Architekturkritik: Wie unförmige Bauten Städte entstellen
Das neu erschaffene Musée des Confluences in Lyon von Coop Himmelb(l)au.
Foto: Creative Commons - BahnfischWer vor drei Jahren die Schnellstraße durch Lyon Richtung Süden nahm, kam an einer Baustelle vorbei, die einem Trümmerfeld glich: wild durcheinander gewirbelte, dramatisch ineinander verkeilte Stahlträger, als habe hier soeben ein Tornado gewütet. Nähert man sich heute aus umgekehrter Richtung der französischen Metropole, reckt sich einem schon von Weitem ein furchteinflößendes Metallmonster entgegen, ein futuristisches Großinsekt, das den Trümmern entstiegen ist, um sich wie in einem Horrorstreifen der B-Klasse über die Landzunge am Zusammenfluss von Rhône und Saône herzumachen – das Musée des Confluences, ein Wissenschaftsmuseum mit den Schwerpunkten Technik und Natur, in einem Monat wird es eröffnet. Der mächtig ausgreifende Koloss, der erkennbar schwer an seinen Ambitionen trägt, ist das jüngste Mahnmal städteplanerischen Ehrgeizes. An der Spitze einer ehemaligen Industriebrache südlich der City erhält Lyon ein neues Entrée, ein skulpturales Supersymbol, umtost von Verkehr, das den Nicht-Ort zum Kult-Ort promovieren soll: Architektur von Coop Himmelb(l)au, typisch dröhnendes Stahl-Glas-Spektakel im Dienst des City-Branding.
World One Tower
Nach seiner Fertigstellung soll der World One in Mumbai das höchste Wohngebäude der Welt sein. In diesem Turm sollen 300 Apartments entstehen. Der Verkauf der Wohneinheiten läuft bereits. Die Preise für die von Armani ausgestatteten Wohnungen beginnen bei 2,2 Millionen Dollar.
World One ist Teil eines Komplexes aus drei Türmen. Im Bau befinden sich auch noch die beiden anderen Türme World View und World Crest. Letzterer hat 2014 seine endgültige Höhe mit 222 Metern erreicht. 2011 wurde mit dem Bau an World One begonnen, die Fertigstellung wird für 2016 erwartet. Bis zu diesem Zeitpunkt steht das höchste Wohngebäude noch in New York...
432 Park Avenue
Seit Oktober 2014 trägt "432 Park Avenue" den Titel "höchstes Wohngebäude der Welt". Mit 426 Metern ist das Gebäude 120 Meter höher als das One57, das zuvor den Titel trug. 2015 soll das Gebäude fertiggestellt werden. Auf 85 Etagen sind 104 Wohnungen geplant. Die kleinste Wohnung misst nur 32,6 qm². Das größte Penthouse hat die sechs Schlafzimmer, sieben Badezimmer und eine Bibliothek. Diese Wohnung wurde bereits für 95 Millionen Dollar verkauft. Gemessen an der Höhe des Daches überragt Wohngebäude sogar das One World Trade Center.
Foto: Creative Commons Lizenz - Kohei KannoOne57
Bis Oktober 2014 trug das "One57" den Titel des höchsten Wohnhauses der Welt. Obwohl es als fertig gilt, wurde es bisher nicht eröffnet.
Der 306 Meter hohe "One57" wurde direkt am Central Park gebaut. Etwa 70 Prozent der Wohnungen sind bereits verkauft. Vier Jahre hat es gedauert, den verglasten Mega-Wolkenkratzer „One57“ direkt am Central Park in New York auf 306 Meter hochzuziehen. Mehr als 90 Millionen Dollar (etwa 65 Millionen Euro) hat eine Gruppe Investoren für das Penthouse bezahlt. 67 Millionen kostet eine ganze Etage, eine Einzimmerwohnung 4 Millionen. Dafür gibt es jede Menge Annehmlichkeiten: Die Bewohner können sich beispielsweise den Chefkoch kommen lassen, der ihnen dann bei Panoramablick auf Augenhöhe mit den vielen Hubschraubern hoch über der Millionenmetropole edle Speisen zubereitet.
Auf der Liste der höchsten Gebäude der Welt liegt das One57 aber erst auf Platz 85.
Foto: dpaMercury City Tower
In Europa haben die Russen den Größten: Nach sechs Jahren Bauzeit haben Ingenieure 2013 im Moskauer Wolkenkratzer-Viertel Moskwa City das mit gut 338 Metern höchste Gebäude Europas vorgestellt. Mit dem Mercury City Tower ist der Rekord Londons mit dem im Sommer 2012 präsentierten Superbau The Shard (310 Meter) um knapp 29 Meter übertroffen (dieses Gebäude ist damit nur noch das höchste in der EU). Das erklärte der Präsident des russischen Unternehmens Mercury, Igor Kessajew. Der Hamburger Datendienstleister Emporis bestätigte den neuen Rekord.
Foto: dapdDer für eine Milliarde US-Dollar (771 Millionen Euro) errichtete Neubau mit 75 Stockwerken zeige, dass sich die russische Hauptstadt nach modernen Maßstäben entwickele und mit Europa Schritt halten könne, sagte Kessajew. Auf den knapp 174.000 Quadratmetern Nutzfläche gebe es Büros- und Geschäftsräume bis zur 40. Etage sowie in den höheren Stockwerken Luxus-Appartements. In Moskwa City sind weitere Hochhäuser im Bau.
Foto: REUTERSDer Hochhaus-Komplex soll für das moderne Russland stehen. Die größten Hochhäuser der Welt stehen aber nicht in Europa.
Foto: dapdHöchster Fernsehturm - Tokyo Sky Tree
Der Tokyo Sky Tree ist mit 634 Metern Höhe und 450 ist fast doppelt so hoch wie der Berliner Fernsehturm und ist das zweithöchste Bauwerk der Welt.
Foto: dpa10. Nanjing Greenland Financial Centre - 450 m
Im Jahr 2008 wurde die Endhöhe von 450 Metern erreicht, das Gebäude wurde aber erst 2010 eröffnet, da an den Fassaden gearbeitet werden musste. Das Gebäude hat 56 Fahrstühle.
Die Liste der größten Gebäude der Welt bezieht sich auf fertiggestellte Bauwerke und solche, die bereits ihre endgültige Höhe erreicht haben, aber noch nicht eröffnet wurden. In der Höhe sind Turmspitzen enthalten, jedoch keine Funkantennen, da diese nicht zur Architektur des Gebäudes zählen. Quelle: ctbuh.org
Foto: Creative Commons Lizenz - HanjoH9. Petronas Twin Towers - 452 m
Die Petronas Twin Towers in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur messen je 452 Meter. Sie wurden 1998 fertiggestellt und waren lange Jahre die höchsten Gebäude der Welt - bis das Taipei 101 ihnen den Titel abnahm. Errichten ließ sie der Mineralölkonzern Petronas, der ihnen damit auch den Namen gab.
Foto: REUTERS9. Petronas Twin Towers - 452 m (zweiter Turm)
Da es sich bei den Türmen um zwei verschiedene Gebäude handelt, werden sie zweimal gelistet.
Foto: REUTERS8. International Commerce Centre - 484 m
Das Gebäude übertraf bei seiner Fertigstellung 2010 das 412 Meter hohe Two International Finance Centre Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite des Victoria Harbour um 72 Meter und übernahm den Rang des höchsten Gebäudes in Hongkong.
Foto: REUTERS7. Shanghai World Financial Center - 492 m
Im August 2008 wurde das Shanghai World Financial Center eröffnet. Es misst 492 Meter und gilt damit nach dem Shanghai-Tower als das zweithöchste der Stadt. Es hat 101 Stockwerke, ebenso wie das Taipei 101. Gleich daneben der Jin Mao Tower, 421 Meter hoch. Er hat 88 Stockwerke.
Foto: REUTERS6. Taipei 101 - 509 m
Bis 2010 galt offiziell als die Nummer 1 das Taipei 101 in der Hauptstadt Taiwans, Taipeh. Doch seit 2010 musste der Wolkenkratzer den Titel abgeben, dann sogar den zweiten Rang. Der Name kommt von den 101 Stockwerken. Taipei 101 ist mehr als einen halben Kilometer hoch und wurde Silvester 2004 eröffnet. Es muss großen Belastungen, zum Beispiel Erdbeben und Taifunen, trotzen können.
Foto: AP5. CTF Finance Centre
Im Sommer 2014 erreichte das Bauwerk seine endgültige Höhe von 530 Metern. Die feierliche Eröffnung in Guangzhou ist für 2016 angesetzt. Ursprünglich war der Turm als Zwilling zum Guangzhou International Finance Centers geplant, nun entsteht der Wolkenkratzer aber in einem eigenen Design.
