Bettina Röhl direkt: Karstadt: Ist Berggruen der Retter oder das Problem?
Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt verlässt nach nur wenigen Monaten den angeschlagenen Warenhaus-Konzern.
Foto: dpaWie standen sie da, diese stolzen Trutzburgen des Kapitalismus, des kaum noch zu bändigenden Konsumwillens, die großen Warenhäuser! Die Tempel des ersten Luxus nach dem Untergang. Nach dem zweiten Weltkrieg waren die Kaufhäuser in den Innenstädten, soweit sie nicht zerstört oder noch nicht wieder aufgebaut waren, die ersten Publikumsmagneten und auch eine Keimzelle des sich neu formierenden urbanen Lebens.
Der Schwarzmarkt war mit der Währungsreform 1949 kaum vorbei, da strömten auch schon viele Kunden in die großen Konsumkathedralen, in denen das gehobene Komplettangebot von den berühmten Kurzwaren bis zu den feinen Kleiderstoffen, von edlen Gardinen bis zum besseren Geschirr, vom Füllfederhalter bis zur teuren Eiderdaune alles zu besichtigen und zu haben war. So ein Kaufhaus war für die Menschen damals unwiderstehlich.
Karstadt war der Gigant unter den Warenhausgrößen
Es gilt als ausgemachte Tatsache, dass die großen Karrieren in der frühen Bundesrepublik vor allem im Handel und im Dienstleistungsbereich gemacht wurden. Welche exorbitanten Startchancen hatten also die großen Warenhausketten, die den Menschen in der Stunde Null 1949 schon seit einer oder zwei Generationen bekannt waren? Karstadt als Gigant unter den Warenhausgrößen war eine Goldgrube. Die Kaufhäuser bildeten in den Großstädten, aber viel mehr noch in den mittleren und den kleineren Städten regelrechte Kristallisationspunkte für den Aufschwung des Handels und des Wandels. Und von dieser Funktion sind traurige Überreste auch heute noch in mancher deutschen Stadt, in der allzu eilig eingerichtete Fußgängerzonen seit langem veröden, zu besichtigen.
Optimale Startchancen in einem optimalen Markt hat das Karstadtmanagement in den letzten dreißig Jahren "optimal" verspielt. Offensichtlich saß man bei Karstadt auf einem hohen Ross und glaubte an die Ewigkeitsgarantie in Gestalt des berühmten K, das vielen Karstadtleuten vor Augen schwebte wie ein angewachsener Heiligenschein. Für den Kunden war es luxuriös in den siebziger und achtziger Jahren bei Karstadt einzukaufen. Service ohne Ende, Großzügigkeit in jeder Hinsicht. Der Kunde war König und Karstadt glaubte selber der Oberkönig zu sein. Die Konkurrenz der Versandhändler ignorierte Karstadt wie der hungrige Wolf eine Maus: zu klein, zu mickrig, zu mühselig. Den aufkommenden Internethandel verschlief Karstadt.
Den relativen Kundenverlust der Innenstädte an die stadtnahen Einkaufszentren oder jene auf der grünen Wiese, der Anfang der siebziger Jahre begann, focht die Karstadtführung offenbar nicht an. Marktveränderungen wie factory outlets oder etwa die Tendenz, dass sich Markenmode mit eigenen Repräsentanzen in den Städten etablierte, sah Karstadt weitgehend regungslos zu. Schließlich passierte es: Der ein Menschenleben lang "unkaputtbar" erscheinende Karstadtkonzern kam ins Straucheln und ging 2010 für einen Euro an den bis dahin in Deutschland unbekannten, aus der Asche des Phoenix auftauchenden Retter, Nicolas Berggruen, der mit diesem einen Paukenschlag eine feste Größe im deutschen Establishment und Politgefüge wurde.
Karstadt
Seit 2010 hat sich Nicolas Berggruen die Sanierung des Warenhauses Karstadt auf die Fahnen geschrieben. Für den symbolischen Euro übernahm der deutsch-amerikanische Investor das Unternehmen und arbeitet seit dem an dessen Umstrukturierung. Eigenes Vermögen steckte er bislang nicht in den Umbau. Dafür verkaufte er Mitte September die drei Premiumhäuser und die Kette Karstadt-Sport mit 28 Häusern an die österreichischen Immobilien-Konzern Signa.
