Ulrich Lehner: Die stille Macht am Rhein
Ulrich Lehner: Der Ex-Henkel-Chef ist einer der mächtigsten Kontrolleure der deutschen Wirtschaft.
Foto: Frank Beer für WirtschaftsWocheUlrich Lehner sieht die 5000 Menschen nicht, die nur wenige Meter vor ihm im Dunkeln stehen. Alle Scheinwerfer sind auf ihn gerichtet. In diesen Sekunden gibt es für ihn nur eines, seinen Kontrabass. Ein letztes Mal rückt er seine große, rotbraune Hornbrille zurecht. Dann zupft er los, solo, den Jazz-Klassiker „Miss Jackie’s Delight“ des US-Saxofonisten Cannonball Adderly. Erst nach dem 64. Takt stoßen die übrigen Musiker hinzu, die Mitglieder der Jazz-Band „Wolf Doldinger & Best Friends“ .
Der Auftritt des 68-Jährigen am 12. Dezember 2013 geht als denkwürdiger Tag in die Geschichte der Deutschen Telekom ein. Der Bonner Konzern hatte zur Weihnachtsfeier geladen, Tausende waren an diesem Donnerstagabend in das riesige Foyer der ehemaligen T-Mobile-Zentrale am Bonner Landgrabenweg geströmt – auch und gerade, um Telekom-Chef René Obermann wenige Tage vor seinem Wechsel zum niederländischen Kabelnetzbetreiber Ziggo persönlich zu verabschieden.
Doch zum Star des Abends wurde nicht der scheidende Konzernlenker, sondern Lehner, sein Kontrolleur. Der mächtige Aufsichtsratschef der Telekom hatte wenige Minuten vor seinem Auftritt sämtliche Vorbereitungen durchkreuzt, seine vorbereitete Laudatio auf Obermann weggelegt und zum Kontrabass gegriffen.
Der Star des Abends
Typisch Lehner: Den Takt vorgeben, dazu den Rhythmus und die Melodie, nicht laut, aber eindeutig und bestimmt, ruhig mehrmals, damit es jeder hört, und dann, wenn der Beat steht, die Mannschaft mitnehmen, damit die ein furioses Stück abliefert.
Der mächtigste und mit rund 2,2 Millionen Euro pro Jahr höchstdotierte Aufsichtsrat Deutschlands, der die Kontrollgremien von Deutscher Telekom und ThyssenKrupp leitet, dem Gesellschafterausschuss von Henkel angehört und noch Mandate beim Energieriesen E.On und Sportwagenbauer Porsche hat, verkörpert den Prototyp eines neuen Aufsichtsstils.
Timotheus Höttges
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG
„Herr Lehner versteht es geschickt immer sympathisch zu vermitteln. Er kombiniert mit seiner analytischen Gabe und versteht es so, komplexe Zusammenhänge zu strukturieren, das ist oft entlarvend. Er stellt die Sache und niemals sich in den Mittelpunkt. Er ist immer für mich da und ansprechbar - das schätze ich sehr, genauso wie seinen rheinischen Humor.“
Werner Wenning
Aufsichtsratsvorsitzender E.On AG
„Ulrich Lehner liebt Klassik und Jazz, er spielt verschiedene Instrumente. Welche? Ich sag’s mal so: Wegen eines dieser Instrumente könnte man ihn den Woody Allen der deutschen Industrie nennen.“
René Obermann
Ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG
„Ulrich Lehner ist ein Meister darin, bei komplexen Themen die wesentlichen Dinge herauszuarbeiten und für Klarheit zu sorgen. Das ist eine seiner größten Stärken.“
Carsten Spohr
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa AG
„Es fällt leicht, sich Ulrich Lehner verbunden zu fühlen – und das nicht nur als dem Ruhrgebiet nahestehender Wirtschaftsingenieur. Er hat einen "präzisen" Humor, hat durch seinen parallelen Fokus auf Fakten UND Menschen Großartiges geleistet und ist in der deutschen und internationalen Wirtschaft hervorragend vernetzt – kurz gesagt, er ist eine der wirklich großen Führungspersönlichkeiten der deutschen Wirtschaft.“
Michael Sommer
ehemaliger DGB-Chef
