Ukraine-Krieg: Erhöhung des Wehrdienstalters: Will Russland so die jungen Arbeitskräfte retten?
Ein Mann geht an einem Plakat mit dem Bild eines russischen Soldaten und der Aufschrift «Wir verteidigen das Vaterland» vorbei, während einer Straßenausstellung mit Militärfotos.
Foto: dpaSeit über einem Jahr tobt Krieg in der Ukraine. Sanktionen, Inflation, wegfallende Märkte und Brain-Drain bringen die russische Wirtschaft in den Krisenmodus. Zusätzlich verlieren Unternehmen Tausende Arbeitskräfte. Junge Russen werden in die Armee einberufen – oder fliehen vor diesem Schicksal. Daten der europäischen Grenzbehörde Frontex legen nahe, dass allein im vergangenen Jahr fast 500.000 Russen dauerhaft ausgewandert sind.
Während Russlands Präsident Wladimir Putin es zu Beginn des Überfalls noch schaffte, den Krieg aus dem russischen Hinterland und Metropolen größtenteils herauszuhalten, gilt seit rund einem halben Jahr die Teilmobilmachung von Männern im Alter zwischen 18 und 27 Jahren.
Fürchten die Russen nun um den Arbeitsmarkt? Das lässt ein Gesetzesentwurf, der am Montag von dem Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Andrej Kartapolow, eingebracht wurde, vermuten.
Demnach soll das Wehrdienstalter ab 2024 in drei Stufen von aktuell 18 auf 21 Jahre erhöht werden: Ab 2024 können dann nur noch Personen ab 19 Jahren, ab 2025 ab 20 und ab 2026 schließlich ab dem 21. Lebensjahr eingezogen werden. Damit soll sichergestellt werden, dass junge Erwachsene eine „Berufs- oder Hochschulbildung“ erfahren, wie aus dem Gesetzesentwurf hervorgeht. Außerdem könne mit dieser Maßnahme Kosten gespart werden, die für „die Organisation und Durchführung von medizinischen Untersuchungen für Wehrpflichtige“ aufkommen – laut Entwurf beläuft es sich auf mehr als 639 Millionen Rubel (circa 7,9 Millionen Euro) pro Jahr.
Gleichzeitig soll die Obergrenze des Wehrdienstalters mit sofortiger Wirkung von 27 auf 30 erhöht werden. „Die sofortige Erhöhung der Altersgrenze zielt wahrscheinlich darauf ab, die Altersspanne der Wehrpflicht zu erweitern, um einen Teil des aktuellen Bedarfs der russischen Streitkräfte in der Ukraine zu decken sowie die Gesamtanforderungen für die Wehrpflicht in den folgenden Jahren zu reduzieren“, heißt es in einem Tagesbericht des American Institute for the Study of War (ISW). Die ISW-Expertinnen gehen davon aus, dass die Herabsetzung des Alters darauf hindeuten könnte, dass der Kreml davon ausgeht, dass der Krieg in der Ukraine nicht länger als die nächsten drei Jahre dauern wird.
Derzeit wird in der Ukraine besonders heftig um Bachmut gekämpft. Für Russland wäre die Einnahme der Stadt der erste Triumph in einer nach Mobilmachung Hunderttausender Reservisten gefürchteten Winter-Offensive. Bachmut gilt der Regierung in Moskau als strategisch wichtig für die vollständige Eroberung des Donbass – einem der wichtigsten Ziele Russlands in dem vor gut einem Jahr begonnenen Krieg. Die Verteidiger der ostukrainischen Stadt stemmen sich den anstürmenden Kämpfern der russischen Söldnertruppe Wagner weiter entgegen. Der britische Geheimdienst geht davon aus, dass die Söldnertruppe mangels Rekrutierungsmöglichkeiten demnächst ein Personalproblem bekommen könnte.
Die entsprechenden Änderungen des Wehrpflichtalters hatte Verteidigungsminister Sergej Schoigu bereits im Dezember 2022 in Aussicht gestellt. Beobachter erklärten dies mit der geplanten Aufstockung der russischen Streitkräfte von derzeit 1,15 auf 1,5 Millionen Soldaten. Unabhängige Medien wiesen – auch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine – darauf hin, dass die neue Regelung der Armee aufgrund der unterschiedlich starken Geburtenjahrgänge rund 300.000 zusätzliche Wehrpflichtige bringen könnte.
Mit Material der dpa.
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