Küchenhersteller: Der bizarre Kampf um die Macht bei Alno
Immer noch attraktiv: Ein Großaktionär und zwei Ex-Manager streiten trotz Insolvenz um Alno.
Foto: PresseStrenger Scheitel, stechender Blick, pralle Lippen: Ipek Demirtas passt nicht so recht ins Raster der Finanzzunft. Auch ihre Vita weicht ab vom üblichen Klischee: Kindheit in einem anatolischen Bergdorf, Umzug nach Deutschland, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Studium, erste Jobs, gefolgt von einer Blitzkarriere beim Küchenhersteller Alno. Ihre Hobbys: Romane schreiben („Wintermädchen“) – und bosnische Clans ärgern.
Noch ist offen, womit Demirtas auf Dauer mehr Erfolg haben wird. Denn der Gegner, mit dem sich Alnos Ex-Finanzchefin in diesen Tagen anlegt, ist nicht besonders zimperlich. Die Hastors, wie die bosnische Familie heißt, haben schon die Autoindustrie mit ihrem Zulieferer Prevent vor sich hergetrieben.
Im Herbst 2016 übernahmen sie auch das Kommando bei Alno im schwäbischen Pfullendorf. Seit das Unternehmen vor wenigen Wochen Insolvenz anmeldete, tobt eine Küchenschlacht der ungewöhnlichen Art, mit noch ungewöhnlicheren Wendungen. Die von den Hastors geschasste Managerin und der Ex-Chef wollen die Macht beim Küchenhersteller und die einst profitable Tochter Pino am liebsten zurückkaufen.
Dabei waren sich die nun verfeindeten Parteien anfangs innigst zugetan: Mit dem Einstieg der Hastors schien das Unternehmen, das seit mehr als 20 Jahren in einer Dauermisere steckt, eine neue Chance zu bekommen. Die Familie gab frisches Kapital.
Obwohl die Hastors nur einen Minderheitsanteil übernahmen, dominierten sie bald das Unternehmen. Von sechs Aufsichtsratssitzen auf der Kapitalseite wurden fünf aus dem Lager der Familie besetzt. Mitarbeiter von Alno behaupten, dass sie kaum noch einen Schritt hätten unternehmen können, ohne sich mit Managern von Prevent abzustimmen. „Es erschien uns fraglich, dass Prevent so tief ins Tagesgeschäft eingreifen darf“, sagt eine ehemalige Führungskraft. Ein Sprecher der Hastors streitet jegliche Verquickung als „völlig unzutreffend“ ab. Exmanager versuchten offenbar, eigene schwere Fehler zu vertuschen.
In Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, leben eine halbe Million Menschen. Die bosnische Unternehmerfamilie Hastor hat dort den Hauptsitz ihres Technologiekonzerns ASA Prevent Group angesiedelt. Der zweite wichtige Firmensitz ist in Wolfsburg.
Foto: Jasmin BrutusDie Firmenzentrale von ASA Prevent in Sarajevo. Die Prevent-Gruppe beschäftigt rund 12.000 Mitarbeiter in 16 Ländern, etwa 6.500 davon in Bosnien. Die enge Zusammenarbeit mit VW hat sie groß gemacht. Prevent ist der größte private Arbeitgeber und Exporteur Bosnien-Herzegowinas.
Foto: Jasmin BrutusVolkswagen-Werbung in den Straßen von Sarajevo. Als VW-Importeur kontrollierte der Hastor-Clan bis 2015 große Teile des bosnischen Automarkts, dann übernahm der VW-Konzern den Autovertrieb in der Region selbst. Die gute Beziehung zwischen VW und dem Hastor-Clan hat darunter gelitten.
Foto: Jasmin BrutusPrevent stellt neben Auto-Teilen auch Stoffe her. In einem Flagship-Store in Sarajevo, genannt Prevent Labs, verkaufen die Hastors Designer-Mode, mutig dekoriert mit einem Autositz als Hinweis auf die Firmenhistorie.
Foto: Jasmin BrutusFirmenpatriarch Nijaz Hastor und Gattin Mirsada sind Sponsoren und regelmäßige Besucher des Sarajevo Film Festival, zu dem alljährlich auch Hollywood-Stars wie Brad Pitt und Robert De Niro kommen.
Foto: Jasmin BrutusGewandet in Blau, der Farbe des Prevent-Firmenlogos, sprechen Nijaz und Mirsada Hastor mit dem Direktor des Sarajevo Film Festivals 2015, Misrad Purivatra.
Foto: Jasmin BrutusGut 100 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Sarajewo liegt der Ort Gorazde, wo Prevent eine Fabrik unterhält. Etwas außerhalb von Gorazde, im Dörfchen Hladila, wurde der Prevent-Gründer Nijaz Hastor 1950 geboren.
Foto: Jasmin BrutusPrevent-Gründer Hastor baute die Moschee in seinem Heimatdorf Hladila wieder auf. Sie war im jugoslawischen Bürgerkrieg zerstört worden.
Foto: Jasmin BrutusIn seinem Elternhaus in Hladila wuchs Prevent-Gründer Nijaz Hastor in den 50er- und 60er-Jahren als eines von sechs Geschwistern auf – ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Heute gehört er zu den reichsten Bosniern. „Er hat das Brot der Armut gegessen - wir hatten keine andere Wahl, als etwas aus uns zu machen“, sagt ein früherer Mitschüler über ihn.
Foto: Jasmin BrutusHladila liegt am Gebirgsfluss Drina in den Bergen östlich von Sarajevo. Ganze 54 Einwohner hat der Heimatort von Prevent-Gründer Hastor.