„Ein absoluter Profi. Er weiß, was er will und sucht den Ausgleich. Die freundliche Art sollte man aber nicht mit mangelnder Durchsetzbarkeit verwechseln.“
Ingo Speich
Fondsmanager Union Investment
„Er polarisiert nicht, er stellt sich selbst nicht in den Mittelpunkt. Wenn Veränderungen anstehen, bemüht er sich, alle mitzunehmen, von den Mitarbeitern bis zu den Aktionären.“
August-Wilhelm Scheer
ehemaliger Präsident des Bundesverbandes Informationstechnik, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom)
„Im Beruf kann man delegieren, beim Jazz funktioniert das nicht. In einer Jazzband ist der Bassist der Tragende und die stabile Säule. Das gilt insbesondere auch für Ulrich Lehner.“
Reinhold Messner
Bergsteiger-Legende und Mitbegründer der Seilschaft „Similauner“
„Ulrich Lehner kommt die Berge sehr gut hoch. Er ist ein sehr lebendiger, streitbarer und mutiger Mann. Und beim Bergsteigen ist er ein besonders netter Kamerad. Wir sind ein kleiner Kreis von Freunden, die sich gegenseitig stützen und Mut machen.“
Lehner gilt als der Gegenentwurf zu den unnahbaren Herrschern wie einst Gerhard Cromme bei ThyssenKrupp oder Heinrich v. Pierer bei Siemens. Stattdessen gibt der Hobbymusiker den großen Dirigenten, der zuhört, argumentiert, diskutiert und den Konsens will. Große Investmentfonds und Vertreter von Kleinaktionären, Gewerkschafter und Konzernvorstände betrachten ihn deswegen als Idealbesetzung für heikle Kontrollposten.
Nicht aggressiv genug?
Gleichwohl stehen den Bewunderern diejenigen gegenüber, denen Lehner zu sehr den Konsensonkel und Vertreter einer neuen Deutschland AG mit persönlichem Filz anstelle scharfer Kontrolle repräsentiert. Für sie nehmen Aufsichtsratschefs seines Typs die Top-Manager nicht aggressiv genug ran und grätschen nicht konsequent dazwischen, wenn diese den Fokus auf die Rendite zu verlieren drohen.
Noch vor wenigen Jahren wäre Lehners Methode in deutschen Top-Konzernen undenkbar gewesen. Die großen, alten Männer der ehemaligen Deutschland AG, die sich durch Kapitalverflechtungen der Konzerne und Banken auszeichnete, handelten wie Autokraten. Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper etwa kungelte 1998 mit dem damaligen Daimler-Chef Jürgen Schrempp praktisch im Alleingang die Fusion mit dem US-Autobauer Chrysler aus, die neun Jahre später desaströs scheiterte.
Doch nach dem Zerfall der Deutschland AG vor gut zehn Jahren und dem Ausscheiden der alten Kempen änderte sich das. Inzwischen sorgt eine neue Riege Kontrolleure für ein neues Verständnis von Konzernaufsicht. Aus ihr ragt Lehner heraus. In gleicher Mission unterwegs sind aber auch Bayer-Chefkontrolleur Werner Wenning, seine Henkel-Kollegin Simone Bagel-Trah und Ex-Linde-Chef Wolfgang Reitzle, der den Reifenhersteller Continental beaufsichtigt. Sie alle stehen wie Lehner für Selbstbeschränkung, Teamgeist und den Willen, Konflikte sowohl im Aufsichtsrat als auch mit dem Top-Management zu lösen.
Skatrunde mit Werner Wenning, Hans-Michael Gaul und Sieghardt Rometsch
Auf diese Weise schmiedet Lehner eine Deutschland AG anderen Typs. Der Kitt, der ihre Mitglieder zusammenhält, ist nicht mehr das Aktienrecht, sondern das Persönliche und Informelle. So trifft sich Lehner vier Mal im Jahr mit Werner Wenning, Aufsichtsratsboss bei Bayer und E.On, zum Skat kloppen. Komplettiert wird die Runde vom früheren E.On-Finanzvorstand Hans-Michael Gaul und Sieghardt Rometsch, Vorsitzender des Aufsichtsrates beim Bankhaus HSBC Trinkaus & Burkhardt. Das Quartett, das sich mal bei Lehner im Wohnzimmer, mal bei Gaul im Garten einfindet, hat sich den Namen „GaWeLeRos“ gegeben.
