1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Dienstleister
  4. Nachhaltigkeit: Verpackungsgesetz verursacht Ansturm auf Mehrweggeschirr

VerpackungsgesetzAnsturm auf Mehrweggeschirr bei Recup und Vytal

Seit 1. Januar müssen Gastronomen in Deutschland Mehrwegverpackungen führen. Bei den Anbietern der fraglichen Produkte ist der Ansturm groß. Wie sie die Wochen seit der neuen Gesetzgebung erlebt haben.Tobias Gürtler 29.01.2023 - 14:47 Uhr

Mehrwegverpackungen von Vytal und Recup: Mit dem 1. Januar 2023 sind Mehrwegbecher und -Bowls für Tausende Gastronomen in Deutschland vom optionalen Zusatzangebot zur Verpflichtung geworden.

Foto: Vytal/Recup

Zum Interviewtermin erscheint Florian Pachaly eine halbe Stunde verspätet. „Ist gut was los gerade“, entschuldigt er sich – „wachstumsseitig“. Er und seine Kollegen müssten gerade „rund um die Uhr am Telefon sein“, erklärt der 27-Jährige, sichtlich außer Atem. Allein in der ersten Januarwoche habe sein Unternehmen 3000 neue Kunden dazugewonnen. Das entspricht etwa 20 Prozent der Kundschaft, die sich die Firma in den gesamten fünf Jahren davor aufgebaut hatte. Er wolle sich nicht beschweren, sagt Pachaly, aber: „Es ist gerade kein dankbarer Job – obwohl wir im letzten Jahr viel getan haben, um uns auf den Ansturm vorzubereiten.“

Pachaly ist Co-Chef des 2016 begründeten Start-ups Recup. Es bietet wiederverwendbare Kaffeebecher und Essensverpackungen mit einem Pfandsystem an, an dem Gastronomen gegen eine monatliche Nutzungsgebühr teilhaben können. Und dass das Münchener Unternehmen in diesen Tagen gefragter denn je ist, hat einen Grund: Seit 1. Januar 2023 greift in Deutschland ein neues Verpackungsgesetz, demzufolge „Letztvertreiber von Einwegkunststofflebensmittelverpackungen und Einweggetränkebechern“ verpflichtet sind, ihre Waren „jeweils auch in Mehrwegverpackungen zum Verkauf anzubieten“. Kurzum: Pachalys Mehrwegbecher und -Bowls sind zum neuen Jahr für Tausende Gastronomen in Deutschland vom netten, optionalen Zusatzangebot zur Verpflichtung geworden. Und „es ist schönerweise das eingetreten, was wir auch erwartet haben“, sagt Pachaly: „Dass sich die Gastronomie auch daran hält“.

Als er sein Start-up gemeinsam mit Co-Gründer Fabian Eckert begründete, sei es noch „unmöglich“ erschienen, dass so etwas einmal passiere, sagt Pachaly. Eigentlich sei Deutschland nämlich „überhaupt kein Regulierungsland“, was Fragen der Nachhaltigkeit betreffe. Nun sei es natürlich umso schöner, dass „das eigene Produkt sozusagen zum Gesetz geworden ist“. Allerdings: „All das ist Segen und Fluch zugleich.“ Die Belastung für das gesamte Personal sei derzeit auch entsprechend groß. Das wiederum habe man zur Vorbereitung auf den erwarteten Ansturm zuletzt ordentlich aufgestockt, auf derzeit 85 Mitarbeiter. Und an Lagerbestand habe man vorsichtshalber „echt wahnsinnig vorgekauft“.

Recup-Co-Gründer Florian Pachaly

Foto: Recup

Das größte Problem für das Unternehmen sei derzeit die mangelnde Planbarkeit auf Nachfrageseite, berichtet er: „Sind es jetzt 3000, die sich in einer Woche anschließen, sind es 500 – oder sind es 7000?“ Da müsse man in der Logistik gut vorbereitet sein: „Wie viele Pakete kann ich pro Tag rausschicken? Wie viele Becher und Bowls habe ich auf Lager? Was machen die Telefone? Habe ich genügend Personal für die Spitzen?“ Bislang habe es zwar keine „bösen Überraschungen“ gegeben, aber: „Es ist gerade ein Schubwachstum, das große Wachstumsschmerzen in sich birgt“.

20.300 Ausgabestellen in Deutschland bieten derzeit laut Unternehmensangaben die Mehrweg-Produkte von Recup an. Nach der ganz großen „Mehrwegwelle“ in der ersten Januarwoche sind demnach in den drei Folgewochen noch etwa 1000 weitere neue Partner dazugekommen. Pachalys Unternehmen ist damit hierzulande derzeit der klare Marktführer bei den Mehrwegverpackungen. Aber die Konkurrenz schläft nicht – insbesondere seitdem klar ist, dass hier ein Markt heranwächst, der nicht einfach nur bedient werden will, sondern bedient werden muss.

Bereits zum 3. Juli 2021 war eine Novelle des Verpackungsgesetzes in Kraft getreten, die für Gastronomiebetriebe ab 80 Quadratmetern Verkaufsfläche und fünf Mitarbeitern eine Mehrwegangebotspflicht ab 2023 vorsah. Seither sprießen die Start-ups, die Recup Konkurrenz machen wollen, nur so aus dem Boden. „Viele gehen da jetzt rein, weil sie wissen: Da gibt's einen Markt, da ist Geld da. Und irgendwann wird er vielleicht konsolidieren, dann kann ich verkaufen“, vermutet Pachaly.

Mit den Zahlen von Recup messen aber kann sich derzeit nur ein einziger Konkurrent: das Kölner Start-up Vytal. Etwa 5600 Gastronomiebetriebe in Deutschland nutzen laut Unternehmensangaben derzeit dessen System. Das entspricht immerhin mehr als einem Viertel der derzeitigen Recup-Partner. „Gemeinsam mit Recup bilden wir damit die obere Liga im Mehrwegverpackungsmarkt, alle anderen betrachte ich eher als Second Tier“, sagt Tim Breker, der das Unternehmen 2019 gemeinsam mit Sven Witthöft und Fabian Barthel begründet hat.

Recup-Mitgründer Florian Pachaly

„Wir haben viele Investoren von vorneherein ausgeschlossen“

von Stephan Knieps

Ähnlich wie Recup hat auch Vytal in den vergangenen Wochen einen enormen Kundenansturm erlebt. 600 Neukunden seien allein im Januar dazugekommen, rund 3300 Ende des letzten Jahres. „2021 war mit Abstand das erfolgreichste Jahr bei Vytal, was vor allem durch die letzten Monate getrieben war“, berichtet Breker. Allein im November und Dezember habe man jeweils eine vierstellige Anzahl an Ausgabestellen dazugewonnen.

Die Vorbereitungen für den erwarteten Ansturm hätten im März 2022 begonnen, sagt Breker. Seinerzeit sammelte das Start-up zehn Millionen US-Dollar von Investoren ein, um sich wappnen zu können. „Um die erwarteten Anstürme managen zu können, sind wir sind dann im Mai in ein hochmodernes Verpackungslager mit Hochregallager gezogen, haben das Team mehr als verdoppelt, neue Prozesse aufgesetzt, der ganzen Organisation einen Professionalisierungsschub gegeben.“ Ein wenig aus der Bahn geworfen habe das Unternehmen eine Krankheitswelle in der Belegschaft kurz vor Weihnachten – ausgerechnet dann, als die Neukunden in besonders großen Scharen versorgt werden wollten. Ansonsten sei alles gut gelaufen. Aber: „Der Urlaub nach Weihachten war wirklich bitternötig“, sagt Breker auch.

Dass die Neukunden bei Vytal dabei im Durchschnitt früher anklopften als bei Recup, erklärt sich womöglich durch die unterschiedlichen Geschäftsmodelle. „Recup kann einfach Behälter rausschicken und der Kunde kann starten“, erläutert Breker. „Bei uns dagegen ist es so, dass wir allen Partnern auch immer noch ein längeres On-Boarding geben müssen.“

Vytal-Co-Gründer Tim Breker

Foto: Vytal

Vytal funktioniere wie eine „digitale Bibliothek“, erläutert Breker sein Mehrwegmodell: Jede Mehrwegverpackung des Unternehmens ist mit einem QR-Code versehen, durch den sich die einzelnen Becher und Bowls tracken lassen. Endverbraucher schalten sich über eine App für das System frei, Gebühren fallen für sie keine an – sofern sie die Verpackung innerhalb von 14 Tagen an eine der Vytal-Ausgabestellen zurückbringen. Die Ausgabestellen wiederum bezahlen pro Befüllung zwischen 15 und 25 Cent an Vytal.

Vorbilder für das System seien damals Sharing-Konzepte aus anderen Märkten gewesen, erzählt Breker: Airbnb etwa oder Carsharing-Anbieter wie Miles oder ShareNow. Und der große Vorteil gegenüber dem Pfandmodell der Konkurrenz sei der, „dass wir auch wirklich wissen, ob Becher zurückgegeben werden“. Über 99 Prozent der Vytal-Becher kämen nachweislich wieder zurück, bei Recups Pfandsystem liege die Quote dagegen Schätzungen zufolge bei höchstens 80 Prozent. „Das würde bedeuteten, dass ein einzelnen Behälter dort nur auf fünf Nutzungen kommt, bevor er verloren geht.“

Vytal und Recup pflegen ein freundschaftliches Nebeneinander, betonen beide Seiten. Man tausche sich regelmäßig aus, sei schließlich in einer kleinen Branche unterwegs und verfolge dasselbe Ziel: den Müll in Deutschland langfristig zu reduzieren. Gespräche über einen Zusammenschluss habe es auch schon gegeben. Es sei auch nach wie vor nicht auszuschließen, dass es eines Tages dazu kommt. „Grundsätzlich wären wir offen dafür, das auszuloten“, sagt Breker. „Allerdings habe ich noch keine konkrete Vorstellung davon, wie unser digitales Mehrwegsystem mit einem analogen Pfandsystem übereinander kommt.“

Spitzen gegen die jeweilige Konkurrenz können sich die beiden Unternehmen dennoch nicht verkneifen. „Flapsig gesagt: Was uns von Recup unterscheidet, ist, dass wir nachhaltig sind und das auch nachweisen können“, sagt etwa Vytal-Gründer Breker. Recup-Gründer Pachaly erwidert: „Wir haben schon bewiesen, dass unser Geschäftsmodell funktioniert. Ich glaube nicht, dass Vytal das schon annähernd bewiesen hat.“

2019 und 2020 sei Recup mit seinem Pfandmodell bereits profitabel gewesen, berichtet Pachaly stolz. Dann – „als das Gesetz losging“ – habe man erst einmal viel investieren müssen. Nun aber sei das Unternehmen wieder auf dem Weg in die schwarzen Zahlen, sagt Pachaly. „Diesmal mit einer höheren Struktur natürlich, dafür aber vorbereitet für die große Mehrwegwelle.“

Lesen Sie auch: Der mühsame Weg zur Teller-to-go-Gesellschaft

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick