Tauchsieder: Taktlose Gehälter?
Dirigent Kirill Petrenko tritt in Berlin die Nachfolge von Sir Simon Rattle an.
Foto: WirtschaftsWocheHerbert von Karajan ist und bleibt der größte Noten-Banker aller Zeiten. Der extravagante Dirigent hat die vier größten Musik-Konzerne gleichzeitig bespielt, stand als Chef- und Gastdirigent in Berlin, Wien, London den besten Orchestern der Welt vor, ließ sich zum König der Salzburger Festspiele krönen, versammelte von der Schwarzkopf bis zur Callas die größten Primadonnen der Welt um sich - und handelte mit jedem weiteren Auftritt, für jede weitere Plattenaufnahme und CD-Produktion immer neue, schwindelerregendere Fantasiegagen für sich aus. Als Karajan am 16. Juli 1989 starb, hinterließ er Privatjets, Yachten, Sportwagen - und ein geschätztes Vermögen von mehr als einer halben Milliarde Mark.
"Das Schwarzbuch. Die öffentliche Verschwendung 2017/18" wird vom Bund der Steuerzahler Deutschland herausgegeben.
Foto: dpaBayerns Landtagsabgeordnete klagten über fehlenden Durchblick - durch die Fenster ihres Landtags im Münchner Maximilianeum. Das 2014 und 2015 eingebaute "Goetheglas" war zwar historisch stilecht, aber den Abgeordneten nicht durchsichtig genug. Also wurde es wieder ausgebaut und durch modernes Glas ersetzt. Wie teuer der erste Fenstereinbau war, wollte der Landtagspräsident dem Bund der Steuerzahler nicht sagen.
Foto: dpaDie Stadt Hameln - bekannt durch die Legende vom Rattenfänger - hat die schutzwürdigen Bäume in ihren Ortschaften von einem Gutachter erfassen lassen und verkalkulierte sich dabei extrem. Statt 8500 Euro kostet das Gutachten jetzt unfassbare 130.000 Euro. Der Aufwand, aus rund 16.000 Bäumen die schützenswerten zu bestimmen, wurde völlig unterschätzt.
Foto: dpaAuf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise ab Sommer 2015 musste auch das Land Schleswig-Holstein kurzfristig zusätzliche Kapazitäten für die Erstaufnahme von zugewiesenen Migranten schaffen. Dazu hat man unter anderem rund 4200 Wohncontainer für 49 Millionen Euro und Einrichtungsgegenstände für mehr als 13,6 Millionen Euro angeschafft. Jetzt werden nur noch 340 Wohncontainer genutzt. 44 Container wurden bis Ende Juni 2017 verkauft – zu rund 25 Prozent des Einkaufspreises – und 900 Stück kostenlos an gemeinnützige Einrichtungen abgegeben. Auch für die Einrichtungsgegenstände fanden sich bislang kaum Käufer, ganze 150.000 Euro konnten eingenommen werden. Den Vorschlag des Bundes der Steuerzahler, die möglicherweise überhöhten Einkaufspreise durch die staatlichen Preisprüfer abklopfen und gegebenenfalls herabsetzen zu lassen, haben bislang weder das Land noch die Kommunen in Schleswig-Holstein aufgegriffen.
Foto: dpaDie vier Bundestags-Fraktionen (der alten Legislatur) erhalten für dieses Jahr insgesamt 88,1 Millionen Euro. Bis heute wurde die Frage, ob die Fraktionen einen solch hohen Bedarf an Steuermitteln wirklich benötigen, nicht beantwortet. Denn nachvollziehbare Bedarfs-Analysen zum notwendigen Umfang der Fraktionsfinanzierung gibt es nicht. Vielmehr entscheiden die Fraktionen im Rahmen der jährlichen Haushaltsberatungen über die Höhe ihrer Zuschüsse weitgehend selbst – basierend auf einem gesetzlich geregelten Erhöhungsautomatismus.
Foto: dpaDie Stadt Frankfurt am Main wollte eigentlich schon 2010 höhere Einnahmen mit der Nutzung von öffentlichen Werbeflächen durch Werbepartner erzielen. Die Kündigung der alten Verträge war aber nach Ansicht der Werbepartner nicht gültig. Die Stadt ließ sich das gefallen, ohne dagegen vorzugehen. Indem sie ab 2018 neue Verträge zu verbesserten Konditionen abschloss, akzeptierte sie die bisherigen ungünstigen Verträge. Ein Einnahmeausfall im zweistelligen Millionenbereich ist die Folge.
Foto: dpaZu einer gewaltigen Kostensteigerung kam es bei der Sanierung des Ehrenbürg-Gymnasiums in Forchheim. Aus einer zunächst geplanten lediglich energetischen Sanierung des Schulgebäudes wurde schließlich eine Komplettsanierung – mit entsprechenden Kostensteigerungen. Auch führten Mängel in Ausschreibung und Projektabwicklung zu mehrfachen Wechseln im Architekten- und Planungsteam. All dies zog weitere Mehrkosten nach sich, sodass man schließlich bei Gesamtkosten von rund 14,7 Millionen Euro angelangt ist. Ursprünglich waren 5,38 Millionen vorgesehen.
Foto: dpaDie Erweiterung der Gebäude des Deutschen Bundestages wird wegen eines Schadens an der Bodenplatte des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses deutlich teurer als geplant. Über den gesamten Zeitraum belaufen sich die Kosten hierfür auf 13,6 Millionen Euro. Statt wie geplant 2014 verzögert sich die Fertigstellung bis weit in die 19. Legislaturperiode, wodurch zusätzliche Kosten von 47 Millionen Euro für Ersatzbüros entstehen.
Foto: dpaEine 8,4 Millionen Euro teure Umgehungsstraße soll das ostfriesische Bensersiel an der Nordseeküste vom Durchgangsverkehr entlasten. Das konnte sie aber nur kurz, denn seit Monaten ist sie gesperrt. Die 2,1 Kilometer lange Strecke führt nämlich mitten durch ein europäisches Vogelschutzgebiet und ist deshalb für illegal erklärt worden. Möglicherweise muss die Straße auf Kosten der Steuerzahler wieder beseitigt werden.
Foto: dpaSchwarzbuch der Steuerzahler 2016
370.000 Euro hat das gekostet, was auf den ersten Blick eine Drohne zu sein scheint, die über dem hannoverschen Platz Kröpcke schwebt. Es ist aber eine Lichtinstallation, die der Bund der Steuerzahler als unangemessen einstuft. Es ist einer von zehn Fällen der Länder Niedersachsen und Bremen, die das Schwarzbuch 2016 aufführte. Die Luxusleuchten sind zwar mit eigener Heizung und Ultraschallanlage gegen Taubenkot ausgestattet, fallen aber in der Dunkelheit kaum auf.
Foto: dpaEin Mülleimer vom Typ "Toluca", aufgenommen in der Fußgängerzone in Leverkusen. Der Bund der Steuerzahler kritisierte 2016 die Anschaffungskosten in Höhe von 1258 Euro pro Tonne.
Foto: dpaKleines Häuschen, große Kosten. Der Bund der Steuerzahler bemängelte 2016 den ersten Pachtvertrag dieses Toilettenhäuschens in Ahrensburg. Die realen Kosten für die Stadt lagen laut des Bundes der Steuerzahler bei rund 30 Euro pro Nutzung.
Foto: dpaRund 137.000 Euro hätten den Steuerzahlern laut Schwarzbuch 2016 erspart bleiben können, wenn bei diesem Brückenneubau in Schwerins Innenstadt jemand festgestellt hätte, dass sich die Gleise auf unterschiedlichen Fahrbahnen befinden und nicht auf der Brücke treffen. Hat aber niemand. Das musste passieren, als es zu spät war.