Foto: dpaBerggruen Holding
1984 gründete Berggruen die Berggruen Holdings, die mittlerweile weltweit in über hundert Unternehmen investierte. Der deutschen Niederlassung in Berlin gehören unter anderem das Cafe Moskau, die Sarotti-Höfe am Mehringdamm, die Schuckert Höfe am Treptower Park sowie mehr als 50 gründerzeitliche Mietshäuser und Alt-Berliner Gewerbehöfe. Außerdem gehört der Holding das Hauptpostamt in Potsdam.
Foto: dpaMedien
Im Jahr 2010 investierte Berggruen 900 Millionen Dollar in den angeschlagenen spanischen Medienkonzern Prisa, der auch die Tageszeitung El País herausgibt. Bereits Anfang der 90er-Jahre kaufte sich der Investor ins Mediengeschäft ein. Berggruen erwarb eine portugiesischen Fernsehsender, den er aufpolierte und mehr als zehn Jahre später an die Börse brachte. Auch Prisa soll unter Berggruens Führung an die Wall Street.
Foto: ScreenshotFarming
Seit 2008 gibt es die Berggruen Farming Pty, Ltd., die 12.000 Hektar Land bewirtschaftet und Weizen, Raps, Gerste und Lupinen anbaut. Ebenfalls zum landwirtschaftlichen Zwei des Berggruen-Imperiums gehören Reisanbau-Farmen und Felder für Maniok, Mais und Reis. In den Anbau von Nahrungspflanzen stieg der Investor ein, nachdem er bis 2009 sein Geld in eine Bioethanol-Anlage steckte. Diese Verschwendung von Nahrungsmitteln zur Herstellung von Treibstoff halte er heute für einen furchtbaren Fehler, den er so wieder gut machen wolle.
Foto: AP
Hotels
Wer auf dem Feld arbeitet, soll sich auch entspannen. Dementsprechend gehören Berggruen diverse Hotels, unter anderem die indische Hotelkette Keys Hotels. Gut für Berggruen, der schon seit Jahren keinen festen Wohnsitz mehr hat, sondern ausschließlich in Hotels lebt.
Foto: ScreenshotWindenergie
Für die gute Ökobilanz unterhält Berggruen außerdem diverse Energieunternehmen, darunter auch Windparks in der Türkei. Zum Windpark gehören insgesamt 18 Windenergieprojekte von 13 Firmen aus den Regionen Çanakkale und Süd Marmara. Die Windenergie-Unternehmen haben eine Gesamtkapazität von 800 Megawatt.
Foto: dpaMobilität
Zum ökologisch korrektem Gesamtpaket gehört auch ein Car-Sharing Unternehmen. Der Berggruen Car Club existiert seit 207 und bietet Mietwagen sowie Chauffeurdienste für Business- und Privatleute. Den Car Club gibt es derzeit in 18 indischen Städten. 2012 sollen durch Franchising 20 weitere Städte hinzukommen.
Foto: ScreenshotAusbildung
Und da Berggruen nicht nur die Zukunft des Planeten, sondern auch die der Erdbewohner am Herzen liegt, investiert er auch in Ausbildung und Erwachsenenbildung. Zur Holding gehöre unter anderem zwölf amerikanische Berufsschulen und das United Education Institute and Advanced Career Training in Kalifornien.
