Sigmund Gottlieb: „Passt schon ist nicht genug“
Sigmund Gottlieb.
Foto: Bild: BR/Markus KonvalinWirtschaftsWoche: Herr Gottlieb, nach über 21 Jahren als Chefredakteur verlassen Sie nun den Bayerischen Rundfunk. Sie sind der ARD-Kommentator mit den meisten Meinungsbeiträgen - über 350. Mit Ihnen geht zweifellos einer der streitbarsten Journalisten des Landes. Ist es Zeit?
Sigmund Gottlieb: Streitbar war ich immer, weil ich wusste: Wir brauchen zu bestimmten Themen eine klare Haltung. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht im Mainstream rundgeschliffener Bewertungen verlieren. Und wir müssen Kommentar und Nachricht sorgsam voneinander trennen. Da vermischt sich meiner Beobachtung nach in jüngster Zeit eine ganze Menge. Auch wenn wir in die USA blicken. Wir Deutschen haben so ein Bewertungssyndrom in uns. Das müssen wir bekämpfen. Sonst kommen wir da in eine Glaubwürdigkeitskrise.
Ist Meinung wirklich Ihr Hauptproblem? Sie erreichen die jungen Menschen nicht mehr.
Der BR ist wie ein edler Diamant. Der bedarf eines konsequenten und akkuraten Feinschliffes, um auch im digitalen Zeitalter zu glänzen. Sehr wichtig ist, dass wir weiterhin erstklassigen Journalismus machen. Das beginnt schon beim journalistischen Handwerk, das wir uns jeden Tag mit größter Sorgfalt neu erarbeiten müssen. Das wird natürlich in der digitalen Zeit immer schwieriger. Da müssen wir den inneren Schweinehund bekämpfen, der immer sagt: das geht schon so, das passt schon. Nein: „Passt schon“ ist nicht genug. Qualitätsjournalismus ist eine Kärrnerarbeit, die sich auch junge und jüngere Kollegen ganz oben auf die Fahnen schreiben müssen.
Der BR steckt gerade mitten im größten Umbau seiner Geschichte. Sind Sie besorgt?
Ich würde eher sagen realistisch. Gerade im Digitalzeitalter ist es umso wichtiger, das gute alte angelsächsische Prinzip einzuhalten: Sei der erste, aber vor allem, sei zunächst richtig: "Be first, but first be right". So manchem Online-Medium ist es heute oft wichtiger, erster zu sein. Das kann zu Problemen führen. Bei der Verkündung des NPD-Urteils etwa haben einige Online-Medien gar nicht gut ausgesehen, weil sie eben zu schnell waren und falsch lagen.
Genau dahin aber will sich ihr Haus doch entwickeln und als erste große öffentlich-rechtliche Anstalt trimedial arbeiten, also Online, Fernsehen und Hörfunk gleichzeitig recherchieren und bedienen. Da dürfte Tiefe eher verloren gehen.
Es ist wichtig, dass wir jeden Tag spüren und erspüren, was die Menschen bewegt. Dass wir unsere Recherchen nicht nur auf Google beschränken, sondern vor Ort sind und auch vor Ort gehen. Aber ich gebe zu: all das ist nicht mehr so leicht, wie es früher Mal war. Die Gelder sind nun mal heute begrenzt. Wir dürfen darüber aber nicht vergessen, was uns das wichtigste ist: die Inhalte. Erst wenn wir gute Stoffe haben, können wir darüber sprechen, wie wir sie zu den Menschen bringen. Dennoch bedeutet Trimedialität ja nicht weniger Tiefe – im Gegenteil.
Sie wollen also sparen und dabei gleichzeitig gründlicher arbeiten? Das dürfte kaum zu vereinen sein.
Wenn sie künftig etwa für die „Rundschau“ die Beiträge aus den jeweiligen Fachredaktionen – also beispielsweise Landwirtschaft, Umwelt oder Verbraucher – zuliefern lassen und nicht mehr selbst produzieren, dann setzt das Mittel frei und Personal, das wir an anderer Stelle einsetzen können: etwa im digitalen Bereich. Die trimediale Planung des Programms ist dabei der Schlüssel. Wenn man sich anschaut, wer in den vergangenen Jahren alles gemeinsam am selben Thema dran war. Und wenn man dann noch sieht, dass diese vielen Redakteure oft gar nichts voneinander gewusst haben – dann fragt man sich schon, warum wir eigentlich mit dieser Entwicklung so lange gebraucht haben. Es ist allerhöchste Zeit, die Doppel- und Dreifach, ja manchmal sogar Vierfachstrukturen abzubauen. Und da sind wir beim BR sehr gut dabei.
Die Signale nach außen sind andere. Gerade erst haben sie - die reiche Anstalt – angekündigt, das ARD-Mittagsmagazin an den bislang klammen Berliner rbb abzugeben. Für viele im Haus ein ungeheuerlicher Vorgang.
Das ARD-Mittagsmagazin ist ein hochklassiges journalistisches Produkt, für das der BR fast drei Jahrzehnte lang ein Markenzeichen gesetzt hat. Umso schmerzhafter ist es, dass wir es 2018 drangeben müssen. Warum: weil es in der ARD nicht umlagefinanziert ist. Wir als BR haben die Kosten alleine getragen, und das geht jetzt einfach nicht mehr. Die finanziellen Spielräume sind sehr viel enger geworden. Durch die neue Haushaltsabgabe für den Rundfunk haben sich innerhalb der ganzen ARD finanzielle Verschiebungen ergeben. Der BR muss sich deshalb nun stärker einschränken als andere Sender. Bisher haben wir das bei Technik und Verwaltung getan. Nun müssen wir auch ins Programm schneiden. Das tut weh.
Die Deutschen haben ihren Lieblings-Nachrichtensprecher auserkoren: In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov machten 1130 Personen Angaben zu den deutschen Nachrichtensprechern. Zur Auswahl standen 33 Personen.
Foto: dpaJudith Rakers
Zu den beliebtesten Nachrichtensprechern Deutschlands gehört laut Befragung die Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers: Fünf Prozent der Befragten gaben an, dass die Journalistin und Fernsehmoderation ihr Lieblingsnachrichtensprecher im deutschen Fernsehen sei. Die 41-Jährige moderiert die Tagesschau seit 2005.
Foto: dpaMarietta Slomka
Ebenfalls fünf Prozent der Befragten kürten Marietta Slomka zu ihrer Lieblings-Nachrichtensprecherin im Fernsehen. Seit 1998 ist Marietta Slomka dem ZDF treu: Ihre Karriere begann dort als Parlamentskorrespondentin in Bonn. Zwei Jahre später moderierte sie das Format "Heute Nacht" und trat wiederum nur ein Jahr später die Nachfolge von Alexander Niemetz in der Nachrichtensendung "Heute Journal" an.
Foto: dapdJan Hofer
Noch etwas sympathischer als Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers finden die Deutschen laut Befragung ihren Chef Jan Hofer. Er leitet seit 2004 das Tagesschau-Studio.
Foto: dpaClaus Kleber
Anfang der 2000er Chefredakteur, mittlerweile freier Mitarbeiter: Seit 2003 moderiert der heute 60-Jährige das Heute Journal im ZDF. Und die Zuschauer mögen ihn: Sechs Prozent der Befragten gaben an, dass Kleber ihr Lieblingssprecher im deutschen TV ist.
Foto: dpaPeter Kloeppel
Die Tagesschau und die Heute-Nachrichten sind Institutionen im deutschen Fernsehen. Doch der beliebteste Nachrichtensprecher Deutschlands moderiert eine andere Sendung: und zwar "RTL Aktuell". Mit deutlichem Abstand zu seinen Kollegen (17 Prozent) wählten die Befragten den RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel zum beliebtesten TV-Nachrichtensprecher Deutschlands. Für 17 Prozent der Deutschen ist er der glaubwürdigste Nachrichtensprecher, für 19 Prozent der sympathischste. Schon vor drei Jahren bewies sich Kloeppel bei einer ähnlichen Abstimmung als Publikumsliebling.
Foto: dpaAlso doch: weniger Bayern in der ARD. Werden die Töne aus München nun leiser?
