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Geldanlage GlobalEin Bank-Run ohne Schlangen vor den Filialen

15 Jahre nach dem Untergang von Bear Stearns ist das Thema Finanzkrise wieder aktuell. Steht uns jetzt ein „Lehman 2.0“ bevor? Kaum. Kein Grund zur Sorge? Doch! Ist die Krise bald vorbei? Eher nicht. Wird sie Spuren hinterlassen? Bestimmt. Eine Kolumne.Jürgen Callies 12.04.2023 - 08:59 Uhr
Foto: AP

Im März 2008 forderte die seit 2007 schwelende Subprime-Krise in den USA ihr erstes Opfer unter den großen Investmentbanken an der Wall Street. Aufgrund einer Liquiditätskrise wurde Bear Stearns von JP Morgan mit Unterstützung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) übernommen, nur sechs Monate später sollte es zur Pleite der viel größeren Investmentbank Lehman kommen (und Merrill Lynch ein Teil der Bank of America werden). Die Lehman-Pleite gilt als der Katalysator der Finanzkrise von 2008, der die damals größte Rezession seit der Großen Depression von 1929 folgte.

Kein Wunder, dass Vergleiche und Ängste hochkamen, als im März dieses Jahres mit der Credit Suisse eine der zu den 30 systemrelevanten Banken gehörende Institution unter die Fittiche des Schweizer Konkurrenten UBS schlüpfen musste, mit kräftiger Unterstützung der Schweizer Notenbank. Und das nur eine Woche, nachdem es in den USA zur größten und zweitgrößten Bankenschließung seit der Lehman-Pleite kam: Auf die Silicon Valley Bank folgte noch am gleichen Wochenende die Signature Bank. 

Bahnt sich jetzt ein Lehman 2.0 an? Nein, ich denke nicht. Wiederholungen gefallen nicht, wie der Lateiner sagt, und ob man noch einmal eine große Bank tatsächlich in die unregulierte Pleite gehen lässt, bezweifle ich. Nach der Finanzkrise 2008 sind die Regulierung und Überwachung der Banken größer, das Risikomanagement stärker und die Bilanzen gesünder geworden.

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Aber für den Fallout stark steigender Notenbankzinsen gilt, dass er immer ganz anders und doch in gewissem Maße immer gleich ist. Immer gleich ist, dass die Ursache ein Zinsanstieg ist, auf den sich die Bank oder das Finanzunternehmen nicht eingestellt hat und mit dem sie auf Dauer nicht umgehen kann. Ganz anders ist oft der individuelle Auslöser, sei es mangelnde Fristentransformation, unzureichendes Asset-Liability-Management, Abfluss von Anlagen in Geldmarktfonds oder andere kompetitive Anlageformen, Wertverlust von unterliegenden Assets, die als Anlageform oder Sicherheit für Kredite fungieren und so fort. Damit ist oftmals der Zinsanstieg eine notwendige Voraussetzung für eine Banken- oder Finanzkrise, aber alleine reicht er eben nicht aus. Da kommt noch was dazu. 

2007/2008 war die Zeit der Subprime-Krise, als der Zweifel am Wert eines unterliegenden Assets Zweifel an der Bilanzsolidität auslöste. Erschwerend kam hinzu, dass das gesamte Segment der Immobilienkredite sich über Derivate, Verbriefungen, strukturierte Produkte durch das komplette Finanzsystem zog und in den Bilanzen nicht immer richtig bewertet war.

Damit waren es auf dem Höhepunkt der Krise vor allem die großen Player in dem Bereich Derivate und Verbriefungen, die am stärksten unter Druck gerieten; Lehman, aber auch die anderen Investmentbanken, der bis dahin weltgrößte Versicherer AIG und andere.

Dieses Mal scheint es bislang eher der „klassische“ Fall von Bankenkrise zu sein, nämlich eine Vertrauenskrise. Im Fall der Silicon Valley Bank dürfte mangelhafte Fristentransformation einen Beitrag geleistet haben, in allen anderen Fällen Zweifel am jeweiligen Geschäftsmodell oder Management. Neu, und sicherlich eine bislang so nicht für möglich gehaltene Begleiterscheinung der digitalen Welt, war die Geschwindigkeit, mit der die Einlagen abgezogen wurden, die Silicon Valley Bank sticht hier heraus.

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Erstmals musste eine Bank innerhalb der Börsenstunden am Freitagnachmittag, noch vor dem Wochenende, geschlossen werden. Angeblich wurden über 50 Prozent der Einlagen innerhalb weniger Stunden über das Handy abgezogen. In der neuen, digitalen Welt ist also ein Bank-Run möglich, ohne dass es Schlangen vor den Filialen gibt, das wird die Herausforderungen für Banken und Regulatoren noch verstärken.

Von daher würde ich Aussagen, dass es keinen Grund zur Sorge gäbe, so nicht teilen. Der Geist ist aus der Flasche und trotz der immensen Regulierungen der letzten 15 Jahre stehen wir in den Anfängen einer Bankenkrise. Die Massivität der Gegenmaßnahmen sowohl der Fed wie der Schweizer Nationalbank zeigen, dass man diese Feuer ersticken möchte, ehe sie sich weiter ausbreiten. Denn offenkundig sind nicht alle Ausweichmaßnahmen, die in der Niedrig- und Negativzinsphase unternehmerisch getroffen wurden, ohne Risiken. 

Schneller schlau: EU-Einlagensicherung
Die Regeln der Einlagensicherung sind in der Europäischen Union gleich: Bis zu 100.000 Euro pro Sparer und Bank sind gesetzlich geschützt, auch in Deutschland – in Spezialfällen noch mehr. Bei Gemeinschaftskonten von Ehepartnern werden 200.000 Euro abgesichert. Der Schutz erstreckt sich auf Einlagen von Privatpersonen, Personen- und Kapitalgesellschaften.
Darüber hinaus gibt es freiwillige Schutzsysteme der Geldindustrie, die größere Summen garantieren sollen – in Deutschland je einen Fonds der Privatbanken und der öffentlichen Banken.Sparkassen und Genossenschaftsbanken haben „institutsbezogene Sicherungssysteme“. Dahinter steht ein Treueschwur: Sollte eine Bank in Schieflage geraten, wird sie von den anderen stabilisiert.
Das EU-Regelwerk ist einheitlich – die Qualität der Einlagensicherung schwankt. Kunden ausländischer Banken sollten die Bonität des Geldinstitutes und seines Heimatlandes im Blick haben. In Deutschland operierende Auslandsbanken unterliegen je nach Organisationsform der deutschen oder einer ausländischen Einlagensicherung.

Ist diese Krise schnell vorbei? Das glaube ich nicht. Vertrauenskrisen bringen es mit sich, dass erst Vertrauen wiederhergestellt werden muss, um die Krise zu beenden. Wiederherstellung von Vertrauen funktioniert nicht nach dem Motto: „Oh, wir haben jetzt zwei oder drei Wochenenden keine Bankenpleite gehabt, alles bestens“. Ganz im Gegenteil, jetzt werden einzelne Anleger oder Anlegergruppen nach weiteren Schwachstellen im System suchen: Gibt es andere Banken mit zu schnellem Abfluss von Einlagen, gibt es andere Kandidaten mit kritischen Geschäftsmodellen, zu kurzfristigem Funding etc. Jamie Dimon, CEO der weltgrößten Bank JP Morgan war ambivalent, er hat in seinem Anfang April veröffentlichten Investorenletter vor langfristigen „repercussions“ der Bankenkrise gewarnt, zuletzt aber davon gesprochen, dass sich die Bankenkrise bald ihrem Ende nähern könnte.

Repercussions, also Rückwirkungen, dürfte es aber im gesamten Finanzsystem geben. Das Thema Fristentransformation übersetzt sich ja jenseits der Banken bei Pensionsfonds und Versicherungen in das Asset-Liability-Management, und jeder sollte das eigentlich machen, jeder sagt, dass er das macht, aber schon die kurzfristige Krise der britischen Pensionsfonds im Herbst letzten Jahres nach der Vorstellung des Budgets der Regierung Truss hat gezeigt, dass Sagen und Tun nicht immer deckungsgleich sind.

Banken werden zur Sicherung oder Gewinnung von Einlagen mit höheren Zinssätzen um Gelder anderer Investoren konkurrieren, gleichzeitig dürften Banken krisenüblich ihre Kreditstandards verschärfen und damit einen Beitrag zur weiteren Konjunkturabschwächung leisten. Der Markt dürfte also nicht nur Banken, sondern auch andere Finanzwerte testen, und natürlich Produkte und Geschäftsmodelle, die wegen des schnellen und fulminanten Zinsanstiegs im vergangenen Jahr unter Stress stehen könnten – in den USA windet sich derzeit ein Strang der Diskussion um das oft nennenswert gehebelte Commercial Real Estate Business, Anleihen und Kredite in diesem Bereich. 

Aber die Diskussion dürfte nicht bei den Finanzwerten enden. Stärker sollte auch das seit dem Ende der Finanzkrise stark expandierende Schattenbanksystem in den Fokus geraten. Nur um zwei Beispiele zu nennen: Seit 2010 haben sich bei Hedge Fonds und Private Equity Fonds die Asset under Management fast verdreifacht, die direkte „Private Debt“-Vergabe hat über 50 Prozent expandiert. 

Bei dem Vergleich zu Lehman spielt meines Erachtens umgekehrt die Hoffnung mancher Marktteilnehmer mit, die Fed könnte ähnlich massiv wie damals reagieren und eine schnelle Zinssenkungswelle einleiten. Sinkende Zinsen sind gut für Risky Assets, je undurchsichtiger die Krise, desto schneller in der Hoffnung mancher Börsianer die Zinssenkung.

Diese Hoffnung verkennt den essentiellen Unterschied zur damaligen Situation: die Höhe und die Dynamik der aktuellen Inflation, insbesondere auch der aktuellen Kerninflation. Die Erwartungshaltung mit Blick auf Zinssenkungen halte ich deshalb für falsch. Wir sind in einem Umfeld, dass von der Inflation eher mit den 1970er- und 1980er-Jahren vergleichbar ist, als mit den ersten Jahrzehnten des neuen Jahrtausends.

Ohne Zähmung der Inflation wird es keine Finanzstabilität geben. Denn vor allem der Tatsache, dass sich die langfristigen Inflationserwartungen nicht entankert haben, ist zu verdanken, dass langlaufende Renditen in vielen Regionen unterhalb der kurzlaufenden geblieben sind.

Und deutlich steigende Zinsen am langen Ende können die Notenbanken nun gar nicht wollen, der würde die Probleme im Finanzsystem, die jetzt zu Tage getreten sind, verschärfen. Das bedeutet meines Erachtens: Notenbanken können die Priorisierung der Inflation nicht aufgeben. Vielleicht erhöhen sie die Zinsen einen Tick langsamer oder weniger, aber lassen sie dann umso länger oben. Es wird ruckelig bleiben an den Märkten, und auch diese Krise wird Spuren hinterlassen.

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