Foto: dpaBilliger und schneller hat es gewiss noch nie jemand geschafft von quasi nicht existent zu toprelevant aufzusteigen. Und die bereits seit Jahren notorisch gebeutelten Karstadtmitarbeiter, die mitansehen mussten, wie der einstige Wunderknabe und Schwiegermütterliebling der besonderen Art, Thomas Middelhoff, dem Konzern Karstadt die Top-Immobilien aus dem Konzernleib schnitt und viele absurde Ideen (von denen allerdings keine zündete) in das Unternehmen implementierte, sind leichtgläubig, allzu leichtgläubig geworden. Sie haben den neuen "Investor", diesen guten und einfach besseren Kapitalisten Berggruen, der im Gewand des globalen weißen Retters und Ritters der Armen und Geschundenen, aber auch als der Könner unter den potenten Investoren auftauchte, der sich als Wirtschaftsphilosoph gab, nicht nur sofort in ihr Herz geschlossen, sondern sie waren auch unbesehen bereit Berggruen nicht nur als irdischen Hoffnungsträger, sondern als eine Art Erzengel mit einem milliardenschweren Rucksack zu lobpreisen.
Platz 1
Als die größte und namhafteste Unternehmensinsolvenz 2013 ist Praktiker in die Statistiken eingegangen. Die Krise des Unternehmens begann schon 2009. Ein Personal- und Filialabbau setzte ein und Unternehmensberater wurden hinzugezogen. Doch alle Reformbemühungen blieben ohne Erfolg - Ende 2012 stand ein satter Jahresfehlbetrag und im Juli 2013 meldete Praktiker schließlich Insolvenz für die verbliebenen 200 Praktiker-Filialen in Deutschland an. Rund 7600 Mitarbeiter waren davon betroffen. Bemühungen einen rettenden Investor für die marode Baumarktkette blieben erfolglos. Anfang September gab der Insolvenzverwalter dann bekannt, alle Märkte endgültig zu schließen.
Foto: dpaPlatz 2
Großpleite im Callcenter: Die Walter Services GmbH aus Ettlingen, die mit rund 6.000 Mitarbeitern zahlreiche Outsouring-Dienstleistungen anbietet, stellte im Juli am Amtsgericht Karlsruhe einen Insolvenzantrag. Grund dafür war die drohende Zahlungsunfähigkeit des Betreibers Callcenter-Geschäften. Überkapazität am Markt und ein hoher Margendruck führten den Konzern tief in die Krise. Jetzt will das Unternehmen, das aus 20 Gesellschaften an 16
deutschen Standorten besteht, ein Schutzschirmverfahren durchführen und sich neu aufstellen.
Platz 3
Er folgte Praktiker in die Insolvenz: Max Bahr aus Hamburg, den Praktiker 2007 übernommen und seitdem als Tochtergesellschaft mitfinanziert hat. Am 25. Juli 2013 wurde meldete der Baumarkt unter Verweis auf die fehlende finanzielle Unterstützung der Lieferanten Insolvenz an. Zu diesem Zeitpunkt waren in den rund 100 Max-Bahr-Märkten 3.200 Beschäftige tätig. Auch hier scheiterten alle Rettungsversuche: die ursprünglich als Käufer gehandelten Konkurrenten Hellweg und Globus hatten 2013 kein Interesse mehr an der Premium-Marke. Im November begann die Abwicklung des 130 Jahre alten Unternehmens. Nur für vereinzelte Märkte besteht noch Hoffnung.
Foto: dpaPlatz 4
Kunert Fashion GmbH, Hersteller von Socken- und Strumpfwaren eröffnete am 1. Mai 2013 das Insolvenzverfahren. Dem Unternehmen machten vor allem Pensionsverpflichtungen zu schaffen, aber auch die hohen Produktionskosten in Deutschland. Der Textilhersteller mit Sitz in Immenstadt wurde im Zuge einer sogenannten übertragenden Sanierung durch die Grosso Holding übernommen. Kunert Fashion hatte zu diesem Zeitpunkt 1.150 Mitarbeiter, etwa jeder zehnte Arbeitsplatz wurde nun gestrichen. Leiter des Insolvenzverfahrens war Arndt Geiwitz, der auch die Schlecker-Insolvenz betreute.
