Editorial: Warum der Verkauf von Viessmann ein Weckruf ist – auch wenn er richtig ist
Der geplante Viessmann-Verkauf sorgt für Unruhe
Foto: PREs gibt zwei Urängste in der Wirtschaft, insbesondere in der deutschen Wirtschaft: die Angst vor dem Abstieg und die Angst vor dem Ausverkauf.
Beim Abstieg geht es um den Standort und die ewigen Debatten darüber, um Wettbewerbsfähigkeit und OECD-Rankings, ob wir noch Exportweltmeister sind und in der ersten oder zweiten Liga spielen – und ganz aktuell um das Gespenst der Deindustrialisierung, bei dem wir noch unsicher sind, wie schlimm es wirklich spukt.
Die Angst vor dem Ausverkauf schwingt immer im Abstieg mit, sie ist aber oft symbolischer und emotionaler. Da geht es um große Namen und Perlen der Wirtschaft, um Hidden Champions, Familien und Traditionen. Aber nicht immer trennen wir scharf, was verloren geht und warum. Mannesmann war nicht wie Hoechst und Hoechst war nicht wie Linde. Man muss schon sezieren, ob die Übernahme eines Unternehmens fatal oder richtig ist und ob ein Ende manchmal nur ein neues Kapitel ist – oder der unaufhaltsame Kreislauf der Wirtschaft.
Es gibt immer wieder Wellen, bei denen klangvolle Namen in einem Atemzug genannt werden: So sind über die Jahrzehnte die großen deutschen Player der Elektronikindustrie verschwunden: SABA, Grundig, Telefunken. Ebenso die Einzelhändler: Neckermann, Horten, Quelle. Was ist das Muster, die Lehre? Oft sind diese Atemzüge wie große Seufzer, aber noch keine Analyse. Die Auslese ist oft traurig, aber sie gehört nun mal dazu.
Und wenn der Ausverkauf vor dem Abstieg kommt? Vor rund zehn Jahren machten Chinesen Schlagzeilen, die sich wie am Fließband in den Mittelstand einkauften: Putzmeister, Preh, Kion, Kiekert, Kuka. Diese Einkaufstour war symbolisch, aber nicht immer tragisch. Zumindest gab es auch nicht die eine Lehre, das eine Muster.
Amerikaner und Asiaten teilen sich den Markt auf
Der Fall Viessmann, der diese Woche Schlagzeilen machte, ist in seiner Logik noch komplizierter, weil sich Abstieg und Ausverkauf zu einem großen Gefühl der Angst vermengen: Noch eine Zukunftstechnologie, die ins Ausland geht! Den Markt für moderne Heizungslösungen werden Amerikaner und Asiaten unter sich aufteilen! Und die Deutschen? Sie schauen zu und beantragen ihren Klimabonus III.
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Tatsächlich ist die Logik des Verkaufs an den US-Klimatechnikkonzern Carrier Global nicht einfach zu entwirren. Sicher ist nur eines: Wir erleben einen der größten Coups im Mittelstand seit Langem. Das Paradoxe ist, dass Viessmann aus einer Position der Stärke zu handeln – oder zu kapitulieren – scheint. Die Familie flüchtet nach einem Rekordjahr in kapitalstärkere Arme. Noch dazu auf einem Wachstumsmarkt! Wir reden ja über Wärmepumpen, nicht Schallplatten oder Briefmarkenalben. Warum also tut sie das?
Leichtfertig oder leichten Herzens wird die Familie, die ihre Mitarbeiter „Familienmitglieder“ nennt, den Verkauf nicht entschieden haben. Die Hessen in Allendorf scheinen etwas zu sehen, was wir noch nicht sehen: Übermacht, Größe, Skaleneffekte, tektonische Verschiebungen. „Wir sind davon überzeugt, dass sich der Markt für Klimalösungen radikal verändern wird“, sagte Max Viessmann dem „Handelsblatt“. „Industrielle Größe wird künftig ein wichtiger Erfolgsfaktor.“ Bei den Verkaufsgesprächen, so berichtet es die „FAZ“, sprach Max Viessmann auch von einem „globalen Klima-Champion“, den man aufbauen könne. Er sieht also Zukunft, kein Ende.
Sein Vater Martin hat einmal in anderem Zusammenhang gesagt: „Ein Unternehmen muss lernen, anders zu sein – oder es wird nicht mehr sein.“ In diesem Sinne kann man den radikalen Schritt der Familie sehen, um das Familienunternehmen zu bewahren. Die Garantien für Arbeitsplätze und den Standort in Allendorf sind gut – zwischen fünf und zehn Jahre –, die Marke kann so vielleicht länger leben und gedeihen. Gut möglich, dass die Arbeitsplätze, auch in Deutschland, länger gesichert bleiben. Dass im Verbund mit Amerikanern die Übermacht aus Asien besser abgewehrt werden kann.
Ein Mythos bringt keine Marktanteile
Was bringt der Mythos des Mittelstandes, wenn der Markt sich so dramatisch wandelt? Von einer Chronik, die von Generationen erzählt, kann man nicht leben. Sicher, Viessmann hätte auch versuchen können, den Markt selbst zu konsolidieren – eine Variante, die Charme gehabt hätte. (Der Vergleich mit der staatlich aufgepumpten Solarindustrie ist übrigens schief – die wuchs unheimlich schnell und fiel in sich zusammen, als die Subventionen gekürzt wurden.)
Dennoch fühlt sich der Viessmann-Deal ein bisschen bitter an. Er ist die perfekte Projektionsfläche in einer hitzigen Debatte um den Standort, weil man tatsächlich fragen muss, welche Lichter hier in Deutschland künftig an- und ausgehen werden – während die Regierung schlafwandlerisch die „Große Transformation“ gestaltet.
Die Klage über den Ausverkauf ist deshalb heuchlerisch, weil die Ampel-Koalition den Umbruch auf dem Heizungsmarkt selbst beschleunigt hat. Sicher wäre es besser, wenn Viessmann, Vaillant oder Stiebel Eltron als Global Player auf diesem Markt mitmischen. Erzwingen kann man das aber nicht, weil die Kunden das entscheiden, allenfalls unterstützen – aber auch hier gibt es aus Berlin wenig Impulse, im Gegenteil. Dort wird der Austausch der Heizungen im Detail geregelt. Für die Allendorfer war die politische Regulierung offenbar ein wichtiger, aber nicht der ausschlaggebende Faktor, so Max Viessmann.
Warum mit Viessmann nun ein Vorreiter zum Vorreiter des Ausverkaufs wird, ist eine Frage, der man in Berlin nachgehen sollte: Bei Schlüsseltechnologien sind wir nicht mehr die erste Adresse. Insofern ist die Übernahme ein Weckruf, auch wenn die Strategie dahinter richtig sein könnte.
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