Was an die spanischen Caballeros (Herren) erinnert, beinhaltet nichts anderes als die Anfangsbuchstaben der Nachnamen. „Lehner und ich sind eher auf der zahlenden Seite“, beschreibt Wenning die Runde. Geht es ums Fußball, dominiert dagegen der Bayer-Chefkontrolleur mit seiner Werkself: „Wenn Lehner von einer Sache keine Ahnung hat, dann ist es Fußball“, sagt Wenning augenzwinkernd.
Außerhalb der vier Wände verbindet sich Lehner mit Gleichgesinnten im Wege der körperlichen Ertüchtigung. An der Seite von Ex-BASF-Chef Jürgen Hambrecht überquerte er mit Rucksack, Steigeisen und Seil zwei Mal die Alpen, einmal von Norden nach Süden und einmal von Osten nach Westen. Die beiden gehören auch dem elitären Männerzirkel der Similauner an, die einmal pro Jahr unter Leitung von Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner durch die Alpen kraxeln.
Alpenüberquerung
Lehner hätte es wohl kaum zum Aushängeschild an die Spitze der Bewegung gebracht, verfügte er nicht über eine ziemlich einzigartige Mischung aus Erfahrung, Qualifikation, Instinkt und Bodenständigkeit.
Die Volkstümlichkeit verdankt Lehner seiner Herkunft. Am 1. Mai 1946 als eines von vier Kindern eines Holzhändlers im Düsseldorfer Arbeiterstadtteil Bilk geboren, lernt er anzupacken. Er schleppt Holz, später schreibt er Rechnungen. Verständnis für Industrie und Technik tankt der Kleinbürgerspross nach dem Abitur an der Technischen Hochschule Darmstadt, wo er Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau studiert. Nach nur vier Jahren schließt er 1972 sein Studium mit einer Diplomarbeit über die „Auswirkung der Dienstdauervorschrift der Bahn auf Eisenbahnunfälle“ ab. „Ich bin damals schon ein ziemlich flotter Student gewesen“, sagt er. Und die Tiefen von Konzernbilanzen und Steuerrecht lernt Lehner nach einer kurzen Zeit als Uni-Assistent bei der Deutschen Treuhand-Gesellschaft in Düsseldorf kennen. Dort lässt er sich zum Steuerberater ausbilden und macht zwei Jahre danach noch den Abschluss als Wirtschaftsprüfer.
Aufsichtsratschef Gerhard Cromme (70) hat bei Thyssen-Krupp seinen Hut genommen – die Rückendeckung des 99-jährigen Firmenpatriarchen und Ehrenvorsitzenden Berthold Beitz war abhanden gekommen. In der Diskussion um die Nachfolge fallen Namen, die in der Welt der Aufsichtsräte wohl bekannt sind.
Aktionärsschützer sprechen sich für einen externen Kandidaten als Nachfolger bei Thyssen-Krupp aus. Dieser könne einen wirklichen Neuanfang bei dem von Milliarden-Verlusten, Kartellverfahren und Personalquerelen erschütterten Traditionskonzern verkörpern, sagte ein Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.
Zu den möglichen Nachfolgern zählt Ulrich Lehner, Ex-Henkel-Chef und Vorsitzender des Gesellschafterausschusses des Chemie- und Waschmittelkonzerns. Der 66-Jährige ist bereits Mitglied des Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat und hat damit auch eine Teilverantwortung an den großen Fehlinvestitionen des Stahlkonzerns in USA und Brasilien getragen. Lehner ist nicht unterbeschäftigt: Er ist Aufsichtsratschef der Telekom und kontrolliert den Energiekonzern Eon und den Sportwagenhersteller Porsche.
Kritisiert worden war Lehner jüngst unter anderem dafür, dass er als Mitglied des Verwaltungsrats des Schweizer Pharmakonzerns Novartis eine 58-Millionen-Euro Prämie für den scheidenden Vorsitzenden Daniel Vasella verabschiedet hatte. Vasella hatte schließlich auf öffentlichen Druck auf öffentlichen Druck auf die Zahlung verzichtet.
Foto: APDer ehemalige Präsident des BDI, Hans-Peter Keitel, gilt ebenfalls als Nachfolgekandidat für Cromme bei Thyssen-Krupp. Er ist 65 Jahre alt und war bis 2007 Chef des Baukonzerns Hochtief. Er sitzt 2010 im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp.
Foto: dpaMit dem Rückzug Crommes bei Thyssen-Krupp gerät auch seine Zukunft als Aufsichtsratschef bei Siemens ins Wanken. Der Münchener Mischkonzern rumort und ein Name kursiert als möglicher Nachfolgekandidat: Wolfgang Reitzle. Der Vorstandschef beim Industriegase-Konzern Linde hat bereits klar gemacht, seinen Vorstandsvertrag nicht zu verlängern und nicht in den Aufsichtsrat wechseln zu wollen. Die Industrieexpertise gilt als Pluspunkt des 64-Jährigen.
Foto: dpaBei Linde wird Reitzle vom Aufsichtsrat unter der Führung von Manfred Schneider überwacht. Der ehemalige Chef des Chemie-Konzerns Bayer ist 74 Jahre alt und weiter einer der meist gefragten Aufsichtsräte in Deutschland. Außer bei Linde ist er auch Aufsichtsratschef vom Energiekonzern RWE.
Foto: dapdAuch ein anderer, bestens verdrahteter Manager, gilt laut Frankfurter Allgemein Zeitung als Cromme-Nachfolgekandidat bei Siemens: Josef Ackermann. Der 65-Jährige ehemalige Deutsche-Bank-Chef ist derzeit Verwaltungsratspräsident des Versicherers Zurich Insurance.
Foto: dpaMit einer Ausnahmeregel bei der Altersgrenze soll auch BMW-Chefkontrolleur Joachim Milberg (69) weitermachen dürfen. Das Unternehmen stehe vor großen Herausforderungen, ein geeigneter Nachfolger sei nicht in Sicht, lautet die Begründung.
Foto: APBei der Commerzbank wacht Ex-Vorstandschef Klaus-Peter Müller über die Amtsführung von Vorstandschef Martin Blessing. Er ist 68 Jahre alt und auch Vorsitzender der Regierungskommission für gute Unternehmensführung.
Foto: APDer ehemalige Finanzvorstand der Allianz, Paul Achleitner, hat sich noch diesseits des Pensionsalter für eine Karriere als Aufsichtsrat entschieden. Der 56-Jährige ist Chefaufseher der Deutschen Bank und sitzt in den Aufsichtsräten von Bayer, Daimler und RWE.
Foto: dpa
Das Entree in die Top-Aufsichtsratsszene resultiert jedoch aus der Zeit beim Düsseldorfer Chemie- und Konsumgüterhersteller Henkel (Pril, Pritt, Persil), wo Lehner 1981 im Alter von 35 Jahren als Leiter Beteiligungen Inland seine Karriere beginnt. Nach einem Exkurs von drei Jahren bei der Friedrich Krupp GmbH in Essen kehrt er 1986 zurück und tritt nach einigen Stationen im Jahr 2000 die Nachfolge von Hans-Dietrich Winkhaus an der Konzernspitze an. Als er diese nach acht Jahren verlässt, hat er den Konzern internationalisiert, wie es keinem anderen Dax-Konzernchef gelang.
Ausgewogenes Geschäftsmodell und regionale Präsenz
Henkel verfügt mit dem Konsum- und dem Industriegeschäft über zwei starke Säulen, die das Unternehmen auch in konjunkturschwachen Zeiten vergleichsweise krisenresistent gemacht hat und weiterhin machen dürfte. Auf der einen Seite die allseits bekannten Marken wie Persil, Pril oder Schwarzkopf für die Konsumenten, andererseits das stark industrielastige Klebstoffgeschäft. Zudem ist es Henkel über die Jahre gelungen, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Präsenz in den gesättigten, westeuropäischen Märkten und den wachstumsstärkeren, aber auch volatileren Wachstumsregionen wie Afrika, Lateinamerika oder Asien aufzubauen. 43 Prozent der Henkel-Konzernerlöse werden in den Wachstumsregionen erzielt.
Foto: dpaMarkenpolitik
Fokussierung auf die starken Top-Brands und Reduzierung der Markenanzahl in den letzten Jahren von rund 1000 auf weit unter 400. Das ermöglicht einen effizienteren Einsatz von Marketingmitteln. Bis 2016 sollen die Top 10-Marken rund 60 Prozent des Gesamtumsatzes erzielen. 2012 waren es rund 46 Prozent. Um seine Innovationsfähigkeit stärker an der wachsenden Kundenbasis in den Wachstumsregionen auszurichten, wird Henkel sieben neue Forschungs- und Entwicklungszentren in Pune (Indien), Seoul (Korea), Dubai, Moskau (Russland), Johannesburg (Südafrika), São Paulo (Brasilien) und Toluca (Mexiko) errichten.
Foto: dpaProfitabilität
In den vergangenen Jahren ist es dem Düsseldorfer Konsumgüterkonzern gelungen die Effizienz konstant zu verbessern und die Margen kontinuierlich zu steigern. So stieg etwa die konzernweite, bereinigte Ebit-Marge von 10,3 in 2008 auf 15,4 Prozent im Jahr 2013. Im laufenden Jahr erwartet Henkel die bereinigte Ebit-Marge bei etwa 15,5 Prozent.
Foto: dpaFinanzielle Stärke
Henkel ist es im vergangenen Jahr weiter gelungen, die Nettofinanzposition zu verbessern. So verfügt Henkel statt einer Nettoverschuldung über eine Nettogeldanlage von 959 Millionen Euro. Das bietet Raum für weitere strategische Schritte.
Foto: dpaKlare Strategien und Ziele
Henkel verfügt über eine sehr klare Strategie und Ziele, die konsequent in die gesamte Organisation kommuniziert wurden. Jeder Mitarbeiter weiß daher genau, wohin die Reise geht und kann seinen Beitrag dazu leisten. In vielen Mitarbeiterversammlungen und Townhall-Meetings wird Konzernchef Kasper Rorsted nicht müde, die für 2016 formulierten Ziele transparent zu machen: Bis 2016 will Henkel seinen Umsatz auf 20 Milliarden Euro steigern, davon sollen 10 Milliarden Euro in den Wachstumsmärkten erzielt werden und für das bereinigte Ergebnis je Vorzugsaktie (EPS) wird bis 2016 im Durchschnitt ein jährliches Wachstum von 10 Prozent angestrebt. Zwischen 2008 und 2012 war es ihm bereits gelungen, alle seinerzeit formulierten Ziele punktgenau abzuliefern.
Foto: dpa
Im Stil des Düsseldorfer Familienkonzerns, Konflikte im Stillen und ohne Krawall beizulegen, regiert Lehner nun auch im Herzen der deutschen Industrie und kommt damit offenbar bei den meisten Akteuren an. Die deutsche Fondsgesellschaft Union Investment etwa, die Kundenvermögen in Höhe von rund 225 Milliarden Euro verwaltet, stimmte 2013 seiner Wiederwahl zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Telekom zu. Das war eine kleine Sensation. Denn Lehner verfügt über mehr als fünf Aufsichtsratsmandate, was gegen die internen Richtlinien vieler institutioneller Anleger verstößt.
Nachfolger von Gerhard Cromme
Union-Fondsmanager Ingo Speich erklärt sein positives Votum nicht nur damit, dass Lehner signalisiert habe, die Zahl seiner Mandate zu reduzieren. Für Speich zählt vor allem, dass Lehner bei den deutschen Unternehmen „einen guten Job“ mache. Bei ThyssenKrupp etwa sei für die Nachfolge Crommes „niemand außer Lehner ernsthaft“ infrage gekommen. „Er polarisiert nicht, er stellt sich selbst nicht in den Mittelpunkt. Wenn Veränderungen anstehen, bemüht er sich, alle mitzunehmen, von den Mitarbeitern bis zu den Aktionären“, sagt Speich.
Ähnlich argumentieren die Verwalter der Fondsgesellschaften des Versicherungskonzerns Allianz (AGI), die 373 Milliarden Euro Kundenvermögen verwalten. Sie setzten sich ausdrücklich über das Votum des US-Aktionärsberaters Institutional Shareholder Services hinweg, die Fondsmanagern empfohlen hatte, gegen die Wiederwahl Lehners in den Telekom-Aufsichtsrat zu stimmen.
Künftig soll das reine Stahlgeschäft wie etwa die Produktion von veredelten Blechen für die Automobilindustrie nur noch 30 Prozent des Konzern-Geschäfts ausmachen. Dennoch bleiben Blechrollen wie diese ein Kernprodukt.
Foto: PRRolltreppen und Fahrsteige – etwa in Flughafen-Terminals – gehören ebenfalls zum ThyssenKrupp-Produktspektrum. Dieses Foto ist in einem Essener Einkaufszentrum aufgenommen worden.
Foto: PRAllen Negativ-Schlagzeilen zum Konzern trotzt das Aufzuggeschäft von ThyssenKrupp. Vor allem starke Absatzzuwächse in Asien erfreuen das Unternehmen. Das Bild zeigt ein System mit zwei Kabinen in einem Aufzugschacht beim Einbau in der Essener Konzernzentrale Anfang 2010.
Foto: PRFür die Automobilindustrie bietet ThyssenKrupp auch den Aufbau von Anlagen, die etwa automatisch Fahrwerke oder andere Komponenten einbauen.
Foto: PRThyssenKrupp setzt vermehrt auf Planung und Bau ganzer Chemie- und Industrieanlagen. Im Bild ein Zementklinkerwerk im Senegal.
Foto: PRDieses Schaufelradladgeärt steht im Hafen von Rotterdam und wird zur Verladung von Eisenerz eingesetzt. Geliefert wurde es von der ThyssenKrupp-Sparte „Plant Technology“.
Foto: PRGroßwälzlager von ThyssenKrupp kommen etwa in Kränen zum Einsatz, die schwere Lasten bewegen.
Foto: PRDas umstrittene US-Werk, das ThyssenKrupp inzwischen verkauft hat, stellt aus sogenanntem Warmband feines Blech, etwa für die Autoindustrie her.
Foto: PRDer Handelsschiffbau – hier in Kiel bei HDW – gehört nicht mehr zum Thyssen-Krupp-Konzern. Im Jahr 2009 war der Abschied von der Sparte verkündet worden – jetzt baut ThyssenKrupp nur noch Marine-Schiffe.
Foto: PRDie U-Boot-Werft der schwedischen Tochter Kockums hat der Essener Mischkonzern inzwischen an den Rüstungskonzern Saab verkauft. Weiter betriebt der Konzern die Tochter ThyssenKrupp Marine Systems GmbH (TKMS), die Marineschiffe baut.
Foto: PREin Blick in die Historie: Das Bild zeigt den Bau eines Magnetschwebezugs Typ „Transrapid“ im Jahr 2002 im Kasseler Werk des Konzerns. Das einstige Vorzeigeprojekt ist nur einmal kommerziell zum Einsatz gekommen – bei der Verbindung des Flughafens von Shanghai mit der Stadt.
Foto: PRDie „Dicke Bertha“ wurde von Krupp entwickelt – hier ein Modell. Die Kanone kam im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz.
Foto: PRDie Darstellung aus dem Firmenarchiv zeigte eine hydraulische 5000-Tonnen-Schmiedepresse in der Krupp-Fabrik in Essen.
Foto: PRWenn der sprichwörtliche „Dampfhammer“ kreist, geht es heiß her. Dieser tatsächliche Dampfhammer „Fritz“ galt in den 1860er-Jahren als technologischer Durchbruch. Die von Alfred Krupp entwickelte Maschine wurde zum Schmieden großer Gussstahlteile benutzt und blieb 50 Jahre im Dienst.
Foto: PR
Keine Frage, Lehners Konsensstrategie ist für hartgesottene angelsächsische Wadenbeißer höchst gewöhnungsbedürftig. Er sei zutiefst von der Kraft der besseren Argumente überzeugt, berichten Aufsichtsratskollegen aller Couleur. Festgefahrene Diskussionen entspanne er mit einer witzigen Bemerkung. Dass er mal wütend mit der Faust auf den Tisch haut, hat noch keiner erlebt.
