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Ex-Wirecard-VorstandMarsalek ist nicht der einzige Topmanager auf der Flucht

Versteckt im Instrumentenkoffer, verschanzt in Neuseeland, ein Sprung aus dem Gerichtssaal – wer in der Finanzszene auf der Flucht vor dem Gesetz ist, greift zu abstrusen Mitteln.Hannah Krolle 06.07.2020 - 15:04 Uhr

In den vergangenen Jahren gab es eine Reihe von Managern, die untertauchten, als Skandale publik wurden. Oft waren Größenwahn, Geldgier und Betrug im Spiel.

Foto: imago images

Der Bilanzskandal hat jedes Restvertrauen in Wirecard zerstört. Als gegen den ehemaligen Wirecard-Chef Markus Braun Haftbefehl erlassen wurde, ist sein Vertrauter Jan Marsalek längst auf der Flucht. Nach Daten der Einwanderungsbehörde sei er am 23.06. auf der philippinischen Insel Cebu eingereist und von dort weiter nach China geflohen, erklärte der Justizminister Menardo Guevarra. Doch auf keiner Überwachungskamera ist er zu finden. Der Verdacht: Einwanderungspapiere sollen gefälscht worden sein. Würde er gefasst, drohen ihm mehrere Jahre Haft.

Als Chief Operating Officer (COO) war Marsalek für das angeblich wachstumsstarke Asiengeschäft zuständig. Trotzdem mied er Pressekonferenzen und öffentliche Statements. Manager-Kollegen erschien der 40-jährige Österreicher schon länger verdächtig. Er habe das Notebook geschlossen, wenn jemand den Raum betrat, und ließ sich offenbar auch sonst nicht gerne in die Karten gucken.

Während Markus Braun der Untersuchungshaft durch eine Kautionszahlung von 5 Millionen Euro erst einmal entging, zog Marsalek seinen angeblichen Beschluss, nach München zu kommen und sich befragen zu lassen, zurück.

Damit ist er nicht allein. In den vergangenen Jahren gab es eine Reihe von Managern, die untertauchten, als Skandale publik wurde. Oft im Spiel: Größenwahn, Geldgier und Betrug. Eine Auswahl:

Florian Homm: Der Horrortrip des Milliardenmanagers

Als ehemaliger Hedgefonds-Manager und Börsenspekulant kennt sich Florian Homm mit der Verwaltung großer Geldbeträge aus. Er brachte Unternehmen mit wirtschaftlichen Problemen an die Börse, rettete Borussia Dortmund aus der finanziellen Krise und forderte im Gegenzug, allein für die Finanzen des Vereins verantwortlich zu sein. Mit dem Hedgefonds Absolute Capital Management (ACM) verwaltete er in den Nullerjahren mehrere Milliarden Dollar Kundenvermögen. Später wurde offenbar, dass viele Investments weniger wert waren als von ihm behauptet. Als ACM in der Finanzkrise 2007 unter Druck geriet, tauchte Homm unter. Die USA schrieben ihn zur Fahndung aus, er soll mit Hilfe seiner Fonds die Kurse wertloser Pennystocks hochgejubelt haben.

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Die Details seiner Flucht liegen im Nebel, es gab viele Gerüchte und Spekulationen. Der Harvard-Absolvent setzte sich vermutlich erst nach Panama ab, reiste dann durch Südamerika, Afrika und Europa und ließ sich angeblich durch ehemalige Mossad-Agenten schützen. Nach wie vor hielt er Kontakt zu Geschäftsleuten aus der Münchener Rotlichtszene, Bankern aus der Schweiz und Deutschland sowie Treuhändern aus Liechtenstein. Geprellte Investoren setzen ein Kopfgeld von 1,5 Millionen Euro auf ihn aus. In Italien wurde er gefasst und verhaftet, jedoch nicht an die USA ausgeliefert. Später zeigt er sich geläutert, schreibt Bücher und gibt auf YouTube Karrieretipps.

