Karriereleiter: KI, Fachkräftemangel, Einwanderung: Unsere Schulen brauchen die Lehrplanrevolution!
Stühle im Klassenzimmer
Foto: dpaEs gibt heute Teenager, die können den alten Kanzler-Spruch zitieren: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Und es fühlt sich so an, als wäre das wirklich die Haltung in großen Teilen der deutschen Gesellschaft. Alles, was neu ist, ist erst einmal angsteinflößend. Weil wir uns auf die Risiken stürzen.
Digitale Bezahlsysteme: Hilfe! Wir machen uns abhängig von den Anbietern. Und was, wenn die Systeme kollabieren? Also werden diese Systeme in Amerika und China entwickelt. Und wir nutzen sie am Ende zögerlich doch. Die Milliarden kassieren die Anderen.
Intelligente Lautsprecher: Gehen da nicht unsere ganzen Sprach-Daten nach Amerika? (Jaha, weil wir hier keine eigenen Systeme entwickelt haben.)
Künstliche Intelligenz: Damit kann man bei Hausaufgaben betrügen und am Ende nimmt sie uns die Jobs weg.
Elektromobilität: Was muss das für ein Gelächter bei den deutschen Autobossen gewesen sein, als die ersten Teslas vorfuhren. Ein Bekannter, der in der Dieselmotorenentwicklung eines großen deutschen Edelherstellers arbeitet, hat mir noch nach dem Dieselskandal gesagt: Der Diesel wird führend bleiben, E-Autos bleiben Nische.
Ich habe nicht das gesamte deutsche Schulsystem und seine Lehrpläne analysiert. Aber ich habe mit einigen Lehrern, Schülern und Arbeitgebern gesprochen – und den Eindruck: Auch die Schule bremst unseren Elan.
Wenn ich ehrenamtlich Bewerbungstraining für Schulabgänger mache, bekomme ich mit, wie in den Schulen mitunter beigebracht wird, wie man Bewerbungen verfasst. Mit Anschreiben voller Wortstanzen, Hülsen und Unscheinbarkeiten. Kein Mut zu Persönlichkeit! Ich muss regelrecht kämpfen, den Teenagern die Angst zu nehmen, etwas falsch zu machen, wenn sie das Schema F beiseitelegen.
Schülerinnen und Schüler lernen, wie man Jamben in Gedichten markiert und wie man Kafka interpretiert. Aber nicht, den Mut zu finden, kafkaeske Gedichte zu schreiben.
Und wenn ich mich mit Vertretern des Handwerks unterhalte, bekomme ich mit: Die Bewerberinnen und Bewerber haben keine Ahnung davon, was Arbeitsleben bedeutet.
Die Lehrpläne scheinen dazu ausgelegt zu sein, die Struktur des deutschen Schulaufsatzes zu vermitteln, die Weltgeschichte durchzugehen, die schönen Künste kennenzulernen. Alles wichtig. Aber reden Sie mal mit Twens. Die haben jetzt schon erkannt: Das, was ich in der Schule gelernt habe, brauche ich für die Ausbildung, das Studium, den Job fast gar nicht.
Ohne Mathematik, Grammatik und Geschichte geht es nicht. Aber ich habe das Gefühl, wir brauchen dringend eine schnelle, tiefgreifende Korrektur. Oder sogar eine Lehrplanrevolution.
1. Weniger kulturorientiert, mehr lebensorientiert
Im Vergleich zu meiner Kindheit hat die Schule offenbar als Autorität eingebüßt. Schüler und Eltern hinterfragen stärker: Was bietet uns die Schule? Ich weiß, viele Lehrer stört das, weil einige Familien einen Serviceanspruch an den Tag legen, dem Lehrkräfte im Schulalltag nicht gerecht werden können. Aber die Frage „Wozu das Ganze?“ hat heute zu Recht eine viel größere Relevanz. Die Generation Z lässt sich nicht alles unkritisch auftischen – von einer Generation, die (einfach gesagt) den Planeten aufgeheizt hat, und damit schlechter Ratgeber zu sein scheint.
Die Schule muss die Frage „Wozu das Ganze?“ besser beantworten – und da läuft es wohl auf mehr Lebensservice hinaus. Mehr Vorbereitung für den Alltag im Job und bei der Lebensplanung. Dafür etwas weniger gutes Altes.
Ja, wenn uns die Schule nicht das Interesse an der deutschen und europäischen Kultur vermittelt, wer dann? Aber dann muss es eben komprimierter gehen. Mehr Platz für die Dinge, die unseren Wohlstand retten.
2. Neue Entwicklungen und Welttrends schnell einpreisen
Es ist doch sonnenklar: Nicht mehr lange und wir werden im Gespräch mit Menschen anderer Muttersprache mit einem kleinen Knopf im Ohr herumsitzen. Vielleicht erkennt der Knopf eine Art von personalisiertem Code des Gegenübers und imitiert ohne Vorlauf sofort dessen Stimme. In unserem Fall auf Deutsch. Während der oder die Andere munter in Mandarin, Portugiesisch oder Bengali mit uns spricht. Anfangs wird es Verzögerungen geben, krude Übersetzungen und Missverständnisse. Aber was ist in zehn Jahren?
Lohnt es sich heute noch, neben Englisch weitere Fremdsprachen zu lernen, außer denen, von denen klar ist, dass wir sie praktisch täglich benötigen werden? Lohnt es sich heute noch, den Job des Übersetzers anzustreben?
Heute bangen schon Synchronsprecher und -sprecherinnen um ihren Job. Von einem Jahr auf das andere. Wer hat im deutschen Schulsystem im Auge, wie KI die Anforderungen an unsere Kinder verändert?
Zwei Lehrer sagten mir auf meinen Hinweis, über die Sommerferien sollte man die Lehrpläne überarbeiten, um den Einfluss von ChatGPT zu berücksichtigen, grinsend: „2026 vielleicht.“ Und das ist eben nicht mehr konkurrenzfähig im Weltmaßstab. Und dann wurschteln da auch noch 16 Kultusbehörden autark vor sich hin. Horror aus Sicht der Generation Alpha.
KI ist eine große Chance – wenn wir alle schlau genug sind, das wöchentlich wachsende Angebot sofort in der Schule zu integrieren. Wir brauchen Lehrpläne, die flexibel genug sind, um monatlich oder zumindest halbjährlich angepasst zu werden. Damit wir nicht nur hören: „KI soll an Schulen verboten werden.“ Bislang hängt die Qualität von digital angereichertem Unterricht vor allem an engagierten Schulleitungen und Lehrkräften. Und die meisten vermissen steifen Rückenwind aus den Landeshauptstädten.
3. Gehirntraining bitte an Lebensnahem
Kurvendiskussionen. Finden Sie mir einen Menschen, der sagt: Gut, dass ich das in Mathe durchgenommen habe, das hat mich fürs spätere Leben gestärkt.
Lehrerinnen und Lehrer begründen den Mathe-Tiefgang damit, dass es ein gutes Hirntraining sei, sich so abstrakt zu fordern. Aber geht das nicht auch anhand von Dingen, die später noch für Weiteres nutzbar sind? Gibt es Gremien, die da zukunftsorientiert Althergebrachtes hinterfragen? Wenn ja, warum findet darüber kein öffentlicher Diskurs statt? Bildung ist Nischenthema. Das kann nicht wahr sein!
4. Schulausbildung für die Berufsausbildung
Wir hören es seit Jahren und Jahren. Das Handwerk klagt: Da kommen Jugendliche von den Schulen und deren Ausbildung passt nicht zu dem, was sie fit macht für den Arbeitsmarkt.
Dazu kommen Zigtausende, die ganz ohne Schulabschluss abgehen. Was ist mit denen?
Wann wird die Schule endlich zum Fenster zu Industrie und Handwerk? Eine Woche Schülerpraktikum in irgendeiner Branche ist zu wenig. Ein paar Projekttage oder Berufstage, an denen einige Firmen ein paar Plakate auf Stellwände in der Aula pinnen dürfen, auch. Warum nicht mehrere Monate schulbegleitende Hospitanzen in mehreren Branchen? In Zeiten des Fachkräftemangels werden die Firmen die Kinder doch hofieren wie König und Königin. In der Hoffnung, dass sie sich einige Jahre später für sie entscheiden.
Doch in den Ministerien basteln Menschen an Lehrplänen, die selbst von den Unis kommen. Von denen viele selbst keine Ahnung von den Branchen haben, denen bald hunderttausende Menschen fehlen werden. Wenn intellektuell verblendete Schulpolitik auf Wirklichkeit trifft – dann muss doch endlich mal etwas Merkliches passieren.
5. Migranten nicht nur integrieren, sondern hochleben lassen
Das Wort Migration ist hierzulande fast wortgleich mit Problem. Lernen wir endlich, zwischen einwandernden Flüchtlingen aus prekären Weltlagen und dringend gebrauchten Fachkräften zu unterscheiden. Während die Arbeitsmigranten von uns heiß umworben werden müssen (die können sich die Weltregion aussuchen, in der sie durchstarten wollen), müssen viele junge Flüchtlinge noch in unseren Schulen weitergebildet werden. Dazu gehört zunächst, dass sie ordentlich Deutsch lernen, damit die Sprachbarriere nicht allen den letzten Nerv raubt, weil normaler Unterricht nicht möglich ist, wenn die Hälfte kein Wort versteht. Bislang höre ich nur von Lehrkräften, die eher verzweifeln, als zu frohlocken. Wo sind da die bahnbrechenden Lösungen?
Wir sind uns doch einig, dass wir auch noch die nächsten Jahrzehnte zur Weltelite gehören wollen. Dazu benötigen wir unbedingt eine neue, zukunftsoffene Haltung. Und die beginnt an den Schulen. Auch, wenn das teuer ist.
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