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Gas- und StrompreiseIst die Energiekrise wirklich vorbei?

Der Krieg in der Ukraine tobt bereits seit zwei Jahren. Augenscheinlich hat der hierdurch ausgelöste Preisschock an den Energiemärkten nachgelassen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.Sebastian Schug 09.03.2024 - 13:56 Uhr aktualisiert
Foto: imago images

Die Energiepreise sind zwei Jahre nach dem Schock des russischen Großangriffs auf die Ukraine inzwischen wieder gefallen. Aber ist nun wirklich alles wieder so wie vor der Energiekrise? Die Wahrheit steckt im Detail.

Wer sich nicht im Dschungel aus Preisen, Steuern und Abgaben verirren will, sollte dort ansetzen, wo die Preise am ehesten überprüft werden können: beim Verbraucher. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bietet hier einen guten Überblick für Strom und Gas.

Die Daten sprechen für sich. Im Jahr 2022 war es mit der eher moderaten Preisentwicklung vorbei, die Kosten für Beschaffung und Vertrieb explodierten.

Ursache war – so lässt sich rückblickend sagen – nie ein tatsächlicher Mangel an Energie, sondern die Angst davor.

Die Abnehmer deckten sich mit allen Mitteln am Markt ein, um für einen tatsächlichen Mangel gewappnet zu sein. Zu fast jedem Preis.

Wettbewerbsfähigkeit der Industrie

Abseits der Debatte um die Stromkosten der privaten Haushalte beklagt die Industrie seit langem die aus ihrer Sicht im internationalen Vergleich zu hohen Stromkosten. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) setzt sich daher für einen sogenannten Industrie- oder Brückenstrompreis ein, der die Kosten bis 2030 deckeln soll. Der Dachverband hat dabei explizit die energieintensiven Industrien wie Beton, Papier, Chemie und Stahl im Blick. Diese, so die Argumentation, stünden am Anfang vieler Wertschöpfungsketten und seien daher für die gesamte Industrie von großer Bedeutung.

Durch politische Entscheidungen – wie etwa die Senkung der Stromsteuer – liegt die Gesamtbelastung der Unternehmen der Statistik nach inzwischen wieder auf Vorkrisenniveau. Das reiche aber nicht aus, mahnt Jörg Rothermel, Geschäftsführer des Verbandes „Die Energieintensiven Industrien“: „Die Energiepreise liegen für energieintensive Unternehmen noch immer deutlich über dem Niveau vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine und vor allem deutlich höher als in wichtigen Wettbewerbsmärkten wie den USA.“ Es gebe nach wie vor große Probleme im internationalen Wettbewerb.

Warum die Preise wirklich sinken

Jenseits dieser Diskussion scheint sich die Lage zumindest für die privaten Haushalte wieder weitgehend normalisiert zu haben. Aber ist die Krise wirklich vorbei?

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, warum die Endpreise tatsächlich gesunken sind: Der Wasserkopf aus Abgaben und Umlagen ist kleiner geworden, aber der Markt hat sich noch nicht beruhigt. Die Steuern, die prozentual mit den Beschaffungs- und Vertriebskosten steigen, vervielfachen diesen Effekt nominal noch.

Aus Sicht von Mathias Mier, Energieexperte des Ifo-Instituts, hätte der Staat diese Senkung beim Haushaltsstrom gar nicht unbedingt vornehmen müssen. „Strom ist, dafür was er kann, immer noch sehr billig“, sagt er und zieht einen Vergleich. Während die Stromkosten für den Fernseher bei rund 30 Euro im Jahr lägen, koste ein Netflix-Abo mittlerweile über 100 Euro. Wegen höherer Stromkosten würde also niemand auf den Fernseher verzichten. Theoretisch könnte der Staat also noch höhere Steuern und Abgaben verlangen: „Damit gewinnt man allerdings keine Wahlen und das ist wiederum die Wurzel dieser Preisdiskussion“, kommentiert Mier.

Großhandelspreise bleiben hoch

Das Bundeswirtschaftsministerium BMWK verweist auf Anfrage auf den Jahreswirtschaftsbericht 2024, in dem es heißt: „Die Lage auf den Energiemärkten hat sich in Deutschland seit Herbst 2022 deutlich entspannt. Die Energiekosten sind sowohl in Bezug auf Strom als auch in Bezug auf Gas wieder auf ein deutlich geringeres Niveau zurückgefallen als zu Spitzenzeiten“.

Allerdings lägen die Großhandelspreise immer noch über dem langjährigen Niveau, und die an den Börsen auf Basis sogenannter Futures gehandelten Zukunftspreise würden zudem zeigen, dass dies auch in den nächsten zwei Jahren so bleiben könnte.

Wie viel Politik und wie viel Markt in den Strom- und Gaspreisen steckt, zeigt sich beim Blick hinter den Wust an Abkürzungen und Fachbegriffen.

Die Netzentgelte – die Nutzungsgebühr für die Energienetze – vergleicht die Bundesnetzagentur mit der Briefmarke beim Postversand. Während die Kosten für die großen Strom- und Gasautobahnen – die Übertragungsnetze – bundesweit einheitlich sind, variieren sie in den Verteilnetzen – den regionalen Anschlussnetzen zu Erzeugern und Verbrauchern – je nach Region oder Netzbetreiber. Der Ausbau der erneuerbaren Energien treibt diese Kosten im Stromnetz vorübergehend in die Höhe, soll aber langfristig zu sinkenden Erzeugungskosten führen.

