1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Börse
  4. Dax aktuell: Erholt sich der Kurs? Warnsignal von LVMH, Nestlé & Co.

Riedls Dax-RadarGefährliches Spiel um Schulden, Zinsen und wacklige Börsen

Nach den jüngsten Verlusten bei Aktien liegt eine Kurserholung in der Luft. Ob die stark genug wird um den Trend zu retten, ist offen. Selbst vom Konsum kommen jetzt Warnsignale. Eine Kolumne.Anton Riedl 29.09.2023 - 12:03 Uhr

Der Bär ruft: Börsen weltweit in Korrektur

Foto: Getty Images

Als ob die Unsicherheit an den Märkten nicht schon groß genug wäre, kommt nun noch das Risiko eines Shutdowns in den USA dazu. Auch wenn es sich bei dieser Haushaltssperre, bei der die Regierungsgeschäfte heruntergefahren werden, um ein schon bekanntes politisches Machtspiel handelt, das womöglich nur wenige Tage dauert, drohen den Börsen substanzielle Folgen: Die Aufsichtsbehörde SEC könnte nicht einsatzfähig sein, aktuelle Daten zu Wirtschaft und den Unternehmen nicht veröffentlicht werden, Gehälter nicht gezahlt. Je nachdem, wie lange die Sperre dauert oder welche Übergangslösungen gefunden werden, kann dies der amerikanischen Wirtschaft mehrere Milliarden Dollar kosten. 

Das zentrale Problem, das hinter diesem schon rituellen Streit steht, ist die mittlerweile enorm ausgeweitete Verschuldung der USA. Derzeit ist das Land gemessen an der Wirtschaftsleistung mit 122 Prozent verschuldet. Das ist zwar weniger als im Ausnahmejahr der Corona-Krise 2020, als 133 Prozent erreicht wurden; doch es reiht sich nahtlos in den seit Jahrzehnten währenden Aufwärtstrend ein: Zur Jahrtausendwende lag die Verschuldung um 50 Prozent, kletterte dann 2012 auf über 100 Prozent und könnte nach jüngsten Schätzungen Ende des Jahrzehnts in Richtung 140 Prozent steigen. 

Ein zusätzlicher Schub entsteht dabei derzeit durch die Aufrüstung. Mit wahrscheinlich rund 900 Milliarden Dollar in diesem Jahr haben die USA den mit Abstand größten Militärhaushalt weltweit – und ein Ende dieser Spirale ist nicht in Sicht. 

Finanzfluss-Gründer Thomas Kehl

„Wer in Aktien investiert ist, muss einen Verlust von 50 Prozent aushalten können“

Mit seinem Youtube-Kanal erreicht Thomas Kehl Hunderttausende vor allem junge Anleger. Im Interview erklärt er, worauf sie bei der Geldanlage setzen sollten und warum er wenig von Einzelaktien hält.

von Philipp Frohn

Dabei ist das Prekäre an der Situation dieses Mal nicht nur die absolute Höhe der Schulden. Im Gegensatz zu den Shutdowns der vergangenen Jahre hat sich etwas Entscheidendes verändert – und genau da trifft es Wirtschaft und Börsen: Die große Richtung der Zinsen, die vier Jahrzehnte lang nur gesunken sind, hat nach oben gedreht. 

Schon jetzt war der Anstieg vom 2020er-Tief bei 0,5 Prozent auf zuletzt bis zu 4,7 Prozent bei den taktgebenden zehnjährigen US-Bonds der massivste Renditesprung seit den frühen Achtzigerjahren. Die hohe Volatilität der Renditen ist ein Warnsignal dafür, wie angespannt die Situation ist. Hinter ihr stehen immense Wertverluste bei Anleihen und tiefe Einschnitte bei der Finanzierung von Haushalten, Unternehmen und natürlich dem Staat. 

Ein Shutdown in den USA ist nicht einfach nur ein politisches Machtspiel mehr oder weniger verbohrter Politiker. Er offenbart vielmehr die größte Schwäche des wirtschaftlich und politisch mächtigsten Landes dieser Welt. Und das hängt so lange wie ein Damoklesschwert über den Märkten, solange es nicht zumindest in Ansätzen eingegrenzt wird. 

Auch die Börsen hierzulande spüren, wie gefährlich die Unsicherheit bei den Zinsen ist. In den vergangenen Tagen ist die Rendite zehnjähriger Bundesanleihe, das wichtigste Barometer europäischer Bonds, bis auf 2,98 Prozent nach oben geschossen. Das ist der höchste Stand seit Juni 2011. Da im gesamten Bereich von 3,0 bis 3,5 Prozent seit mehr als zwei Jahrzehnten zahlreiche Hoch- und Tiefpunkte liegen, ist mittelfristig ein weiterer Anstieg bis auf dieses Niveau durchaus möglich. 

Auch wenn die Teuerung in Deutschland im September auf 4,5 Prozent zurückging, ist es kein gutes Zeichen, dass der Rentenindex Rex, in dem die Kurse öffentlicher Anleihen stecken, bei einem Stand von 122 Punkten nun sogar den seit 1982 bestehenden großen Aufwärtstrend verletzt hat.

Immer mehr Börsenbarometer geben Verkaufssignale

Auf den weltweiten Aktienmärkten schlagen die Zinsturbulenzen ungebremst durch. Der marktbreite US-Aktienindex S&P 500 hat durch den Rutsch unter 4400 Punkte ein mittelfristiges Verkaufssignal gegeben. Zahlreiche Trader in US-Foren setzen jetzt zwar auf eine kurze Erholung in den Bereich 4400, rechnen dann aber eher wieder mit einem Rückgang auf 4300 bis 4200 Punkte; hier verlaufen wichtige Unterstützungen wie die 200-Tage-Linie. 

