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Krise im Nahen Osten"Saudis finanzieren mehr Terroristen als Katar"

Katar könnte sich gegen Saudi-Arabiens Isolierungspolitik wehren und seine Gaslieferungen kappen. Nahostexperte Oliver Schlumberger erklärt mögliche Szenarien und warum die USA als Vermittler ausfallen.Marc Etzold 08.06.2017 - 20:00 Uhr

Investment-Großmacht

kleine Golf-Emirat Katar gilt wegen seines Öl- und Gasreichtums als eines der reichsten Länder der Welt. Es ist ein gefragter Investor mit Beteiligungen an renommierten deutschen, aber auch an etlichen anderen internationalen Großkonzernen. Die katarische Dachgesellschaft für diese Beteiligungen, die Qatar Investment Authority (QIA), zählt zu den 15 größten Staatsfonds. Die QIA sieht sich selbst als globalen Investor, der seine Gelder in einer breiten Palette von Vermögensklassen und Branchen in allen Teilen der Welt anlegt. Eine Auswahl der bekanntesten Firmenbeteiligungen.

Foto: dpa

Accor

Am größten europäischen Hotelkonzern, bekannt für Marken wie Ibis, Mercure oder Novotel, hält der Investmentfonds rund 10 Prozent der Aktien. Marktwert: 1,4 Milliarden Dollar.

Foto: REUTERS

Agricultural Bank of China

Die Bank ist eines der größten Kreditinstitute Chinas. Der Fonds aus Katar ist an dem Unternehmen mit knapp 8 Prozent beteiligt. Marktwert: 1,15 Milliarden Dollar.

Foto: REUTERS

Barclays

Knapp 6 Prozent der Aktien der britischen Großbank sind im Besitz des Fonds. Marktwert: 2,8 Milliarden Dollar.

Foto: REUTERS

BHP Billiton

Die Kataris halten rund 1,8 Prozent an dem australisch-britischen Rohstoffkonzern. Dieser Anteil ist etwa eine halbe Milliarde Dollar wert.

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Credit Suisse

An der Schweizer Großbank sind die Investoren aus Katar mit 5 Prozent beteiligt. Das entspricht einem Marktwert von etwa 2,8 Milliarden Dollar.

Foto: REUTERS

Glencore

2012 schlossen sich die Konzerne Glencore und Xstrata zu einem neuen Rohstoffriesen mit Sitz in der Schweiz zusammen. Die Kataris halten hier rund 8,5 Prozent der Anteile, was etwa 4,5 Milliarden Dollar entspricht.

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Lagardère

Die von Arnaud Lagardère gegründete Unternehmensgruppe ist vor allem im Medienbereich aktiv. 13 Prozent daran gehören den Investoren aus Katar, was etwas über einer halben Milliarde Euro entspricht.

Foto: REUTERS

London Stock Exchange

Am Londoner Börsenbetreiber hält der Fonds aus Katar mehr als 10 Prozent. Marktwert: 1,6 Milliarden Dollar.

Foto: REUTERS

Rosneft

An dem russischen Ölkonzern halten die Kataris knapp 10 Prozent der Aktien. Dieses Investment ist mehr als 5,5 Milliarden Dollar wert.

Foto: REUTERS

Royal Dutch Shell

Ein weiterer Energiekonzern im Portfolio des Fonds ist der britisch-niederländische Ölriese. Die gut 2 Prozent im Besitz der QIA sind etwa 2,2 Milliarden Dollar wert.

Foto: REUTERS

Sainsbury's

Die britische Einzelhandelskette ist mit rund 22 Prozent im Besitz der QIA. Diese Beteiligung ist knapp 1,7 Milliarden Dollar wert.

Foto: REUTERS

Siemens

Größter Anteilseigner an dem deutschen Industriekonzern ist die Gründerfamilie. Die Investoren aus Katar halten gut 3 Prozent der Aktien im Wert von 4 Milliarden Dollar.

Foto: REUTERS

Tiffany

Die QIA hält rund 13 Prozent an dem US-Schmuckhersteller. Diese sind derzeit etwa 1,5 Milliarden Dollar wert.

Foto: REUTERS

Volkswagen

Auch beim größten Autohersteller der Welt ist Katar engagiert. Dem Emirat gehören 17 Prozent der Stammaktien und 11,2 Prozent der Vorzugsaktien. Zusammen sind diese fast 12 Milliarden Dollar wert.

