Riedls Dax-Radar: Das ist der Fahrplan für den Bullenmarkt 2024
Die Jahresprognosen von Larry Williams gehören in Amerika zu den besten, wenn es um die weitere Einschätzung der Anlagemärkte geht. Bemerkenswert sind die Ergebnisse von Börsenlegende Williams (Jahrgang 1942) aus mehreren Gründen:
- Erstens hebt sich Williams schon seit Jahren von den Schwarzmalern ab, die auch in Amerika zunehmend die mediale Dominanz der Börsendeutung erobern.
- Zweitens sagt er nicht nur, ob er die Kurse steigen oder fallen sieht oder spricht in verschiedenen Szenarien, sondern stellt einen genauen Fahrplan vor – bis in den einzelnen Wochenverlauf hinein, den er für das neue Jahr für wahrscheinlich hält.
- Drittens zählt Williams spätestens seit Gewinn der Futures-Weltmeisterschaft 1987 (Robbins World Cup Championship), bei der er aus 10.000 Dollar realem Einsatz 1,14 Millionen machte (plus 11.376 Prozent, der größte Gewinn, der hier jemals erzielt wurde), in der Branche zu den Market Wizards.
Auch 2023 lag Williams goldrichtig. Im Dezember 2022 hatte er für 2023 folgende Road Map veröffentlicht: von Januar bis Mitte März zunächst schwankende Märkte, danach ein Tiefpunkt. Von Mitte März bis Mitte Juni dann eine Erholung sowie noch einmal ein neuer Tiefpunkt. Von Juni bis August ein Anstieg, danach bis Oktober eine scharfe Korrektur – der sich dann schließlich von November an eine dynamische Jahresendrally anschließt. In dieser Hausse ist Williams selbst mit vollem Depot dabei.
Angesichts dieser Performance ist es nicht verwunderlich, dass es zu Williams Herzensangelegenheiten gehört, vor den Dauerpessimisten zu warnen. Mehr noch: Gerade das derzeit vorherrschende negative Börsennarrativ, der Fetisch des permanenten Crashs, habe in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass sich immer weniger Anleger an den Markt gewagt hätten – und ihnen dadurch enorme Chancen durch die Finger gegangen seien. Für prominente Pessimisten hat Williams nicht viel übrig: „Als ich Jim Rogers vor 30 Jahren zum ersten Mal traf, war er bearish. Heute ist er das immer noch – unglaublich.“
Optimistischer Guru: Börsenlegende Larry Williams.
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Börsenmuster seit 1850 und Veränderungsrate der Industrieproduktion
Für seine durchaus komplexen Prognosemodelle setzt Williams vor allem auf zwei Datenreihen: Zunächst auf die historischen Jahresverläufe der amerikanischen Börsen, zurückverfolgt bis ins Jahr 1850. Hier versucht er, jeweils einen charakteristischen Verlauf zu ermitteln, der möglichst optimal zu den wirtschaftlich und politisch wichtigen Ereignissen dieses Jahres passt: Für 2024 filtert er ein Ergebnis heraus, das sich aus den typischen Verläufen der Präsidentschaftswahljahre von 1956 bis 2020 ergibt.
Genauso wichtig wie die aus den Märkten destillierten Verlaufsmuster sind ihm die Zyklen der industriellen Produktion. Hier kommt es ihm nicht auf den jeweils aktuell möglichst exakten Verlauf an, sondern es geht ihm um mittel- bis langfristige Regelmäßigkeiten, die hinter den Veränderungsraten der Industrieproduktion stehen. Diese Zyklen werden auf ein wiederkehrendes Muster reduziert und lassen sich damit in die Zukunft prolongieren.
Die letzten Tiefpunkte in den Veränderungsraten der Industrieproduktion entstanden in diesem Indikator 2015, 2019 und zuletzt Ende 2022 bis Anfang 2023. Hochpunkte gab es Anfang 2014, Ende 2017 und Mitte 2021.
Entscheidend ist nun die Verschiebung auf der Zeitachse nach vorne: Schon seit dem jüngsten Tiefpunkt Anfang 2023 zieht die Dynamik der Industrieproduktion seitdem wieder an. Für Williams ist dies die fundamentale Basis für die laufende Hausse.
Das nächste Top wird dieser Indikator Anfang 2025 erreichen. Damit befinden sich die Börsen bis dahin, so Larry Williams, über das gesamte Jahr 2024 in einem Bullenmarkt.
Dass seit einigen Monaten im Zuge der starken Haussephase die Zinsen deutlich gesunken sind und zuletzt auch noch die amerikanische Notenbank einen erstaunlichen Dreh zu einer expansiven Politik vornahm, passt Williams durchaus ins Konzept. Er gehört aber nicht zu denjenigen, die auf Hakenschläge der Notenbanken besonderen Wert legen. „The Market is on a Path of Destiny“, so seine lakonische Antwort.
