Türkei: Wenn Erdogan das Referendum (nicht) gewinnt …
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Wahlkampfveranstaltung
Foto: APDie Türkei ist ein gespaltenes Land. Am Sonntag stimmen über 55 Millionen Wahlberechtigten über eine neue Verfassung ab, die Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan deutlich mehr Macht geben soll. Die Meinungsforscher prognostizieren ein knappes Ergebnis. 51 bis 52 Prozent würden laut der letzten Umfragen für die neue Verfassung stimmen.
Wenn die Türken für die Verfassungsänderung stimmen, würde sich das Land in einer „gewählten Diktatur von Präsident Erdogan“ wiederfinden, analysiert der britische „Economist“ in seiner neusten Ausgabe. Wer Regierungsvertreter in Berlin um eine Einschätzung zum Verhältnis zur Türkei bittet, wird auf den 17. April vertröstet, den Tag nach dem Referendum. Vorher sei die Politik dort unberechenbar. Ab Montag entscheidet sich also, ob die düstere Prognose des „Economist“ Realität wird. Zwei mögliche Szenarien für beide Ergebnisse:
Erstes Szenario: Die Türken stimmen für Erdogans Verfassungsänderung. Der AKP-Gründer wäre nach jahrelangem politischem Kampf am Ziel. Ab 2019, wenn die neue Verfassung in Kraft treten würde, wäre der Präsident nicht nur Staatschef, sondern stünde auch an der Spitze der Regierung. Einen Ministerpräsidenten gäbe es nicht länger. Der Präsident würde seine Minister und Stellvertreter benennen. Anders als in den Vereinigten Staaten hätte das Parlament kein Mitspracherecht.
Der Präsident
Der Präsident wird nicht nur Staats-, sondern auch Regierungschef. Das Amt des Ministerpräsidenten entfällt. Der Präsident darf künftig einer Partei angehören. Er wird nicht mehr vom Parlamentspräsidenten, sondern von einem Vizepräsidenten vertreten. Der Präsident ist für die Ernennung und Absetzung von einer von ihm selbst zu bestimmenden Zahl von Vizepräsidenten, von Ministern und von allen hochrangigen Staatsbeamten zuständig. Das Parlament hat kein Mitsprachrecht.
Foto: dpaDekrete
Der Präsident kann in Bereichen, die die Exekutive betreffen, Dekrete mit Gesetzeskraft erlassen, die mit Veröffentlichung im Amtsanzeiger in Kraft treten. Eine Zustimmung durch das Parlament ist nicht nötig.
Dekrete werden unwirksam, falls das Parlament zum jeweiligen Bereich ein Gesetz verabschiedet. Gesetze darf (bis auf den Haushaltsentwurf) nur noch das Parlament einbringen.
Foto: dpaDas Parlament
Parlament und Präsident werden künftig am selben Tag für die Dauer von fünf Jahren vom Volk gewählt, und zwar erstmals am 3. November 2019. Die zeitgleiche Wahl erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Partei des jeweiligen Präsidenten über eine Mehrheit im Parlament verfügt.
Die Zahl der Abgeordneten steigt von 550 auf 600. Parlamentarische Anfragen gibt es nur noch schriftlich an die Vizepräsidenten und Minister.
Foto: dpaNeuwahlen
Neuwahlen können sowohl das Parlament als auch der Präsident auslösen, im Parlament ist dafür eine Dreifünftel-Mehrheit notwendig. In beiden Fällen werden sowohl das Parlament als auch der Präsident zum gleichen Zeitpunkt neu gewählt - unabhängig davon, welche der beiden Seiten die Neuwahl veranlasst hat.
Foto: dpaAmtszeit
Die Amtszeiten des Präsidenten bleiben auf zwei beschränkt. Die Regierungspartei AKP hat aber eine Hintertür eingebaut: Sollte das Parlament in der zweiten Amtsperiode des Präsidenten Neuwahlen beschließen, kann der Präsident noch einmal kandidieren. Die Zählung der Amtszeiten würde unter dem neuen Präsidialsystem neu beginnen. Erdogan wäre also nach einem Wahlsieg 2019 in seiner ersten Amtsperiode. Mit der Hintertür (und bei entsprechenden Wahlerfolgen) könnte er theoretisch bis 2034 an der Macht bleiben.
Foto: dpaEinfluss auf die Justiz
Der Präsident bekommt mehr Einfluss auf die Justiz: Im Rat der Richter und Staatsanwälte kann der Präsident künftig vier der 13 Mitglieder bestimmen, das Parlament sieben weitere. Feste Mitglieder bleiben der Justizminister (im Bild: der amtierende Justizminister Bekir Bozdağ) und sein Staatssekretär, die der Präsident auswählt. Bislang bestimmen Richter und Staatsanwälte die Mehrheit der derzeit noch 22 Mitglieder des Rates. Das Gremium ist unter anderem für die Ernennung von Richtern und Staatsanwälten zuständig.