Bis auf Weiteres ist jedoch keine Entlastung in Sicht. Im Gasnetz treibt laut Netzagentur nicht nur der Umstieg von Erdgas auf klimaneutrale Alternativen wie Wasserstoff die Kosten, sondern auch der verstärkte Einsatz von Flüssigerdgas LNG, auf das im Zuge der Energiekrise aus Gründen der Versorgungssicherheit zurückgegriffen wurde.

Die Netzentgelte unterscheiden sich aber nicht nur regional, sondern auch nach Kundengruppen: Der Staat erlässt einigen Energieverbrauchern – in der Regel Unternehmen – einen Teil der Kosten, der Rest zahlt dies über die § 19 StromNEV-Umlage. Es handelt sich also um eine Wirtschaftsförderung durch die Stromkunden. Wie die Netzagentur ausführt, ist dieser Betrag im Jahr 2024 besonders hoch, da 5,5 Milliarden Euro an Bundeszuschüssen für die Übertragungsnetze wegfallen. Die Behörde hält diese Mehrbelastung der Stromkunden aber für „notwendig und sachgerecht, um den zusätzlichen unvorhersehbaren Liquiditätsbedarf der Übertragungsnetzbetreiber und Verteilnetzbetreiber“ zu decken und Nachholeffekte zu vermeiden.

Lesen Sie auch: Bundesrechnungshof hält wegen der stockenden Energiewende die Versorgungssicherheit für gefährdet

Darüber hinaus gibt es weitere Umlagen, die direkt an politische Prozesse gekoppelt sind: Die Kraft-Wärme-Kopplungs-Umlage KWK fördert die Nutzung von Abwärme aus Energieerzeugungsanlagen, zum Beispiel zum Heizen oder als Prozesswärme in der Industrie. Die Konzessionsabgabe erhalten die Kommunen dafür, dass sie den Energieunternehmen die Nutzung öffentlicher Verkehrswege gestatten.

An dieser Stelle sei aber daran erinnert: Nicht überall ist es teurer geworden. Entlastend wirkt unter anderem der Wegfall der Erneuerbare-Energien-Umlage zum 1. Juli 2023. Diese wurde seit dem Jahr 2000 erhoben, um den Ausbau von Solar-, Wind-, Biomasse- und Wasserkraftanlagen zu fördern.

Sollte Deutschland in Strompreiszonen geteilt werden?

Dass sich die Situation seit dem Energiepreisschock durch die russische Invasion in der Ukraine verbessert hat, zeigt sich auch an der Umlage für abschaltbare Lasten. Diese vergütete bis Ende 2023 unter anderem Industriebetriebe dafür, dass sie ihre Produktion drosseln, wenn zu wenig Strom im Netz ist. Ziel war es laut Netzbehörde, mit dieser sogenannten Abschaltleistung die Netzstabilität zu verbessern und damit eine höhere Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dies scheint nicht mehr notwendig zu sein.

Insgesamt, so macht Ifo-Experte Mier deutlich, könne man nicht sagen, dass die Preise zu stark politisch bestimmt würden: „Der Staat muss gewisse Einnahmen erzielen und Steuern mit Lenkungswirkung festlegen.“ Gerade bei den Marktregeln gebe es derzeit zu wenig Staat, diese müssten sich schneller an die sich seit Jahren und immer noch verändernden Marktbedingungen anpassen. Als Beispiel nennt er die Tatsache, dass sich die Notwendigkeit des Stromtransports von Schleswig-Holstein nach Bayern nicht in der Preisgestaltung widerspiegelt. Hier plädiert er für eine Aufteilung des Landes in zwei oder mehr Strompreiszonen.

Obwohl für den Verbraucher entscheidend ist, welche Zahl am Ende auf seiner Rechnung steht, verstellen Steuern und Abgaben den ungetrübten Blick auf die Marktsituation. Die entscheidende Messgröße ist und bleibt der Energiemarkt. Die Preise im Strom- und Gashandel haben zwar ihre zwischenzeitlichen Höchststände hinter sich gelassen.

Dass die durch den Krieg in der Ukraine ausgelösten Effekte vollständig verschwunden sind, lässt sich aus den Zahlen aber nicht ableiten. Wie viel davon auf gestiegene Erzeugungs- und Speicherkosten zurückzuführen ist und wie viel eher auf die Nervosität bei den Marktteilnehmern, bleibt offen.

Treibstoffpreise im Blick

Schließlich dürfen auch die Kosten für Benzin und Diesel nicht aus den Augen verloren werden. Auch wenn die Diskussion hier aktuell weniger brisant ist, haben sich die Auswirkungen der Preissteigerungen 2022 deutlich und unmittelbar in den Logistikkosten vieler Unternehmen niedergeschlagen und werden das auch weiter tun.

Allen politischen Appellen zum Trotz bleibt die Straße für den Güterverkehr deutlich wichtiger als die Schiene.

Die Analyse der Zahlen zeigt: Der Schock ist vorbei, die Auswirkungen halten an. Insbesondere der langsam steigende CO2-Preis wird dafür sorgen, dass ein weiterer Preisrückgang unwahrscheinlich ist. Insgesamt sieht das BMWK deutliche Entspannungssignale, die Folgen der Energiekrise seien aber teilweise noch spürbar.

Die gestiegenen Kosten sind laut einem Sprecher sowohl auf Ausgaben zur Erhöhung der Versorgungssicherheit im Zuge des Krieges in der Ukraine als auch auf Investitionen in die Zukunft der Energieinfrastruktur zurückzuführen.

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