Foto: Creative Commons Lizenz - Kevin Ho4. One World Trade Center
Auf dem Ground Zero wurde der 541 Meter hohe Nachfolger des World Trade Centers erbaut. Seit 2013 ist das Gebäude das höchste der Vereinigten Staaten und das vierthöchste Gebäude der Welt.
Foto: AP3. Mekkah Royal Clock Tower
Die Abraj Al Bait Towers in Mekka landen mit 601 Metern auf Platz drei.
Foto: REUTERS2012 wurden die letzten Bauarbeiten am Uhrenturm abgeschlossen.
Foto: dpa2. Shanghai-Tower
2013 erreichte der Shanghai-Tower seine endgültige Höhe von 632 Metern. Die endgültige Fertigstellung ist für 2015 geplant. Dann ist der Shanghai-Tower offiziell der zweitgrößte Wolkenkratzer der Welt.
Foto: REUTERS1. Burj Khalifa - 828 m
In der Wüste steht das - noch - höchste Gebäude der Welt: der Burj Dubai Tower in Dubai, Vereinigte Arabische Emirate. Fertig gestellt wurde dieser höchste aller Wolkenkratzer im Jahr 2010.
Foto: REUTERSDas Gebäude entstand in sechsjähriger Bauzeit und hat grandiose 189 Stockwerke. Seinen Titel wird es aber voraussichtlich nach Baku abgeben....
Foto: REUTERSAzerbaijan Tower
1050 Meter hoch soll der neue Wolkenkratzer in Baku (Aserbaidschan) werden. Angeschlossen ist eine großzügige Wohn- und Freizeitanlage. Damit wäre das Gebäude rund 222 Meter höher als der der bisherige Rekordhalter, der Wolkenkratzer Burj Chalifa am Persischen Golf. Ursprünglich sollte das geplante Business Center nur 560 Meter hoch sein. Nun sollen es doch insgesamt 185 Stockwerke werden, wie das Nachrichtenportal Ria Novosti berichtet. Das Projekt des Unternehmens sieht den Bau von 41 Inseln rund 25 Kilometer südlich von Baku, als eine Art Ferienanlage mit Hotels, Wohngebäuden, einem Golfplatz, einer Konzerthalle und einer Pferderennbahn unter dem Namen Khazar Islands vor. Der Bau des Azerbaijan Tower soll 2015 beginnen und fünf bis sechs Jahre später fertig sein.
Foto: dapdKingdom Tower
Nur einer könnte die 1000-Meter-Marke eher knacken: In der saudi-arabischen Stadt Dschidda soll der „Kingdom Tower“ entstehen. Für 18,7 Milliarden Dollar wollen die Saudis in der Wüste von Dschidda den ersten Kilometer-Turm bauen. Begonnen wurde mit dem Bau 2013. Bereits 2018 soll der Wolkenkratzer fertig werden. Für den Bau wurde der weltgrößte Baukran entwickelt. Ebenso werden neue Aufzugtechnologien erdacht um die Besucher des Turms bis zur Aussichtsplattform zu bringen.
Der Turm soll mehr als 1.000 Meter hoch werden und auf einer Fläche von etwa 500.000 Quadratmetern ein Four-Seasons-Hotel, Luxuswohnungen und Büros beherbergen. Die aktuelle Nummer eins, das Burj Khalifa in Dubai, wird der Kingdom Tower um 171 Meter überragen.
Quelle: Adrian Smith/Gordon Gill Architecture
Foto: dapdFeingeister mögen von Entertainment-Architektur sprechen, von gebauter Reklame. Doch die Strategie hat sich bewährt, spätestens seit Frank O. Gehry Mitte der Neunzigerjahre im nordspanischen Bilbao die Architektur zum Tanzen gebracht hat. Mit den schwingenden Formen des Guggenheim-Museums bewies der kanadische Baumeister, dass moderne Architektur ein glänzendes Marketinginstrument ist. Die ehedem kunstferne Provinzkapitale mit darniederliegender Schwerindustrie wurde zu einem Wallfahrtsort des Architekturtourismus – und Gehry, der Großmeister des biomorphen Bauens, zum Pionier eines Städtewettbewerbs um Aufmerksamkeit.