Foto: dpaAuf einer der berühmtesten Straßen der Welt, der 5th Avenue in New York, besitzt die Bundesregierung einen hochwertigen Bürokomplex. Und nutzt ihn nicht. 80.000 Euro Kosten entstehen dem Staat dadurch jährlich, monierte der Bund der Steuerzahler im Schwarzbuch 2016. Vormals war hier das Goethe-Institut untergebracht, doch Mängel im Brandschutz, so das Schwarzbuch wären die Ursache, dass es seit 2009 leer steht. Ans Verkaufen denkt wohl auch keiner, nicht mal ein Wertgutachten sei erstellt worden, klagen die Steuerschützer.
Foto: REUTERSYachten und Motorboote sind teuer - Hafenanlagen steigen in den Baukosten. Gleich dreimal so hoch wie ursprünglich geplant sind die Kosten für das Areal in Teltow in Brandenburg, bemängelte der Bund der Steuerzahler 2016.
Foto: dpaDie Sanierung der Oper in Köln hat sich stark verzögert, dadurch wird es deutlich teurer. Der Bund der Steuerzahler bemängelte allein in Nordrhein-Westfalen mehr als 20 Fälle von Kostensteigerungen.
Foto: dpaVier gewinnt! Nein - sie verlieren. Sowohl die JVA Aichach, das Freilichtmuseum Glentleiten, das Staatstheater am Münchner Gärtnerplatz und das Chemikum der Universität Erlangen-Nürnberg kritisierte der Landesverband Bayern vom Bund der Steuerzahler in seinem "Schwarzbuch 2016" wegen Kostensteigerungen bei Baumaßnahmen.
Foto: dpaDiese Schulbushaltestelle in Ratzeburg in Schleswig-Holstein konnte wegen zu geringer Straßenbreite nicht genutzt werden, wie das Schwarzbuch 2016 monierte.
Foto: dpaEine Reise ins Nichts? Nicht ganz, denn sie endet auf der gegenüberliegenden Seite. Der vollautomatische betriebene Bahnübergang an der Bahnstrecke im Kamenzer Ortsteil Gelenau in Sachsen kostete 714.000 Euro, wie das Schwarzbuch 2016 monierte.
Foto: dpaIm April 2016 hat der Bundesrechnungshof Mängel bei der Vergabe von Rüstungsaufträgen durch die Bundeswehr kritisiert. 2012 habe sie 60 Millionen Euro für 30 Lenkflugkörper bezahlt, ohne vorher die Einsatzfähigkeit des Waffensystems für die Korvetten der Marine (im Bild) ausreichend zu prüfen. Ein Jahr später seien zwei Flugkörper bei der Einsatzprüfung ins Meer gestürzt. Eine Wiederholung des Tests habe mehrere Millionen Euro gekostet und ergeben, dass die Lenkflugkörper nur gegen Ziele auf See, aber nicht gegen Ziele an Land eingesetzt werden könnten.
Foto: dpaSo gesehen, hat Valery Gergiev noch reichlich Luft nach oben. Der neue Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, der am Donnerstag sein Debut mit Gustav Mahlers monströser Auferstehungssinfonie gab, hat russischen Presseberichten zufolge im Jahr 2014 rund 6,2 Millionen Euro eingenommen. Gergiev, Generaldirektor des St. Petersburger Mariinski-Theaters, ein erklärter Freund von Russlands Staatspräsident Vladimir Putin, soll zwei Luxusautos, sechs Wohnungen und 30.000 Quadratmeter Land sein eigen wissen.
Man muss es ihm daher hoch anrechnen, dass er seinen zweiten Chefposten beim London Symphony Orchestra (LSO) aufgegeben, eine seiner sehr zahlreichen Nebentätigkeiten nach München verlegt und sich für ein Kleingeld „sehr viel Zeit für die Philharmoniker reserviert“ hat (Gergiev im Interview mit der SZ). Sehr viel Zeit bedeutet: Gergiev wird mit den Münchnern 45 Konzerte dirigieren. Kleingeld heißt: Gergiev wird für jeden Auftritt 40.000 Euro, vielleicht 50.000, möglicherweise auch mehr kassieren.
