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Von wegen BeständigkeitTop-Maschinenbauer wechseln häufiger ihr Personal

Ein Vergleich unter Maschinenbau-Unternehmen zeigt: Weltmarktführer wechseln deutlich häufiger ihr Spitzenpersonal aus als durchschnittliche Unternehmen. Ist das ein Teil ihres Erfolgsgeheimnisses?Stephan Knieps 22.11.2023 - 18:58 Uhr

Fluktuationsfreudig: der Düsseldorfer Anlagenbauer und Weltmarktführer Gea.

Foto: imago images

Als der Düsseldorfer Anlagen-Konzern Gea im Jahr 2018 darüber informierte, dass der langjährige Vorstandschef Jürg Oleas das Unternehmen verlassen und durch Stefan Klebert ersetzt werde, war das eine Nachricht, die über die Branche hinaus für Interesse sorgte. Schließlich firmiert Gea im M-Dax und erwirtschaftet 5,2 Milliarden Euro Umsatz, zählt Gea in der Disziplin Maschinen für die nahrungsmittelverarbeitende Industrie zu den Weltmarktführern, und ein Wechsel des Vorstandschefs findet nun mal nicht alle paar Monate statt. Zumal nicht bei Gea: Der Schweizer Jürg Oleas stand rund 14 Jahre an der Spitze. Folglich verschickte Gea eine Pressemitteilung, um die Öffentlichkeit über diesen Wechsel zu informieren. Über die Wechsel, die danach folgten, jedoch größtenteils nicht. Dabei gab es einige – allerdings meist eine Ebene unterhalb des Vorstands.

Laut dem Wirtschaftsinformationsanbieter Databyte, der unter anderem auf Daten des Handelsregisters zugreift, verzeichnete die Gea Group mitsamt ihrer 15 Tochtergesellschaften zwischen Januar 2022 und Oktober 2023 bemerkenswerte 13 Austritte von Führungskräften, demgegenüber standen zehn neu dazugekommene Geschäftsführer. Dazu zählen Inhaber, Vorstandsmitglieder und Bereichs-Geschäftsführer. Damit ist Gea in guter Gesellschaft. Laut Databyte wechseln Maschinen- und Anlagenbauer unter Deutschlands Weltmarktführern im genannten Zeitraum am häufigsten von allen Branchen ihr Spitzenpersonal aus (siehe Grafik). Das mag zunächst nicht überraschen, weil Maschinenbauer mit 115 Vertretern die größte Gruppe unter den rund 450 deutschen Weltmarktführern stellen.

Interessant ist jedoch der Vergleich mit dem bundesdeutschen Durchschnitt. Laut dem VDMA und dem Ifo-Institut gibt es rund 6.600 Maschinenbauer im Land. Laut Databyte-Zahlen hat davon rechnerisch die Hälfte im Jahr 2022 eine Führungskraft verloren, 59 Prozent haben eine eingestellt. Unter den Maschinenbau-Weltmarktführern liegen beide Quoten deutlich darüber: 94 Prozent verzeichneten rechnerisch einen Abgang, und stolze 110 Prozent stellten frische Kräfte ein, also jeder mehr als eine Person. Ist das nun ein Zeichen von besonderer Qualität, von Lust auf Erneuerung? Oder stimmt das Gegenteil, und wenige Wechsel bedeuten Beständigkeit und Kontinuität?

„Ein Zeichen von Vitalität“

„In der Branche sind häufige Wechsel erst mal kein Zeichen von Schwäche“, sagt Bianca Illner, Leiterin der Abteilung Business Advisory beim Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer VDMA. Sie beobachte häufig Querverschiebungen zwischen Maschinen- und Anlagenbauern, „weil das in der Regel die Einarbeitungszeiten reduziert. Vergleichsweise viele Wechsel in Führungsetagen deute ich hier eher als Zeichen von Vitalität.“ Zudem stellt sie eine erfreuliche Besonderheit ihrer Branche heraus: „In letzter Zeit erklären mehr und mehr Maschinenbauer, weiblicher werden zu wollen in ihren Führungsetagen. Häufig passiert das in Form einer weiblichen CFO. Das ist schon auffällig.“

Bei Gea hat man mehrere Erklärungsversuche: Es sei wohl normal, dass ein neuer CEO nach Beginn seiner Einarbeitungsphase nach und nach seine Führungsmannschaft nach seinen Wünschen umbaue. Zudem empfindet man bei Gea die 13 Austritte und 10 Eintritte in den vergangenen 20 Monaten nicht als außergewöhnlich viel. Überdies sei der Chefwechsel in eine große Umbruchphase gefallen, die unter anderem die komplette Umstellung der Konzernstruktur zur Folge hatte.

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Ein genauerer Blick auf die Wechsel hilft mitunter, Unternehmen und ihre Strukturen besser zu verstehen. So bei Gea: Neu dazugekommen ist etwa Jochen Hasse, Geschäftsführer der Sachtleben Bergbau Verwaltungsgesellschaft. Die Firma wurde 1970 von der Metallgesellschaft AG übernommen, dem Vorläufer der heutigen GEA. Zudem stieß Angela Rappl zu Gea, die bis Ende 2022 Steuer-Chefin des Autozulieferers Leoni war. Ausgeschieden sind unter anderem: Klaus Nuyken, langjähriger Leiter für Steuern, Zoll und Außenhandel bei Gea, und Rainer Lowack, zuletzt Portfolio-Manager Taxonomie, sowie zuletzt der Leiter der Rechtsabteilung Oliver Jung. Im August 2023 verstarb der Gea-Finanzchef Marcus Ketter; im Oktober 2023 übernahm Bernd Brinker interimsmäßig seine Rolle des Finanzchefs. Ende August legte Jörg Kampmeyer sein Amt als Gea-Aufsichtsratsmitglied nieder.