Foto: Jasmin BrutusZwei Millionen Flüchtlinge und 100.000 Tote sind die Bilanz des Bosnienkriegs. Nijaz Hastors Heimatdorf Hladila lag unweit der Frontlinie. Während er in Wolfsburg lebte, harrte ein Teil der Familie unter Beschuss im belagerten Gorazde aus. Nijaz Hastors Bruder Agan fiel dem Krieg zum Opfer.
Foto: Jasmin BrutusIn dem Haus mit dem Dach in Prevent-Blau lebte Nijaz Hastors Bruder, bevor er starb. Jetzt wird es von seiner Schwägerin und ihrem Sohn genutzt.
Foto: Jasmin Brutus„Zum Glück gibt es noch Menschen wie Nijaz Hastor“, sagt die 77-jährige Dzefa Kadric, „ohne ihn hätten wir hier nicht einmal fließendes Wasser“. Nijaz Hastor hat die Wasserleitungen und Brunnen im Ort gespendet. Die Enkelin von Dzefa Kadric ist Stipendiatin der Hastor-Stiftung, die über 1700 Schüler und Studenten finanziell unterstützt.
Foto: Jasmin Brutus
Mittlerweile wurde die Alno-Tochter Pino an eine Firma der Hastors verpfändet. Das geht aus einem Mailverkehr hervor. Ein Sprecher der Hastors kommentierte dies nicht. Insidern zufolge wurden auch die Küchentöchter Wellmann und Alno international an die Familie verpfändet. Ein Sprecher der Hastors sagte hierzu, die Alno AG habe einer Gesellschaft der Hastors „marktübliche Sicherheiten für ausgezahlte Darlehen gewährt“.
Von 30 zum Teil langjährigen Führungskräften bei Alno ist inzwischen nur noch eine Handvoll da. Drei von vier Vorständen räumten ihre Posten, darunter der langjährige Vorstandschef Max Müller und eben Demirtas, der im März fristlos gekündigt wurde. Beiden war es über Jahre nicht gelungen, Alno nachhaltig zu sanieren. Zudem fielen sie schon durch arg sportliche Bilanzierungspraktiken auf.
Demirtas wurde kurz darauf im Hintergrund tätig: Nur wenige Tage nach ihrem Abgang wurde im Fürstentum Liechtenstein eine Aktiengesellschaft namens First Epa gegründet. First Epa kaufte kurz darauf dem Hausgeräteproduzenten Bauknecht Forderungen gegen Alno und die Alno-Töchter Pino und Wellmann über knapp 54 Millionen Euro ab. Elf Millionen Euro zahlte First Epa dafür.
Jetzt stellte sich heraus, dass Demirtas ein Drittel der Anteile an First Epa hält. Der Rest gehört einer unbekannten Investorengruppe. Unternehmenskreisen zufolge soll der Ex-Alno-Chef Müller mitmischen.
Demirtas sah in dem Kauf der Forderungen vermutlich ein gutes Geschäft. Insbesondere Forderungen an Pino von 23 Millionen Euro schienen werthaltig. „Es war aber auch sicher eine Portion Rachsucht mit dabei“, sagt einer, der sie gut kennt. „Müller und Demirtas konnten es nicht verwinden, dass sie aus dem Amt gejagt wurden.“
Allein, der vermeintlich lukrative Deal entpuppt sich nun als Finanzfiasko. Denn so viel die Hastor-Manager auch bewegen wollten: Das Tagesgeschäft bei Alno lief schlecht. Am 12. Juli beantragte der Küchenproduzent eine Insolvenz in Eigenverwaltung. Die Forderungen der Liechtensteiner First Epa gegen Alno verloren dadurch massiv an Wert. Allenfalls die Rückzahlung der Schulden von Pino schien halbwegs sicher, die Tochter war da noch nicht insolvent.
Pleite nach Plan
Als ein Sanierungsberater von Alno zufällig auf die bis dato geheimen Forderungsübertragungen von Bauknecht an First Epa stieß, leiteten die Hastors den Gegenangriff ein – und stellten ein Ultimatum: Entweder die Pino-Forderungen würden mit hohem Abschlag an eine Hastor-Gesellschaft abgetreten, oder Pino würde am nächsten Tag ebenfalls in die Insolvenz geschickt. Dieses Angebot sei „nicht nachverhandelbar“, hieß es in einem internen Mailwechsel beteiligter Anwälte. Demirtas lehnte ab. Tags drauf meldete Pino Insolvenz an. Alno erklärte hierzu, Pino habe zu diesem Zeitpunkt einen akuten Cash-Bedarf von mehr als fünf Millionen Euro gehabt. Dieser wäre über ein Darlehen gedeckt worden, sofern Epa der Übertragung der Forderungen zugestimmt hätte. So aber hätte „der Cashbedarf von mehr als fünf Millionen Euro nicht gedeckt werden“ können, „so dass die Geschäftsführung ihrer Insolvenzantragspflicht nachkommen musste.“
Statt den Hastors Pino zu überlassen, will Demirtas nun gemeinsam mit Müller und anderen Investoren die Alno-Tochter kaufen. Nach Informationen der WirtschaftsWoche hat sie rund vier Millionen Euro geboten. Eine Million soll sofort fließen, der Rest im Oktober.
Alno erklärte, über die Annahme des Angebots werde zu einem späteren Zeitpunkt im Gläubigerausschuss zu diskutieren sein.
Zudem hofft die Demirtas-Seite darauf, im Verbund mit anderen Gläubigern wichtige Gremien bei Alno mit eigenen Leuten neu besetzen zu können und den vom Gericht eingesetzten Insolvenz-Sachverwalter auszutauschen.
Juristen halten es für unwahrscheinlich, dass der Plan der ehemaligen Alno-Truppe aufgeht. Demirtas lässt sich dazu mit den Worten des legendären britischen Premiers Winston Churchill zitieren: „Ich habe nie nie nie aufgegeben.