Lufthansastreiks: Warum nicht gleich so, Herr Spohr?

Nochmal gut gegangen - Die Einigung mit der Pilotengewerkschaft erspart Lufthansapassagieren einen Streik mit vielen Flugabsagen
Foto: dpaDrei Gewerkschaften im Haus, weltweite Tochterfirmen und praktisch jedes Jahr ein Streik – wenn ein Unternehmen in Deutschland etwas von Tarifauseinandersetzungen verstehen sollte, dann die Lufthansa. Doch wer sich den Weg zu der heutigen Einigung mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit und das Hauen und Stechen der vergangenen Monate mit den Beschäftigten am Boden ansieht, kommt zum Schluss: in der Krise hat der Konzern nicht nur Passagiere verloren, sondern auch einen Teil der Fähigkeit, Konflikte mit der Belegschaft zu lösen.
Statt den in der Coronazeit verblassten Zusammenhalt im Unternehmen wieder zu stärken, bedrohte die Lufthansa ihre Beschäftigten noch zum Jahresbeginn mit Jobabbau, obwohl da längst alle Zeichen auf eine kräftige Erholung im Sommer deuteten. Dann kündigte sie Verträge so, dass die Verhandlungen und mögliche Arbeitskämpfe ausgerechnet in die Hauptreisezeit ab Juli fielen. Als ob das nicht reichte, vermittelte sie beim jüngsten Pilotenstreik den Eindruck, als ob im Konzern die rechte Hand nicht so recht weiß, was die linke tut.
Nach dem ersten Streiktag der Piloten am vergangenen Freitag griff Konzernchef Carsten Spohr zwar sichtbar ein. Es müsse „wieder ein Miteinander entstehen.“ Er nannte sogar ein dickes Gehaltsplus angesichts der Inflation „absolut angemessen, vor allem bei den unteren Lohnklassen.“ Doch der Manager mit dem ansonsten so treffsicheren Gespür für die Stimmung seiner Lufthanseaten ließ offenbar zu, dass seine Personalverantwortlichen rund um den zuständigen Vorstand Michael Niggemann bereits in den Verhandlungen etwas formal agierten und am Wochenende kein neues Gehaltsangebot vorlegten oder eine Einladung zu sichtbaren Gesprächen folgen ließen. Das sei angesichts der informellen Kontakte nicht nötig, war noch gestern Abend die Begründung.
Doch damit verkannten Niggemann und am Ende auch Spohr den Handlungsdruck seiner Flugzeugführer. Die wollen einen Zuschlag nicht nur wegen der jahrelangen Abbaurunden und der steigenden Inflation, sondern auch weil sie angesichts des drohenden Mangels an Cockpitpersonal wertvoller den je sind. Also legte die Pilotengewerkschaft heute Nacht nach mit gleich zwei Streiktagen, wenn sich der Konzern nicht bald bewege. Auf einmal war die Linie doch gesprächsbereit und versprach ein neues Angebot. Doch da waren bereits mehr als Hunderttausend Passagiere um ihre Reisepläne gebracht, noch mehr Kunden verunsichert und laut Schätzungen mehr als 50 Millionen Umsatz verloren.
Nun ist es sicher nicht leicht, die recht unterschiedlichen Interessen der Flugzeugführer unter einen Hut zu bringen, vom Co-Piloten bei den kleineren Regionallinien mit 50.000 Euro Gehalt bis zum Kapitän eines Superjumbos A380, der nach einem fast beamtenhaften System automatischer Gehaltserhöhungen auf den ersten Blick absurd hohe 280.000 Euro plus Reisespesen bekommt. Doch damit sollten die Verantwortlichen der Lufthansa nun wirklich umgehen können.
Was am Ende zu der Einigung geführt hat, ist noch unklar. Doch aus Verhandlungskreisen ist zu hören, dass sich Spohr der Sache selbst angenommen hat und einen neuen Verhandlungsführer bestimmt hat. Da stellt sich die Frage: Warum nicht gleich so?
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