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GeldpolitikHalte die Zinszügel straff, liebe EZB!

Die Europäischen Zentralbank hat die Leitzinsen unverändert gelassen. Doch die Märkte spekulieren weiter auf baldige Zinssenkungen. Die EZB darf sich davon nicht beirren lassen. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Malte Fischer 25.01.2024 - 18:11 Uhr

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Währungshüter geben am Donnerstag bekannt, dass sie den Leitzins bei 4,5 Prozent belassen.

Foto: REUTERS

Es gab Zeiten, da wagten es die Zentralbanken, die Märkte zu überraschen. Dass diese dann verschnupft reagierten, war den Notenbankern egal. Heute ist das kaum mehr vorstellbar. Zu mächtig die Finanzmärkte, zu hoch die Schulden allerorts, zu fragil die internationale Finanzarchitektur, als dass die Notenbanker es riskierten, das Finanzsystem mit Überraschungen in Turbulenzen zu stürzen. 

Und so lieferten die Notenbanker der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag exakt das, was die Märkte erwartet hatten: Sie ließen die Leitzinsen unverändert. Allerdings heißt das nicht, dass das Treffen bedeutungslos für die Märkte gewesen wäre. Denn diese suchen derzeit händeringend nach Orientierung, was die künftige Zinsentwicklung betrifft.  

In den vergangenen Wochen waren die Spekulationen, die EZB könnte die Leitzinsen schon bald senken, ins Kraut geschossen. Gefüttert wurden sie durch den Abwärtstrend der Inflation und die trüben Wirtschaftsdaten in der Eurozone. Doch nach dem Treffen des EZB-Rats machte EZB-Chefin Christine Lagarde deutlich, dass schnelle Zinssenkungen nicht auf dem Zettel der Notenbank stehen. Der Rat sei sich einig gewesen, dass es „voreilig“ sei, über Zinssenkungen zu diskutieren, sagte Lagarde. 

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Damit hat sie recht. Zwar ist die Inflation seit dem Höhepunkt von 10,6 Prozent im Oktober 2022 auf 2,9 Prozent im Dezember vergangenen Jahres gesunken. Auch die Kernrate hat sich auf 3,4 Prozent abgeschwächt. Doch beide Werte liegen weiterhin deutlich über dem Zielwert der EZB von 2,0 Prozent.

Die aktuell größten Inflationsgefahren drohen von Seiten der Geopolitik und der Lohnentwicklung. Beide Faktoren sprach Lagarde in der Pressekonferenz nach dem Treffen des EZB-Rats an. Die Störung der internationalen Lieferketten durch die Angriffe der Huthi-Milizen auf Containerschiffe im Roten Meer könne sich zu einem Risiko für die Preisstabilität auswachsen, warnte Lagarde.

Noch größere Sorgen bereitet der EZB-Chefin die Lohnentwicklung in der Eurozone. Der Tariflohnindikator der EZB zeigt, dass die Löhne in der Eurozone im Schnitt zuletzt um 4,7 Prozent über dem Vorjahr lagen. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Währungsunion und angesichts der schwachen Produktivitätsentwicklung mehr als mit der Zielmarke für die Inflation von 2,0 Prozent vereinbar ist.

Bisher hätten die Unternehmen den Kostendruck durch eine Kompression ihrer Gewinnspannen aufgefangen, sagte Lagarde. Zudem sei am aktuellen Rand eine Beruhigung des Lohnwachstums festzustellen. Eine Lohn-Preis-Spirale sei daher nicht in Sicht. 

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Doch Vorsicht! Ob es den Unternehmen gelingt, die steigenden Lohnkosten in den Preisen an die Verbraucher weiterzugeben, hängt von der Entwicklung der Nachfrage ab. Senkt die EZB die Leitzinsen zu früh und kurbelt damit die Nachfrage an, gibt sie grünes Licht für höhere Preise. Die gefürchtete Preis-Lohn-Preis-Spirale ist dann kaum mehr zu verhindern. Die EZB hätte den Kampf gegen die Inflation verloren – und ihre Reputation obendrein.

Die Notenbanker sollten deshalb abwarten, wie sich Konjunktur, Löhne und Preise in den kommenden Monaten entwickeln, bevor sie über Zinssenkungen nachdenken. Es nicht Aufgabe der Notenbank, die Konjunktur zu stabilisieren, Jobs zu schaffen oder die Finanzierungskosten für die Regierungen niedrig zu halten. Es ist ihre Aufgabe, die Preise stabil zu halten. Diese Aufgabe hat sie in den vergangenen Jahren nicht erfüllt.

Daher haben die Notenbanker etwas gut zu machen. Sie sollten die Zinszügel vorerst weiter straff in den Händen halten. Das erfordert in konjunkturell schwierigen Zeiten wie diesen Mut – vor allem, wenn der Druck von Seiten der Märkte und der schuldenbeladenen Regierungen wächst. Doch ohne Mut gibt es keine stabilen Preise – und ohne stabile Preise keinen Wohlstand.

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