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Volkswagen-HauptversammlungSo will Diess den VW-Konzern umbauen

Langweilig wird es nie bei VW – Dieselgate, Tierversuche, Kartellvorwürfe und schließlich der unerwartete Wechsel an der Konzernspitze. Der neue Chef machte auf der Hauptversammlung klar, wie entschlossen er ist.Sebastian Schaal 03.05.2018 - 12:13 Uhr

VW-Chef Herbert Diess bei seiner Rede auf der Hauptversammlung.

Foto: dpa

Hauptversammlungen von Volkswagen waren in den vergangenen Jahren keine besonders freudvollen Veranstaltungen – vor allem wegen der milliardenteuren Abgasmanipulation. Und auch in diesem Jahr hätten die Folgen von Dieselgate, die umstrittenen Tierversuche, Kartellvorwürfe und nicht zuletzt der unerwartete Chefwechsel im April für schlechte Stimmung unter den Aktionären sorgen können.

Dass das große Scherbengericht im Berliner CityCube ausfiel, lag natürlich auch an der aktuellen Lage des Konzerns: Die Aufarbeitung der Dieselkrise schreitet voran, die Gewinne sprudeln, der Absatz bricht alle Rekorde – zuletzt auf 10,7 Millionen Fahrzeuge.

Aber auch daran, dass die Aktionäre den jüngsten Umbruch an der Konzernspitze mittragen. Der frühere Vorstandsvorsitzende Matthias Müller hatte sich aller Leistungen bei der Neuausrichtung des Konzerns zum Trotz bei den Aktionären nur überschaubarer Beliebtheit erfreut – nicht nur in der leidvollen Debatte um die Vorstandsvergütung hatte er öffentlich kein gutes Bild abgegeben. Als der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch Müller für seine „herausragenden Leistungen“ dankte, gab es dennoch pflichtbewusst Applaus aus dem Plenum.

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Die deutlich größere Zustimmung erhielt allerdings der neue Vorstandsvorsitzende Herbert Diess, als er nach seiner gut halbstündigen Rede das Podium verließ. Der von Müller ausgerufene Kulturwandel für mehr ethisches Verhalten im Konzern und eine bessere Kritikfähigkeit hatte bislang viele Fragen offengelassen. Diess will das entschlossener angehen – und übte offene Kritik am bisherigen System. „Volkswagen muss in diesem Sinne noch ehrlicher, offener, wahrhaftiger, in einem Wort: anständiger werden“, sagte Diess.

Der Vorstand habe mit „Together4Integrity“ ein Programm zum Kulturwandel auf den Weg gebracht. Das interne Hinweisgeber-System soll demnach ausgebaut, Fehlverhalten kompromisslos geahndet werden. Zuvor hatte der von den US-Behörden nach dem Abgasskandal eingesetzte Aufpasser Larry Thompson in einem Bericht an das US-Justizministerium die interne Aufarbeitung der Affäre kritisiert. Thompson soll nach dem Abgasbetrug und Schuldeingeständnis des Konzerns in den USA sicherstellen, dass sich solches Verhalten nicht wiederholt.

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Nötig seien belastbare Strukturen und Prozesse – „vor allem aber müssen wir auch danach handeln“, verlangte Diess. „Mir ist es ein Anliegen, dass Volkswagen offen und transparent ist.“ Dazu gehöre es auch, unbequeme Wahrheiten auszusprechen: Den Weg zu einer offeneren Unternehmenskultur, in der Widerspruch belohnt statt erstickt werde, habe man unterschätzt. Werteverstöße gebe es in jeder größeren Organisation. Bei Volkswagen allerdings sei dies bis in die jüngere Vergangenheit hinein „eindeutig zu viel“ geschehen.

Zudem will Diess in der zweiten Phase der Neuausrichtung das umsetzen und beschleunigen, was Müller nicht (mehr) geschafft hat: „Wir müssen den Konzern vom schwerfälligen Tanker zu einem schlagkräftigen Verbund von Schnellbooten machen“, umschrieb Diess sein Vorhaben. Volkswagen müsse bei Entscheidungen und deren Umsetzung schneller werden. Die Wege seien zu lang, zudem gebe es an vielen Stellen Doppelarbeit.

Umsetzen will er das mit der im Kern vor drei Wochen vorgestellten Konzernstruktur. Die neuen Markengruppen heißen „Volumen“ (VW, Skoda, Seat, leichte Nutzfahrzeuge, Mobilitätsdienstleister Moia), „Premium“ (Audi, Porsche Holding Salzburg, Lamborghini, Ducati) und „Super Premium“ (Porsche, Bentley, Bugatti).