Mag sein, dass sich die Pressestelle der Münchner Philharmoniker morgen meldet und meint, die Zahlen seien „aus der Luft gegriffen“. Das Problem ist: Sie sind es wirklich. Niemand weiß genau, wie viel Geld Gergiev für seine Dienste als Taktgeber eines Orchesters erhält, das von der Stadt mit 14 Millionen Euro jährlich bezuschusst wird und gerade mal ein Drittel seines Budgets aus eigenen Einnahmen bestreitet.
Nur so viel ist gewiss: Der Steuerzahler wird jede Eintrittskarte für Mahlers Zweite oder Schostakowitschs Vierte mit knapp 70 Euro bezuschussen. Ganz ähnlich sieht die Lage, jeder weiß es, bei den Berliner Philharmonikern (erwirtschaftet 64 Prozent seines Etats) und beim Gewandhausorchester in Leipzig (52 Prozent) aus, die in Kirill Petrenko und Andris Nelsons soeben zwei Ausnahmekönner verpflichtet haben. Politiker und Musikfreunde überbieten sich förmlich im Wissen darum, in welche ungeahnten Höhen Petrenko, Nelsons und Gergiev ihre Klangkörper führen werden, wie unermesslich viel sie künstlerisch wert sind. Nur was die drei kosten, das weiß niemand.
Wie strikt Spitzendirigenten auf ihren Stillhaltevereinbarungen pochen, zeigt das Beispiel Riccardo Chailly. Der derzeitige Chef des Gewandhausorchesters hat vor einigen Jahren damit gedroht, den Stab niederzulegen, falls sein Gehalt publik würde. Damals hatte das sächsische Landesrechnungsamt moniert, dass die Gagen des Maestros bei weitem das Salär des Oberbürgermeisters überträfen.
Auch die Hotel-Suite, die der Italiener bei seinen Gastspielen in Leipzig Berichten lokaler Medien zufolge bewohnt (Listenpreis: 810 Euro), war schon Anlass für Diskussionen. Zu einem Ende der Gagen-Heimlichtuerei aber haben die Debatten nicht geführt. Im Gegenteil. Die Angst davor, dass Chailly Leipzig vorzeitig den Rücken kehren könnte, war seither größer denn je.
Schon einmal, bei der Oper im spanischen Valencia, war Chailly wegen einer Indiskretion aus seinem Vertrag ausgestiegen - eine Million Euro jährlich hin oder her. Nun - Leipzig den Rücken gekehrt hat Chailly jetzt trotzdem. Erst verlängerte er im Sommer 2013 seinen Vertrag bis 2020 („Die Ehe ist glücklich! Ich bin so begeistert in Leipzig wie am ersten Tag!“) - jetzt lässt er sein Gewandhausorchester bereits ab 2016 im Regen stehen, weil es ihn nach Mailand an die Scala und nach Luzern zum Sommerfestival zieht.
Die Heimlichtuerei in Berlin, der mutmaßliche Luxusvertrag von Gergiev in München und die Kapriolen in Leipzig - das alles sind Phänomene eines Musikbetriebs, der sich hinter der Fassade der „Hochkultur“ radikal kommerzialisiert hat und einer Handvoll Weltklasse-Dirigenten eine Verhandlungsposition einräumt, die nur noch vergleichbar ist mit der von herausragenden Fußball-Spielern. Mag sein, dass der belgische Nationalspieler Kevin De Bruyne beim VfL Wolfsburg unter Vertrag steht - er wechselt dennoch zu Manchester City. Mag sein, dass Riccardo Chailly in Leipzig glücklich ist - in Mailand will er sich halt noch ein bisschen glücklicher fühlen.
Neu daran ist nicht, dass Pultstars zum Zwecke der individuellen Profitmaximierung musizieren - Herbert von Karajan, wie gesagt, lässt grüßen, auch Lorin Maazel, der für seine zuweilen genial flüchtigen Dirigate bis zu 120.000 Euro kassiert haben soll. Neu ist auch nicht, dass sich zunehmend viele Spitzendirigenten keinem Orchester mehr verpflichtet, sich an keinen Vertrag gebunden fühlen - und sich für kapellmeisterliche Kärrnerarbeit zu schade sind, die ihnen Zeit raubt fürs lukrative Jet-Set-Geschäft.
Neu ist vielmehr, dass Kulturdezernenten und Intendanten in Großstadtkommunen sich einer Handvoll Top-Dirigenten an den Hals werfen (müssen), um sich von ihnen die Bedingungen diktieren zu lassen - während gleichzeitig in Deutschland Orchester fusioniert und abgewickelt werden.
Neu ist zweitens, dass „Kultur“ heutzutage begründungspflichtiger denn je ist - erst recht, seit die Politik unter „Bildung“ nur noch den Aufbau von funktionsintelligentem Humankapital versteht. Es stimmt schon: In Deutschland leben zunehmend viele junge Menschen, die es durchaus nicht als Mangel begreifen, dass sie womöglich keinen einzigen „Don Giovanni“ in ihrem Leben gesehen haben werden.
Muse: Animals
Auf dem jüngsten Album „The 2nd Law“ beschreibt Muse-Sänger und –Komponist Matthew Bellamy mit „Animals“ die Rücksichtslosigkeit des Finanzsystems. Der Text ist eine ironische Aneinanderreihung von Börsenweisheiten, inklusive des berüchtigten „Buy, when blood is on the street.“ Das Lied endet mit der Aufforderung „Kill yourself Come on and do us all a favour“, gefolgt von der Geräuschkulisse des New Yorker Börsenparketts.
Foto: APPink Floyd: Money
Das Album “The Dark Side of the Moon” von 1973 ist das erfolgreichste der legendären Art-Rock-Band Pink Floyd (hier Gitarrist Roger Waters bei einem Konzert 2013 in Bukarest). In „Money“, das mit dem rhythmischen Klappern einer Ladenkasse beginnt, werden die Freuden des Reichtums, aber auch seine Vergänglichkeit und die Verderbtheit der Gier besungen: „Money it’s a gas“, das Geld ist ein Gas – und dringt in alle Ritzen der menschlichen Existenz ein. Der Satz ist ein Zitat des französischen Denkers Gilles Deleuze
Foto: APerJanis Joplin: Mercedes Benz
Die große und erste weiße Meisterin des rauchigen Blues brachte zum Ausdruck, was Millionen träumen: „Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz ? My friends all drive Porsches, I must make amends. Worked hard all my lifetime, no help from my friends, So Lord, won't you buy me a Mercedes Benz ?” Deutsche Luxus-Autos waren auch unter amerikanischen Rock-Größen der rebellischen 1960er Jahre stets ein Hit.
Foto: dpaThe Beatles: Taxman
Der von George Harrison (links) komponierte Eröffnungssong des Beatles-Albums „Revolver“ (1966) war eine offene Kritik an den hohen Steuern der damaligen britischen Labour-Regierung unter „Taxman“ Harold Wilson: „If you drive a car, I'll tax the street. If you try to sit, I'll tax your seat. If you get too cold I'll tax the heat. If you take a walk, I'll tax your feet” Das Thema hat natürlich nie an Aktualität verloren, oder wie Harrison einmal sagte: „There’s always a taxman“.
Foto: dpaABBA: Money, Money, Money
Auch die beiden schwedischen Ehepaare versetzten sich in die Rolle des “kleinen Mannes: „I work all night I work all day to pay the bills I have to pay. Ain't it sad
and still there never seems to be a single penny left for me.” Die Welt des reichen Mannes, in der es lustig zugeht, hatten Benni und Anni-Frid, Agneta und Björn, damals – 1976 - schon längst am eigenen Leib erfahren.
The Smiths: Paint a vulgar picture
Die “Smiths” waren eine der stilbildenden Bands der 1980er Jahre. Ihr Sänger Morrissey (im Bild während eines Konzert im Januar 2013) inszeniert sich bis heute gerne als einsame Künstlernatur, der dem Treiben der Welt distanziert gegenübersteht. In seinem Smiths-Song „Paint a Vulgar Picture“ kritisiert er die Ausbeutung eines toten Sängers durch eine geldhungrige Plattenfirma: “At the record company meeting. On their hands - a dead star. And oh, the plans they weave. And oh, the sickening greed.” Ja, wenn die krank machende Gier nicht wär!
Foto: APbDire Straits: Money for Nothing
Der größte Hit der Dire Straits von 1985 ist eine ironische Auseinandersetzung mit dem Musik-Geschäft. Er ist aus der Perspektive eine einfachen Menschen gesungen, der sich darüber empört, dass Rockstars „Geld für nichts“ bekommen und „Chicks for free“ obendrein. Komponist und Sänger Mark Knopfler behauptete, das Lied sei entstanden, nachdem er das Gespräch zweier Arbeiter in einem Plattenladen belauscht habe.
Foto: dpaCyndi Lauper: Money Changes Everything
In den 1980er Jahren war die New Yorkerin Cyndi Lauper neben Madonna der Inbegriff der schrill-frechen Frau. Einer ihrer größten Erfolge – „Money Changes Everything“ von 1984 – war eine Cover-Version der ziemlich unbekannt gebliebenen Band „The Brains“. Er dreht sich um die traurige Erkenntnis, dass Beziehungen oft zerbrechen, wenn der eine besonders viel oder besonders wenig Geld hat.
Foto: dpaThe Who: Young Man Blues
Die britische Band um den legendären Windmühlenflügel-Gitarristen Pete Townshend (rechts) und Sänger Roger Daltrey (links) hat selten anderer Leute Lieder gespielt. Den „Young Man Blues“ des Jazz-Sängers Mose Allison findet man auf ihrem Album „Live at Leeds“ von 1970. Er ist eine Klage darüber, dass die Welt alten, reichen Männern gehört (Townshend ist 68, Daltrey 69, beide sicher nicht verarmt) - und nicht jungen starken Männern.
Foto: dpaPatti Smith: Free Money
Die in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene „Godmother of Punk“ erzählt in „Free Money“ (auf dem Debut-Album „Horses“ von 1975) von der Lieblingsfantasie ihrer Mutter, die sich allabendlich vorstellte, was sie mit einem Millionengewinn beim Lotto anfangen würde. Der Witz dabei ist, so erzählte Smith einmal, dass ihre Mutter nie Lotto gespielt hatte.
Foto: dpaUmso wichtiger wäre, dass die „kulturelle Fraktion“ endlich raus aus der Defensive kommt und die (vor allem auch nicht-ökonomische!) Bedeutung von „Kultur“ als Medium unterstreicht, durch das Menschen über Generationen hinweg mit sich selbst im Gespräch bleiben. Wo sind die Claus Peymanns, die einem als Politiker getarnten Kultur-Controller sagen: „Wir kriegen von der öffentlichen Hand nicht zu viel, sondern viel zu wenig Geld“? Und umgekehrt: Wo sind die Kulturpolitiker, die sich darauf verständigen, vertragsbrüchigen Maestros mit Allmächtigkeitsgedanken künftig die Tür zu weisen?
Ihren absurdesten Ausdruck nimmt die Ökonomisierung einer auf wenige Pultstars fokussierte Klassik-Branche fraglos in Rankings an, zu deren Anfertigung sich, man glaubt es kaum, auch Musikkritiker herabwürdigen lassen. Das jüngste Ranking, vor gut zwei Wochen veröffentlicht, kommt allen Ernstes zu dem Schluss, dass es sich etwa bei der Berliner Staatskapelle von Daniel Barenboim um das „sechstbeste Orchester der Welt“ (gleichauf mit dem LSO aus London…) und bei Yannick Nezet-Seguin um den „neuntbesten Dirigenten der Welt“ handelt. Tiefer kann Hochkultur nicht fallen.