Für 2024 rechnet Williams mit sechs Phasen an den Börsen:
- Erste Phase: Weiterer Momentumanstieg bis in die zweite Februarhälfte hinein. Die Börsen dürften hier weiter von der zuletzt aufgebauten Hoffnung auf Zinsentspannung profitieren. Womöglich kommt es bei Hype-Aktien wie den KI-Werten zu einer Blasenbildung. „Wir würden in so eine Stärke hinein diese Werte dann eher verkaufen,“ so Williams.
- Zweite Phase: Deutliche Korrektur von März bis Anfang April. Überbordender Optimismus macht eine Abkühlung notwendig. Die Zahlensaison könnte ebenfalls dazu beitragen, zu große Erwartungen an die Unternehmen zu dämpfen. An den Börsen kommen vermehrt Zweifel am positiven Jahresstart auf. Ende März bis Anfang April könnte der Markt den Tiefpunkt des Jahres erreichen.
- Dritte Phase: Zäher Schiebemarkt von April bis Juli, insgesamt aber aufwärts gerichtet. In dieser Phase könnten sich einerseits noch Bremseffekte bisher hoher Zinsen auswirken, bevor dann schrittweise die Erleichterungen über das neue Geldumfeld greifen.
- Vierte Phase: Starker Anstieg im August: In dieser Phase sollte es offensichtlich werden, dass die Wirtschaft robust bleibt, die Inflation besiegt ist und die Märkte in einer dynamischen Aufwärtsverfassung sind.
- Fünfte Phase: September bis November: Unsicherheit im Vorfeld der amerikanischen Präsidentenwahl. Mit größeren Ausschlägen rechnet Williams hier nicht.
- Sechste Phase: Nach der Wahlentscheidung und möglichen kurzfristigen Irritationen setzt sich im November dann wieder der grundlegende Bullenmarkt durch und führt wiederum zu einer Jahresendrally.
Im Gegensatz zur aktuell laufenden Jahresendrally 2023 stuft Williams die Lage Ende 2024 aber als brisanter ein. Denn zunehmend dürfte sich dann bemerkbar machen, dass die Veränderungsrate der industriellen Dynamik in dieser Zeit ihren Peak erreichen und danach abkippen dürfte. Der Rückgang der Industriedynamik setzt sich nach Williams dann bis zum nächsten Tief Mitte 2026 fort. Der aktuelle Bullenmarkt 2024 könnte damit auf absehbare Zeit die letzte, durchgehende Haussephase an den Börsen werden, bevor die weltweiten Aktienmärkte 2025 und 2026 wieder in schwieriges Fahrwasser geraten.
Fazit für den Dax: Ob die Börsenprognose von Larry Williams 2024 so gut aufgeht wie die für 2023, ist natürlich nicht sicher; sein track record jedoch ist beeindruckend. Zudem sind seine Ergebnisse, die im Internet vor allem unter StockCharts TV veröffentlicht werden, eine wahre Fundgrube für zyklisch und technisch orientierte Börsianer.
Auch dem Dax könnte nach einer momentumgetriebenen Welle in den ersten Wochen 2024 eine Ernüchterung drohen. Bleibt es beim Bullenmarkt, ergäbe eine mögliche größere Frühjahrskorrektur dann gute Kaufgelegenheiten. Gehen im weiteren Jahresverlauf die Inflationstendenzen zurück und entsteht damit ein neuer Mix aus Wachstum, Zinsentspannung und anziehenden Unternehmensgewinnen, könnte dies zur Jahresmitte zu einer Beschleunigung an den Börsen führen. Die Irritation im Vorfeld der US-Wahl sollte sich in Grenzen halten. Die gefallene Wahlentscheidung, wie immer sie auch ausfällt, könnte danach noch einmal einen Hochlauf möglich machen.
Obwohl Larry Williams von den Futures- und Terminmärkten kommt, hat er vieles mit Aktienlegende Warren Buffett gemeinsam: Beide sind überzeugt von der inneren, mächtigen Kraft der Märkte, die sich wenig von scheinbar wichtigen Aktualitäten beeinträchtigen lassen. Womöglich hängt das auch damit zusammen, dass Buffett in seinem Heimatstaat Nebraska eine tiefe und sichere Erdung hat – genau wie Larry Williams, der aus dem nicht minder weitläufigen und einsamen Bundesstaat Montana stammt, weit weg von den hektischen Zentren in Kalifornien, der Ostküste und den großen Seen.
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