Carlos Ghosn: Flucht aus Japan

Die Flucht des ehemaligen Top-Managers Carlos Ghosn könnte abstruser kaum sein. In einem schwarzen Instrumentenkoffer soll der ehemalige Chef des Verwaltungsrats des japanischen Autobauers Nissan mithilfe von zwei Amerikanern, darunter einem ehemaligen US-Elitekämpfer, aus dem Tokioter Hausarrest geschmuggelt worden seien. Anderen Medienberichten zufolge soll er sein Haus allein verlassen und mehrere Personenkontrollen am Flughafen überwunden haben, ehe er per Privatjet nach Beirut geflohen sei.

Ghosn wird vorgeworfen, Einkommen in Höhe von 50 Millionen Dollar verschleiert und Firmengelder von Nissan an Händlerbetriebe ins Ausland weitergeleitet zu haben. Er sanierte den Konzern, als er kurz vor dem Bankrott stand, und wurde als Schöpfer der weltweit größten Automobil-Allianz aus Nissan, Renault und Mitsubishi umjubelt. Während er geschäftlich als Kostenkiller galt, pflegte der gebürtige Brasilianer privat einen durchaus üppigen Lebensstil. So ehelichte er seine zweite Frau Carole im Schloss Versailles – mit Kostümen im Stil Marie Antoinettes.

Ob der Preis, den Ghosn für seine Flucht zu zahlen bereit war, den Lebensstil des 66-Jährigen beeinflusst, wird sich zeigen. Die 12,4 Millionen Euro, die er in Japan als Kaution hinterlegen musste, behält der Staat jedenfalls ein.

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Kim Dotcom: Verschanzt in Neuseeland

Der deutsche Internetunternehmer Kim Dotcom wohnt in seiner Wahlheimat Neuseeland und wehrt sich gegen die Auslieferung an die USA. Ihm werden Urheberrechtsverletzungen und Geldwäsche in großem Stil vorgeworfen. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm mehrere Jahrzehnte Haft.

Der als Kim Schmitz geborene Dotcom machte in den Achtzigerjahren erstmals in der Hacker-Szene auf sich aufmerksam. Mit seiner Beteiligungsgesellschaft Kimvestor bewahrte er den Online-Händler Letsbuyit vor dem Konkurs und kassierte bei dessen Börsengang ab. Doch schon damals mehrten sich die Zweifel an der Seriosität seiner Geschäftspraktiken. Vorwürfe wurden laut, nach denen Kimvestor Aktien angeboten haben soll, die nicht im Handelsregister verzeichnet waren.

Ebenso unseriös waren die Geschäfte der Datentauschbörse Megaupload. Nutzer konnten dort Dateien, zum Beispiel Videos oder Musik, hochladen und verteilen. Schnell betrieb das Unternehmen eine der beliebtesten Internetseiten weltweit und machte Dotcom zum Multimillionär – bis das neuseeländische Gericht ihn wegen Betrugs verurteilte. Seitdem versucht er, seine Auslieferung an die USA zu verhindern.

Bilanzskandal

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Gerhard Bruckermann gilt als Hauptverantwortlicher für das Scheitern der Immobilienbank Hypo Real Estate in der Finanzkrise 2008. Seitdem ist er verschwunden.

Der Jurist aus dem Rheinland ist kein klassischer Bösewicht. Er sei charmant, überzeuge mit Empathie statt Bestleistung und könne Menschen für sich einnehmen. So beschreiben ihn frühere Bekannte. Er verwandelte einst die solide Pfandbriefbank Depfa in eine Aktiengesellschaft und machte aus ihr eine der profitabelsten Banken Europas. Das Geschäft ging auf. Mit einer Eigenkapitalrendite von über 30 Prozent stellte sie andere deutsche Großbanken in den Schatten – ein Verdienst Bruckermanns. Die wenigen Skeptiker ließ er abprallen, auf Kritik ging er nicht ein. Doch sein Erfolg währte nicht ewig. Als die Rendite zu schrumpfen begann, verkaufte er die zum Scheitern verurteilte Depfa an die Hypo Real Estate (HRE). Das Geschäft brachte ihm 100 Millionen Euro ein – und dem Staat ebenso viele Milliarden Verluste. Als die HRE 2008 zusammenzubrechen drohte, nicht zuletzt und vor allem wegen der Risiken aus der Fusion mit der Depfa, war Bruckermann verschwunden. Noch einmal macht er leise Schlagzeilen, als er Mikrokredite an mittellose Frauen in Entwicklungsländern vergab. Sein Aufenthaltsort ist jedoch bis heute unbekannt. Die Spur führt um die Welt, unter anderem nach London, Florida, Kambodscha und Südspanien. Letztlich bleibt er ein Phantom.

Thomas Middelhoff: Sprung aus dem Fenster

Thomas Middelhoff hat alles verloren. So zumindest präsentierte sich der geläuterte Karstadt-Chef in einem Vortrag vor Studenten. Der einstige Top-Manager und Chef des Medienkonzerns Bertelsmann übernahm 2005 die Führung des angeschlagenen Karstadt-Quelle-Konzerns. Nach umfangreichen Sanierungen wurde der Konzern in Arcandor umbenannt. 2009 musste er Insolvenz anmelden. Was war passiert?

Die Staatsanwaltschaft warf dem einstigen Top-Manager vor, den Konzern zu Unrecht mit Kosten in Höhe von 800 Millionen Euro belastet zu haben. Dabei ging es vor allem Privatflüge, die er teilweise über Arcandor abrechnete. 2014 wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt und wegen angeblicher Fluchtgefahr noch im Gerichtssaal abgeführt. Middelhoff hatte die Vorwürfe entschieden zurückgewiesen und kam 2017 vorzeitig frei – privat und wirtschaftlich ruiniert und gesundheitlich durch eine Autoimmunerkrankung geschwächt. Er fühle sich moralisch schuldig, sagte er später, schrieb ein Buch und hielt Vorträge über das Scheitern und Wiederaufstehen. Geflohen ist er nur vor Reportern: Nach einem Gerichtstermin sprang er aus einem Fenster und haute ab.

Stephan Schäfer: Wie der Partykönig sich das Bein brach

Stephan Schäfer führte ein Luxusleben der Extraklasse. 240 Millionen Euro vertrauten Anleger den Gründern des Immobilienunternehmens S&K an. Ihre Geschäftsidee: Immobilien aus Zwangsversteigerungen kaufen und sie zu höheren Preisen wieder auf den Markt bringen. Das fiel nach der Finanzkrise 2008 auf fruchtbaren Boden. Banken vergaben Niedrigzinsen und die beiden smarten, jungen Männer versprachen Renditen von 20 Prozent. Da waren einige Anleger bereit, ihre Altersvorsorge aufzulösen, um in S&K zu investieren.

Doch Schäfer und Gründungsmitglied Jonas Köller verwendeten die Millionen nicht für das Immobiliengeschäft, sondern finanzierten damit ihr Luxusleben. Bei Razzien fand man Autos, Uhren, Schmuck, Münzvorräte und Luxuskarossen im Wert von mehreren Millionen Euro. Die Party zu Schäfers 30. Geburtstag gilt als legendär – bis die WirtschaftsWoche Vorwürfe der Veruntreuung von Anlagegeldern und des Betrugs öffentlich machte. Das Ermittlungsverfahren zog sich, Geständnisse blieben aus. 2017 wurden Schäfer und Köller schließlich verurteilt. Da half auch der Sprung aus dem Fenster während eines Gerichtstermins nichts. Weglaufen konnte Schäfer mit gebrochenen Beinen jedenfalls nicht mehr.

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Der Zahlungsdienstleister Wirecard ist insolvent. Rund zwei Milliarden Euro fehlen, die es wohl nie gab, ein bedeutender Teil des Umsatzes könnte vorgetäuscht sein. Wirtschaftsprüfer, Aufseher und Investoren haben über Jahre Alarmsignale ignoriert.

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