Bemerkenswert an diesem Ranking ist: Wenn fünf der „Top-10“-Orchester in Deutschland beheimatet sind… Wenn sieben der „Top-10“-Dirigenten in Deutschland ihren künstlerischen Schwerpunkt haben… Wenn viele große deutsche Rundfunkorchester, das Deutsche Symphonie-Orchester, die Münchner Philharmoniker und die Bamberger Symphoniker auf dieser Liste fehlen…
Wenn noch dazu auf dieser Liste nicht die Namen von, sagen wir: Paavo Järvi, Alan Gilbert, Michael Tilson Thomas, Fabio Luisi, Pierre Boulez, Tugan Sokhiev, Ivan Fischer (oder Valery Gergiev!) auftauchen - dann deutet das erstens darauf hin, wie einzigartig breit die Spitze der Musikkultur in Deutschland ist. Und zweitens darauf, dass die Einzigartigkeit von Spitzendirigenten in vielen Fällen so einzigartig gar nicht ist.
Natürlich, ein großer Name mit internationaler Reputation ist wertvoll für jede Stadt. Simon Rattle, Valery Gergiev und Andris Nelsons sind nicht nur Publikumsmagneten und kommunale Kulturbotschafter. Sie ziehen auch das Interesse der Musikindustrie auf sich und halten Sponsoren bei der Stange, die sich einem Premiumprodukt verbunden wissen wollen. Sie locken die besten Solisten und Komponisten an, sie produzieren die attraktivsten CDs, sie füllen auch bei lukrativen Auslandstourneen die Säle - was wiederum das Interesse der Musikindustrie und Sponsoren weckt…
Im günstigsten Fall, wie mit Rattle in Berlin und Chailly in Leipzig, können Dirigenten Klangkörper als Weltmarke erhalten, etablieren, weiterentwickeln - als Weltmarken, die Städte profilieren. Für jeden Euro zum Beispiel, den die Stadt Leipzig in sein Gewandhausorchester investiert, hat Intendant Andreas Schulz ausrechnen lassen, fließen 2,43 Euro nach Leipzig zurück (Übernachtungen, Restaurants).
Auch deshalb ist ein offener Umgang mit den Gehältern von Dirigenten überfällig. Jeder Berliner, Münchner und Leipziger muss wissen, was Simon Rattle, Valery Gergiev und Andris Nelsons ihn an einem Abend kosten - nur so kann er wirklich eventuell bestehende Vorurteile abbauen sich eine valide Meinung darüber bilden, ob die Maestros ihr Geld (für ihn selbst, für den Erhalt der „Kultur“, für die Stadt) tatsächlich wert sind - finanziell, aber auch künstlerisch.
Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob Rattle mit den Berliner Philharmonikern 74 Konzerte (zehn Opernaufführungen inklusive) bestreitet, Gergiev mit den Münchner Philharmonikern hingegen nur 45. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ein Dirigent mit einem Orchester arbeitet oder mit zweien oder dreien, ob er nebenher weitere Verpflichtungen hat - und wie viel Zeit er der Probenarbeit widmet.
Wer etwa weiß, dass, sagen wir: die Sensation eines neuen Strauss- oder Beethoven-Zyklus der Leipziger oder Berliner keine Sensation sein kann, weil den vielbeschäftigten Dirigenten gar keine Zeit zur seriösen Einstudierung des Zyklus bleibt - der wird die ordentlich bezahlten Musiker für ihre Leistung womöglich höher einschätzen als die hochbezahlten Dirigenten.
Auch unter Kulturpolitikern sollte die Einsicht reifen, dass das größte Kulturkapital der Deutschen in seiner weltweit einmaligen Orchesterlandschaft (rund 130 Klangkörper) besteht - und nicht in Dirigenten, die ihnen vorstehen. Diese haben nur deshalb zu tun, weil es es jene gibt - nicht umgekehrt. Diese können nur deshalb Kasse machen, weil die Deutschen sich mit ihrem Kulturbewusstsein jene erhalten. Höchste Zeit also, sich ehrlich zu machen. Ein Dirigent kann durchaus 50.000 subventionierte Euro am Abend wert sein. Aber seinen Wert taxieren lassen - das muss er schon.