Foto: dpa

Sonstige Investments

Neben der QIA ist Katar auch über andere Wege an internationalen Großkonzernen beteiligt. Bei der Deutschen Bank etwa halten Katars Ex-Premier Hamad Bin Jassim Bin Jabor Al-Thani und sein Cousin Hamad Bin Khalifa Al-Thani Ende zusammen rund acht Prozent sowie Kaufoptionen im Volumen von rund zwei Prozent. Das Emirat legt seine Gelder zudem in allen möglichen Vermögensarten und Regionen an. So beteiligt sich das Emirat auf den Immobilienmärkten, kauft Ländereien, Wälder, Anleihen und andere Finanzinstrumente.

Foto: REUTERS

WirtschaftsWoche Online: Saudi-Arabien isoliert Katar und US-Präsident Donald Trump gibt seinen Segen. Warum geschieht das gerade jetzt?
Oliver Schlumberger: Das hängt mit Donalds Trumps Auslandsreise nach Saudi-Arabien zusammen, seiner ersten Auslandsreise überhaupt – das war sehr symbolträchtig. Dadurch fühlen sich die Saudis bestärkt, dass sie endlich gegen Katar vorgehen können.

Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabische Emirate werfen Katar vor, Terroristen zu finanzieren. Nach allem, was wir wissen, stimmt das auch.
Es stimmt ganz sicher. Das wissen wir schon länger. Aber: Saudi-Arabien finanziert auch Terroristen. Kataris und Saudis sind etwa beide in Afghanistan aktiv. Global betrachtet unterstützt Saudi-Arabien sogar wohl mehr Terroristen als Katar. Das Argument wird also vorgeschoben.

Was hat Saudi-Arabien dann gegen Katar?
Es geht um drei Dinge. Erstens: Von Katar aus operiert Al Jazeera, der einzige kritische Nachrichtensender in der Region. Der saudische Außenminister hat Al Jazeera wiederholt ein feindliches Medium genannt. Zweitens: Katar soll nicht länger die Muslimbrüder unterstützen. Da sind wir wieder beim Terrorargument. Die Muslimbrüder stellen die Legitimität fast aller Herrscherfamilien in der Region in Frage. Damit sind sie ein natürlicher Feind der Saudis. Das bringt uns – drittens – zum Iran.

Zur Person
Oliver Schlumberger ist Professor für Politik des Vorderen Orients und Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Tübingen. Er ist Experte für politische und ökonomische Transformationsprozesse im Nahen Osten.

Saudi-Arabien und der Iran kämpfen um die Vormachtstellung in der Golfregion.
Und Katar hat das Problem, dass es auf gute Beziehungen mit dem Iran angewiesen ist, denn die beiden Länder teilen sich das weltgrößte Gasfeld. Für Saudi-Arabien aber geht es darum, den Iran zu schwächen. Daher sind ihnen Katars gut-nachbarschaftliche Beziehungen zum Iran ein Dorn im Auge.

Noch eine Sache, die Donald Trump und die Saudis gemeinsam haben.
Die Aversion des US-Präsidenten gegenüber dem Iran kommt den Herrschern in Riad sehr entgegen. Deswegen erwarte ich auch keine Deeskalation durch die Amerikaner. Trump ist in dem Konflikt als Vermittler nicht gut aufgestellt, weil er selbst bereits Position bezogen hat: Der Iran ist für ihn böse. Die Saudis hingegen sieht er als die Guten.

Diplomatische Krise in Katar

Heikle Geschäfte mit den Konfliktparteien

In Katar trifft sind Häfen geschlossen, Landwege gesperrt. Deutsche Firmen vor Ort halten an ihren Geschäften fest und hoffen auf alternative Wege. Doch wer nach Katar liefert, dürfte sich unbeliebt machen.

von Angela Hennersdorf, Matthias Kamp und Peter Steinkirchner

Die Vereinigten Staaten haben 10.000 Mann in Katar stationiert, der größte Militärstützpunkt in der Region. Ist Trumps Schuldzuweisung an Katar nicht gefährlich?
Es ist absurd. Die Amerikaner haben jüngst ihre Angriffe auf die syrische Stadt Raqqa, eine IS-Hochburg, begonnen. Die Luftangriffe laufen von Katar aus. Und gleichzeitig sitzt Trump in Washington und brüskiert einen Verbündeten.

Die USA hätten also etwas zu verlieren, wenn Katar destabilisiert wird.
Ja – wenn die USA beispielsweise ihre Truppen verlegen müssten, weil Katar das so möchte, wäre das sehr kostspielig. Und Katar kann noch mehr tun. Sie könnten Saudi-Arabien und den Emiraten den Gashahn zudrehen. Wenn Katar sich wehrt, verlieren alle.

