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KarriereleiterNach dem Sturm: So versöhnen wir uns im Gender-Streit

Die einen wollen nonbinären Menschen mehr Sichtbarkeit geben. Die anderen verstehen die Welt nicht mehr und fühlen sich belehrt und bevormundet. Es ist im Interesse aller, dass dieser Zwist befriedet wird. Mit ein bisschen Abstand hier ein „Schlichtungsversuch“ für Job, Behörden und Medien. Eine Kolumne.Marcus Werner 06.09.2023 - 10:21 Uhr

Gendern ja oder nein?

Foto: imago images

Finden Sie mit diesem Text für sich im Joballtag und im Privatleben eine Haltung, die Sie in der Gender-Debatte sauber vertreten können – und eine praktische Lösung fürs Sprechen und Schreiben. Und damit auch für die Anderen, die Sie hören und von Ihnen lesen.
Die Herausforderung ist dreigliedrig.

1. Der Grund für das Gendern wird nicht von allen akzeptiert.

Nämlich die Tatsache, dass sich eine relativ kleine Gruppe von Menschen weder dem männlichen, noch weiblichen „Geschlecht“ zuordnen kann oder es schlicht nicht will. Dabei wird von den Gegnern der gendergerechten Sprache oftmals das biologische Geschlecht, also das männliche oder weibliche, verwechselt mit der (unwissenschaftlich ausgedrückt) persönlich empfundenen Identität besagter Menschen. So finden sich in den sozialen Medien allerlei Clips etwa von Männern, die Frauen fragen:
„Würdest du sagen, dass ich ein Weißer bin?“
„Ja.“
„Woher weißt du das?“
„Das sehe ich doch.“
„Was, wenn ich sage, dass ich schwarz bin?“
„Das wäre falsch.“
„Was, wenn ich sage, dass ich eine Frau bin? Oder dass ich weder Frau noch Mann bin?“

Bäng. Schweigen auf der anderen Seite. Weil hier eben übersehen wird, dass es bei der Frage nach dem Gender nicht um das offensichtliche biologische Geschlecht geht, sondern um die eigene Identifikation mit irgendeinem – nicht nur einem der beiden. Es geht also als erstes um die Frage: Erkenne ich an, dass Menschen sich einem anderen „Geschlecht“ zugehörig fühlen, als es die biologischen Merkmale des Körpers nahelegen?

Wer sich dann an Scherzen von Leuten ergötzt, die behaupten, sich „wenn das so ist“ dann eben ab sofort selbst als körperlich schwerbehindert zu definieren, um zu verlangen, ihr Auto auf einem entsprechenden Parkplatz abstellen zu dürfen, erkennt den Unterschied zwischen dem biologischen und empfundenen Geschlecht wohl nicht an.

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2. Viele empfinden die sprachlichen Kniffe als allzu anstrengende Verrenkungen

Die Mehrheit der Deutschen lehnt laut Umfragen die Schreibweise mit dem * oder dem Unterstrich _ ab. Und ich habe bislang niemanden kennengelernt, der sagt: Die Sprache ist leichter lesbar dank des * und _. Ich persönlich halte den Stern, der eine Sprechpause im Sinne des Glottisschlages (sondern wie bei Bundes-Innenministerium und nicht „Bunde-Sinnenministerium“) anweist, deshalb für keine gelungene Lösung, wenn auch gut aussprechbar. Es gibt doch viel bessere (wenn auch recht wenig diskutierte) Lösungen, wie etwa das „Das“: Das Bundeskanzler, das Arzt, das Verkäufer. Klingt noch komisch, ja, aber der * ist ja auch für die meisten noch irgendwie seltsam. Immerhin haben wir das Neutrum für Personen seit jeher ungenutzt herumliegen (außer bei „das Kind“ mit seinem Pronomen „es“), während sich andere Muttersprachler ihre neutralen Pronomen erst noch schnitzen mussten, wie etwa im Schwedischen „hen“ (neben han für er und hon für sie). Aber gut, auch das genderneutrale Neutrum wird im Deutschen bislang mehrheitlich nicht mitgetragen.

Ich habe jüngst an einem Workshop für gendergerechte Sprache im Journalismus teilgenommen, in dem es auch darum ging, das * zu umgehen, um der Mehrheit der Konsumierenden von Text, Fernsehen und Radio entgegenzukommen: Dort wurde dann aus „Polizist*innen“ die „Polizei“ (was weniger persönlich ist, weil dort Menschen gegen eine Institution ausgetauscht werden). Schüler*innen würden zu Lernenden, was sie von Studierenden nicht mehr unterscheidbar macht. Das Ergebnis: Es ist kaum möglich, genderneutral und gleichzeitig im in Umfragen belegten Sinne der meisten Medien-Nutzenden zu formulieren, ohne den Sinn der Inhalte zu verändern, würde man das Prinzip ohne Ausnahmen durchziehen. Das ist ebenfalls keine gute Lösung.

Lesen Sie auch: Fünf Gründe gegen „German Gendering“

Dennoch kann es ja das hehre Anliegen sein, einer Minderheit in unserer Gesellschaft, die sich bei den bisherigen Konventionen ausgegrenzt fühlt, irgendwie sprachlich entgegenzukommen.

Während es andererseits nun einmal als gegeben hinzunehmen ist, dass andere diese Sprache selber nicht sprechen oder schreiben wollen. Bislang gilt das * nicht einmal als offiziell richtiges Deutsch. Hinzukommt aber noch die Krux:

3. Der Superkonflikt-Herd: Selbst wer nicht mitmachen möchte, nutzt gendergerechte Sprache – unfreiwillig passiv.

Und das ist das ganz Besondere! Wer mit einer Pride-Parade nichts anfangen kann, kann aus Neugier gucken kommen oder einen Ausflug an eine andere Ecke der Stadt unternehmen. Skeptiker erleben so, dass sich die Gesellschaft wandelt, und können sich in eigener Geschwindigkeit annähern. Wie mit Sushi: Roher Fisch? Iiih! Und nach ein paar Jahren haben wir uns doch getraut und fanden es richtig gut.

Bei der gendergerechten Sprache hingegen müssen selbst die, die keine Lust drauf haben, passiv mitmachen. Sie müssen förmlich das Gendern hören und lesen, wenn andere die Formeln aktiv nutzen. Ein bewusstes Weghören und Überlesen ist nicht möglich.

Schneller schlau: Unternehmenskultur
Als Unternehmenskultur bezeichnet man die vorherrschenden Wertemuster innerhalb einer Firma. So wie jedes Land über eine eigene Kultur verfügt, so entwickelt sich auch in Unternehmen ein gewisses Selbstverständnis – und mit ihm eine für dieses Unternehmen spezifische Herangehensweise.

Wer das Gendern als Vergewaltigung der deutschen Sprache empfindet, empfindet ja vielleicht sich selber und seine Weltsicht als vergewaltigt. Das mögen Gender-Fans als kleingeistig empfinden. Und ja, ich meine auch: Es zeugt nicht von sonderlich viel intellektueller Flexibilität, sich allein schon beim Konsum der Gendersprache überfordert zu fühlen. Aber diese eigene Sichtweise hilft ja nicht weiter. Wir wollen doch den Riss kitten.

Wenn der Gender-Konflikt die Gesellschaft spaltet und die neue Sprache nicht nur für ein neues Denken, sondern auch für Hohn und Anfeindungen sorgt, ist auch der zu schützenden Minderheit weniger gedient. Besser wäre es ohne Streit. Wie könnte ein Friedensplan aussehen – anwendbar auf Job, Privatleben, Medien, Politik und Behörden?

Die Lösung: Alle, wie sie wollen. Überall.

  • Das generische Maskulinum ist im Deutschen (noch) richtig. Punkt.
  • Es wird von vielen als geschlechter- und genderungerecht empfunden. Punkt.
  • Gendergerechte Sprache wird von einer Mehrheit der Deutschen als unwichtig und störend empfunden. Punkt.

