Kritik an AfD-Oberbürgermeister: „Das ist mehr als grober Managementunfug“
Tim Lochner hat den ersten OB-Sessel für den gerade auch offiziell als rechtsextrem eingestuften sächsischen AfD-Landesverband erobert.
Foto: Getty ImagesDer AfD-Kandidat Tim Lochner hat die Oberbürgermeisterwahl in der sächsischen Stadt Pirna gewonnen. Er kündigte an, er werde versuchen, die Mitarbeiter im Rathaus „möglichst einzeln kennenzulernen – und auf Loyalität prüfen“. Tobias Bergmann (SPD), Oberbürgermeister von Neumünster, postete daraufhin in verschiedenen sozialen Netzwerken: „Alle Mitarbeiter*innen im Rathaus von Pirna, die diese Loyalitätsprüfung nicht bestehen, sind bei der Stadt Neumünster willkommen.“ Bergmann ist gebürtiger Münchener, hat aber auch eine Beziehung zu Pirna. In den 1990ern studierte er in Dresden, seine WG war zehn Kilometer von Pirna entfernt.
WirtschaftsWoche: Herr Bergmann, was hat Sie zu diesem Post bewogen?
Tobias Bergmann: Als ich vor zwei Jahren Oberbürgermeister geworden bin, habe ich alle Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz besucht. Also genau das, was der künftige Kollege angekündigt hat. Diese Besuche waren für mich sehr wertvoll. Ich habe verstanden, wie vielfältig eine Kommunalverwaltung mit 1500 Mitarbeitern ist. Und die Kolleginnen und Kollegen konnten auch einen ersten Eindruck von mir gewinnen.
Klingt doch sinnvoll.
Klar ist ein solcher Besuch sinnvoll, aber dabei die Loyalität überprüfen? Was soll denn das? Das klingt nach Gewissenspolizei. Wer bei seinem Antrittsbesuch die Loyalität der Mitarbeiter überprüft, hat ein völlig falsches Amtsverständnis als Oberbürgermeister.
Tobias Bergmann
Foto: PRWelchen Effekt hat die Aussage Lochners wohl auf die Belegschaft?
Die warten jetzt, dass er durch die Flure marschiert. Das kann sehr belastend sein für jemanden, der couragiert gegen Rechtsextreme ist und jetzt die Ankündigung kriegt, sein Gewissen wird überprüft. Das ist mehr als grober Managementunfug.
Sie werfen ihm vor, es gehe ihm um Loyalität zu ihm und seiner politischen Ausrichtung, der AfD?
In welchem Kontext soll man das sonst verstehen? Es kommt darauf an, dass die Menschen ordentlich für ihre Stadt arbeiten. Auf Loyalität zur Institution, nicht zur Person. Lochner ist verantwortlich für eine Organisation mit 250 Mitarbeitern. Diese Verantwortung muss er wahrnehmen, aber das macht er mit dieser Aussage kaputt.
Das war aber sicherlich nicht der einzige Grund für Ihren Post.
Nein, wir kämpfen auch um Fachkräfte. Und wenn ein kommunaler Mitbewerber so rücksichtslos mit seinem Personal umgeht, dann geben wir deutlich das Zeichen: Bei uns seid ihr willkommen.
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Ist der Fachkräftemangel bei Ihnen so groß, dass Sie den Sachsen Leute abjagen müssen?
Wir haben großen Bedarf. Wir haben 1500 Mitarbeiter und ungefähr zehn Prozent offene Stellen. Pirna hat etwa 250 Stellen in der öffentlichen Verwaltung. Wir würden alle unterkriegen.
Sind schon Bewerbungen eingegangen?
Nein, ich glaube auch nicht, dass nun Massen an Bewerbungen aus Pirna kommen. Aber mir geht es dabei um etwas anderes: Jeder Mitarbeiter des Stadtverwaltung Pirna soll wissen: Ihr seid nicht von einem Oberbürgermeister abhängig – ihr findet auch woanders einen Job.
Sollten Politiker, aber auch Unternehmen mehr Haltung gegen Rechts zeigen?
Ja, auf jeden Fall. Und dabei geht es weniger gegen einzelne Parteien und Personen, sondern gegen deren Menschenbild und deren Werte. Die Demokratie müssen alle Demokraten verteidigen. Alle Unternehmer, die nichts mit Politik am Hut haben wollen, müssen wissen: Diese Rechten zerstören die Basis unseres Wohlstandes.
Wieviel Prozent hat die AfD bei Ihnen in Neumünster?
Knapp fünf Prozent. Aber wir haben noch eine rechtsextreme Partei, die NPD, die sich den Decknamen Heimat Neumünster gibt, mit sechs Prozent.
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