Leere Bahnhöfe, leere Kassen: Megastreik macht dem Handel zu schaffen
„Gerade Handelsunternehmen in Bahnhöfen oder Flughäfen dürften die Auswirkungen extrem stark spüren“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.
Foto: dpaDer massive Verkehrsstreik macht dem deutschen Einzelhandel zu schaffen. „Für viele Einzelhändler ist das ein schwieriger Tag“, sagte Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE) der WirtschaftsWoche. „Gerade Handelsunternehmen in Bahnhöfen oder Flughäfen dürften die Auswirkungen extrem stark spüren“, so Genth. „Aber auch in vielen Innenstädten wird das kein normaler Verkaufstag sein.“ Denn angesichts der massiven Ausfälle im Nah- und Fernverkehr würden viele Kunden die Fahrt in die Stadtzentren eher scheuen.
„Insbesondere in den Großstädten über 100.000 Einwohner nutzen die Verbraucher für gewöhnlich sogar mehrheitlich den öffentlichen Nahverkehr zum Einkaufen. Zudem werden viele wo möglich das Homeoffice nutzen, auch das senkt die Kundenfrequenz wahrscheinlich deutlich“, sagte Genth.
Insgesamt rechnen Ökonomen allerdings mit geringen Auswirkungen des Streiks auf die deutsche Konjunktur. „Der Streik ist lästig, aber die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft sind letztlich gering“, sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. „Uns fehlt ein Arbeitstag in einigen Bereichen. Ein Teil der streikbedingten Verluste wird aber typischerweise anschließend wieder aufgeholt.“ Die allgemeine Richtung der Konjunktur ändere sich dadurch nicht.
Sand im Getriebe
„Der Megastreik belastet die Bürger und schadet dem Ruf Deutschlands als Wirtschaftsstandort“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Aber bei einem eintätigen Streik halten sich die konjunkturellen Auswirkungen in engen Grenzen, weil abgesehen von den direkt bestreikten Verkehrsunternehmen fast alle anderen Betriebe weiterarbeiten.“ Viele Angestellte seien seit der Corona-Zeit zudem an die Arbeit von zu Hause gewöhnt. Maximal 181 Millionen Euro direkte Kosten durch blockierte Häfen, ausgefallene Flüge und Bahnverbindungen dürften entstehen. Ähnlich sieht das Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe: „Das streut ein bisschen Sand ins Getriebe, sorgt aber nicht für substanzielle Verluste“.
Deutschland habe wenig Erfahrung mit solch großen Streiks, betonte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. „Wenn man sich den Europameister im Streiken, Frankreich, anschaut, bekommt man aber eine Idee.“ Ein Tag mit direkten und indirekten Folgen eines Arbeitsausstandes habe kaum messbare Auswirkungen auf die Konjunktur, denn große Teile dürften in den Tagen danach wieder aufgeholt werden. In Frankreich kostete eine Woche Dauerstreik 0,1 Prozentpunkte Wachstum im Quartal. „Der nationale Streiktag ist für Betroffene ärgerlich, für die Konjunktur allerdings vernachlässigbar – wenn es jedenfalls bei einem Tag bleibt“, lautet das Fazit von Brzeski.
In der Nacht zum Montag ist ein Großstreik der Gewerkschaften Verdi und EVG bei Bahn, Bus und Flughäfen angelaufen. Sie wollen mit einem 24-stündigen Arbeitskampf den öffentlichen Verkehr in vielen Regionen Deutschlands weitgehend lahmlegen und damit den Druck auf die Arbeitgeber in den Tarifverhandlungen erhöhen. Betroffen sind Millionen Berufspendler und Reisende.
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