Foto: dpa/dpawebPlatz 5
Solarunternehmen ohne Zukunft: die Conergy AG aus Hamburg verlor in diesem Jahr den Kampf gegen die Krise der Solarbranche und meldete am 25. Juli Insolvenz an. Dabei ging es dem Unternehmen zwischenzeitlich richtig gut: Seit 2005 war Conergy an der Frankfurter Börse notiert. Die Aktie war zeitweise mehr als 160 Euro wert, doch das ist lange her. Zuletzt ging es für das Unternehmen eher bergab. Der Umsatz sank um fast 40 Prozent, das Eigenkapital war aufgezehrt. Rund 1.100 Mitarbeiter, davon 800 in Deutschland, sind von der Pleite betroffen. Dennoch gibt es Hoffnung, dass das Unternehmen weiter bestehen könnte.
Mit seinem Schicksal ist die Conergy AG kein Einzelfall: Mehrere Schwergewichte der deutschen Solarbranche mussten aufgrund des internationalen Wettbewerbsdrucks vor allem aus Fernost aufgeben.
Foto: dpaPlatz 6
Vor einigen Jahren noch hat sie beim Bau der Allianz-Arena in München mitgeholfen, jetzt ist sie insolvent: Die Alpine Bau AG mit Sitz in Echingen. Die deutsche Firma geriet in den Abwärtsstrudel der österreichischen Muttergesellschaft und schrieb rote Zahlen. Jetzt will die Geschäftsführung des Unternehmens mit etwa 1.000 Beschäftigten ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung durchführen. Ziel ist die Sanierung sowie die Suche nach einem finanzkräftigen Investor.
Foto: dpaPlatz 7
Nach 90 Jahren Firmengeschichte steht der TV-Hersteller Loewe 2013 vor dem Aus. Nach monatelangen Rettungsversuchen stellte der Betrieb am 1. Oktober einen Antrag auf Planinsolvenz in Eigenverwaltung. Schon länger leidet Loewe unter dem Preiskampf in der Branche und steht angesichts der hohen Preise für seine Geräte unter Druck. Seit Jahren schreibt Loewe Verluste und leidet unter der harten koreanischen Konkurrenz wie Samsung und LG Electronics. Allein in der ersten Jahreshälfte brach der Umsatz um fast 40 Prozent auf 76,5 Millionen Euro ein, die Anleger flohen in Scharen, die Aktie sackte um ein Drittel auf 4,10 Euro ab. Ende Oktober wurde gemeldet, dass ein erster Investor gefunden wurde. Ob alle der zuletzt noch 760 Mitarbeiter bleiben können, ist noch offen.
Platz 8
Auch die Backstube Siebrecht ging 2013 insolvent. Die Großbäckerei mit zahlreichen Filialen und bundesweit 744 Beschäftigten hatte unter zurückgehenden Umsätzen sowie steigenden Rohstoff- und Energiepreisen zu leiden. Auch die zunehmen Konkurrenz durch Billigbäcker, Backstationen und Discounter stürzten die Backstube in die Krise. Am 2. Mai 2013 stellte Siebrecht einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Paderborn. Betroffen sind rund 1300 Mitarbeiter.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 9
Auch der Billigstromanbieter Flexstrom ist in diesem Jahr in die Insolvenz gegangen. Bundesweit hatte das Unternehmen über eine halbe Million Kunden und 650 Mitarbeiter. Das Insolvenzverfahren für Flexstrom wurde am 1. Juli 2013 eröffnet
Foto: dpaPlatz 10
Die IVG Immobiliengesellschaft kann auf beinahe 100 Jahre Firmengeschichte zurückblicken. Damit ist jetzt erst einmal Schluss. Das Großprojekt „The Squaire“ am Frankfurter Flughafen hat dem Unternehmen das Genick gebrochen und in die Insolvenz getrieben. Insgesamt drücken das Unternehmen rund 4,6 Milliarden Euro Schulden. Am 1. November 2013 meldete IVG einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung an. Bereits im August war das Unternehmen unter einen sogenannten Schutzschirm geschlüpft. Der Insolvenzplan für IVG muss nun noch von den Gläubigern angenommen und vom Gericht bestätigt werden. Der zuständige Sachwalter ist Horst Piepenburg aus Düsseldorf.
