Produktpiraterie: „Unfassbar dreist“: Der Kampf gegen Produktfälscher
So dreist kopierte vor einiger Zeit ein Unternehmen mit Sitz in Bangladesch ein Druckmessgerät von Wika aus Nordbayern (Original links) – im vergangenen Jahr kopierten Kriminelle die Webseite des Mittelständlers und gaben sie als offizielle China-Onlinepräsenz aus.
Foto: WirtschaftsWocheEs habe ihn richtig vom Stuhl gehauen, erzählt Ulrich Demuth. Und das soll was heißen. Denn Demuth ist einiges gewohnt. Er jagt schon seit Jahren Fälscher. Aber dass Kriminelle einfach die gesamte Unternehmenswebseite Eins-zu-Eins kopiert und als offizielle chinesische Internetpräsenz ausgegeben haben, hat sogar ihn überrascht: „Unfassbar dreist. Die haben sogar die Bilder unserer Jubiläumsfeier genutzt.“
Demuth ist beim Messtechnikhersteller Wika im fränkischen Klingenberg für den Schutz des geistigen Eigentums zuständig. Wika, ein Familienunternehmen mit gut 10.000 Beschäftigten, stellt unter anderem Druckmessgeräte her, sogenannte Manometer. Auch diese werden immer wieder kopiert, sogar samt Firmenlogo und dem Hinweis „Made in Germany“.
Das ist nicht nur dreist: Ziemlich heikel könnte es für Anwender sein, die auf so ein Plagiat hereinfallen, erklärt Demuth: „Wenn eine gefälschte Uhr nicht ganz genau funktioniert, verpassen Sie vielleicht den Bus. Wenn ein Manometer den Druck nicht richtig anzeigt oder ausfällt, ist das in manchen Fällen sehr gefährlich.“
Der Schmähpreis Plagiarius, den die gleichnamige Aktion vergibt, zeichnet jährlich die dreistesten Produktfälscher aus. Die Trophäe – die eher nicht in der Vitrine der „Sieger“ landen dürfte – geht 2025 an Unternehmen verschiedener Branchen. Manche Fälschungen sind auf den ersten Blick kaum vom Original zu unterscheiden, sind aber mindestens minderwertiger Qualität bis hin zu gefährlich.
Foto: Aktion Plagiarius e.V.Ein zeitloses und dennoch extravagantes Regalsystem stammt aus dem Studio Hausen und aus der Feder des Hamburger Designers Jörg Höltje. Das Original (links) ist aus Massivholz gefertigt und stammt aus nachhaltiger Forstwirtschaft. 380 Euro kostet es. Ein deutscher Möbel-Filialist hat es nachgemacht – aus tropischem Mangoholz und Billig-Bügeln, moniert die Aktion Plagiarius. Immerhin: Das Handelsunternehmen habe mittlerweile den Verkauf der Plagiate gestoppt und Restbestände vernichtet. Der Claim „Schönes Design, für Jedermann bezahlbar“ von Handelsunternehmen dürfe nicht zu Lasten kreativer Designer gehen, begründet die Jury. Die Nachahmung hat es auf Platz 1 des Schmähpreises Plagiarius 2023 geschafft.
Foto: WirtschaftsWocheDas türkische Unternehmen Metplas A.S. hat Trinkgläser vom Unternehmen Koziol mit Sitz im Odenwald kopiert. Die Gläser bestehen laut der Aktion Plagiarius aus einem Hightech-Material, das die Eigenschaften von Glas wie Transparenz und Lichtbrechung mit den Vorteilen von Kunststoff vereine. Die Gläser, konzipiert für Gastronomie und Hotellerie, seien unzerbrechlich, isolierfähig, leicht und individuell einfärbbar. Beim Plagiat wurden Form, Konzept und das exklusive Facettendesign nahezu 1:1 übernommen. Die Fälschungen (unten) seien einfacher verarbeitet, weniger standfest und in ihrer Optik näher am Kunststoff – sie holen Platz 2 des diesjährigen Schmähpreises.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 3 geht an die Kopie eines Fahrzeugdiagnosesystems (OBD). Autobauer entwickeln sie, um Modelle zu reparieren und zu warten, in dem Fall steckt Mercedes-Benz hinter dem Original-Produkt (links). Das Unternehmen OBD Diagnostic Tools mit Sitz in Fellbach (Baden-Württemberg) gewinnt den dritten Platz im Schmäh-Wettbewerb: Die Firma hat das abgekupferte Diagnosesystem über eine Webseite und Ebay verkauft. Gefälschte Fahrzeugdiagnosesysteme verwenden oft veraltete Software ohne Aktualisierungen – und erkennen deshalb möglicherweise Fehler nicht. Für die Verletzung der Markenrechte gab es in diesem Fall sogar eine zivilrechtliche Verurteilung des Landgerichts Stuttgart und ein Strafverfahren.