Das ist Katar
Das Emirat Katar im Osten der arabischen Halbinsel ist geografisch zwar nur etwa halb so groß wie Hessen, gewinnt international aber sowohl politisch als auch wirtschaftlich immer mehr an Bedeutung. Große Vorkommen an Erdöl und Erdgas machten Katar zu einem der reichsten Länder der Erde. Das Land ist 2022 Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft. Quelle: dpa
Rund 2,2 Millionen Menschen leben in Katar, von denen der Großteil aus dem Ausland kommt und als Gastarbeiter beschäftigt ist.
Das Land hat zahlreiche Beteiligungen an europäischen Unternehmen, darunter etwa Anteile am VW-Konzern und an der Baufirma Hochtief. Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira hat seinen Sitz in Katar. Katar ist Mitglied der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und hat unter anderem zusammen mit Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten den Golfkooperationsrat mitgegründet, der eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik in der Region als Ziel hat. Südlich der Hauptstadt Doha befindet sich der größte Stützpunkt der US-Armee in der arabischen Welt.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert Katar für die Ausbeutung von Gastarbeitern und eingeschränkte Meinungsfreiheit.

Manche fürchten, dass der Konflikt dann militärisch eskalieren würde.
Das wäre möglich. Allerdings weiß Katar, dass es militärisch und geografisch winzig ist. Es hätte gegen die Streitkräfte Saudi-Arabiens und der Emirate keine Chance.

Wie geht es jetzt weiter?
Vieles hängt davon ab, ob der US-Präsident weiter Öl ins Feuer gießt, und wie sich Katar verhält. Sollten sie wirklich kein Gas mehr an Saudi-Arabien oder die Emirate liefern, wird es gefährlich.

Wer könnte jetzt vermitteln – die Europäer?
Die Europäer haben nur geringe Eigeninteressen in der Region. Wir sind nicht ausschließlich auf Öl oder Gas von dort angewiesen und haben keine nennenswerten Streitkräfte in der Region. Eigentlich wären wir damit in einer guten Position, zumal Deutschland sehr angesehen ist unter den Golf-Staaten. Die Frage ist nur, wie groß die Spielräume Deutschlands wären. Die Gefahr wäre groß, dass es zu transatlantischen Spannungen kommen könnte. Das wird die Bundesregierung zu vermeiden suchen.

Deutsche Bank, Siemens, VW

Wie der Katar-Boykott deutsche Konzerne trifft

Über seinen Staatsfonds ist das Emirat wichtiger Geldgeber von deutschen Konzernen und redet bei Entscheidungen mit. Das ist riskant, sollte Katar im Zuge der Isolation Aufträge aus den anderen Golfländern unterbinden.

von Saskia Littmann, Martin Seiwert, Matthias Kamp und weiteren

Was müssen deutsche Unternehmen fürchten, wenn sich die Krise weiter verschärft?
Wenn Katar ökonomisch in die Enge getrieben wird, hätte das Konsequenzen auf Katars Einnahmen. Dann müssten sie womöglich Auslandsinvestitionen zurückziehen, was wiederum die Deutsche Bank, VW oder Siemens spüren könnten. Ich bezweifle aber, dass Katar sich zuerst aus Deutschland beziehungsweise deutschen Firmen zurückziehen würde. Da ginge es eher um geplante künftige Investitionen, die dann abgesagt werden.

Russische Hacker sollen auf einer katarischen Webseite Fake-News platziert haben, was wiederum Saudi-Arabien provoziert haben soll. Wie plausibel ist das?
Jedenfalls können wir das nicht ausschließen, möglich ist es. Die Frage wäre, welches Interesse Russland daran hätte. Einerseits unterstützt Katar die syrischen Rebellen und will Präsident Baschar al-Assad stürzen. Das hat zu erheblichen Spannungen mit Russland geführt. Andererseits haben sie sich ein Stück weit zusammengerauft. Katar hat etliche Milliarden in russische Infrastrukturprojekte investiert, zuletzt 2,7 Milliarden in Rosneft, das staatlich-russische Ölunternehmen.

Es ist also eher unwahrscheinlich, dass Russland Katar destabilisieren will?
Es gibt durchaus auch Argumente dafür. Russland könnte versuchen, Katar aus der Allianz mit den Vereinigten Staaten herauszubrechen und auf seine Seite zu ziehen.

Das wiederum kann Trump nicht wollen.
Eigentlich nicht. Seine außenpolitische Linie ist aber ziemlich strategiefrei. So warten alle auf seinen nächsten Tweet. Das ist abenteuerlich.

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