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Ähnlich muss es auch dem Konkursverwalter, Klaus Hubert Görg, gegangen sein. Die Zunft der Konkursverwalter tat ihre Arbeit traditionell weitestgehend, hoffentlich immer nach den Buchstaben des Gesetzes, im Verborgenen. Erst seitdem es spektakuläre Konzernpleiten gibt, hat diese Zunft wahre Stars, echte Künstler und Könner hervorgebracht, mindestens was deren Attitüden und was deren Showgehabe anbelangt. Konzerninsolvenzen und Rettungen, gute oder schlechte Sanierungen sind eben ein Leckerbissen für die Profis, aber auch für die Politiker. Man denke nur an den Baukonzern Philipp Holzmann und Gerhard Schröder.
Das Medieninteresse ist riesig und oft größer als deren Kompetenz und Großpleiten locken nicht nur die Leichenfledderer in Gestalt windiger Investoren oder auch die seriösen Sanierungsritter auf den Plan, sie beschäftigen in erster Linie die betroffenen Arbeitnehmer und deren Familien, und sie beschäftigen natürlich die Gläubiger. Großpleiten legen Managementfehler offen, an denen nicht nur die Kapitalseite beteiligt war, sondern auch die in den Vorständen und Aufsichtsräten zahlreich vertretenen Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaftsbosse. Der Fall Klaus Esser ist noch in guter Erinnerung. Manch ein Ex-Mannesmann- Aktionär mag es neuerdings bedauern seine finanzielle Seele an Vodafone verkauft zu haben, aber der Deal, mit dem Mannesmann zu Vodafone wurde, war mit Billigung der Gewerkschaften zustande gekommen, die auch die äußerst umstrittene Abfindung für den damals arbeitslos gewordenen Ex-Mannesmann-Boss mit Namen Esser abgesegnet hatten.
Die Gewerkschaftsfunktionäre mimen das soziale Gewissen, den Rächer der geschundenen und enterbten Arbeitnehmer, wohl wissend, dass sie über ihre in Deutschland auch in der Praxis sehr stark ausgeprägte paritätische Mitbestimmung im Management oft genug auch zu den Mitverursachern der Krisen gehören. Die SPD spielt oft genug eine ähnliche Rolle in der Politik wie die Gewerkschaften in den Unternehmen, was die beschriebene Schizophrenie anbelangt. Deswegen fällt die Kritik, die von der Gewerkschaftsseite bei Großpleiten an die Kapitalseite kommt, meist relativ moderat aus. Man unterstützt auf der Straße hier und da ein paar Proteste und gewährt den Wütenden unter den Arbeitnehmern auch die Foren, aber die Gewerkschafter lehnen sich, wie im Fall Karstadt, auch nicht allzu weit aus dem Fenster.
Wenn die Zahl der gefährdeten Arbeitsplätze groß genug ist, bei Karstadt waren es über 25.000, ist der Staat, der meist auch Steuergläubiger in erheblichem Umfang ist, maximal interessiert. Die betroffenen Kommunen wollen Arbeitsplätze meist um jeden Preis retten und am Konzernsitz, wie im Fall Karstadt in Essen, leuchten bei der Stadt überall die Warnlampen und es entwickelt sich oft genug eine ungewöhnliche Spendierlaune. Motto: Lasst uns retten, was zu retten ist. Um jeden Preis. Die Gemengelage, die durch die jahrelange Schwindsucht von Karstadt entstanden war, war eine besondere, denn Karstadt war nicht irgendeine 25.000-Mann-Firma, die irgendwelche speziellen Produkte und Dienstleistungen weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit brachte. Karstadt war - und dieser Wert schwindet zunehmend - seit vier Generationen regelrecht ein Synonym für Kaufhaus. Karstadt war eine Referenzgröße für den Handel.
Fast alle Bundesbürger wuchsen als Karstadtkenner auf. Das daraus resultierende öffentliche Interesse hat womöglich zu einem vorschnellen Verkauf der überschuldeten und illiquiden Kaufhausgranate an Nicholas Berggruen geführt, wenn man denn den Tauschvertrag, ich gebe dir, Konkursverwalter, einen Euro, den du an die Gläubiger, die natürlich zustimmen müssen, weiter reichst, und du gibst mir, Berggruen, dafür das Eigentum an dem einst größten Warenhauskonzern Europas, überhaupt Kaufvertrag nennen möchte. Diese Nummer mit dem berühmtem symbolischen einen Euro haben manchmal ihr Gutes, manchmal sind sie nicht recht durchdacht.
