1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Energiesicherheit: Was Unternehmen, Politik und Privatleute schon immer tun wollten – und jetzt tun müssen

Unternehmen, Politik und PrivatleuteWas wir jetzt tun sollten, um die Energieversorgung zu sichern

Der Kampf ums Gas wird ernst. Was Unternehmen, Politik und Privatleute schon immer tun wollten – und jetzt tun müssen. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Cordula Tutt 20.06.2022 - 12:59 Uhr

In Deutschland herrscht Alarmstufe Gas und alle sollten sich des Ernstes der Lage bewusst sein.

Foto: imago images

Der Wirtschaftsminister ruft jeden zweiten Tag zum Energiesparen auf. Der Industrie-Präsident sorgt sich um die Gasversorgung und lässt wissen: „Jede Kilowattstunde zählt.“ Verbraucherinnen und Verbraucher sehen ihre Gasrechnung durch die Decke schießen – auch bei langfristigen Verträgen mit eigentlich festen Preisen.

In Deutschland herrscht Alarmstufe Gas und alle sollten sich des Ernstes der Lage bewusst sein. Russland als Angreifer in der Ukraine ist mit Sanktionen belegt und zeigt umgekehrt seine Macht beim Gas. Das kommt bei uns immer noch zu einem Drittel aus russischen Pipelines und ist zur Befüllung der Speicher für den nächsten Winter wesentlich. Doch durch die Röhren fließt augenscheinlich immer weniger Gas – mit zweierlei Botschaft: Die staatlichen russischen Lieferanten zeigen dem Westen, dass er abhängig ist vom fossilen Treibstoff. Und sie treiben die Preise nach oben. Putins Russland verdient an weniger Gas nicht unbedingt weniger Geld. Knappheit und Unsicherheit sorgen bei uns für Druck, der mit herkömmlicher Politik nicht zu lösen ist.

Alle drei Gruppen – Unternehmen, Politik und Privatleute – sollten schleunigst umsteuern und so handlungsfähig bleiben. Wer jetzt nicht handelt, wird gänzlich erpressbar. Auch ein wirtschaftlicher Einbruch könnte die Folge sein, wenn im Winter zu wenig Gas da ist, das dann an Privatleute zum Heizen fließt, während Industrieunternehmen den Rohstoff und Brennstoff Gas abgedreht bekämen.

Die Unternehmen

Jetzt ist unternehmerische Initiative gefragt. Wie kann Energie gespart, wie kann von Gas auf andere Energie umgestellt werden? Wahrscheinlich werden Unternehmen zum Betrieb ihrer Anlagen teilweise auch von Gas auf Öl umstellen müssen zum Betrieb ihrer Anlagen. Doch Sparen ist das Maß bei ohnehin teuren Brennstoffpreisen und die Umstellung auf verschiedenste Arten der Erneuerbaren. Gasmangel im nächsten Winter könnte zum Stillstand von Produktionen führen und uns hierzulande in bisher ungekanntem Ausmaß vorführen, wie Lieferketten und Wertschöpfung zerstört werden.

Die Bundesregierung

Zur Wahrheit gehört auch, dass Politik und Behörden sich bei Genehmigungen maximal flexibel zeigen sollten. Viele Firmen würden schon seit einiger Zeit mehr tun, wenn der Bau von Energie-Anlagen nicht so behindert würde. Die Verwaltung muss neue Flächen für Windkraft- und Solaranlagen schneller ausweisen und Verfahren beschleunigen. Der Gasverbrauch muss mit konkreten Energiesparanregungen für Privatleute gesenkt werden. Es muss aber auch weniger Gas für die Erzeugung von Strom eingesetzt werden. Dafür setzt die Regierung den Rahmen. Die Befüllung der Speicher muss vorankommen. Richtig ist, dass jetzt vorübergehend wieder mehr Kohlekraftwerke zum Einsatz kommen. Die Meiler mit der schlechtesten Umwelt- wie Klimabilanz müssen einen Teil der Gaskraftwerke ersetzen. Die letzten drei Kernkraftwerke länger laufen zu lassen dürfte da wesentlich weniger bewirken.

Lesen Sie auch: Dieser Mann hat die Formel zur Gas-Rationierung

Diese Länder haben einen Alarm bei der Gaslieferung ausgesprochen
In Deutschland galt seit Ende März die Frühwarnstufe und damit die erste Eskalationsstufe des Notfallplans Gas. Dieser sieht als zweiten Schritt die Alarm- und als dritten die Notfallstufe vor. Am 23. Juni wurde die Alarmstufe ausgerufen.Würde die dritte Stufe ausgerufen, würde die Bundesnetzagentur in den Markt eingreifen und entscheiden, ob und wieviel Gas an Haushalte, Industrie und Gewerbe geliefert werden.
Österreich hat wie Deutschland die Frühwarnstufe im Gas-Notfallplan ausgerufen. Die Alarmstufe zu erhöhen ist nach Angaben des Regulators E-Control derzeit nicht notwendig. „Im Moment ist es so, dass auch mit den reduzierten Mengen der Verbrauch gedeckt werden kann und auch eingespeichert werden kann pro Tag“, sagte Carola Millgramm, die Leiterin der Gasabteilung der E-Control, am 21. Juni der Nachrichtenagentur Reuters.Betroffen von einer Drosselung seien die Gasflüsse über die Ostsee-Pipeline Nord Stream. Die Importe über den Gashub Baumgarten in Niederösterreich seien stabil, erklärte die Austrian Gas Grid Management (AGGM), die für das Management der internationalen Gastransitleitungen zuständig ist, in ihrem Lagebericht.
Die Niederlande befindet sich in der ersten Phase einer Gaskrise, warnte Energieminister Rob Jetten am 20. Juni. Russland hatte bereits im Mai die Lieferung von Gas gestoppt. Jetzt kurbelt das Land die Produktion der Kohlekraftwerke erneut an. Es gebe zwar noch keinerlei Engpässe. Doch durch Russlands Entscheidung, die Gaslieferungen in europäische Länder zu stoppen oder stark zu reduzieren, könne sich die Lage schnell verschlechtern. Der Minister rief Bürger und Betriebe dringend auf, so viel Energie wie möglich zu sparen.
Dänemark hat am 20. Juni eine Warnung ausgesprochen. Das Land erhält bereits kein Gas mehr aus Russland.
Schweden hat am 21. Juni für Teile des Landes die erste von drei Alarmstufen wegen möglicher Probleme bei der Gasversorgung aus Russland ausgerufen. Die Stufe gilt laut Energiebehörde für Landesteile im Westen und Süden Schwedens, um sich auf potenzielle Liefer-Unterbrechungen vorzubereiten.

Die Privatleute

Gas sparen sollte zurzeit zum Gedanken bei jeder warmen Dusche oder beim Heizen werden, wenn Haushalte mit dem Brennstoff beliefert werden. Für den beabsichtigten Effekt braucht es klare Faustformeln, die jeder im Kopf behalten kann. Auch eine Prämie für sparsamen Verbrauch ist denkbar, schließlich lassen sich monatliche Abrechnungen vergleichen – wenn auch bei unterschiedlich kalten Wintern nicht gänzlich beeinflussen. Schließlich muss rasch das Klimageld her. Diese Pro-Kopf-Prämie ist im Koalitionsvertrag vereinbart und soll ausgleichen, was durch einen steigenden CO2-Preis und damit durch steigende Brennstoffpreise bei den Menschen an zusätzlichen Kosten entsteht. Zugleich soll das Geld zum Umstieg auf andere Energieformen im Verkehr und beim Heizen unterstützen. Ärmere und Familien profitieren im Schnitt stärker davon, weil sie einen größeren Teil ihres Einkommens für Energie aufwenden.

Alles jetzt Notwendige ist keine Zauberei, sondern die konsequente Anwendung dessen, was wir bei der Energiewende schon immer anwenden hätten sollen, wollen oder müssen. Es ist höchste Zeit, flexibel zu werden (etwa vorübergehend in Bezug auf Kohle), schnell und innovativ zu sein.


Dieser Beitrag entstammt dem WiWo-Newsletter Daily Punch. Der Newsletter liefert Ihnen den täglichen Kommentar aus der WiWo-Redaktion ins Postfach. Immer auf den Punkt, immer mit Punch. Außerdem im Punch: der Überblick über die fünf wichtigsten Themen des Tages. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick