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ImmobilienkrediteHypothekenkrise in Großbritannien – eine tickende Zeitbombe

Die steigenden Zinsen bringt immer mehr Immobilienbesitzer in Bedrängnis. Denn viele Immobilienkredite könnten wegen der Zinserhöhungen schon bald unerschwinglich werden.Sascha Zastiral 23.06.2023 - 18:52 Uhr

Zahlreiche Immobilienkredite könnten demnächst platzen.

Foto: imago images

Es war ein außergewöhnliches Krisentreffen: Schatzkanzler Jeremy Hunt begrüßte am Freitagmorgen zahlreiche Spitzenvertreter von Banken und Wohnungsbaugesellschaften in seiner offiziellen Residenz in der Downing Street. Mit dabei waren unter anderem die Chefs von NatWest, Lloyds, Nationwide und Santander. Auch Nikhil Rathi, Chef der Finanzmarktaufsicht FCA, war dabei.

Der Grund des Treffens: Hunt wollte seine Gäste darum bitten, mehr für die Millionen britischer Haushalte zu tun, die auf variabel verzinsten Immobilienkrediten sitzen oder deren fest verzinste Kredite demnächst auslaufen. Denn die fühlen sich derzeit für viele Kreditnehmer immer mehr an wie tickende Zeitbomben.

Weil sich die Inflation in Großbritannien stur bei 8,7 Prozent hält, hat die Bank of England den Leitzins am Donnerstag von 4,5 auf geschlagene 5 Prozent angehoben – so hoch, wie seit 15 Jahren nicht mehr. Das hat für viele Immobilienbesitzer potentiell schwerwiegende Folgen. Denn der Leitzins wirkt sich direkt auf die Kosten von Immobilienkrediten aus. Und das betrifft in Großbritannien auch viele laufende Kredite.

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Anders als im finanziell konservativen Deutschland, wo bei den meisten Immobilienkrediten die Zinsen auf viele Jahre hin festgeschrieben werden, haben viele Briten in den vergangenen Jahren Darlehen aufgenommen, bei denen die Zinssätze nur für die ersten zwei oder fünf Jahre festgelegt waren. Die Kreditnehmer konnten sich so alle paar Jahren, wenn die Zinsbindung ihrer Immobilienkredite endete, nach neuen, günstigen Krediten umschauen.

Geschickte Immobilienbesitzer konnten sich auf diese Weise immer wieder erstaunlich günstige Anschlussfinanzierungen sichern – solange die Zinsen niedrig waren. Doch da die Bank of England seit Ende 2021 den Leitzins 13 mal angehoben hat, haben sich die Kosten für Folgekredite inzwischen dramatisch verteuert.

Ein Beispiel: Wer im Sommer 2021 einen auf zwei Jahre hin fest verzinsten Immobilienkredit in Höhe von 200.000 Pfund mit einem damals durchaus marktüblichen Zinssatz von 1,2 Prozent und einer Laufzeit von 25 Jahren aufgenommen hat, zahlte für diesen Kredit (ohne Gebühren) 772 Pfund im Monat. Der Leitzins lag damals bei gerade einmal 0,1 Prozent. Bei den heute üblichen 6 Prozent Zinsen betragen die Raten hingegen 1289 Pfund – mehr als das Anderthalbfache. Angesichts der allgemein hohen Lebenshaltungskosten und des in Großbritannien vergleichsweise niedrigen Einkommensniveaus dürfte das bei vielen Haushalten dazu führen, dass sie ihre Kredite nicht länger bedienen können. 

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Zahlreiche Immobilienkredite könnten deswegen demnächst platzen. Dabei sinken die landesweiten Immobilienpreise wegen der zurückgegangen Nachfrage schon jetzt. Die Mieten auf dem weitgehend deregulierten Wohnungsmarkt steigen dagegen schon jetzt rapide an – und das auch deswegen, weil viele Vermieter ihre vermieteten Immobilien selbst noch abbezahlen müssen. Ein ausgewachsene Immobilienkrise braut sich zusammen.

Ein Drittel der rund 28 Millionen britischen Haushalte zahlt derzeit einen Immobilienkredit zurück. Die Kredite von 1,5 Millionen Hausbesitzern laufen dabei schon jetzt auf variablen Zinssätzen, die steigen, wenn der Leitzins angehoben wird. Bei weiteren 1,5 Millionen Hausbesitzern laufen die fest verzinsten Kredite noch vor Jahresende aus. Auf sie kommen im Schnitt höhere Kosten in Höhe von 3000 Pfund im Jahr zu.

Vor wenigen Tagen sagte Schatzkanzler Hunt, er werde die Vertreter der Kreditinstitute bei dem Treffen am Freitag fragen, was sie tun könnten, um Kreditnehmern zu helfen, die mit den Rückzahlungen in Verzug geraten seien. Abgesehen davon könnte die Regierung aber „bedauerlicher Weise“ nichts unternehmen, „wenn das bedeutet, dass die Inflation länger hoch bleibt.“ 

Der betont zurückhaltende Kurs der Regierung angesichts der sich rapide verstärkenden Krise wirkt sich zunehmend auch auf das ohnehin schon überwiegend negative Bild aus, das viele Briten von Premier Sunak haben. Laut einer kürzlichen Umfrage der „Financial Times“ macht ein Großteil der Briten die Bank of England, die Weltwirtschaft und die Immobilienkreditgeber für die steigenden Kreditkosten verantwortlich. Rund zwei Drittel der Befragten sehen aber auch bei Rishi Sunak einen Teil der Schuld.

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Aus gutem Grund: Sunak hat sich nach seinem Amtsantritt im vergangenen Oktober die Bekämpfung der Inflation auf die Fahnen geschrieben. Bis Ende dieses Jahres wollte er sie von damals über 10 auf 5 Prozent drücken. In einer Rede am Donnerstag bekräftigte er dieses Vorhaben: „Ich bin mir sicher, dass das bei vielen von Ihnen Angst und Sorge darüber auslöst, was vor sich geht und was das für Sie und Ihre Familien bedeutet. Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass ich zu hundert Prozent an der Sache bin, und dass alles gut werden wird und wir das durchstehen werden.“

Darauf angesprochen, ob er eingestehe, dass seine Zurückhaltung seine ohnehin düsteren Wahlaussichten weiter verschlechtere, blieb Sunak stoisch. Die britische Öffentlichkeit solle „in sechs Monaten, neun Monaten, in einem Jahr“ beurteilen soll, ob es der Wirtschaft besser gehe.

Ob das Treffen der Bankenchefs mit dem Schatzkanzler am Freitag viel an der Lage ändern wird, ist fraglich. Alison Rose, Chefin der NatWest-Gruppe, sagte nach dem Treffen zwar, dass es „sehr produktiv“ verlaufen sei. „Wir tun alles, was wir können, um den Kunden zu helfen und ihre Ängste zu lindern.“ Schatzkanzler Hunt werde noch im Lauf des Tages eine Ankündigung machen.

Mit Hilfen für angeschlagene Immobilienbesitzer ist jedoch kaum zu rechnen. Ein Insider aus der Finanzindustrie sagte dem Guardian: „Die Diskussionen drehten sich um die Art und Weise, wie wir kommunizieren, was wir Kunden in Not bereits bieten. Und nicht darum, die Verpflichtungen zu ändern, die wir für diejenigen haben, die in Schwierigkeiten stecken.“

Am Freitagnachmittag bestätigte die Regierung diese Einschätzung: Direkte Hilfen für in Not geratene Immobilienbesitzer soll es keine geben. Stattdessen sollen die Kreditgeber ihre Kunden stärker auf bestehende Möglichkeiten hinweisen – wie etwa die Restrukturierung von Krediten. Eine Galgenfrist von zwölf Monaten soll in Not geratene Kreditnehmer davor schützen, dass Banken ihre Immobilien in Besitz nehmen. Kunden, die in ein festverzinstes Darlehen wechseln, sollen innerhalb von sechs Monaten in ihren alten Kredit zurückkehren können. Und: Diesbezügliche Gespräche mit Kreditgebern sollen sich vorübergehend nicht mehr, wie bisher, sofort negativ auf die Kreditwürdigkeit der Kunden auswirken.

Ob diese allein auf die Kulanz der Kreditgeber ausgerichteten Maßnahmen helfen werden, Millionen nervöser Haushalte zu beschwichtigen oder dabei helfen werden, ihre finanziellen Probleme zu lösen, ist zweifelhaft. Zu den rapide steigenden Mieten äußerte sich die Regierung nicht.

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