Berggruen hat sich pfiffig die Rechte am Namen Karstadt gesichert und dem Konkursverwalter dafür fünf Millionen Euro in die Hand gedrückt. Ein Spottpreis. Bei den Namensrechten geht es nicht nur um den real fiktiven Wert, der sich aus der Marke herausholen lässt, sondern vor allem um die Machtposition des "Investors". Was wäre der Betrieb Karstadt nach Abhandenkommen seiner Immobilien, die teuer zurück gemietet werden mussten, nach seiner Insolvenz noch wert, wenn nicht mehr "Karstadt" an den Konsumtempeln stehen dürfte, sondern dort zukünftig irgendein Phantasiename prangen würde. Fakt ist: Berggruen hat inzwischen Millionen aus den Lizenzgebühren zurück erhalten, die der Konzern ihm für die Nutzung des eigenen Namens zahlt. Selber investiert hat Berggruen so gut wie nichts.
Jetzt ist die aus dem Ikea-Management kommende Schwedin Eva-Lotta Sjöstedt, die Berggruen erst vor einem knappen halben Jahr als Karstadt-Chefin implementiert hatte, dem Unternehmen wieder abhanden gekommen. Und dies mit einem großen Medienecho, das allerdings übertrieben und hilflos wirkt.
Wenn ein Unternehmen eines Top-Managers verlustig geht, der gerade eben eingesetzt wurde und der sich bisher in einem völlig anders strukturierten, völlig anderen Markt getummelt hatte, dann mag das ärgerlich sein, aber ein Beinbruch ist das per se nicht. Die im letzten halben Jahr von den Karstadt-Mitarbeitern als neue Heilsbringerin begrüßte Sjöstedt hatte und konnte nichts Bilanzsignifikantes erreichen oder in den Filialen etwas besonders Auffälliges ins Werk setzen. Sie lebte stattdessen von Vorschusslorbeeren. Ihr Credo den einzelnen Filialen mehr Autonomie zu gewähren, ein wenig originelles Konzept, das bei den sehr uniformen Ikea-Märkten übrigens nicht besonders sichtbar ist, bedeutet noch nichts, solange nicht klar ist, was Karstadt in welcher Weise an welchen Mann und welche Frau zu welchem Preis bringen will und kann. Der abrupte Abschied der Ikea-Managerin, die die auch sonst nicht abreißende Kritik an der Person Berggruens stützt, ist jedoch mindestens eine weitere Imageniederlage für Berggruen.
Der Durchschnittsbürger und wahrscheinlich selbst der durchschnittliche Karstadtmitarbeiter lebt mit dem irrigen Eindruck, dass der reich geborene Nicolas Berggruen, der sein Vermögen selbst gemacht hätte, mit dem einen Euro, den er aus seinem Portemonnaie zückte, vor vier Jahren Karstadteigentümer geworden wäre. Nun gut, die Gläubiger vom Fiskus über Banken, über Lieferanten hatten verzichtet, die Mitarbeiter hatten sich zu freiwilligem Lohndumping verpflichtet und die Vermieterseite war ins Boot geholt worden. Aber dieses durchgeschüttelte und irgendwie artifiziell erscheinende Altunternehmen Karstadt gehörte doch in der Stunde Null nach Abschluss des Kaufvertrages dem furchtbar netten und sympathischen und bescheidenen und bis dahin die Öffentlichkeit meidenden und schüchternen Nicolas Berggruen? Das ist leider weit gefehlt.
Ob Berggruen überhaupt irgendetwas an Karstadt gehört, lässt sich nach öffentlich zugänglichen Quellen weder bejahen noch verneinen. Es gibt eine alle Spuren verwischende Kette von Unternehmen mit Sitz in Holland auf die holländischen Antillen, die irgendwann auf den britischen Jungferninseln endet, und dort möglicherweise zu Nicolas Berggruen führt, die an ihrem Anfang als kaufender Vertragspartner des Konkursverwalters auftrat.
Und Berggruen war gleichsam der Animateur, der die Rechtsvorgänge in Gang setzte. Diese Darstellung lieferte 2012 das ZDF Frontal 21. In einer brutal entlarvenden Geschichte über die Person Berggruen führte das ZDF Berggruen als eine im Prinzip zwielichtige Gestalt vor.
Doch Öffentlichkeit, und auch die Karstadtleute wollten ihr Heilsbild von Berggruen nicht hinterfragt sehen. Es gibt zwar von Beginn an Kritik am Verhalten von Berggruen, die stets gelegentlich irgendwelcher Anlässe auch artikuliert wird, aber im Prinzip überwiegt immer noch die heilige Bewunderung. Die Zerschlagung von Karstadt, die Berggruen voran getrieben hat, in dem er die Edelkaufhäuser Alsterhaus in Hamburg, das KaDeWE in Berlin, das Oberpollinger in München sowie die Karstadt Sporthäuser mehrheitlich an einen österreichischen Investor verkaufte, hatte Berggruen wieder in die Kritik gebracht, aber der Mann, der bisher keinen Pfennig in Karstadt investiert hat und der nur mit seinem großen Zauber das Prinzip Hoffnung beim Konkursverwalter und bei den Mitarbeitern und den Neugläubigern zu wecken vermochte, ist bisher trotz kritischer Berichterstattung von Niemandem wirksam hinterfragt worden.
Wer ist Berggruen?
Es heißt, Berggruen hätte sein Milliardenvermögen ganz oder teilweise einer Stiftung übertragen. Und der Mann, der keineswegs über die Rednerqualitäten eines Volkstribun verfügt und dessen Statements recht durchschnittlich wirken, hätte sein selbst verdientes und ererbtes Milliardenvermögen ganz oder teilweise gestiftet. Berggruen erzählt in einem Auftritt, der einer Posse gleich kommt, seinen gläubigen Zuhörern, dass er kein Interesse an den materiellen Dingen des Lebens hätte.
Sein schon vom ZDF kritisierter Wikipedia-Eintrag befriedigt alle Träume, die Berggruenverehrer nur träumen können: der scheue Kunstsammler, der einen Weltsalon mit ausgedienten Top-Politikern wie Gerhard Schröder (Doris Schröder-Köpf ist in den Aufsichtsgremien bei Karstadt vertreten) unterhält und der in dieser Denkfabrik für die Welt und uns alle vordenken und vorentscheiden lässt, ohne Politiker sein zu wollen, hat keine eigene Wohnung mehr und muss in Hotels leben, die er mit seinem Privatjet ansteuert. Berggruen investierte nur in Medienkonzerne, Immobilien und saubere Energie, wovon er was verstünde. Klein-Doofi mit Plüschohren, wie man in Hamburg sagt, kommt voll auf seine Kosten, wenn ihm vorgeführt wird, was in der Öffentlichkeit an wundersamen, zusammenhanglosen und auch nicht zu erklärenden persönlichen Eckdaten von Berggruen kursiert.
Schon möglich, dass Berggruen diese wundersame Königin von Saba tatsächlich ist. Wie Berggruens Passadresse lautet, wo er steuerlich veranlagt wird, muss ja niemanden interessieren. Aber der Konkursverwalter, um auf diesen Herrn zurück zu kommen, hat sich möglicherweise nicht genug Gedanken gemacht, ob Berggruen tatsächlich mit einem soliden Zukunftskonzept für das Handelshaus Karstadt an den Start gegangen ist. Ob Berggruen auf eigene Rechnung arbeitet oder fremde Interessen vertritt, auch das schien für den Konkursverwalter nebensächlich gewesen zu sein.