Sicher nicht. Wir haben eine Reihe von starken Produkten in der ARD. Das geht von Report München bis zum Weltspiegel, oder denken Sie nur an die vielen Zulieferungen des BR für die Sendungen von ARD-aktuell. Daran wird sich aus meiner Sicht auch nichts ändern. Die Zukunft spielt in der Region und in der ARD. Und der trimediale Umbau wird uns fit machen für diese Zukunft. Wir müssen das junge Publikum noch besser erreichen. Die wollen nicht mehr linear fernsehen, sondern mobil und zeitunabhängig. Die digitale Revolution gibt uns die Instrumente und Verbreitungsmöglichkeiten dafür. Was wir hier machen, ist die größte Reform in der Geschichte des Hauses. Das wird auch in den anderen ARD-Anstalten sehr aufmerksam verfolgt.
Geteilter Platz 9: Michael Strahan
Einen zehnten Platz gibt es bei den bestverdienenden Moderatoren weltweit zwar nicht, dafür teilen sich zwei Talkmaster Platz neun.Die Moderatorenkarriere vom ehemaligen American-Football-Spielers Michael Strahan begann erst nach Ende seiner Spielerkarriere, als er den verhinderten Regis Philbin als Moderator der Show „Live! with Regis and Kelly“ ersetzte. Seitdem ist Strahan ein bekanntes Gesicht im amerikanischen Fernsehen. An der Seite von Kelly Ripa wurde die Show zu „Live with Kelly and Michael“ umbenannt. Im vergangenen Jahr wechselte Strahan zur Nachrichtensendung „Good Morning America“. In dem Zeitraum zwischen Juni 2015 und Juni 2016 verdiente er 17 Millionen Dollar.
Quelle: Forbes
Foto: REUTERSGeteilter Platz 9: Kelly Ripa
Die Show „Live with Kelly and Michael“ muss Kelly Ripa nun ohne ihren einstigen Co-Moderatoren Michael Strahan moderieren, doch bei einem Verdienst von 17 Millionen Dollar in nur zwölf Monaten sollte es ihr nicht schwerfallen.
Foto: APPlatz 8: Robin Roberts
Seit 2005 verdient Robin Roberts als Nachrichtenmoderatorin von „Good Morning America“ sehr gut – schließlich ist das die erfolgreichste Nachrichtensendung, die morgens im US-Fernsehen ausgestrahlt wird. Dementsprechend kann sich der Verdienst von ihr sehen lassen: 18 Millionen Dollar.
Foto: APPlatz 7: Bill O'Reilly
Der Radio-Star ist Moderator der unter der Woche gesendeten Show „The O'Reilly Factor“ beim Fox News Channel. Zwar leidet die Sendung seit Jahren unter sinkenden Einschaltquoten, trotzdem verdient O'Reilly nicht schlecht. Als Autor schreibt er eine Zeitungskolumne und publiziert Bücher. Insgesamt kassierte er von Juni 2015 bis Juni 2016 18,5 Millionen Dollar.
Foto: APPlatz 6: Heidi Klum
Eine Deutsche durchbricht das US-amerikanische Monopol in den Top-10 der Moderations-Großverdiener. Neben ihrer deutschen Show „Germany's Next Topmodel“ ist die 43-Jährige auch auf der anderen Seite des großen Teichs mit Sendungen wie „Project Runway“ erfolgreich. Das zahlt sich aus: Rund 19 Millionen US-Dollar verdiente Klum, die auch selbst noch auf dem Laufsteg zu sehen ist, innerhalb eines Jahres.
Foto: REUTERSPlatz 5: Matt Lauer
Bereits seit 1997 moderiert Matt Lauer die tägliche Nachrichten- und Informationssendung „Today“ beim amerikanischen TV-Sender NBC. Seine Langlebigkeit macht sich offenbar bezahlt: Zwischen Juni 2015 und Juni 2016 verdiente der 58-Jährige geschätzte 25 Millionen US-Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 4: Judy Sheindlin
Die von ihren Fans nur „Judge Judy“ genannte Sheindlin stand erst im Alter von 52 Jahren das erste Mal vor einer TV-Kamera. Geschadet hat das ihrer Karriere nicht: Seit 20 Jahren moderiert die ehemalige Richterin ihre Gerichtsshow und verdiente zuletzt innerhalb von zwölf Monaten 47 Millionen US-Dollar.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 3: Ryan Seacrest
15 Jahre lang moderierte Seacrest die Musiktalentshow „American Idol“, durch die unter anderem Kelly Clarkson und Carrie Underwood weltberühmt wurden. Auch wenn der 41-Jährige im Frühjahr 2016 seinen vorübergehen Rücktritt von der Show bekannt gab, muss er sich keine finanziellen Sorgen machen: Zwischen Juni 2015 und Juni 2016 verdiente er laut Forbes ungefähr 55 Millionen US-Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 2: Ellen DeGeneres
Die 58-Jährige ist ein echtes Multitalent und arbeitet unter anderem als Schauspielerin, Autorin und Moderation. Nachdem sie sich 1997 in der nach ihr benannten Sitcom „Ellen“ als homosexuell outete, wurde die Serie kurz darauf nach Protesten gegen ihre sexuelle Orientierung eingestellt. Laut eigener Aussage stand sie damals kurz vor dem finanziellen Ruin. Knapp 20 Jahre später ist sie von solchen Sorgen weit entfernt: Laut Forbes verdiente sie innerhalb eines Jahres 75 Millionen US-Dollar.
Foto: REUTERSPlatz 1: Dr. Phil McGraw
Der in den USA aufgrund seiner gleichnamigen Psychologie-Show nur als „Dr. Phil“ bekannte McGraw besitzt unter anderem einen Doktor in klinischer Psychologie. Seine TV-Karriere begann er Ende der 90er Jahre als Psychologieexperte in der „Oprah Winfrey Show“. Seit 2002 ist der 66-Jährige, der seine Zulassung als Psychologe vor zehn Jahren freiwillig zurückgab, auch ohne seine prominente Förderin erfolgreich. Und wie: Mit einem Verdienst von 88 Millionen US-Dollar führt er das Ranking der TV-Moderatoren an.
Foto: AP
Der durchaus angestaubte BR wird zum Vorbild für WDR und NDR?
Jede Landesrundfunkanstalt muss für sich entscheiden, welchen Weg sie geht. Da gibt es - je nach Tradition und Art des Hauses - unterschiedliche Vorgehensweisen und Geschwindigkeiten. Und für alles gibt es gute Gründe. Aber wenn sie die Entwicklung der letzten Monate betrachten, dann ist da insgesamt schon enorm Geschwindigkeit aufgenommen worden. Ich bin überzeugt, dass der Weg des BR der richtige ist – für uns und unsere Tradition.
Für viele Journalisten - gerade auch für viele Freie - bedeutet dieser Umbau weniger Aufträge oder sogar die Kündigung.
Ein solch fundamentaler Veränderungsprozess ist von Natur aus begleitet von Skepsis und Sorgen. Natürlich wird es Veränderungen geben. Wichtig ist, dass Mitarbeiter, die es lange Zeit gewohnt waren, nur ein bestimmtes journalistisches Profil oder eine einzelne Sendung zu bedienen, offen sind für neue, attraktive Betätigungsfelder. Wir versuchen, das höchst professionell zu begleiten, etwa die Mitarbeiter umzuschulen, und sind da sehr, sehr, sehr sozial ausgerichtet. Aber so ein Prozess hat natürlich seine Auswirkungen im Haus, keine Frage.
Ist denn das bisherige Ziel - alles bis 2022 abzuschließen - noch realistisch?
Wir sind mit allen Facetten des Prozesses just in time. Ich denke, dass wir auch baulich mit unserem neuen trimedialen Aktualitätenzentrum in München-Freimann bis dahin fertig sind. Doch der Reformprozess an sich, der wird immer weiter gehen – schon allein, weil sich die Technik permanent weiter entwickelt.
Klingt, als seien da noch mehr Hiobsbotschaften aus München zu erwarten.
Wieso Hiobsbotschaften? Ich bin überzeugt, dass mein Nachfolger den Diamanten BR erfolgreich weiter polieren wird. Natürlich ist Christian Nitsche, der ja trimedialer Chefredakteur wird, ein anderes Naturell als ich. Aber in den journalistischen Grundüberzeugungen stimmen wir voll und ganz überein. Und dass so eine Reform ihre Zeit braucht, ist auch verständlich. Wir müssen da völlig unterschiedliche Kulturen zusammenführen: Hörfunk, Fernsehen und Online. Das dauert länger als in vielen anderen Unternehmen – schon allein, weil wir den Prozess mit ständigen Gesprächen begleiten, um die Mitarbeiter mitzunehmen. Aber nochmal: Das ist ohne Alternative.
Herr Gottlieb, wir danken Ihnen für das Gespräch.