Zutiefst von der Kraft der besseren Argumente überzeugt
„Herr Lehner versteht es geschickt, immer sympathisch zu vermitteln“, sagt Timotheus Höttges, Vorstandschef bei der Deutschen Telekom. „Er kombiniert mit seiner analytischen Gabe und versteht es so, komplexe Zusammenhänge zu strukturieren, das ist oft entlarvend. Er stellt die Sache und niemals sich in den Mittelpunkt.“
Ins gleiche Horn stößt Höttges’ Vorgänger Obermann. Lehner sei „ein Meister darin, bei komplexen Themen die wesentlichen Dinge herauszuarbeiten und für Klarheit zu sorgen“. Das sei „eine seiner größten Stärken“. Gemeinsam mit Lehner sitzt der ehemalige Telekom-Chef inzwischen in den Aufsichtsräten von E.On und ThyssenKrupp.
Lehner selbst sieht seine Hauptaufgabe als Chefkontrolleur darin, die richtigen Talente für Vorstand und Aufsichtsrat zu finden. Ein gut zusammengesetzter Aufsichtsrat ist für ihn „ein Kollektivorgan“. Die früher übliche Blockbildung zwischen Kapital- und Arbeitnehmerseite ist ihm ein Gräuel. Zufrieden ist Lehner dann, wenn sich „alle Talente vernünftig und offen“ einbrächten. „Jeder muss zu Wort kommen – am besten ehrlich und unpolitisch.“
Skepsis bei ThyssenKrupp
Aus der Verantwortung für das operative Geschäft entlässt Lehner die Manager mit seiner Arbeitsweise nicht. „Baustellenleiter ist der Vorstand“, sagt er. „Der Aufsichtsrat überwacht nur den Baustellenleiter.“ Damit signalisiert Lehner offenbar für jedermann erkennbar, dass sein Wort am Ende gilt. „Die freundliche Art sollte man aber nicht mit mangelnder Durchsetzungsfähigkeit verwechseln“, sagt der ehemalige DGB-Chef und langjährige Telekom-Aufsichtsrat Michael Sommer.
Trotzdem steht Lehner auch in der Kritik, stößt seine Methode, mit allen Akteuren so lange zu diskutieren, bis die sich auf eine einheitliche Linie einschwören lassen, an Grenzen. Skepsis erntet der Rheinländer etwa bei ThyssenKrupp. „Cromme verkörperte Leadership, bei Lehner vermissen wir das manchmal“, sagt ein Manager, der nicht genannt werden will. „Wenn wir Cromme überzeugt hatten, zog er das auch durch.“
Nur ein Patzer bei der Telekom
Bei der Telekom gab Lehner offenkundig zu sehr der Bundesregierung nach, die die ehemalige baden-württembergische Kultusministerin Marion Schick (CDU) als Personalchefin wollte. „Das war ein grober Patzer“, sagt ein Betriebsrat. Schick warf nach nur zwei Jahren im April hin. Nun hat er einen „richtigen Auswahlvorgang“ in Gang gesetzt, bei dem seit mehr als einem halbem Jahr Headhunter weltweit nach geeigneten Kandidaten suchen.
Richtig in die Schusslinie geriet Lehner aber wegen zu großer Nähe zum früheren Chef des Schweizer Pharmakonzerns Novartis, Daniel Vasella. Als Mitglied im Verwaltungsrat genehmigte Lehner Anfang 2013 Vasella als Abfindung die phänomenale Summe in Höhe von 72 Millionen Franken (rund 60 Millionen Euro). Lehner wurde ein enges Verhältnis zu Vasella nachgesagt. Der Skandal wuchs sich zur Peinlichkeit für Lehner aus, weil er das Abschiedsgeschenk mit dem sechsjährigen Verbot für Vasella rechtfertigte, bei einem Konkurrenzunternehmen anzuheuern. Vasella dagegen entschied sich, dem öffentlichen Druck nachzugeben und auf das Geld zu verzichten.