Aber nimmt man den Fall Berggruen/Karstadt nur exemplarisch, dann stellt sich die Frage, ob die Abwicklung von Großinsolvenzen, für deren Abwicklung die Konkursverwalter wesentlich mehr Freiheiten bekommen haben, als sie traditionell hatten, nicht grundsätzlich einer strikteren Plausibilitätsprüfung unterliegen sollten und ob Bieter überhaupt zum Zuge kommen sollten, die bei näherer Betrachtung keinen Anfang und kein Ende, kein Herz und keinen Hintern und vor allem kein Portemonnaie, auf das man zugreifen kann, haben. Irgendwelche Retter, die kein spezifisches Branchen-Know-how mitbringen und gar kein Geld, verbessern die Situation eines Unternehmens kaum und können allein aufgrund ihrer vermuteten finanziellen Muskeln, deren Einsatz sie von vorne herein ausschließen, nicht nach dem Prinzip, es interessiert sich sonst keiner, mit Ein-Euro-Lösungen beglückt werden. Da muss schon ein bisschen mehr kommen.
Berggruen persönlich ist sicher perfekt abgesichert, was seine Haftung anbelangt und natürlich ist es keinem zuzumuten einen insolventen Laden wieder hoch zu päppeln, wenn er seine persönliche Haftung nicht entsprechend beschränken kann. Aber Vertragspartner, die mehr de jure als de facto Vertragspartner sind, können ein besonderer Risikofaktor sein.
Wenn jemand mit so viel heiligem Zinnober auftritt wie Berggruen, dann reicht dies im Zweifel eigentlich nicht. Wer als einzelne Person oder als Vertreter investitionswilliger Firmen an der Insolvenz eines Unternehmens verdienen will, der muss dem Konkursverwalter, der ihm den Zuschlag geben soll, nicht nur ein plausibles Konzept liefern, sondern auch mit einem gewissen angemessenen Kapital bei Abschluss des Kaufvertrages ins Risiko gehen. Das ist schließlich der einzige Beweis dafür, dass der Retter an sein eigenes Konzept wenigstens selber glaubt. Jemand allerdings, der wie Berggruen offenbar nichts in cash investiert und sich in dem bereits genannten ZDF-Film zwei Mal befragen lässt und mit den dümmsten aller denkbaren Ausreden antwortet und eine extrem scharf dazwischen gehende Aufpasserin während dieser kleinen Interviews neben sich hatte, wäre gut beraten, wenn er seine Geheimnistuerei beenden und die Karten auf den Tisch legen würde, aus denen sich ergibt, wie es mit den Karstadtmitarbeitern und dem Warenhauskonzern realistisch weiter geht.
Der Markt für ein derartig gerupftes Kaufhaus, wie es Karstadt jetzt ist, mit ruiniertem Ruf, mit gefrusteten und verängstigten Mitarbeitern, eingeschränktem, immer selektiver erscheinendem Angebot, das inzwischen oft genug von umliegenden Spezial-oder Ramschläden besser befriedigt wird, ist kein Marktplayer, der aus sich heraus besondere Lust auf mehr macht. Berggruen hat mit seinem Ein-Euro-Kauf die Suche nach anderen Lösungen beendet und selber bisher nicht im Entferntesten gehalten, was sich die Beteiligten von dem Milliardär erhofft hatten. Oder realistischer ausgedrückt: von dem sie auf naive Art als gewiss ansahen, dass Berggruen es liefern würde.
Berggruen, der sanfte Weise, ist ein guter Animateur, der andere dazu bringt, mit ihrem Geld in Vorlage treten. Aber jetzt ist er selber intensiv in der moralischen Pflicht die Unruhe um Karstadt mit eigenem Geld zu beenden und ein Übriges zu tun, nämlich eine klare Bilanz vorzulegen, die ausweist, was er persönlich oder seine Firmenkonglomerate bisher aus Karstadt herausgeholt haben. Ohne absolute Transparenz darf es keine unmittelbare oder mittelbare Förderung des Berggruen-Projektes geben. Und auch die Arbeitnehmervertreter sind im eigenen Interesse gehalten, absolute Transparenz für ihr Entgegenkommen zu verlangen. Und auch dies gilt: Karstadt ohne Berggruen muss für alle Beteiligten eine realistische Denkgröße werden.