Karrieren jenseits von Ad-hoc-Meldungen

Doch die großen, börsennotierten Maschinenbauer sind die Ausnahme. Die Branche ist mittelständisch geprägt: von kleinen, oft familiengeführten Unternehmen. „Gerade bei kleineren Unternehmen steht seit ein paar Jahren der Generationenwechsel an“, sagt Bianca Illner vom VDMA. „Da laufen nun immer mehr Unternehmen in die Phase des Wechsels rein, wenn die Nachkriegs-Generation nach und nach abtritt.“ So geben die dokumentierten Wechsel Einblicke in den Management-Maschinenraum deutscher Mittelständler, in Karriere-Entscheidungen und den Alltag von Headhuntern, jenseits von Ad-hoc-Meldungen und Titelstorys.

So blickt etwa die Leistritz AG aus Nürnberg auf turbulente Monate zurück: Der Weltmarktführer für Triebwerks- und Turbinenkomponenten sowie Schraubenspindelpumpen verzeichnete fünf Eintritte und acht Austritte von Führungskräften seit Januar 2022. Umso bemerkenswerter angesichts der Dimensionen von Leistritz: 1.600 Mitarbeiter, 235 Millionen Euro. Unter anderem verließ Marketing-Chef Oliver Sax nach nur drei Monaten den Mittelständler wieder, und auch der Technik- und Digital-Chef Ulrich Schwenken verabschiedete sich nach viereinhalb Jahren von Leistritz und ist seit Sommer 2022 neuer Vorstandschef der Trützschler Group in Mönchengladbach – ebenfalls ein Weltmarktführer (für Spinnereivorbereitungs-Maschinen für Baumwolle und Chemiefasern). Und auch in der Leistritz Produktionstechnik, einer von sechs Tochterunternehmen, gibt es frisches Personal: Der bisherige Geschäftsführer Klaus Theusner wurde Ende Juni 2023 in den Ruhestand verabschiedet, seitdem führt die Doppelsitze aus Stefan Kühnle und Johannes Bürner.

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Werkzeugmaschinen-Weltmarktführer DMG Mori aus Bielefeld – 6.800 Mitarbeiter, 2,4 Milliarden Euro Umsatz – hieß zwölf neue Kräfte willkommen und und verabschiedete sechs Geschäftsführer. Am auffälligsten war sicherlich der Wechsel des Vorstandschefs: Ende Mai vermeldete das Unternehmen, Christian Thönes verlässt die Spitzenposition, Alfred Geißler übernimmt. Und auch bei der Robert Bürkle GmbH aus Freudenstadt, Weltmarktführer für Pressen- und Beschichtungsanlagen für die Möbel- Holz- und Bauindustrie (540 Mitarbeiter) herrscht Fluktuation: Finanzchef Frank Gollwitzer hielt es nur 13 Monate auf seinem Posten, im Juni 2023 wechselte er nach Kanada, als Finanzchef Nordamerika für PIA Automation. Der langjährige Vertriebs- und Technikchef Olaf Rohrbeck verabschiedete sich ebenfalls Ende Juli 2023. Neu hinzu kamen Manager für die Geschäftsbereich Photovoltaik und technisches Glas sowie Oberfläche. Hinter den Personalwechseln steckt eine Umstrukturierung der Geschäftsbereiche. Die Möbelbranche ist hart umkämpft. Mit zuletzt 104 Millionen Euro setzt Bürkle deutlich weniger um als vor Corona (2019: 121 Millionen Euro).

Wechsel sind oft Spiegelbild der Konjunktur

Oft seien Personalwechsel Spiegelbild der Konjunktur, meint VDMA-Expertin Bianca Illner: „Wir hatten rund zehn Jahre lang gute Zeiten in der Maschinenbau-Konjunktur. Aber mittlerweile bemerken manche Branchen im Maschinenbau starke Konjunktur-Einbrüche.“ Da kann es leicht passieren, dass Führungskräfte entweder nahegelegt wird, die Firma zu verlassen; oder dass sie von sich aus die Branche wechseln in der Hoffnung auf bessere Konjunktur-Aussichten.

Die besonders wechselwilligen Weltmarktführer scheinen jedoch mehr ein Maschinenbau-Phänomen zu sein. Zum Vergleich: Auch die 49 Weltmarktführer unter den Herstellern von chemischen und pharmazeutischen Erzeugnissen zählen laut Databyte zu den wechselfreudigen Branchen. Nimmt man das Jahr 2022, haben rechnerisch 104 Prozent dieser Chemie-Weltmarktführer neue Führungskräfte eingestellt. Das klingt nach einem hohen Wert. Aber weitet man den Blick auf alle rund 2100 deutschen Unternehmen der Chemie- und Pharmabranche, so liegt die Quote der Neueinstellungen gar bei 114 Prozent. Auch die Quoten der Entscheider-Austritte ähneln sich.

Doch weder Maschinenbauer noch Elektronikhersteller, noch Chemie- und Pharmaunternehmen reichen mit ihren Personalfluktuationen auch nur annähernd heran an den Spitzenreiter: Unternehmensberatungen. Die Firmen jener Branche verzeichneten allein im vergangenen Jahr mehr als 87.000 frische Geschäftsführer, Inhaber und Vorstandsmitglieder, bei rund 47.000 Abgängen. Laut Statistischem Bundesamt gab es 2021 in Deutschland rund 26.000 Beraterfirmen – und keine davon ist ein Weltmarktführer.


Lesen Sie auch: Alles über die 450 deutschen Weltmarktführer im WirtschaftsWoche-Sonderheft lesen Sie hier.

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