Chevron plant Megaübernahme: Darum strotzt Warren Buffetts Ölmulti vor Selbstbewusstsein
Der Ölkonzern Chevron will für 53 Milliarden Dollar den Konkurrenten Hess kaufen.
Foto: imago imagesVor nicht einmal einem Monat hat ExxonMobil bekannt gegeben, den US-Öl- und Gasförderer Pioneer Natural Ressources für knapp 60 Milliarden Dollar zu schlucken. Nun legt Chevron mit dem Kauf des Konkurrenten Hess nach. 53 Milliarden Dollar will der Konzern zahlen, an dem Starinvestor Warren Buffett mit 6,25 Prozent beteiligt ist. Es ist die größte Übernahme in der Geschichte von Chevron. Beide Deals der vergangenen Wochen haben eine Größe, wie sie die Branche seit 2019 nicht mehr gesehen hatte.
Manch einer mag das als Zeichen für ein letztes Aufbäumen der Ölmultis deuten. Doch dieser Abgesang wäre verfrüht. Die Branche strotzt so sehr vor Selbstbewusstsein wie lange nicht mehr. Der Überfall Russlands auf die Ukraine und die damit verbundenen Sanktionen haben der Welt gezeigt, wie abhängig sie nach wie vor von Öl und Gas ist. Rund um den Globus forderten Regierungen die Unternehmen auf, mehr statt weniger zu bohren.
Chevron-Chef Mike Wirth hatte vor einigen Wochen denn auch in einem Interview mit der „Financial Times“ die Internationale Energieagentur (IEA) als realitätsfern kritisiert, weil diese einen Rückgang des Öl- und Gaskonsums noch in diesem Jahrzehnt vorhergesagt hatte. „Ich glaube nicht, dass sie auch nur im Entferntesten richtig liegt“, sagte er. Die IEA könne Szenarien entwerfen. Aber Chevron existiere in der realen Welt und müsse Kapital investieren, um reale Anforderungen zu erfüllen.
Zu wenig E-Autos, zu wenig Solar
Anzeichen dafür, dass die Abkehr von den fossilen Energieträgern langsamer vonstatten geht als erwartet, gibt es inzwischen überall. Elektroautos etwa verbreiten sich weniger schnell als erhofft. So wird die Bundesregierung ihr Ziel, bis 2030 mehr als 15 Millionen E-Autos auf deutsche Straßen zu bringen, dem Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach zufolge krachend verfehlen. Laut Kraftfahrtbundesamt wurden im ersten Halbjahr etwa 220.000 batteriebetriebene Fahrzeuge neu zugelassen. Das CAM hat errechnet, dass 750.000 notwendig gewesen wären, damit Deutschland seine Ziele erreicht.
Ähnlich sieht es beim Ausbau der Photovoltaik weltweit aus. So hat sich dieser etwa in den USA 2022 deutlich verlangsamt. Und auch in Europa stockt der Ausbau – vor allem aufgrund steigender Zinsen. Hinzu kommt die wachsende Abhängigkeit bei Solarzellen von chinesischen Herstellern. Das sich verschlechternde Verhältnis zwischen der Volksrepublik und dem Westen ist da ein Risiko – es könnte den Ausbau schnell ganz zum Erliegen bringen, wenn China militärisch nach Taiwan greifen sollte.
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Und dann ist da die Erkenntnis, dass vor allem die Chemieindustrie wohl auch in den kommenden Jahrzehnten nicht vollkommen auf Öl und Gas verzichten kann. Der gestiegene Preis von Erdgas hat beispielsweise dazu geführt, dass Düngemittel weltweit knapp sind. Seit Februar 2022 hat sich der Preis für Dünger in Nigeria und 13 anderen Ländern mehr als verdoppelt, schrieb kürzlich die „New York Times“. Und die Weltbank sieht die Gefahr, dass dadurch Hungersnöte entstehen, als „alarmierend hoch“ an. Stickstoffdünger wird heute hauptsächlich mithilfe von Ammoniak hergestellt, das wiederum aus Erdgas gewonnen wird.
Ein schneller Ausweg aus dem Öl- und Gasbusiness ist also nicht in Sicht. Das erklärt die neue Einkaufstour der Multis. Zum Portfolio von Hess gehört etwa ein Offshore-Ölfeld namens Stabroek in Guyana. Das Unternehmen ist daran mit 30 Prozent beteiligt. Dieses Feld gilt als größter Fund der letzten zehn Jahre. Auch verfügt Hess dem norwegischen Energieberater Rystad zufolge über Förderstätten im US-Bundesstaat North Dakota, zwischen Malaysia und Thailand und im Golf von Mexiko. Pioneer wiederum hat Zugriff auf riesige Vorkommen im texanischen Permbecken. Vor allem diese dürften das Unternehmen zum Übernahmeziel von ExxonMobil gemacht haben.
Dekarbonisieren statt aussteigen
An den Plänen der Konzerne, ihre Klimaziele zu erreichen, ändert das nach Meinung der Rystad-Analystin Olga Savenkova erst einmal nichts. Der Schwerpunkt der US-Konzerne liege nach wie vor auf der Dekarbonisierung des eigenen Betriebs und dem Einstieg in angrenzende Bereiche wie Wasserstoff und Carbon Capture and Storage (CCS). „Die Prognosen für die kohlenstoffarmen Ausgaben sind recht moderat und werden durch diese Fusionen wahrscheinlich nicht beeinflusst“, so die Branchen-Expertin. Das klingt weder besonders gut noch besonders schlecht.
Für die Politik ist es allerdings ein Signal, dass sie dringend Instrumente einführen sollte, die die Öl- und Gasindustrie dazu bringen, ihr klassisches Geschäft zu dekarbonisieren. Ein CO2-Preis für Gebäude und Verkehr etwa, wie ihn Europa plant. Oder ein Steuernachlass auf grüne Investments wie Direct Air Capture, CCS und Wasserstoff, wie ihn die USA mit dem Inflation Reduction Act schon eingeführt haben. Denn klarer geworden ist in den vergangenen Tagen eines ganz sicher: Die Öl- und Gasindustrie wird uns erhalten bleiben.
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