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Bedenken wir, dass sich in der Praxis aktuell nicht abzeichnet, dass sich die gendergerechte Sprache mit * vollends durchsetzen wird, noch, dass sie sich wieder alle abgewöhnen, muss es im Sinne eines friedlichen, konstruktiven Miteinanders einen Kompromiss geben. Wie wäre es mit dem folgenden:

  1. Die Verwendung des Binnen-* und der entsprechenden Aussprache wird nicht mehr als politisches Statement, sondern als persönlich gewählte, anerkennende Ausdrucksweise der Nutzenden gedeutet. So wie wohl auch kaum jemand bei einem „Tschüss“ nachfragt: „Ach, einen schönen Tag wünschen Sie mir also nicht?“
  2. Alle dürfen es mit dem Gendern tun, wie und so oft sie es können und wollen. Nicht öfter, nicht seltener.
  3. Die Kritik an den Formulierungen der jeweils anderen verbietet sich (so wie man in Hannover einem Bayern auch nicht das „Grüß Gott“ vorhält und in Bayern einem Niedersachsen bitte auch nicht ein „Guten Morgen“).

Daraus folgt in der Konsequenz: Die, die die gendergerechte Sprache für genau richtig halten, können nach Lust und Laune gendern, ohne zu belehren. Die, die die gendergerechte Sprache für einen Fehler halten, nutzen das generische Maskulinum oder die Version „männlich/weiblich“, und akzeptieren im Gegenzug ohne Gemurre, wenn sie mit Fomulierungen konfrontiert werden, die andere für gerecht halten.

Daraus folgt zweitens: Wenn alle so dürften, wie sie wollen, dann kann es auch keine Vorgaben für bestimmte Berufsgruppen geben. Wenn Politiker*innen gendern oder nicht und Marketing-Agenturen gendern oder nicht, dann sollten es auch Fernsehmoderator*innen, wie ich einer bin, dürfen, ohne dass dies von jemandem als Belehrung oder politische Botschaft von Seiten des Senders interpretiert werden darf. Die Haltung von CDU-Chef Friedrich Merz, im privaten Fernsehen und Radio könne ruhig gegendert werden, bei den Öffentlich-rechtlichen Anstalten aber nicht, geht kaum absurder. Als wenn die Finanzierung des Journalismus (Werbung/Rundfunkbeitrag) ausschlaggebend ist. Es ist der Ansatz: Den öffentlichen Institutionen kann man immerhin vorschreiben, nach den offiziellen Grammatikregeln zu kommunizieren. Das ist schon arg simpel. Guter öffentlich-rechtlicher Journalismus lebt von Ausgewogenheit. Das erreicht man nicht durch Entpersonalisierung. Sondern durch Vielfalt. Man könnte meinen, es ginge Merz gar nicht um einen gesellschaftlich tragbaren Kompromiss.

Und drittens: Innerhalb eines Unternehmens dürfen alle, wie sie können und wollen. Und im Auftritt nach außen wie vereinbart.

Ich finde, es sollte Politikerinnen, Ärzte, Sozialpädagogen, Sachbearbeitende in Behör-den, Fernseh-Moderatorinnen und Hebammen geben, die gendern, und welche, die es nicht tun. So wie sie es wollen.

Ich selber habe meinen persönlichen Stil so definiert: Ich möchte gerne gendergerecht formulieren, und ich möchte den Inhalt meiner Botschaft deshalb nicht verbiegen. Des-halb sage ich etwa „Lehrende“ (statt Lehrkräfte oder Lehrer), aber „Schülerinnen und Schüler“ (statt Lernende), manchmal bewusst „Ärztinnen und Pfleger“ (um Stereotypen wie „Arzt und Pflegerin“ zu brechen) und ich vermeide bei der Begrüßung seit Jahren „meine Damen und Herren“, weil dies nur ausgrenzt, ohne Vorteil für die bereits mit einem „Guten Abend“ Bedachten.

Spaß hätte ich an „das Kolumnist“, „das Leser“, „das Geschäftsführer“. Und akzeptiere: Es läuft nicht immer genau so, wie ich es mir wünsche. Geben wir unser Bestes. Und hoffen wir darauf, dass es die Anderen auch tun. Dann kommt die Bereitschaft bei den verunsi-cherten Skeptikern ja vielleicht ganz von allein. Wenn sie merken, dass sie nicht zu spät dran sind, wenn sie irgendwann ganz entspannt nachziehen. Wäre das eine gute Lösung für den Gender-Zoff? Was sagen Sie?

Den Autor erreichen Sie über LinkedIn.

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