Stadtpolitik als Bildpolitik
Der sprichwörtlich gewordene „Bilbao-Effekt“ prämiert seither eine Bauproduktion, die auf demonstrativ verblüffende, unverwechselbare, überwältigende Wirkungen abzielt: wackelnde Wände, schiefe Ebenen, spektakuläre Karambolagen als architektonische „special effects“. Der Stadtplaner Georg Franck spricht vom „Funktionalismus der Auffälligkeit“. Eine Architektur, die im Dienst der Werbung steht, wird zum „Medium der Massenattraktivität“, muss „nicht nur Geld, sondern Aufsehen verdienen“. Ihre Aufgabe besteht darin, einprägsame Logos zu schaffen, die als Wunschbilder städtischer Identität fungieren: „Seht her, so bin ich!“
Längst gehört es zur Planungspraxis der Städte, im Schulterschluss mit „Star“-Baumeistern Architektur als unverwechselbare Marke einzusetzen, als visuelle Visitenkarte. Der „fotografische Blick“, resümiert die Stadtsoziologin Martina Löw, ist „zum dominanten Blick in der Stadtwahrnehmung geworden, für Investoren wie für Touristen“. Stadtpolitik sei heute „Bildpolitik“, weil der Tourismus sich durch die Allgegenwart der Bilder in Reisemagazinen und Prospekten verändert habe. Anders als früher bereisen Besucher heute Städte nicht mehr, um vor Ort ihre Attraktionen im Original zu bestaunen, sondern um sich das fotografisch und filmisch längst Bestaunte vor Ort und im Original bestätigen zu lassen. Jeder Tourist hat lange vor seiner Reise nach Bilbao das zu erlebende Gehry-Image der Stadt im Kopf – und reist nach Bilbao, um dessen Gültigkeit einzufangen.
Kein Wunder, dass selbst altehrwürdige Metropolen an ihrem Image bauen. In Paris ist soeben das Museum der Fondation Louis Vuitton eröffnet worden. Mitten im Bois de Boulogne spreizt sich der neueste Gehry-Bau mit seinen monumentalen Glasflügeln auf, als gehe es darum, aller Welt zu beweisen, dass Paris immer noch ewig junge, sprühende Avantgarde sei (und der Bauherr, LVMH-Chef Bernard Arnault, sich als Erbe der Monarchen verstehen dürfe).
Wolf Prix vor dem imposanten EZB-Neubau in Frankfurt
Foto: REUTERSUnd in Frankfurt wird Anfang kommenden Jahres die neue Heimstatt der Europäischen Zentralbank eröffnet, wieder ein Bau der Marke Coop Himmelb(l)au. Auf der früheren Brache im Frankfurter Ostend, in respektheischender Distanz zu den Wolkenkratzern der City, haben es die Wiener „Gaudiburschen“ (Georg Franck) um Büro-Chef Wolf Prix ordentlich krachen lassen. Auf den sachlich-expressionistischen Klotz der Großmarkthalle von Martin Elsässer aus dem Jahr 1928 haben sie einen groben, fantastisch-neoexpressionistischen Keil in Gestalt eines 185 Meter hohen Doppelturms gesetzt, dessen Außenwände nach oben hin merkwürdig verdreht und verzogen wirken – gerade so, als würde der Turm in Schieflage geraten. Ein Kommentar zu den Schuldenkrisen, die unsere Wirtschaftswelt erschüttern? Ach was. An einer kritischen Interpretation des Kapitalismus im Zentrum der deutschen Hochfinanz ist Prix nicht gelegen, im Gegenteil: Stolz und prahlerisch prangen die Türme wie eine Geldwalhalla über Frankfurt.
Marina Bay Sands, Singapur
Erst 2010 eröffnet und schon das Wahrzeichen Singapurs: Das Marina Bay Sands Hotel. Bei Dämmerung bereiten sich die Drillingstürme, die über eine Plattform mit Swimmingpool verbunden sind, auf ihren großen Auftritt vor.
Foto: REUTERSMarina Bay Sands, Singapur
Nachts setzt eine Lasershow das Gebäudeensemble in Szene.
Foto: dpaSuper Trees, Singapur
Hinter dem Marina Bay Sands wartet schon das nächste Architektur-Highlight. Die Super Trees sind mit Pflanzen bewachsene Stahlgerüste, die der Zucht seltener Pflanzen dienen.