Die gesamte Identität wurde dem Messgerätehersteller Wika gestohlen: „WIKA China Website“ lautete der Copyright-Vermerk auf der Seite wika-wika.cn – Fälscher haben eine chinesische Internetpräsenz ins Leben gerufen. Inklusive Historie, Fotos, Texten: Also Marken- und Urheberrechtsverletzungen und der bewussten Täuschung der Nutzer der Webseite. Der Inhaber der Domain, Chu Chaofeng aus Shanghai, wurde mit dem Sonderpreis Identitätsklau ausgezeichnet.
Foto: WirtschaftsWoche
Plagiarius zeichnet das Unternehmen Fath GmbH mit Sitz im fränkischen Spalt mit einem weiteren Sonder-Schmähpreis aus: Den des sogenannten faulsten Serientäters. Im Sortiment von Fath finde man seit Jahren zahlreiche Produkte, die dem Wettbewerber item Industrietechnik GmbH (Solingen) ähnlich sehen (links die Originale). Die Begründung: „Eine Weiterentwicklung, individuelle Ausprägung oder gar die erwähnte Innovation? Nicht erkennbar.“ Und die Jury legt nach: „Kreativbefreite Nachahmungen in Serie kann auch kein Marketing schönreden.“ Während sich andere Mitbewerber eher inspirierten, aber eine eigene Formensprache und Designmerkmale entwickelten, habe Fath „Inspiration falsch verstanden“.
Foto: WirtschaftsWocheDie polnischen Fälscher waren schneller als der Originalhersteller – und bekommen dafür ebenfalls einen Sonderpreis verliehen. Drei Monate, bevor Volkswagen seine Navigations-SD-Karte V16 auf den Markt brachte, konnten Käufer sie schon für den halben Preis in einem Ebay-Shop kaufen. Auch die Hüllte der Karte war abgekupfert. Der Anbieter räumt zwar die Markenrechtsverletzungen ein, weigerte sich der Aktion Plagiarius zufolge aber, eine strafbewehrte Unterlassungserklärung abzugeben. Der polnische Fälscher habe Volkswagen eine Zahlung von 2000 Euro gegen die Einstellung der Rechtsverfolgung angeboten – erfolglos. Weitere juristische Schritte seien geplant, heißt es weiter.
Foto: WirtschaftsWocheSo wie Wika ergeht es Experten zufolge wohl jedem neunten Unternehmen innerhalb der vergangenen Jahre: So viele wurden laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) mindestens einmal Opfer von Produkt- und Markenpiraterie. Häufig betroffen sind internationale Industrieunternehmen. Oliver Koppel ist Ökonom beim IW und schätzt, dass der deutschen Volkswirtschaft durch Produkt und Markenpiraterie 2022 ein Schaden in Höhe von rund 60,5 Milliarden Euro entstanden ist. Dadurch dürften etwa 560.000 vollzeitäquivalente Arbeitsplätze entgangen sein. „Die tatsächlichen Werte dürften noch höher liegen, denn der informelle Tenor der Unternehmen deutet darauf hin, dass die Schadenquote weiter zugenommen hat“, sagt Koppel.
Produktpiraterie ist für Kriminelle ein lukratives Milliardengeschäft. Für Unternehmen, die für ein Produkt oft jahrelang investieren, designen, konstruieren und zertifizieren, kann der Ideenklau existenzgefährdend sein – für Kunden im schlimmsten Fall gefährlich. Allein in der EU wurden laut der Europäischen Kommission und dem Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) 2021 um die 86 Millionen gefälschte Waren beschlagnahmt – ein Plus von knapp 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das sei die Spitze des Eisbergs, viele Angriffe sind nicht nachweisbar.
Unternehmen müssen sich digital besser wehren
Gefälschte Produkte werden seit einigen Jahren vermehrt über eCommerce-Plattformen und soziale Netzwerke an Kunden gebracht. Unternehmen müssen deshalb stärker auf digitale Schutzstrategien setzen, rät die Aktion Plagiarius, die am Freitag wieder die dreistesten Produktfälschungen des Jahres auszeichnet. Dazu gehören Prüfsiegel für autorisierte Webshops und Online-Monitoring, das von künstlicher Intelligenz gestützt wird und so Fakes aufspürt und beseitigt. Durch den Digital Services Act werden Online-Verkaufsplattformen wie Ebay oder Amazon seit dem vergangenen Jahr stärker in die Pflicht genommen, gegen Produktfälschungen vorzugehen.
Die Initiatoren des Plagiarius-Schmähpreises warnen, dass professionelle Fälscherringe ihre Tätigkeitsfelder gerade weiter diversifizierten und Strukturen aus Menschen-, Waffen- und Drogenhandel nutzten. Uwe Becker, Staatssekretär für Europaangelegenheiten, sagte in dem Zusammenhang, dass der Schutz des geistigen Eigentums sowie der Kampf gegen Produkt- und Markenpiraterie auf die neuen Geschäftsmodelle des Ideenklaus angepasst werden müsse.
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Wie TikTok „Dupes“ salonfähig macht
Besonders besorgt beobachten Rechtsexperten auch, wie auf sozialen Netzwerken wie TikTok und Instagram sogenannte Dupes bejubelt werden. Dupes, also nachgemachte Produkte, versprechen bestimmten Konsumgütern in ihren Eigenschaften besonders nahe zu kommen, sind aber günstiger und oft leichter erhältlich. „Dupe Influencer“ kuratieren solche Fälschungen in ihren Videos und zeigen sie ihren oft jungen und preissensiblen Followern. Die günstigeren Alternativprodukte sind dann in Folge nicht selten erstmal ausverkauft – ob Lippenstifte, Stiefel oder Föhnbürsten.
Mehr als jeder dritte jugendliche Europäer zwischen 15 und 24 Jahren hat schon mal vorsätzlich Fälschungen gekauft, heißt es im „Jugendbarometer 2022 zum geistigen Eigentum“. Das entspricht laut EUIPO mehr als einer Verdopplung in den vergangenen drei Jahren. Besonders gefragt: gefälschte Kleidung, Schuhe, Accessoires sowie Elektronik. Sorgen bereitet dem Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum, dass die soziale Akzeptanz für solche Fälschungen dabei steigt. Wenn reichweitenstarke Vorbilder Plagiate anpreisen, legitimierten sie „selbstherrlich den Verkauf rechtsverletzender Artikel und verharmlosen den Kauf ebensolcher als cool und akzeptabel“, kritisieren die Markenschützer in einem Pressestatement. Für Unternehmen ist das eine bittere Nachricht: Eine wichtiges Käufersegment, das mehr auf den Preis als auf die Qualität schaut – und dabei nicht mal ein schlechtes Gewissen gegenüber den Originalherstellern hat.
„Produktpiraterie ist für uns geschäftsschädigend“
Der Messtechnikhersteller Wika jedenfalls hat Fälschern den Kampf angesagt. Plagiatsexperte Ulrich Demuth geht mit aller Härte gegen Nachahmer vor. Er lässt Shops schließen, meldet Fälschungen und schickt Testeinkäufer los. „Wir bauen mit unserem Knowhow unsere Messgeräte seit Jahren sehr robust und genau – so sind wir zu einem Namen für Messtechnik geworden. Fälschungen sind für uns geschäftsschädigend.“ Der Umsatzverlust sei das eine, laut Demuth verschmerzbar. Doch fehlerhafte Plagiate gefährdeten vor allem den Ruf als Qualitätsmarke.
Eine Mitarbeiterin von Demuth sei eigens dafür angestellt, in Webshops wie dem des chinesischen Internetriesen Alibaba nach Plagiaten zu fahnden. „Wir schießen jeden Monat bis zu 500 Fake-Angebote weg.“ Früher seien es noch mehr als doppelt so viele gewesen. Demuth wünscht sich auch von anderen Unternehmen mehr Aufmerksamkeit für Produktpiraterie. Er berichtet, dass die „Piraterie 4.0“ zunehmend viele andere Firmen trifft, ohne dass sie davon wissen.
Demuth sagt aber auch: „Man braucht eine gewisse Unternehmensgröße, um jemanden dafür abstellen zu können.“ Und auch Schutzrechte sind teuer. Sie müssen für jedes Land eigens gekauft werden. Demuth wünscht sich eine Art Urheberrechtsplattform, über die weltweit und einfach Dokumente und Schutzrechte für die eigenen Marken und Produkte eingereicht werden können.
Sollte sich nichts ändern, dass Unternehmen ihre Marken und Produkte einfacher schützen können – dann dürfte so manches Unternehmen wohl zweimal überlegen, ob sich der Investitionsaufwand für ein neues Produkt wirklich lohnt.
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