Gipfeltreffen der Weltmarktführer: „Deindustrialisierung ist kein Schreckgespenst, sondern findet statt“
Covestro-Chef Markus Steilemann.
Foto: Stefanie Hergenröder für WirtschaftsWocheNoch nie war die Stimmung deutscher Unternehmen in China so schlecht wie jetzt. Das ist das Ergebnis des jährlichen Geschäftsklimaindex der deutschen Auslandshandelskammer. Aber auch im fast 8.000 Kilometer weit entfernten Schwäbisch Hall ist das Stimmungstief in China zu spüren. Dort kommen in dieser Woche zahlreiche CEOs deutscher Weltmarktführer zusammen, um sich über die aktuellen Herausforderungen auszutauschen. Top-Thema: Diversifizierung – nicht nur beim Thema Energie, sondern auch was Investitionen im Ausland angeht.
Seit China Russland im Krieg gegen die Ukraine unterstützt, die Annexion Taiwans zum politischen Ziel erklärt hat und mit strengen Mitteln die Null-Covid-Strategie durchgesetzt hat, befindet sich das Vertrauen in das Reich der Mitte auf einem historischen Tief. Für die deutsche Industrie ist das ein Problem, denn die Abhängigkeit von China ist hierzulande groß. Konzerne wie VW, BMW oder das Chemieunternehmen Covestro machen mittlerweile bis zu einem Drittel oder mehr ihres Umsatzes in China. Sich von China abkoppeln könnte für sie den Konkurs bedeuten. Einfach weiterzumachen, womöglich aber auch.
„Vor dem aktuellen Hintergrund braucht es einen risikobasierten Ansatz“, sagt Covestro-Chef Markus Steilemann am Mittwoch. Der Kunststoffhersteller aus Leverkusen beschäftigt sich derzeit intensiv mit Chinas Risikoprofil und wägt laut Steilemann dauerhaft Chancen und Risiken ab. Das Unternehmen schockte die Börse 2022 gleich zwei Mal mit einer Gewinnwarnung. Das vorläufige Ebitda liegt mit 1,61 Millionen Euro noch einmal unter der jüngsten Korrektur. Neben den hohen Energiekosten sind es die Lockdowns in China, die das Konzernergebnis belasten. „Deindustrialisierung ist kein Schreckgespenst, sondern findet statt“, warnt Steilemann.
Nach Angaben des Branchenverbandes VCI, dem Steilemann seit September als Präsident vorsteht, hat rund die Hälfte der chemischen Unternehmen von Lieferschwierigkeiten bei einzelnen Vorprodukten berichtet. Trotzdem warnt der Manager Politik und Wirtschaft davor, aufgrund von „kurzfristiger Ereignisse oder Stimmungslagen“ die grundsätzliche Haltung zu China vorschnell über Bord zu werfen. Sich abzukoppeln sei nicht der richtige Weg.
VW baut Geschäft in den USA und in Indien aus
Ähnlich argumentiert auch VW. Kein deutsches Großunternehmen ist mit China seit vielen Jahrzehnten enger verbunden als der der Automobilhersteller. Der Konzern verdient rund jeden dritten Euro in China und verkauft dort mehr Autos als in jedem anderen Land – drei Mal mehr als in Deutschland, fünf Mal mehr als in den USA.
VW sichere die seine Stellung in China ab, teilte VW-Chef Oliver Blume am Mittwoch per Video-Botschaft mit. China verfüge über riesige Mengen an Rohstoffen, die in Europa nicht ausreichend vorhanden seien, begründet der CEO. Zudem würden gegenwärtig fast ausschließlich asiatische Unternehmen Batteriezellen herstellen. „Das sind Gewinne, die für Arbeitsplätze und den Wohlstand in Europa unverzichtbar bleiben“, sagt Blume. Laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters plant VW ein großes Software-Joint-Venture in China. Von der Investition einer Milliarde Euro ist die Rede.
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Doch ausgerechnet in China schwächelte der VW-Absatz zuletzt. Die Wolfsburger stehen zunehmend unter Druck der chinesischen Hersteller, die bei wichtigen Technologien die Nase vorn haben. Die verlorenen Marktanteile will VW zurückgewinnen. Doch obwohl der Konzern am Chinageschäft festhält, ist auch Blume das Risiko einer möglichen politischen Eskalation bewusst. Obwohl man am Chinageschäft festhalte, so Blume, sei die zunehmende Diversifizierung wichtig. VW baut aktuell sein Geschäft in Nordamerika und Indien aus.
Vor allem die Produktionskapazitäten sowie Forschung und Entwicklung werden in den USA ausgeweitet. An seinem US-Standort Chattanooga hat der Konzern im vergangenen Sommer ein 22 Millionen teures Batterielabor eröffnet. Ein Rohstoffabkommen mit Kanada soll VW aus der Abhängigkeit von chinesischem Lithium lösen.
„Deutsche Industrie wird erheblichen Strukturwandel durchlaufen“
Neben China ist auch Deutschland für viele Unternehmen längst nicht mehr die beliebteste Standortwahl. Grund sind die im internationalen Vergleich hohen Energiekosten. Nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer müssen die Unternehmen hierzulande damit rechnen, dass sich an dieser Tatsache auch künftig nichts ändern wird. Sie rechnet damit, dass die Energiepreise „auf diesem Niveau“ – und damit teurer als im Ausland bleiben.
An die Zukunft des Geschäftsmodells Deutschland glaubt die Ökonomin trotzdem. Die Energiepreise waren auch vor der Energiekrise im Vergleich zum Ausland hoch, erinnert die Expertin. Trotzdem habe man international konkurrieren können. Damit das auch weiterhin so bleibt, fordert Schnitzer von der Regierung Anreize, um die Energieeffizienz sicher zu stellen, sowie den Abbau regulatorischer Hürden, um somit Planungssicherheit zu gewährleisten.
Dennoch müsse die deutsche Industrie in den nächsten Jahren einen erheblichen Strukturwandel durchlaufen. „Wir sehen das aber nicht als Zeichen für Deindustrialisierung, sondern als einen Strukturwandel“. Der Rat der Wirtschaftsweisen: „Die Politik solle diesen Strukturwandel nicht verhindern.“ Der Einsatz von Steuergeldern, um so etwas aufzuhalten, sei kostspielig und in den meisten Fällen, funktioniere es auch nicht.
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