeruhrennorm erfüllt.

Heute sind Fliegeruhren vor allem Erzählmaschinen: Ob als GMT-Modell für Vielflieger, Flyback-Chronograf oder Re-Edition einer B-Uhr: Sie vermitteln dem Träger das Gefühl, jederzeit aufbrechen zu können. Dass man auch ein Stück Erfindergeist trägt, hätte Herrn Santos-Dumont sicher begeistert.

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