Foto: GemeinfreiSuper Trees, Singapur
Vor allem bei Dunkelheit wirken die Riesen wie Bäume von einem anderen Stern.
Foto: dpaCiudad de las Artes y de las Ciencias, Valencia
Schon bei Sonnenuntergang wirkt die "Stadt der Künste und Wissenschaften" in Valencia spektakulär. Die außergewöhnliche Architektur macht dem Namen des Komplexes alle Ehre.
Foto: WirtschaftsWocheCiudad de las Artes y de las Ciencias, Valencia
Noch futuristischer wirkt das Ensemble bei Nacht.
Foto: Jorge Franganillo, Creative Commons, CC BY 2.0Banpo-Brücke, Seoul
Tagsüber ist die Banpo-Brücke in Seoul eine schnöde Balkenbrücke. Warum sie im Guinness-Buch der Rekorde steht, offenbart sich erst bei Dunkelheit.
Foto: WirtschaftsWocheBanpo-Brücke, Seoul
Das Bauwerk besitzt mit 1140 Metern das längste Wasserspiel der Welt. Die "Moonlight Rainbow Fountain" spritzt das Wasser über 380 Düsen in die Tiefe. Dabei sorgen 200 Lichter für ein farbenfrohes Schauspiel.
Foto: GemeinfreiCanton Tower, Guangzhou
Die hyperbolische Form des Canton Tower gibt dem Fernseh- und Aussichtsturm der chinesischen Millionenstadt Guangzhou sein außergewöhnliches Antlitz. Nachts setzen Lichter außerdem seine Struktur in Szene.
Foto: WirtschaftsWocheCanton Tower, Guangzhou
Die zwei versetzt verlaufenden Ellipsen an der Fassade kommen beim allabendlichen Lichterspiel zur Geltung.
Foto: WirtschaftsWocheSelfridges Building, Manchester
Das Gebäude der britischen Kaufhauskette Selfridges in Manchester hat schon einige Architekturpreise abgestaubt. Das 2003 eröffnete Haus gehört zwar zum Bullring Shopping Center, hebt sich jedoch mit seiner benoppten Fassade deutlich vom restlichen Komplex ab.
Foto: WirtschaftsWocheSelfridges Building, Manchester
Die nächtliche Beleuchtung hebt die Fassadenstruktur des Kaufhauses hervor.
Foto: WirtschaftsWocheBusan Cinema Center, Busan
Schon tagsüber beeindruckt die futuristische Architektur des Cinema Centers im südkoreanischen Busan.
Foto: WirtschaftsWocheBusan Cinema Center, Busan
Nachts beeindruckt die Architektur um so mehr, wenn das Dach in allen Regenbogenfarben erstrahlt.
Foto: WirtschaftsWocheYas Viceroy Abu Dhabi Hotel
Das Hotel windet sich mit seinen rundlichen Formen über und unter der Formel-1-Rennstrecke von Abu Dhabi.
Foto: WirtschaftsWocheYas Viceroy Abu Dhabi Hotel
Nachts bringt das Hotel die Rennstrecke zum Strahlen.
Foto: WirtschaftsWocheMetropol Parasol, Sevilla
Anstelle einer alten Markthalle entstand von 2005 bis 2011 der Metropol Parasol. Die Holzkonstruktion besteht aus sechs pilzartigen "Sonnenschirmen", die miteinander verbunden sind.
Foto: WirtschaftsWocheMetropol Parasol, Sevilla
Bei Dunkelheit wird der begehbare Komplex in verschiedenen Farben angestrahlt. So bietet er eine spektakuläre Aussicht auf das nächtliche Sevilla.
Foto: WirtschaftsWocheMurinsel, Graz
Um Graz als Kulturhauptstadt Europas 2003 eine neue Attraktion zu geben, ließen die Stadtoberen die muschelartige "Murinsel" bauen. Der Glaskomplex im Grazer Fluss Mur beherbergt ein Amphitheater, ein Café und einen Spielplatz.
Foto: WirtschaftsWocheMurinsel, Graz
Nachts wirkt die Insel wie ein Ufo, das auf dem Fluss gelandet ist.
Foto: WirtschaftsWocheVielleicht kann man den in jeder Hinsicht schrägen Bau nur verstehen, wenn man die Entwurfsidee kennt: Prix hat einen Quader mit einem kurvigen Schnitt getrennt und eine Hälfte auf den Kopf gestellt, sodass die kurvigen Seiten der beiden Teile nach außen zeigen.
Heraus kommt eine absichtsvoll verwirrende Raumfigur, von der sich ihr Schöpfer einen Wow-Effekt verspricht: „Das wird man sich merken“, hat Prix prophezeit – und die Vorgaben des Bauherrn damit voll erfüllt: einen Bau zu schaffen, der eine Ikone darstellt. Der Blick findet keinen Halt an den stürzenden Perspektiven der Fassade. Das soll er auch nicht: Ruhestörung gehört bei Coop Himmelb(l)au zum Programm, seit den Siebzigerjahren, als die selbst ernannten Wolkenschieber und Rolling-Stones-Fans die Architekturwelt durcheinander wirbelten. Erst mit Parolen, die zu einer Architektur aufriefen, „die leuchtet, die sticht, die fetzt und unter Dehnung reißt“. Dann mit realen Bauten, einer Art Antiarchitektur, die bekannte Bau-Konventionen aufs Korn nahm.
Dynamisch bewegte Bauten
Die Störung des Baukörpers und seine gezielte Dekonstruktion wurden zum Markenzeichen einer ganzen Generation: Architekten wie Daniel Libeskind, Frank O. Gehry, Wolf Prix und Zaha Hadid zogen aus, den Funktionalismus der Sechziger-, Siebzigerjahre das Fürchten zu lehren, mit dynamisch bewegten Bauten, deren Winkel aggressiv zugespitzt wurden wie bei Libeskind und Hadid oder mit dem heiter-verspielten Pop-Interventionen eines Gehry. Was die Riege der sogenannten Dekonstruktivisten bei aller Unterschiedlichkeit eint, ist der Wille zum Extravaganten, zum effektvoll Deformierten, zum demonstrativ auffälligen Signet. Der Gestus der Unangepasstheit, der Provokation des Althergebrachten macht sie so attraktiv: Was als Anschlag auf die Bauwirtschaftsmoderne begann, wurde zum Modell für das Corporate Design der Städte.
Inzwischen auch zum Imageinstrument asiatischer Semidiktaturen, die sich Denkmäler ihrer Autorität und Fortschrittlichkeit setzen. Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H etwa, dem das südspanische Sevilla das Implantat einer hölzernen Pilzlandschaft auf dem zentralen Platz der Altstadt verdankt, hat für seine Marshmallow-Bauten Abnehmer in Georgien gefunden. Und Zaha Hadid hat zuletzt mit dem Kulturzentrum in Aserbaidschans Hauptstadt Baku für Aufsehen gesorgt: Die glamouröse Plastik einer Riesenwelle aus weißem Beton ergießt sich in die Stadtlandschaft. Ihr Entwurf für das Performing Arts Center in Abu Dhabi zeigt, wohin die Reise geht: Die Formen werden biologisch-fluid, statt scharfer Kanten und Keile konturieren nun weiche, zerfließende Kurven das Bauprofil. Die digitalen Entwurfstechniken laden zu gestalterischen Freiheiten ein, wie man sie früher nicht kannte. Die Auffälligkeit wird geschmeidiger – und bleibt doch, was sie ist: bloßer Selbstzweck.
Die Folge ist ein Wettbewerb der Überspanntheiten, bei dem Architektur wie Publikum mittlerweile aus der Puste geraten. „Der Aufmerksamkeits- und Erregungswert dieser terroristisch-touristischen Dauerprovokationen gerade im Kulturtourismus ist weiterhin hoch“, sagt der Architekturtheoretiker Michael Mönninger, „doch die anhaltende Serienfabrikation von angeblich unverwechselbaren Unikaten stößt an die Grenze des öffentlichen Auffassungsvermögens.“ Libeskind in Berlin oder New York sei noch „ein Statement“ gewesen, aber Libeskinds neue Uni-Aula in Lüneburg, ein Abklatsch seiner Metropolen-Bauten in der Provinz, sei „deplatziert“.
Fritz Neumeyer, Professor für Architekturtheorie an der TU Berlin, spricht vom „Originalitätsstress“: Alles soll spektakulär sein, als könne man, wie Mies van der Rohe einmal ironisch sagte, „jeden Montag“ die Architektur neu erfinden. Die Logik dieses „Überbietungswettbewerbs“ führe dazu, dass es nicht mehr um Architektur als Raumkunst geht, sondern um „mediale Bildwirkungen“: „Jeder will noch mal eins draufsetzen“ – auf Kosten des städtischen Ensembles und der „Mitspielerqualität“. Für Neumeyer gehört es zur Ironie der Geschichte, dass, nachdem die Moderne das Ornament aus der Architektur verbannt habe, jetzt das ganze Gebäude zum Ornament wird, zur Riesenplastik. Die „Objektfixierung“, die in Markenzeichen-Architekturen zum Ausdruck kommt, beschleunige die Fragmentierung der Stadt. Das isolierte Gebäude profiliere sich auf Kosten seiner Umgebung, es sauge der Stadt Energie ab, anstatt ihr Energie zuzuführen – ein Grundproblem der Gegenwartsarchitektur: Sie vergisst, dass Architektur ein „Mannschaftssport“ (Georg Franck) ist, dass es darauf ankommt, mit anderen Architekturen zu kooperieren, im Gleichklang wie im Kontrast.
Dass das möglich ist, zeigt beispielhaft Hans Kollhoffs Daimler-Chrysler-Gebäude am Potsdamer Platz in Berlin, ein hochaufragender Backsteinbau, der sich in die Block- und Platzstruktur integriert. Das zeigen die Solitäre von Herzog & de Meuron (Hamburger Elbphilharmonie, Münchner Allianz-Arena), die die Kraft zum Wahrzeichen haben, ohne der Stadt ihren Stempel aufzudrücken. Das zeigt beispielhaft das New Yorker New Museum des japanischen Architekturbüros Sanaa: Ein Turm aus versetzt übereinander gestapelten, silbrig-weißen Kartons, dessen minimalistische Schönheit auf die Nachbarschaft abstrahlt.
Selbst Rem Koolhaas, der einst Forderungen des Städtebaus mit der Parole „Fuck the context“ abfertigte, hat einen vorsichtigen, für manche sogar entschiedenen Kurswechsel vollzogen: Das Ende vergangenen Jahres eröffnete Hochhaus „De Rotterdam“, ein Entwurf aus den späten Neunzigerjahren, wirkt mit seinen seitlich verschobenen Türmen noch wie ein monumentales Ausrufezeichen, ein vorweggenommenes Symbol des aus den Fugen geratenen Kapitalismus. Und Koolhaas’ offen-verschrägtes CCTV-Trapez in Peking wiederum, eines der berühmtesten Signature-Buildings der Gegenwart, lässt sich als „kritischer Kommentar“ zur Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit in China lesen, sagt Kulturtheoretiker Alexander Gutzmer, Chefredakteur des Fachmagazins „Baumeister“: Alles, was dieses Haus verlässt, sind windschiefe Nachrichten.
Im Gegensatz dazu zelebriert Koolhaas’ Entwurf für den neuen Springer-Campus in Berlin eine radikale Öffnung: Das alte Hochhaus („Die gedruckte Zeitung“) richtet den Blick förmlich aufs Neue („Die digitale Medienwelt“). Der Bau wirkt trotz der ungewöhnlichen, terrassenartig angelegten Arbeitslandschaft vergleichsweise bescheiden und nimmt, wie Fritz Neumeyer sagt, als einziger Wettbewerbsbeitrag auf die städtebaulichen Rahmenbedingungen Rücksicht. Ein Hinweis darauf, dass die Ära der Sensationsbauten ihren Zenit überschritten hat? Vielleicht.
Vielleicht aber auch nicht. Wolf Prix, dessen Büro zurzeit in Tirana das neue Parlamentsgebäude Albaniens als „herausragende Landmarke“ plant, sieht in Europa überall „Angst vor der Zukunft, Angst vor Veränderung, Angst vor dem Fortschritt“. Architektur war für ihn „immer Kunst“. Die „Utopie der Architektur“, so Prix, verlange nach „Schaffung von neuen Körpern und fremden Gestalten, die wie Meteoriten von einem fremden Stern in die Vertrautheit einschlagen“. Eine lebenswerte Stadt aber lässt sich aus solchen „Fremdkörpern“ nicht bauen. Sie braucht die Abstimmung ihrer Architektur, die Kooperation ihrer Gebäude. Architektur ist gebaute Begegnung, gebaute Umgangsform – und kein Schauplatz für Egomanen.