Ein hartes Machtwort wäre auch beim Bielefelder Oetker-Clan vielleicht angebracht gewesen. An ihm biss sich Lehner als einer von vier familienfremden Beiratsmitgliedern die Zähne aus. Anlass war der Streit der beiden Familienzweige um die Macht, der Ende vergangenen Jahres bei der Frage der Nachfolge von Konzernchef August Oetker eskalierte. Im Zuge dessen gelang es Lehner nicht, die Sippe zu einer Fusion der hauseigenen Reederei Hamburg Süd mit dem Konkurrenten Hapag-Lloyd zu bewegen, die beide Unternehmen auf den Weltmeeren gestärkt hätte. Lehner legte Mitte des Jahres sein Amt im Oetker-Beirat nieder.
Selbst als Aufsichtsrat von Porsche muss Lehner sich fragen lassen, ob er dort unabhängig genug von den Eigentümerfamilien Piëch/Porsche agiert hat. Denn möglicherweise droht ihm nun eine Anklage wegen Beihilfe zur Marktmanipulation im Zuge der geplanten VW-Übernahme durch Porsche. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass auch die Kontrolleure von den Übernahmeplänen gewusst und sie gegenüber Aktionären verschleiert haben. Lehner allerdings hält die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft für unbegründet.
Und auch die Fondsgesellschaften wollen ihr Vertrauen in Lehner nicht als Blankoscheck für alle Ewigkeit verstanden wissen. „So viele Ämter innezuhaben ist sehr fordernd. Das kann nur eine Übergangslösung sein“, sagt Fondsmanager Speich.
Lehner selbst sieht keine Gefahr, sich mit den vielen Mandaten zu übernehmen. Auch der deutsche Corporate Governance Kodex für gute Unternehmensführung gibt für Berufsaufsichtsräte keine Empfehlungen. Der Verzicht auf seine Jobs bei Novartis und Oetker wäre aus seiner Sicht gar nicht notwendig gewesen, sagt er. „Da bin ich dem Ruf der Kapitalmärkte gefolgt.“
Viel zu tun
Um zu beweisen, dass in seinem ausgefüllten Leben noch Platz ist, zeigte Lehner der WirtschaftsWoche seinen Kalender. Die erste November-Woche sei durchaus „typisch“, sagt er. Montag und Dienstag: Reise nach Peking (als Präsident der Industrie- und Handelskammer Düsseldorf) mit dem neuen Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD). Mittwoch um 10.30 Uhr: Jour fixe mit dem Telekom-Chef Timotheus Höttges in der Henkel-Zentrale in Düsseldorf, danach Gespräch mit einem Headhunter, abends Kontrabass-Üben mit Wolf Doldinger. Donnerstag, 9.30 Uhr: Prüfungsausschusssitzung in Essen, 12.00 Uhr: Finanzausschuss in Düsseldorf, 14.30 Uhr: Sitzung des Kuratoriums der Gerda-Henkel-Stiftung. Die Woche klingt am Freitag um 9.00 Uhr mit einer Gremiensitzung aus. Am Wochenende sind „Joggen“ und „Enkel“ als fixe Termine eingetragen.
Wer Lehner bei der Arbeit beobachten will, muss ihn in seiner stattlichen Villa am nordöstlichen Stadtrand von Düsseldorf aufsuchen und darf den Blick auf das idyllische Pillebachtal genießen. Dort, in seinem Büro, parkt er acht iPads – für jeden wichtigen Posten und jedes Unternehmen, das er kontrolliert, eines. Jedes Gerät ist über eine sichere Leitung mit den Datenräumen der Firmen verbunden.
Kein Stab aus Zuarbeitern oder Assistenten
Stolz verweist Lehner darauf, dass er als einer der meistbeschäftigten deutschen Konzern-Controlletti keinen Stab aus Zuarbeitern oder Assistenten beschäftigt. Bis auf seine langjährige Sekretärin ist Lehner eine One-Man-Show. „Ich arbeite gern und brauche nicht viel Schlaf“, sagt er. Auch das Wochenende sei ihm nicht heilig. „Das ist meine Überschussreserve.“
Die nutzt er auch, um seine musikalischen Hobbys zu perfektionieren. Der Kontrabass kommt Lehners Persönlichkeit besonders entgegen, meint der bekannte Dirigent Dirk Joeres: „Er entspricht seinem Bedürfnis, den Dingen auf den Grund zu gehen und von dort aus eine für alles tragfähige Basis zu schaffen.“