ThyssenKrupp: Der tiefe Fall des Gerhard Cromme

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ThyssenKrupp: Der tiefe Fall des Gerhard Cromme

von Andreas Wildhagen

Einst war Gerhard Cromme gefeierter Star, beschimpfter Veränderer, kreativer Zerstörer der Stahlindustrie, Fusionstreiber und Goldjunge von Berthold Beitz. Alles Geschichte. Nur eine Frage bleibt noch offen.

Auch bei vielen Managerinnen war Gerhard Cromme nicht beliebt. Die alte Forderung nach mehr Weiblichkeit in den Führungsetagen und im obersten Kontrollgremium von ThyssenKrupp begegnete der Sohn eines Lateinlehrers mit dem Hinweis, der Aufsichtsrat sei kein Kaffeekränzchen. Dass der Abgang des 70-Jährigen ausgerechnet auf den Weltfrauentag fällt, ist zumindest eine amüsante Fußnote.

Der designierte Chef der Krupp-Stiftung, Stellvertreter von Berthold Beitz und Aufsichtsratsvorsitzende des Stahlkonzerns ThyssenKrupp, ist am Freitagnachmittag um 13.37 Uhr von all seinen Ämtern zurückgetreten. Aus und vorbei. Über die Gründe wurde in Kreisen der deutschen Industrie sofort spekuliert. Wenige Tage vor Crommes Rücktritt hatten Kripo, Bundespolizei und Bundeskartellamt Büros des Konzerns durchsucht. Die Beamten gingen Hinweisen nach, nach denen es massive Kartellabsprachen beim Karosseriestahl gegeben haben soll. Selbst loyale Manager bei ThyssenKrupp sind sich einig: Eine solche Razzia in der Herzkammer von ThyssenKrupp, dem Stahlwerk Duisburg-Bruckhausen, geschieht nur, wenn der Verdacht sehr schwer wiegt. ThyssenKrupp wurde bereits wegen Absprachen beim Schienenhandel und im Aufzuggeschäft abgestraft.

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Doch Schienen sind ein Randgeschäft bei ThyssenKrupp. Das Brot- und Butter-Geschäfts des Konzerns ist der Flachstahl. Die Duisburger walzen es für die Autoindustrie. Käufer sind Volkswagen, BMW und Mercedes. Hat ThyssenKrupp die Ikonen der deutschen Industrie durch Absprachen geschädigt? Dann hätte sich Cromme in der Tat nicht länger halten können.

Dabei gilt Cromme eigentlich als Teflon-Manager, einer, an dem alles abperlt und nichts hängen bleibt. Das war so bei Fehlinvestitionen in den USA und Brasilien, und bei Korruptionsvorwürfen bei ThyssenKrupp und bei Siemens, wo er ebenfalls den Aufsichtsrat leitet. Zuletzt wusste Cromme stets seinen Mentor Beitz im Rücken. Als der vor Weihnachten mitteilte: „Cromme bleibt“, war das eine Art Generalamnestie für den Manager.

Hat Beitz ihm nun nach der Razzia diese Gnade verweigert? Hat Cromme gar, entnervt von den neuen Verdachtsmomenten, die ThyssenKrupp demnächst in noch größere Negativschlagzeilen bringen könnten, das Handtuch und sämtliche Kleenex-Tücher geworfen, mit denen er sich in der Vergangenheit stets zu reinigen suchte? Gab das neuerlich in Auftrag gegebene Gutachten an die Anwaltskanzlei Freshfield Bruckhaus Deringer diesmal keine Entlastung für Cromme her? Oder reagierte Beitz nicht mehr auf das kolportierte Ansinnen von Cromme, Beitz noch zu dessen Lebzeiten in den Chefsessel der Stiftung zu folgen und Beitz zu deren Ehrenvorsitzenden zu machen?

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