Großbritannien: Wer hat Angst vor Boris Johnson?
Boris Johnson
Foto: dpaDie Nachricht schlägt wie eine Bombe ein. Boris Johnson neuer Außenminister - viele Briten reiben sich die Augen, Polit-Insider in London halten den Atem an, kübelweise wird in den sozialen Netzwerken Hohn und Spott vergossen.
Ob sich die neue Premierministerin Theresa May einen Gefallen tut, den unberechenbaren Querkopf ins Kabinett zu holen, bleibt abzuwarten. Doch ihre Strategie, wie sie im politischen Kampf in London und Brüssel bestehen will, tritt deutlich zutage.
„Brexit heißt Brexit“, heißt ihr neues Mantra. May wird nicht müde, ihren Slogan an den Mann zu bringen, es klingt wie eine Beschwörung - auch wie das Pfeifen im Walde, wenn jemand die eigenen Ängste vertreiben will.
Denn die Neue im Amt hat mit einem Nachteil zu kämpfen, einem Makel gar: Sie ist keine „Brexit-Frau“. Noch vor ein paar Wochen, im Wahlkampf, plädierte sie für den Verbleib in der EU. Jetzt muss sie ganz schnell zeigen, dass sie die Seiten wechseln kann. Der Rückgriff auf Johnson soll das Brexit-Lager in den eigenen Reihen beruhigen - eine Art Überlebensstrategie für May.
Premierministerin: Theresa May
Die neue britische Premierministerin Theresa May beginnt am Donnerstag mit der Regierungsarbeit. Ihre wichtigste Aufgabe sei der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit, sagte sie kurz nach ihrer offiziellen Ernennung durch Königin Elizabeth II. Es komme darauf an, „ein besseres Britannien bauen“. Mays Amtsvorgänger David Cameron war am Mittwoch zurückgetreten.
Foto: dpaHandelsministerium: Liam Fox
Der Brexit-Befürworter Liam Fox wird dafür verantwortlich sein, neue Handelsabkommen zu schmieden, nachdem Großbritannien die EU verlassen hat. Der 54-Jährige hatte eine Reihe von Regierungsämtern inne, darunter den Posten des Verteidigungsministers.
Foto: dpaAußenministerium: Boris Johnson
Der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson war eine Triebfeder in der Brexit-Kampagne. Für den 52-Jährigen ist es der erste Regierungsposten. Er gilt als extravagant. Allerdings dürfte Johnson vermutlich bei den Verhandlungen über das künftige Verhältnis Großbritanniens mit der Europäischen Union nur eine geringe Rolle spielen.
Foto: REUTERSBrexit-Ministerium: David Davis
Die Federführung bei den Verhandlungen mit der EU liegt bei David Davis. Der 67-Jährige gilt als überzeugter EU-Gegner. Er hatte von 1994 bis 1997 als Staatssekretär für Europa-Fragen im Außenministerium gearbeitet. Damals hätten ihn die Kollegen als „charmanten Bastard“ bezeichnet, sagte er kürzlich in einem Interview.
Foto: APInnenministerium: Amber Rudd
Die EU-Befürworterin Amber Rudd ist für die Frage zuständig, wie Großbritannien mit der Zuwanderung umgeht. Das Thema gilt als entscheidender Grund, warum die Mehrheit der Briten bei dem Referendum für ein Ausscheiden aus der EU gestimmt hat.
Foto: dpaFinanzministerium: Philip Hammond
Ex-Außenminister Philip Hammond übernimmt das Amt von George Osborne. Er will der heimischen Finanzbranche trotz des Brexit-Votums den Zugang zum EU-Binnenmarkt erhalten.
Foto: dpaJustizministerium: Liz Truss
Neue britische Justizministerin wird Liz Truss, die bisher Umweltministerin war. Sie ersetzt somit Michael Gove, der aus dem Kabinett ausscheidet.
Foto: dpaEnergieministerium: Greg Clark
Der Minister für kommunale Angelegenheiten, Greg Clark, wird Ressortchef im neu geschaffenen Ministerium für Unternehmen, Energie und Industrie-Strategie.
Foto: REUTERSBildungsministerium: Justine Greening
Bisher arbeitete Justine Greening als Ministerin für Internationale Entwicklung, doch May setzt sie auf einen neuen Posten: Künftig soll Greening das Bildungsministerium leiten.
Foto: REUTERSUmweltministerium: Andrea Leadsom
Energiestaatssekretärin Andrea Leadsom, letzte Herausforderin Mays im Kampf um den Sitz des Regierungschefs, wird Umweltministerin.
Foto: dpa„Boris bounces back“ - Boris springt zurück, schreibt die „Daily Mail“ am Donnerstag in Balkenlettern. Der Londoner Ex-Bürgermeister hat eine Achterbahnfahrt der besonderen Art hinter sich: Er war der treibende Mann im Brexit-Lager, das Gesicht der Bewegung, der Sieg beim Referendum war vor allem auch sein Verdienst.
Fast galt er schon als designierter Premierminister - bis er sich in einer bizarren Kehrtwende selbst aus dem Rennen katapultierte. Angeblich weil er sich von seinem Brexit-Kumpan und Justizminister Michael Gove verraten fühlte, der sich plötzlich auch um den Premierjob bewarb - eine mehr als windige Erklärung, in Wirklichkeit standen viele Abgeordneten Johnson eher skeptisch gegenüber.
Johnson, der neue Chef-Diplomat, hat viele Charakterzüge - doch geschmeidiges und diplomatisches Vorgehen, geschliffenes und zurückhaltendes Auftreten gehören bestimmt nicht dazu. Schon ätzen Kritiker im Netz, er brauche erstmal bis Weihnachten, um sich bei allen ausländischen Politikern zu entschuldigen, die er in seiner bisherigen Karriere beleidigt hatte.
Die Zeitung „The Independent“ veröffentlichte eine ganze Liste mit Johnsons markantesten rhetorischen Ausrutschern. Zu Hillary Clinton, immerhin die mögliche neue US-Präsidentin, meinte er vor einigen Jahren: „Sie hat gebleichtes Blondhaar und Schmolllippen sowie einen stahlblauen Blick, wie eine Krankenschwester in der Nervenanstalt.“ Barack Obama bezeichnete er als „teilweise kenianisch“. Gipfel der Verstiegenheit ist die jüngste Bemerkung über die EU, deren Politik er mit Hitler und Napoleons Eroberungskriegen vergleicht. Die Frage ist nur: Sind das wirklich Ausrutscher?
May geht mit Johnson ein hohes Risiko ein. Mit dem Hitzkopf als Außenminister dürften diplomatische Konfrontationen geradezu programmiert sein. Wie will er etwa Clinton unter die Augen treten? Doch Vorsicht, der Oxford-Absolvent und gelernte Alt-Philologe ist wandlungsfähig. Immerhin: Zu seiner Ernennung erschien er mit Anzug und Schlips und im Auto - sonst zeigt er sich auch gern auf dem Fahrrad, mit Anorak und Rucksack.