Wirtschaft von oben #218 – IRA und neue Fabriken in den USA: Hier profitieren Firmen vom Inflation Reduction Act – und investieren Milliarden in die US-Wirtschaft
Panasonic zieht in Kansas ein Werk für Chips hoch. Für den Senator ist es gar das größte wirtschaftliche Projekt in der Geschichte des Bundesstaats überhaupt. Ein knappes halbes Jahr nach dem ersten Spatenstich auf dem 25 Hektar großem Gelände wächst die Fabrik kontinuierlich.
Foto: LiveEO/SPOTOdessa im Westen des US-Bundesstaats Texas ist das, was man eine Öl-Metropole nennt. Die Stadt liegt auf dem Permischen Becken, dem größten Reservoir für Öl und Gas in den Vereinigten Staaten. Außerhalb des Ortes prägen Pumpanlagen das Landschaftsbild.
Doch nun soll eine neue Attraktion dazukommen: Außerhalb von Odessa entsteht derzeit eine der größten Direct-Air-Capture (DAC)-Anlagen der Welt, wie exklusive Satellitenbilder von LiveEO zeigen. Sie soll ab 2025 jährlich rund 500.000 Tonnen klimaschädliches CO2 aus der Luft filtern. Später soll die Kapazität auf bis zu eine Million Tonnen steigen können. Hinter dem Projekt steht der texanische Ölmulti Occidental – einer der größten Produzenten der USA.
Auf dem aktuellen Foto von Ende Juni ist die Struktur und die Anordnung der Gebäude bereits deutlich erkennbar. Für das Unternehmen ist die Anlage wichtig. Bis 2050 will es klimaneutral wirtschaften, sich aber gleichzeitig nicht aus der Förderung von Öl und Gas verabschieden. Da kam die DAC-Lösung gerade recht. Sie ermöglicht es dem Unternehmen, weiter sein Kerngeschäft zu betreiben, aber gleichzeitig etwas für die Klimabilanz zu tun. Rund eine Milliarde US-Dollar steckt Occidental deshalb in die neue Anlage.
Und es soll nicht bei der einen bleiben. Stolze 135 solcher Einrichtungen plant das Unternehmen derzeit, wie Vorstandschef Vicki Hollub beim Weltwirtschaftsforum in Davos verkündete. Ursprünglich waren „nur“ 100 geplant gewesen, doch die Verabschiedung des Inflation Reduction Act (IRA) im vergangenen Sommer änderte die Kalkulation.
Denn seitdem werden DAC-Projekte großzügig steuerlich gefördert, eine Subvention, die Occidental gerne mitnimmt. „Der IRA wird viele Dinge in Gang setzen – er ist einer der umwälzendsten Schritte“, so Hollub. „Für uns bedeutet das, dass wir die Technologie schneller voranbringen können.“
Im Weißen Haus hören sie solche Verlautbarungen gerne. Die Regierung von US-Präsident Joe Biden sieht in CO2-Speichertechnologien wie DAC ein wichtiges Instrument im Kampf gegen den Klimawandel. Erst im Januar verkündete das Energieministerium weitere Förderungen in Millionenhöhe, um Projekte in mehreren Bundesstaaten anzuschieben. „Wir versuchen, die Kohlenstoffmanagement-Branche als Ganzes kommerziell zum Laufen zu bringen“, sagte Noah Deich, stellvertretender Staatssekretär im Büro für Kohlenstoffmanagement.
Ob dieses Vertrauen jedoch gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Umweltschützer weisen darauf hin, dass die Technologie noch lange nicht ausgereift ist, und argumentieren, dass die Konzentration auf diese Technologie vom Ausbau erneuerbarer Energien ablenkt.
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Trotzdem: Die Hoffnungen für die Occidental-Anlage bei Odessa sind riesig. Seit August 2022 wird bereits gebaut, 1000 Bauarbeiter sind im Einsatz, um das Werk schnell hochzuziehen. 75 Jobs sollen zudem langfristig entstehen, um aus dem gefilterten Kohlenstoff schadstoffarme oder -freie Kraftstoffe und Produkte wie Chemikalien und Baumaterialien herzustellen. Auch das passt zu den Vorstellungen von Joe Biden: Der grüne Umbau der größten Volkswirtschaft der Welt soll vor allem neue Jobs schaffen, so der Plan des Präsidenten. In Texas zumindest scheint das zu gelingen.
Aber nicht nur dort bauen Unternehmen, unterstützt durch den IRA, neue Werke. Eines der größten zieht Panasonic in Kansas hoch. Für Jerry Moran, US-Senator aus Kansas, ist es gar das größte wirtschaftliche Projekt in der Geschichte des Bundesstaats überhaupt. Ende April vollzog es den nächsten Schritt. Bei De Soto zog ein Kran den ersten Stahlträger für die neue Batteriefabrik des japanischen Herstellers in die Höhe, stellte ihn auf der Baustelle auf. Ein knappes halbes Jahr nach dem ersten Spatenstich auf dem 25 Hektar großem Gelände wächst das neue Werk kontinuierlich, wie die Satellitenbilder belegen.
„Boomtown“ Sherman: Jobabbau abgesagt
„Dieses erste Stück Stahl ist so viel mehr als nur ein Stück Material. Es ist der Ausgangspunkt für die Schaffung von Tausenden von Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren“, so Allan Swan, Präsident von Panasonic Energy of North America, in einer Pressemitteilung. „Es bietet neue Möglichkeiten für diese bemerkenswerte Belegschaft in der Region sowie für die Studenten, die bald in die Belegschaft eintreten werden. Und sie steht für das gemeinsame Engagement von Panasonic und Kansas, eine nachhaltigere Zukunft zu schaffen.“
Bis zum Beginn der Produktion wird es gleichwohl noch ein wenig dauern. Im Jahr 2025 soll das Werk in Kansas die Arbeit aufnehmen. Die ursprüngliche jährliche Kapazität liegt bei rund 30 Gigawattstunden (GWh). Zum Vergleich: Noch 2021 lag die Produktionskapazität in ganz Nordamerika bei nur rund 55 GWh.
Doch seitdem ist viel passiert. Die Förderprogramme der Regierung haben einen wahren Investitionsboom ausgelöst. Batteriefabriken entstehen heute nicht nur in Kansas, sondern in weiten Teilen der USA – vor allem im Mittleren Westen und im Süden. 149 Milliarden Dollar haben Hersteller seit dem Amtsantritt von Joe Biden in den Ausbau der Technologie gesteckt. Allein das Werk bei De Soto kostet Panasonic vier Milliarden Dollar.
Viel Geld, doch wenn die USA ihre hochgesteckten Ziele für die Elektrifizierung des Straßenverkehrs erreichen wollen, dann muss das Tempo hoch bleiben. Das Weiße Haus will, dass bis 2030 die Hälfte aller neu zugelassenen Autos elektrisch betrieben werden. Davon ist das Land heute noch weit entfernt. 2022 waren gerade einmal 5,6 Prozent der neu zugelassenen Pkw E-Autos. Nicht viel, doch die Wachstumsrate ist hoch. In den vergangenen vier Jahren stieg die Zahl der elektrischen Fahrzeuge um stolze 325 Prozent. Anreize der Regierung sollen diese Entwicklung noch beschleunigen.
Um die hochgesteckten Ziele zu erreichen, braucht es Batterien. Entsprechend hoch ist das Tempo der Hersteller. Einem Branchenbericht zufolge ist Nordamerika heute der am schnellsten wachsende Markt für neue Batteriewerke auf der Welt. Die bereits angekündigten Projekte reichen aus, um im Jahr 2030 jährlich rund 1000 GWh zu produzieren. Das Werk in De Soto gehört zu den größeren der angekündigten Projekte. 4000 Jobs sollen entstehen.
Bei Texas Instruments (TI) im texanischen Sherman sah die Lage noch vor wenigen Jahren ganz anders aus. Die Meldung Ende 2019 war ein Schlag ins Gesicht für die Stadt: Man habe sich entschlossen, das Halbleiterwerk über die nächsten Jahre zu schließen, teilte der Halbleiterhersteller damals mit. Die Zukunft, so TI, liege in einer Technologie, die in der Sherman-Fabrik schlicht nicht hergestellt werden könne. Also werde sie abgewickelt. 500 Jobs würden das Unternehmen innerhalb von drei bis fünf Jahren abbauen. Die Stadt im Norden des Lone-Star-States damit ihren drittgrößten Arbeitgeber verloren.
Zwei Jahre später änderte TI seine Meinung
Hätte. Im Herbst 2021 kam die Kehrtwende: TI verkündete, der Standort werde nicht etwa eingestampft, sondern wachsen. Das Management kündigte massive Investitionen in Höhe von 30 Milliarden Dollar an – und 3000 neue Jobs. 2025 soll die Produktion der neuen Chips an den Start gehen.
Die aktuellen Satellitenbilder zeigen eindrucksvoll, welche Dimension das Gelände hat. Das neue Werk ist deutlich größer als das vorhandene, das sich nordöstlich der neuen Fläche befindet.
Es dürfte vor allem die Covid-Pandemie gewesen sein, die TI zum Umdenken bewogen hat. Die Erschütterungen der Weltwirtschaft als Folge der Virus-Notlage legte Schwachstellen in den weltweiten Lieferketten offen. Die Abhängigkeit von China im Bereich der Mikrochips war auf einmal für jeden ersichtlich, die plötzliche Knappheit erschütterte zahlreiche Industrien. Da ergab es Sinn für TI, seine Produktionskapazität auf dem Heimatmarkt zu stärken. Zumal auch die Biden-Administration in diese Richtung drängte.
2022 brachte der Präsident den CHIPS Act durch den Kongress – ein überparteilich verabschiedetes Förderungspaket, dass mehr als 50 Milliarden Dollar in den Ausbau der heimischen Halbleiterindustrie pumpte. Für TI war das Gesetz nicht entscheidend, die Pläne für den Ausbau in Sherman hatte das Unternehmen bereits zuvor gefasst, doch für die Branche insgesamt setzte das Regierungsgeld Dinge in Bewegung.
Seit Bidens Amtsantritt haben private Unternehmen stolze 219 Milliarden Dollar in die Produktion von Halbleitern investiert. Für GlobalWafers, ein taiwanesischer Halbleiterhersteller, war der CHIPS-Act das fehlende Puzzlestück, um sich für Sherman zu entscheiden. Er baut dort ebenfalls ein Werk. Für TI hingegen war die Förderung lediglich ein schöner Bonus – „die Kirsche obendrauf“, wie es heißt.
In der Stadt mit gerade einmal 45.000 Einwohnern droht jedenfalls längst kein Verlust von Arbeitsplätzen mehr. Dafür wird der Wohnraum knapp. Das Wort „Boomtown“ macht die Runde.
Seit einem guten Jahr baut TI nun an der Erweiterung. Schlussendlich wird das neue Werk eine Fläche von mehr als 43 Hektar umfassen. Allein die erste Projektphase verschlang mehr als 2,2 Milliarden Dollar. Doch Sherman ist nur der Anfang. In Lehi, Utah arbeitet TI bereits am nächsten Werk. Kostenpunkt: elf Milliarden Dollar.
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Und auch in Texas hat die Industrie große Pläne. Samsung etwa baut eine 17 Milliarden Dollar teure Halbleiterfabrik in Taylor, erwägt zudem, in der Gegend um Austin weitere Werke hochzuziehen. Amerikas Chips-Industrie erlebt also gerade einen historischen Aufschwung. Auch dank staatlicher Hilfe.
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