Der Dow Jones allerdings, der mehr von klassischer Industrie und Konsum geprägt wird, hat diese allerdings schon gerissen. Das letzte Mal, als dies der Fall war, im März 2023, konnte sich der Dow nach einer Woche Zitterpartie zwar wieder retten und schlug danach sogar einen Aufwärtstrend ein. Jetzt schon auf eine solche Resilienz der Märkte zu setzen, dürfte ein riskantes Spiel sein. 

Das gilt erst Recht für die deutsche Börse. Im Gleichlauf mit dem Dow Jones ist der Dax in den vergangenen Tagen unter die wichtige Kurszone im Bereich um 15.500 Punkten gerutscht. Er konnte damit weder das Niveau der Tiefpunkte seit Frühjahr verteidigen noch die 200-Tage-Linie (die aktuell bei 15.571 Punkten verläuft). 

Im Gegensatz zum Dow Jones ging es beim Dax das letzte Mal, als es zu einer solchen Konstellation kam (mittelfristiges Tief, 200er-Linie geschnitten) für die Kurse gar nicht gut aus: Das war im Januar und Februar 2022, also der Beginn der schweren Korrektur, die den Dax im September 2022 bis auf 12.000 Punkte drückte. Und der breitere Markt verliert an Widerstandskraft: Nur noch bei 15 der 40 Dax-Werten verlaufen die aktuellen Kurse oberhalb der 200-Tage-Linie. 

Lesen Sie hier aktuelle News und die neuesten Nachrichten von heute zum Dax. 

Immerhin, noch gibt es auch im Dax eine Reihe wichtiger Einzelwerte, die Widerstandskraft zeigen:

  • Die Versicherer Allianz, Münchener Rück und Hannover Rück, die von steigenden Zinsen profitieren, weil sie damit leichter laufende Erträge aus Kapitalanlagen erzielen;
  • Baustoffkonzern Heidelberg Materials, der von Ausgaben für Infrastrukturprojekte beflügelt wird, die besonders in den USA im Vorfeld der Wahl bedeutsam sind. Zudem stecken die Heidelberger mitten in einer vielversprechenden Metamorphose hin zu mehr Nachhaltigkeit – ein zentrales Thema der energieaufwendigen Zementbranche.
  • Lastwagenbauer Daimler Truck, der mit einem cleveren Mix aus klassischen Dieselmotoren sowie neuen Elektro- und Wasserstoffantrieben flexibel für die nächsten Jahrzehnte auffährt;
  • Softwarekonzern SAP, der den Shift in die Cloud geschafft haben dürfte und der zugleich von der relativen Stabilität der großen US-Hightechs gestützt wird;
  • Übernahmekandidat Covestro und Wendespekulation Fresenius, die nach langer Talfahrt mit der Chance auf Extragewinne locken;
  • Gefallene Engeln wie MTU Aero Engines oder Siemens Healthineers, deren Geschäft eigentlich vergleichsweise wenig konjunkturanfällig ist, die aber nach einmaligen Ausrutschern auf gedrücktem Niveau schrittweise wieder interessant werden.

Fazit für den Dax: Seit 31. Juli hat der Dax von 16.467 Punkten (Tagesschluss) bis zum 26. September (15.228 Punkte) 7,5 Prozent verloren. Die gesamte Abwärtsbewegung vollzog sich in drei typischen Phasen: Einem Rutsch im August, einer vorübergehenden Stabilisierung Anfang September, dann bis Ende des Monats, einem zweiten schnellen Kursrückgang. Nach einem solchen kompletten Abwärtsmuster könnte nun durchaus eine Erholung auf der Tagesordnung stehen.

Das Problem dabei: Um die jüngsten Verkaufssignale wieder aufzuheben, müsste der Dax möglichst bald deutlich über 15.600 bis 15.700 Punkte klettern. Ob er das im Umfeld massiv gestiegener Zinsen und angeschlagener Wirtschaft schafft, ist zwar nicht ausgeschlossen, aber doch sehr fraglich. 

Ein negatives Szenario würde entstehen, wenn die Erholung nur bis 15.500 oder 15.600 Punkte käme und von da aus wieder abkippt. Dann könnten sich die gesamten Schwankungen seit Frühjahr 2023 als klassische Distributionsphase, als obere Wendeformation entpuppen. Die hätte dann ein theoretisches Potenzial bis in den Bereich um 14.800 Punkte.

Ob die Ergebnisse in der anstehenden Berichtssaison stark genug sind, den Märkten Rückhalt zu geben, bleibt abzuwarten. Erste, gute Meldungen von US-Unternehmen wie Nike machen zwar Mut, aber die jüngste Schwäche großer Konsum- und Luxusaktien (Coca-Cola, Ahold, LVMH, Nestlé) ist ein Warnsignal, das zeigt, dass die Probleme um Teuerung und Konjunktur mittlerweile immer mehr Menschen treffen. Und daran werden die Börsen nicht einfach vorbeikommen. 

Hinweis: Der nächste Dax-Radar erscheint erst wieder am Freitag, den 13. Oktober. 

Lesen Sie auch: Darum bieten die Anleiherenditen Anlass zur Sorge

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick