Adidas, Volkswagen, Fresenius: Die Aufsichtsräte haben als CEO-Kontrolleure versagt

In kurzem zeitlichen Abstand wurden die drei CEOs Herbert Diess (VW), Stephan Sturm (Fresenius) und Kasper Rorsted (Adidas) von ihren Aufsichtsräten entlassen.
Foto: imago imagesDrei Abgänge, drei Parallelen. Kasper Rorsted verlässt Adidas spätestens 2023, obwohl sein Vertrag noch bis 2026 hätte weiterlaufen sollen. Stephan Sturm geht bei Fresenius, auch er sollte eigentlich bis 2026 bleiben. Und Volkswagen-Chef Herbert Diess wurde gerade von der Konzernspitze verdrängt, obwohl er die von ihm angeschobene Transformation des Autobauers bis 2025 zu Ende bringen sollte. Die vorzeitigen Vertragsauflösungen sind teuer für die Aktionäre – und eine Blamage für die Aufsichtsräte, denn sie haben die gut dotierten CEO-Verträge einst unterschrieben.
Verantwortung dafür übernehmen sie aber nicht. Obwohl sie – zumindest bei Adidas und Volkswagen – die Verträge mit den Vorstandsvorsitzenden sogar vorzeitig verlängert hatten. Zu einer Zeit also, als es schon rumorte. Adidas-Chef Rorsted und VW-Boss Diess wurden ruppige Führungsstile nachgesagt. Und in der Causa Rorsted gab es schon vor Jahren Zweifel an der bröckelnden Innovationsstärke des Sportartikelausrüsters. Die Personalausschüsse der Aufsichtsräte hätten es also wissen können – setzten sich aber über Kritik hinweg.
Der Fall Adidas ist besonders eklatant. Bei dem Herzogenauracher Sportartikelkonzern hat Bertelsmann-Chef Thomas Rabe seit Mitte 2019 den Aufsichtsratsvorsitz inne. Ein Mann also, der bei dem Gütersloher Medienkonzern und der Kölner Tochter RTL gerade Krisenaufgaben sammelt wie andere Kunstwerke. Rabe soll Bertelsmann managen und das Führungschaos bei Europas größtem TV-Sender lösen – und nebenbei Adidas überwachen. So, als wäre der Aufsichtsratsposten eine Art Zeitvertreib.
Dass er das nicht gut macht, zeigt der Aktienkurs von Adidas. Er liegt aktuell unter dem Niveau nach dem Corona-Einbruch Anfang 2020. Die primäre Verantwortung dafür hat Rorsted, die sekundäre Rabe. Der Fall Adidas ist auch aus anderem Grund auffällig: Rabe ist seit Mitte 2019 Aufsichtsratschef bei Adidas. Rorsted war bis genau zu diesem Zeitpunkt acht Jahre lang Aufsichtsratsmitglied bei Bertelsmann – und damit Aufpasser von Rabe. Rabe und Rorsted kennen sich also gut. Für eine angemessene Kontrolle vielleicht zu gut. Die vorzeitige Vertragsverlängerung Rorsteds 2020 jedenfalls lief unter Rabes Ägide.
Das Kontrollsystem der Aktiengesellschaften bedarf einer Neubewertung. Ohnehin sollten Aktionäre einmal kritisch hinterfragen, ob es wirklich sinnvoll ist, dass sie Konzernchefs in die Aufsichtsräte holen. Auch Rorsted spielt gerne den Multi-Aufsichtsrat: Er ist und war in den Gremien bei Bertelsmann, Nestlé und Siemens. Dabei hatte er bei Adidas wohl genug zu tun.
Viel wichtiger noch: Aufsichtsräte müssen mehr Verantwortung übernehmen. Sie müssen ihre Vergütung tatsächlich „verdienen“ – und selbst viel stärker nach Leistung bewertet und bezahlt werden. Auch für Aufsichtsräte muss gelten: Macht einer seinen Job nicht ordentlich, wird der Vertrag aufgelöst. Die Aktionäre haben die Macht – sie müssen sie auch nutzen.
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