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Der neue starke Mann im Konzern ist Herbert Diess. Der bisherige Chef der Konzern-Hauptmarke VW, zu der Modelle wie der Golf und der Passat gehören, wird neuer Konzern-Vorstandschef und damit Nachfolger von Matthias Müller. Diess leitet zudem in Personalunion die neue Markengruppe „Volumen“, unter der die Marken VW, Seat und Skoda zusammengefasst werden. Der frühere BMW-Manager ist außerdem verantwortlich für Entwicklung und die Fahrzeug-IT.
Volkswagen führt neue Markengruppen ein. Damit soll der Autokonzern künftig nicht mehr so zentral geführt werden. Künftig gibt es die Markengruppen „Volumen“, „Premium“ - mit Audi an der Spitze - sowie „Super Premium“, unter anderem mit dem Sportwagenbauer Porsche. Für die Nutzfahrzeugeinheit Truck & Bus sollen die Voraussetzung geschaffen werden, diese an die Börse zu bringen.
Für die Markengruppen sind jeweils Vorstandsvorsitzende verantwortlich: Neben Diess für die Volumengruppe sind dies Audi-Chef Rupert Stadler für Premium und Porsche-Chef Oliver Blume für Super-Premium. Stadler ist außerdem verantwortlich für den Konzernvertrieb, Blume für die Konzernproduktion. Blume rückt auch in den Konzernvorstand auf.
VW bekommt außerdem einen neuen Personalvorstand, und zwar den bisherigen Generalsekretär des Konzernbetriebsrates, Gunnar Kilian. Kilian ist der engste Vertraute des einflussreichen Betriebsratschefs Bernd Osterloh. Der bisherige Personalchef Karlheinz Blessing steht VW weiterhin als Berater zur Verfügung, bis sein Vertrag ausläuft.
Der bisherige VW-Vorstand Francisco Javier Garcia Sanz, zuständig für Beschaffung, verlässt laut VW das Unternehmen auf eigenen Wunsch. Kommissarisch übernimmt der Beschaffungschef der Marke VW, Ralf Brandstätter.

Diess versteckte sich aber nicht hinter der Floskel, dass die neue Struktur in den kommenden Monaten gemeinsam mit den Marken ausgearbeitet werde, sondern nannte vor den Aktionären schon konkret, was er sich vorstellt. Spätestens jetzt ist klar, dass der neue VW-Chef auch Ausgliederungen von Nicht-Kerngeschäften nicht ausschließt. Dies sei etwa bei Ducati oder Renk denkbar. Jedoch hatten Arbeitnehmervertreter einen Verkauf von Renk, an dem die VW-Tochter MAN 76 Prozent der Anteile hält, strikt abgelehnt. Diess will jetzt „belastbare Zukunftsperspektiven“ erarbeiten.

Auch die operative Abspaltung der schweren Nutzfahrzeuge triebt Diess weiter voran. „Das Geschäft mit schweren Nutzfahrzeugen unterscheidet sich grundlegend vom dem mit Pkw“, sagt Diess. „Dem tragen wir künftig noch mehr Rechnung.“ Deshalb solle Volkswagen Truck & Bus weitgehend unabhängig von der Steuerung durch den Konzern aufgestellt und „in absehbarer Zeit“ fit für die Börse werden. Einen genauen Zeitrahmen nannte Diess aber nicht.

Konkreter wurde er wieder bei der Prognose für das laufende Jahr. Der Start ins Jahr mit neuen Bestwerten bei Absatz und Umsatz sowie einem wiederum sehr guten Ergebnis im ersten Quartal sei vielversprechend gewesen. Im Gesamtjahr sollen die Umsatzerlöse um bis zu fünf Prozent steigen, die operative Rendite soll zwischen 6,5 und 7,5 Prozent liegen.

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Rückenwind erwartet sich Volkswagen nach Diess' Worten unter anderem von der Fortsetzung seiner markenübergreifenden Modelloffensive. Im laufenden Jahr bringt der Konzern weltweit insgesamt rund 80 Neuheiten zu den Kunden. Gleichwohl gebe es auch Risiken – vor allem die Umstellung auf den neuen WLTP-Prüfzyklus. „Die deutlich aufwändigeren Messungen finden nach einem markenübergreifend koordinierten Zeitplan statt“, so Diess. „Unser Ziel ist es, innerhalb der sehr knappen Übergangsphase alle technisch erforderlichen Anpassungen vorzunehmen und die nötigen Werte ermitteln zu können.“ Dennoch könne es „unter ungünstigen Umständen“ temporär Engpässe im Angebot ergeben.

Der Konzernchef verwies hier unter anderem auf die Umstellung auf den neuen WLTP-Prüfzyklus, der derzeit die gesamte Industrie vor Herausforderungen stellt. Der Volkswagen-Konzern habe sich so frühzeitig wie möglich und sehr intensiv auf das neue Testverfahren zur Bestimmung von Schadstoff- und CO2-Emissionen sowie des Kraftstoffverbrauchs vorbereitet, das zum 1. September 2018 gilt. Man sei zuversichtlich, innerhalb der knappen Übergangsphase alle nötigen Werte ermitteln zu können. Es spielten aber auch Faktoren wie zum Beispiel die Verfügbarkeit der Technischen Dienste sowie der Kapazitäten der jeweiligen Genehmigungsbehörden eine Rolle.

Für den Volkswagen-Konzern bedeute die Umstellung aufgrund seiner Modellvielfalt eine enorme Kraftanstrengung. „Unter ungünstigen Umständen können sich temporär Engpässe in unserem Angebotsprogramm ergeben“, erklärte Diess. Gleichwohl „gehen wir davon aus, dass 2018 erneut ein gutes Jahr für den Volkswagen Konzern wird“, so der Vorstandsvorsitzende. Volkswagen werde nicht nur operativ auf Erfolgskurs bleiben, sondern auch seine Neuausrichtung fortsetzen: „fokussiert, mit mehr Nachdruck und Tempo!“

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