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Ukraine-Krieg„Russland wird es schwerer haben, solche Truppenkonzentrationen zu organisieren“

Die Ukraine darf mit aus Deutschland gelieferten Waffen auf russisches Territorium schießen. Verteidigungsexperte Rafael Loss erklärt, was dieser Schritt für die Ukraine bedeutet und ob Deutschland sich in Gefahr begibt.Angelika Melcher 31.05.2024 - 16:45 Uhr

Ukrainische Soldaten bereiten Haubitzengranaten in vor

Foto: Iryna Rybakova/AP/dpa

WirtschaftsWoche: Herr Loss, die Bundesregierung hat der Ukraine am Freitag die Erlaubnis gegeben, von Deutschland gelieferte Waffen auch gegen militärische Ziele in Russland einzusetzen. Kam das zum richtigen Zeitpunkt?
Rafael Loss: Die Entscheidung ist wichtig, allerdings hätte man sie schon viel früher treffen sollen. Die Datenlage in der Ukraine war längst klar, und die Ukraine hatte schon vor einigen Wochen um die Erlaubnis gebeten, militärische Ziele auf russischem Territorium mit westlichen Waffen bekämpfen zu dürfen.

Man hätte auf die ukrainische Anfrage antworten müssen, als sich abzeichnete, dass die Russen nach allen Möglichkeiten aus einem geschützten Raum die Ukraine angriffen. Sie konzentrierten Truppen hinter der Grenze, zogen Artillerie und Raketenwerfer zusammen, und die Ukraine durfte nicht reagieren. Das hat unnötiges menschliches Leid unter den ukrainischen Verteidigerinnen und Verteidigern und der Zivilbevölkerung verursacht.

Was bedeutet dieser Schritt für die Ukraine?
Russland wird es schwerer haben, solche Truppenkonzentrationen zu organisieren, weil die Ukraine jetzt die Mittel hat, um auf Munitionsdepots und Artilleriestellungen zu schießen und zu reagieren. Das wird dazu führen, dass Russland seine Angriffe deutlich weniger effektiv und effizient vorantreiben kann als in den vergangenen Wochen.

Foto: WirtschaftsWoche
Zur Person
Rafael Loss ist Datenmanager im Berliner Büro des European Council on Foreign Relations (ECFR) und Projektkoordinator von Rethink:Europe. Zuvor arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für globale Sicherheitsforschung am Lawrence Livermore National Laboratory.

Denken Sie, die Ukraine wird schnell mit Taten folgen?
Das hängt davon ab, welche Waffensysteme die Ukraine für ihre Angriffe einsetzen will. Je nach Ziel setzt sie unterschiedliche Waffensysteme ein. Entsprechend variieren die Vorbereitungszeiten. Deutschland hat mehrere Waffen geliefert, die in Frage kommen, zum Beispiel die Panzerhaubitze 2000 sowie Raketenwerfer vom Typ Mars II. Diese sind schnell einsatzbereit. Die britischen Storm Shadow Marschflugkörper benötigen mehr Vorbereitungszeit. Aber sicherlich muss man in den nächsten Tagen mit den ersten Angriffen über die Grenze rechnen.

Die Bundesregierung hat lange mit dieser Entscheidung gezögert. Wie gefährlich ist es für Deutschland, dass die Ukraine die Waffen nun auf russischem Gebiet einsetzen darf?
Russland hat in den vergangenen fast zweieinhalb Jahren immer wieder versucht, rote Linien zu artikulieren, sie aber dann nicht durchgesetzt. Wir sehen keinerlei Appetit des Kremls, militärisch Richtung Nato zu eskalieren. Der Krieg gegen die Ukraine läuft sowieso auf höchster Intensität. Ich halte einen Angriff auf Nato-Alliierte für ausgeschlossen. Auch als die Ukraine mit westlichen Waffen die besetze Krim angriff, die Russland ja als sein Hoheitsgebiet betrachtet, folgte dem keine Eskalation Richtung Nato.

Ist das eine Chance für die Ukraine, um diesen Krieg zu beenden?
Es muss darum gehen, einen Frieden im Sinne des Völkerrechts zu erreichen. Die Ukraine hat dafür schon vor einiger Zeit einen Zehn-Punkte-Plan formuliert. Wir sehen aber auch, dass Putin keinerlei Interesse an Verhandlungen hat. Zwar täuscht er immer wieder Verhandlungsbereitschaft vor, aber das militärische Vorgehen, die Bombardierung von Schulen, Wohnhäusern und ukrainischer Truppen geht unverändert weiter. Man muss die Kosten für den Krieg für Wladimir Putin so hochtreiben und mit Risiken verknüpfen, dass er verhandlungsbereit wird. Sicherlich kann dieser Schritt ein Mittel sein, um diesen Druck zu erhöhen.

Wie könnte die Ukraine effektiver unterstützt werden?
In Washington hat man in der Vergangenheit häufig rote Linien aufgeweicht und dann Wochen oder Monate später ganz zurückgenommen, vor allem bei der Lieferung von verschiedenen Waffensystemen seit Februar 2022. Es ist wichtig, dass die Ukraine sich auf Entscheidungen verlassen kann. Außerdem würde es helfen, wenn die Ukraine die Waffen nicht nur zur Verteidigung der ostukrainischen Region Charkiw, sondern auch zum Schutz anderer ukrainischer Regionen einsetzen dürfte. Sonst könnten sich andere Schwerpunkte in Nachbarregionen bilden, und es würde wieder Wochen dauern, bis die Ukraine die nächste Erlaubnis zum Einsatz erhält – Wochen, in denen dann wieder viele ukrainische Zivilisten und Soldaten getötet würden.

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