Oxfam: IW: Steigende Vermögensungleichheit? Nicht in Deutschland
Auf einem Schild steht "Tax the rich". Die Demonstranten kritisieren dabei das World Economic Forum (WEF) in seiner Rolle und werfen den teilnehmenden Konzernen vor, dass diese aktuelle Krisen anfeuern und davon profitieren. Die Krisen und Kriege der vergangenen Jahre haben die Schere zwischen Arm und Reich auf der Welt noch weiter auseinandergetrieben.
Foto: dpaDie Krisen und Kriege der vergangenen Jahre haben die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland weiter auseinandergetrieben. Das will zumindest die Entwicklungsorganisation Oxfam in ihrer am Montag veröffentlichten Studie zeigen.
Auch in Deutschland sei das Gesamtvermögen der fünf reichsten Bürger seit 2020 inflationsbereinigt um fast drei Viertel (73,85 Prozent) gewachsen, von rund 89 auf etwa 155 Milliarden US-Dollar.
Doch die Zahlen zur Entwicklung der Vermögensungleichheit in Deutschland zeichnen ein anderes Bild, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) meldet: Nach Zahlen der Deutschen Bundesbank hat sich die Vermögensungleichheit zwischen 2017 und 2021 sogar leicht reduziert. Insgesamt sind die Vermögen nicht nur in der Breite, sondern insbesondere auch in Haushalten mit geringem Vermögen überdurchschnittlich stark gewachsen.
„Es ist wichtig zu verstehen, dass Oxfam nicht mit selbst erhobenen Daten arbeitet, sondern zum Beispiel bei den Zahlen zur Entwicklung der absoluten Armut in der Welt auf Daten der Weltbank blickt“, erklärt Maximilian Stockhausen, Senior Economist für Soziale Sicherung und Verteilung beim IW. „Bei der Vermögensverteilung der vermeintlich reichsten Männer zitiert Oxfam aus der Forbes-Liste, bei welcher unklar ist, wie die zustande kommt, das ist im weitesten Sinne eine Blackbox,“
Für die Ungleichheit im Nettovermögen bezieht sich Oxfam sowohl global als auch auf Deutschland bezogen auf Daten aus dem Credit Suisse Global Wealth Report, der Zahlen des Sozio-ökonomischen Panels aus dem Jahr 2017 bis 2022 fortschreibt. Diese Zahlen zeigen aber, dass die Vermögensungleichheit in Deutschland in den vergangenen Jahren eine leicht rückläufige Entwicklung genommen hat. „Der Wert für Deutschland schwankt seit Jahren, ein klarer Trend ist nicht zu erkennen“, sagt Stockhausen. Würde man nur die Zahlen von 2019, also vor der Pandemie, mit den aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2022 vergleichen, könne sogar ein klarer Abwärtstrend in den Zahlen erkannt werden. So sank der sogenannte Gini-Koeffizient, mit welchem die Ungleichheit gemessen wird, von 81,6 Punkten im Jahr 2019 auf 76,9 Punkte im Jahr 2022. Der Gini-Koeffizient liegt in aller Regel zwischen 0, was bedeuten würde, dass alle das gleiche besitzen, und 1, was für die Formel einer besitzt alles steht.
Wie der Sozialstaat die Ergebnisse verzerrt
Auch die Vermögensanteile sind laut Stockhausen zuletzt stabil geblieben. „Natürlich hat die Corona-Pandemie dazu geführt, dass es etwas ungleicher geworden ist, der Effekt hat sich jedoch mittlerweile wieder ausgeglichen“. Grundsätzlich sei die Messung von Nettovermögen laut IW schwierig, die Vergleichbarkeit von Ländern eingeschränkt. So haben Schweden und Norwegen einen vergleichbaren Gini-Koeffizienten wie Deutschland. „Ist ein großer Sozialstaat vorhanden, in welcher staatliche Vorsorge gegen Notsituationen und Risiken im Alter die private ersetzt, äußert sich das in den Ungleichheitsstatistiken zu den Nettovermögen“. Das soziale Netz ist in Deutschland umfangreicher als in vielen anderen Ländern. Berücksichtige man auch die gesetzlichen Rentenansprüche, reduziere sich die Vermögensungleichheit um mehr als ein Fünftel. Auch der Umstand, dass Vermögen insbesondere mit steigendem Alter höher ausfallen, hebe statistisch die Vermögensungleichheit.
Doch kann die Rentenversicherung als Privatvermögen betrachtet werden, wie das IW es tut? „Mein Arbeitseinkommen ist durch Sozialabgaben für die Rentenversicherung belastet, damit habe ich es zwar am Monatsende nicht zur Verfügung, spare es aber in Form von Ansprüchen gegenüber der gesetzlichen Rentenversicherung“, so Stockhausen.
Oxfam habe eine wichtige Funktion und es sei wichtig, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, sagt Stockhausen abschließend, „allerdings kann man Oxfam den Vorwurf machen, an der Stelle durch Übertreibung die Realität nicht klar abzubilden“.
Die Forderung nach einer Vermögenssteuer, so wie sie Oxfam Deutschland fordert, betrachtet das IW für kontraproduktiv: „Wir waren im letzten Jahr in einer Rezession, eine Vermögenssteuer wäre in vielen Fällen auch eine Unternehmenssteuer.“ Die Bedingungen für einen korrigierenden Eingriff der staatlichen Hand seien nicht gegeben.
Lesen Sie auch: So viele Superreiche gibt es weltweit