Über den Wolken: Welche neuen Fliegeruhren besonders interessant sind
Wenn der brasilianische Luftfahrtpionier Alberto Santos-Dumont nur geahnt hätte, dass er eines Tages eher wegen einer Armbanduhr weltberühmt würde – und weniger wegen seiner von ihm konstruierten Heißluftballons, Luftschiffe und Flugzeuge –, hätte ihm der Gedanke vermutlich ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert.
Der Mann, der sich 1932 aus Verzweiflung über die militärische Nutzung seiner luftfahrttechnischen Errungenschaften das Leben nahm, hat entgegen aller Tragik ein Genre geprägt, das bis heute Synonym für Abenteuer, Präzision und technischen Fortschritt ist: die Fliegeruhr.
Im Jahr 1904, über den Dächern von Paris, erkannte er in seinem eigenen Luftschiff ein entscheidendes Problem: eine Taschenuhr war im Cockpit unbrauchbar. Beide Hände wurden zum Steuern benötigt, doch die Zeit sollte schnell ablesbar sein.
Louis Cartier reagierte sofort und entwickelte für seinen Freund die erste Armbanduhr zur Nutzung im Flug: die Cartier Santos. 1911 erstmals in Serie produziert, gilt sie bis heute als Vorläuferin von Fliegeruhren – und als erste kommerziell vertriebene Armbanduhr. Ihre im Gehäuse integrierten Bandanstöße waren revolutionär. Bis heute wird sie gebaut.
Da Herr Santos in seiner Zeit in Paris als stilprägend und bis zum Bekanntwerden des Erstflugs der Gebrüder Wright sogar als Erfinder des Motorflugs galt, trug dieses Modell doppelt zum Erfolg der noch jungen und als unzuverlässig geltenden Kategorie Armbanduhr bei.
Über den Himmel ans Handgelenk
1909 überquerte Louis Blériot als erster Mensch in einem Flugzeug den Ärmelkanal – am Handgelenk eine Zenith mit schwarzem Emaillezifferblatt. Sein Flug war ein Triumph der frühen Luftfahrt und zugleich ein Werbemoment für die Armbanduhr. Zenith ließ sich schon 1888 den Namen Pilot schützen und entwickelte bald Bord- und Armbanduhren für Flugzeughersteller und später für militärische Einsatzkräfte. Im Ersten Weltkrieg wurden Uhren dieser Art auf beiden Seiten der Front getragen – ein unfreiwilliges Gütesiegel. Kaum ein Jahrzehnt später begann die Entwicklung großer funktionaler Uhren für Navigatoren.
In Deutschland entstanden ab den 1930er-Jahren die berühmten B-Uhren – Beobachtungsuhren –, gefertigt von Stowa, Laco, Wempe und A. Lange & Söhne. Mit 55 Millimeter Durchmesser, zentraler Sekunde, markantem Dreieck auf 12 Uhr und hohem Ganggenauigkeitsanspruch dienten sie der Navigation in Flugzeugen, auch in Bombern. Parallel definierte IWC in der Schweiz den Standard für Fliegeruhren: Mit der 1936 lancierten Special Pilot’s Watch ging es los, 1948 folgte die Mark 11 für die Royal Air Force. 30 Jahre lang trugen RAF-Piloten dieses Modell – robust, antimagnetisch und funktional. Das „Broad Arrow“-Symbol auf dem Zifferblatt markierte sie als staatliches Eigentum.
Die Zeit wird relativ
Mit dem Aufkommen der Zivilluftfahrt änderten sich die Anforderungen. Nun mussten die überlebenswichtigen Zeitmesser nicht nur robust und schnell ablesbar sein, sondern auch die Zeit an mehreren Orten anzeigen: 1884 hatte die Internationale Meridian-Konferenz den Nullmeridian in Greenwich definiert – Grundlage der Weltzeit und für GMT-Uhren. Der Bedarf an „Dual Time“-Uhren wuchs rasant.
Longines brachte 1925 die erste Armbanduhr mit zwei Zeitzonen auf den Markt, die Zulu Time – benannt nach dem Funkalphabet für die koordinierte Weltzeit. 1927 überquerte Flugpionier Charles A. Lindbergh im ersten Nonstop-Alleinflug den Atlantik, fünf Jahre später folgte ihm Amelia Earhart als erste Frau. 1931 entwickelte Lindbergh aus dieser besonderen Erfahrung mit Longines die erste Stundenwinkeluhr, die eine präzise Längengradbestimmung ermöglichte. Die Genfer Manufaktur Patek Philippe baute 1936 ebenfalls zwei Prototypen besonderer Stundenwinkel-Uhren, die den heutigen Eigentümer Thierry Stern zur Serie Calatrava Pilot Travel Time inspirierten, die seit 2015 auf dem Markt ist.
1953 setzte die Schweizer Marke Glycine einen Meilenstein: Die Airman war die erste serienmäßige Automatikuhr mit durchgehender 24-Stunden-Anzeige und arretierbarer Lünette, die eine zweite Zeitzone sichtbar machte. Soldaten im Vietnamkrieg trugen sie, weil sie schnell ablesbar war.
Der große Durchbruch gelang jedoch Rolex: Die 1954 für Pan Am entwickelte GMT-Master war mit rot-blauer, später Pepsi genannter Lünette ideal für das Jetzeitalter geeignet. 1982 folgte die GMT-Master II, deren unabhängig verstellbarer Stundenzeiger das Prinzip perfektionierte – ein Mechanismus, den heute fast alle GMT-Uhren übernehmen.
Vom Werkzeug zum Kultobjekt
Zeitgleich war der Fliegerchronograf im Vormarsch. Willy Breitling entwickelte mit der Navitimer (1952) ein Werkzeug zur Berechnung von Treibstoffreserven, Steigrate und Geschwindigkeit – mittels Rechenschieberlünette. Der Chronograf etablierte die Marke im zivilen wie militärischen Bereich.
Blancpain entwickelte parallel eine Flyback-Pilotenuhr auf Basis der Taucheruhr Fifty Fathoms für die US Air Force. Und Louis Breguet gewann für die französische Luftwaffe den Auftrag zur Type 20, einer auf das Wesentliche reduzierten Funktionsuhr mit Schnellnullstellung. Diese Modelle prägten die Anfangsjahre der modernen Luftfahrt – daher sind viele Fliegerchronografen bis heute fester Bestandteil der Kollektionen.
Auch in Deutschland wurde die Fliegeruhr weiterentwickelt: Junghans belieferte nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundeswehr, während Tutima ab 1984 Titanchronografen für Nato-Einheiten fertigte. Ausgerechnet ein Modell von Porsche Design schrieb Filmgeschichte: Den 1972 als Autofahreruhr mit Orfina entwickelte ersten schwarzen Chronograf trugen auch Piloten und deshalb auch Hollywoodschauspieler Tom Cruise in beiden „Top Gun“-Filmen. Sponsor der berühmten Navy Fighter Weapons School ist seit 2007 IWC mit der Top-Gun-Uhrenlinie. Die Schaffhausener haben die offizielle Lizenz für die Herstellung von Uhren für US Navy und Marine Corps.
Neue Normen – TESTAF und DIN
Erstaunlich bleibt, dass erst seit 2012 über den TESTAF (Technischer Standard Fliegeruhren) definiert ist, was eine Fliegeruhr leisten muss. Entwickelt von Sinn mit der FH Aachen, verlangt er Funktionssicherheit unter extremen Bedingungen und betrifft Themen wie Druck- und Stoßfestigkeit sowie Magnetfeldschutz. 2016 folgte die offizielle DIN 8330. Sinn, Stowa und Laco führen normgerechte Modelle.
Heute sind Fliegeruhren vor allem Erzählmaschinen: Ob als GMT-Modell für Vielflieger, Flyback-Chronograf oder Re-Edition einer B-Uhr: Sie vermitteln dem Träger das Gefühl, jederzeit aufbrechen zu können. Dass man auch ein Stück Erfindergeist trägt, hätte Herrn Santos-Dumont sicher begeistert.
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