Zschabers Börsenblick: Die Mär von der Jahresendrally
November und Dezember sind meist keine schlechten Börsenmonate. Man spricht deshalb von der Jahresend- oder Santa-Claus-Rally.
Foto: dpaTradition ist Tradition – dagegen kann man nichts machen. So ist es auch an der Börse. Im Herbst wird traditionell über die Jahresendrally spekuliert. Kommt sie? Kommt sie nicht? Und wenn ja, wie doll kommt sie?
Nun, das mit der Jahresendrally ist so eine Sache. Vor allem weil nicht ganz klar ist, über welches Phänomen man hier eigentlich spricht. Insbesondere in den Medien hat sich die Diskussion um die Jahresendrally von ihrem eigentlichen Kern deutlich entfernt.
Ursprünglich bezeichnete die Jahresendrally einen engen Zeitraum, nämlich die letzten fünf Handelstage im Dezember. In den USA spricht man deshalb auch von der Santa-Claus-Rally. Als Begründung für eine solche Rally verweisen Beobachter auf die vielen Boni-Zahlungen an die Angestellten. In den USA ist üblich, dass ein Teil des Gehalts als Bonus am Jahresende überwiesen wird. Geld, das dann, zumindest zum Teil, an die Börse fließt. Auch die gute Stimmung um Weihnachten herum wird von manchen Beobachtern als Grund für die Santa-Claus-Rally angeführt. Außerdem sollen Umschichtungen von Fonds eine Rolle spielen.
Aus der Santa-Claus-Rally wurde irgendwann die Jahresendrally. Die Gründe dafür sind mir nicht ganz klar. Richtig ist, dass November und Dezember keine schlechten Börsenmonate sind. Das stimmt. Im November ging es zum Beispiel in den zurückliegenden 20 Jahren beim Dax im Schnitt um knapp zwei Prozent nach oben, im Dezember dann nochmal um eineinhalb Prozent. Damit schneiden diese Monate aber schlechter als der April und der Juli ab. Wenn man also von einer Jahresendrally spricht, könnte man genauso gut von einer Frühlingsrally oder Sommerrally reden. Macht man aber nicht.
Chancen erkennen
Doch die Mär von der Jahresendrally hält sich wacker. Machen wir also mit und fragen uns, was spricht derzeit für, was gegen eine Rally? Letztendlich ist es wohl eine Frage der Perspektive. In vielen Geschäftsberichten, die ich in den zurückliegenden Wochen gelesen habe, taucht immer wieder der Hinweis auf, dass die hohe Inflation, steigende Zinsen und die schwache Konjunktur die Unternehmensgewinne belasten. Kein gutes Omen für die Jahresendrally. Oder?
Die Anhänger der Rally führen an, dass ein Ende des Zinszyklus sowie bessere Aussichten bei Wachstum und Gewinnen für 2024 die Märkte noch einmal antreiben könnten. Und das stimmt vielleicht sogar. Die Aussichten sind besser als die aktuelle Stimmung. Das schafft Chancen an der Börse, die man als Anleger erkennen muss. Allein ein Blick auf die anstehende Dividendensaison zeigt, hier gibt es sehr lukrative Möglichkeiten. Die im Dax gelisteten Autobauer VW, Mercedes-Benz und BMW etwa weisen – auf Grundlage der geschätzten Dividendenzahlungen für das Geschäftsjahr 2023 – die im Anschluss der Hauptversammlungen im anstehenden Frühjahr ausgezahlt werden sollen, Renditen zwischen sechs und acht Prozent auf. Das ist durchaus attraktiv, auch dann, wenn man berücksichtigt, dass die deutschen Autobauer auf dem internationalen Markt unter Druck stehen.
Natürlich sind Dividendenzahlungen mit Unsicherheiten behaftet. Wenn es ganz schlecht läuft, können sie sogar mal ausfallen. Dividenden sind also nicht mit Zinszahlungen vergleichbar, dennoch stellen sie einen wichtigen Eckpfeiler beim persönlichen Vermögensaufbau da. Sechs, sieben oder acht Prozent Rendite sind durchaus beachtenswert – auch dann, wenn die Aussichten an der Börse unsicher sind.
Rally ist nicht entscheidend
Die Jahresendrally hätte also durchaus Argumente auf ihrer Seite. Doch ob sie dann wirklich kommt, ist völlig ungewiss. Börse ist zu einem großen Teil Psychologie und nur zu einem kleinen Teil beruht sie auf Fakten, sagte einmal sinngemäß André Kostolany. Ängste, Hoffnungen, Wünsche und Gier treiben die Aktienkurse. Welche Seite dabei gerade überwiegt, ist schwer vorherzusehen. Im Moment sind es wohl eher die Ängste.
Aber vielleicht sollten wir uns einfach von der Frage nach der Jahresendrally lösen. Sie lenkt von dem wirklich wichtigen Punkt ab, dass nämlich an der Börse kein Weg vorbeiführt, wenn man sein Geld langfristig und lukrativ anlegen will. In den zurückliegenden Jahrzehnten haben Aktienkurse im Schnitt jährlich um sechs bis sieben Prozent zugelegt. Berücksichtigt man dann noch die Dividendenzahlungen, werden die Chancen offensichtlich.
Sicher, der eine oder andere Anbieter von Tagesgeldkonten wirbt schon wieder mit vier Prozent Zinsen. Aber berücksichtigt man, dass die Inflation in diesem Jahr bei sechs, im kommenden Jahr vielleicht bei vier oder fünf Prozent liegen wird, bleibt unter dem Strich kaum ein Zugewinn, ganz im Gegenteil, es winkt sogar ein Kaufkraftverlust. Da können Anleger noch so kräftig sparen, am Ende können sie sich weniger für ihr Geld leisten als für den ursprüngliche Betrag.
Die Jahresendrally: Ausgeschlossen ist sie 2023 nicht, aber auch nicht sicher. Sicher ist nur: Sie ist nicht für den Erfolg eines Anlegers entscheidend.
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