Gegen den Präsidenten kann nicht nur wie bislang wegen Hochverrats, sondern wegen aller Straftaten ermittelt werden. Allerdings ist eine Zweidrittelmehrheit aller Abgeordneten im Parlament notwendig, um eine entsprechende Untersuchung an die Justiz zu überweisen.
Foto: REUTERSErdogan könnte zudem ganz offiziell wieder Chef der AKP werden, was ihm als Präsident bislang nicht erlaubt ist. De facto beherrscht er die durch ihn gegründete Partei allerdings auch jetzt. Künftig könnte er das Parlament auflösen und Gesetze blockieren. Zudem kann er in Notstandszeiten Dekrete erlassen, die de facto Gesetze wären. Kurz: Die Macht des Staatspräsidenten wäre nahezu grenzenlos. Anders als in den USA wäre die Legislative deutlich schwächer.
Roy Karadag von der Universität Bremen glaubt, dass ihm diese Machtfülle eine gewisse Sicherheit für einen „Kurs der Versöhnung“ ermöglichen würde. „Womöglich geht er dann auf jene Kurden zu, die ihn unterstützt und gewählt haben, unterstützt sie finanziell und beim Wiederaufbau. Gegenüber den Europäern würde er auf Zusammenarbeit statt Konfrontation setzen. Und er könnte den Ausnahmezustand beenden“, sagt Politikwissenschaftler Karadag.
All das würde er nur dann tun, wenn er den Eindruck hat, seine Macht sei nicht in Gefahr. Und das hängt wiederum davon ab, wie sich seine politischen Gegner verhalten. „Sollte die Opposition ihre politische Niederlage ohne großen Widerstand und Proteste akzeptieren, wäre es für Erdogan einfacher sich zu mäßigen“, sagt Karadag. Wittert Erdogan aber Gefahr, kann er ab 2019 noch viel härter gegen seine politischen Gegner vorgehen. „Dann wird der Ausnahmezustand faktisch zum politischen Alltag“, meint Türkeiexperte Karadag.
Zweites Szenario: Die Türken lehnen die neue Verfassung ab. Nach der Parlamentswahl 2015, bei der es schon damals um die Verfassungsänderung ging, hätte Erdogan erneut eine Niederlage erlitten. Ioannis N. Grigoriadis von der Stiftung Wissenschaft und Politik denkt nicht, dass der Staatspräsident sich geschlagen geben würde. „Neuwahlen wären am wahrscheinlichsten“, sagt der Politikwissenschaftler. Erdogan würde demnach probieren, eine Zweidrittelmehrheit im Parlament zu bekommen, mit der er die Verfassung trotzdem ändern könnte. Von diesem Plan würde er nur dann ablassen, ist Grigoriadis überzeugt, wenn er das Referendum mit deutlicher Mehrheit verlieren würde.
Davon hinge auch ab, ob sich ein innerparteilicher Gegner gegen Erdogan auflehnt. Je deutlicher die Niederlage, desto wahrscheinlicher wäre das, meint Roy Karadag. „Zum ersten Mal seit 15 Jahren könnte ihm jemand seine Position streitig machen. Die Frage ist, ob er dann noch die faktische Autorität hätte, um sich zu behaupten.“
Unabhängig davon, wie das Referendum ausgeht, werden die Europäische Union und die Türkei an ihrem schwer beschädigten Verhältnis arbeiten müssen. „Mit ein wenig Diplomatie lässt sich das nicht wieder kitten“, meint Karadag. Wichtigster Punkt sind aus seiner Sicht die EU-Beitrittsverhandlungen. „Die türkische Bevölkerung will wissen, was beim Thema Beitritt noch möglich ist. Und die Europäer ebenfalls.“ Darauf müssten Türkei und EU eine Antwort finden. „Sonst verspielen sie jede Glaubwürdigkeit.“ An eine demonstrative Versöhnung glaubt der Politikwissenschaftler nicht. „Nach allem, was passiert ist, wäre das eine ziemliche Überraschung“, sagt Karadag.
Auch wenn eine Versöhnung eine Überraschung wäre, kann Erdogan seinen Konfrontationskurs mit den Europäern kaum fortsetzen. Die Türken brauchen nämlich dringend mehr zollfreien Handel mit den Europäern. Mitte Februar war der türkische Vizepremier Mehmet Şimşek zu Besuch in Berlin, um eine Vertiefung der Zollunion zwischen EU und Türkei auszuloten. Erdal Yalcin vom Münchner ifo Institut hat ausgerechnet, dass das türkische Bruttoinlandsprodukt innerhalb von zehn Jahren um über 1,8 Prozent zusätzlich wachsen könnte, wenn der freie Handel nicht nur für die Industrie gelte, sondern auch für Agrar- und Dienstleistungen. Im besten Fall stiegen türkische Exporte in die EU um 70 Prozent. „Schon die Drohung, die Zollunion nicht zu vertiefen, würde die türkische Lira auf Talfahrt schicken“, sagt Yalcin. Bislang hat Erdogan die türkische Wirtschaft mit staatlichen Finanzspritzen unterstützt. Ob er nun gestärkt oder geschwächt aus dem Referendum hervorgeht – Erdogan muss sein Land vor einer Rezession bewahren.