Karriereleiter: Job-Konflikte lösen: So denken Sie sich in Ihre Mitarbeiter hinein
„Du hörst nicht zu. Du bist in Sachfragen beratungsresistent. Du genießt es, am längeren Hebel zu sitzen. Du bist einfach ein schlechter Chef. Fertig.“
Selbst in solch brachialen Vorwürfen steckt meist eine Botschaft zu eigenen Verletzungen. Diese zu lesen, ist unglaublich befriedigend. Denn wenn Sie erkennen, was der andere von sich preisgibt, selbst wenn er sich gerade mit Vorhaltungen auf Sie einschießt, können Sie im Konflikt eine Abkürzung nehmen: direkt zur Bekämpfung der wahren Ursachen.
Wie geht das? Spielen wir das am Beispiel oben mal durch:
1. Die eigene Kränkung hintenan stellen
„Du bist einfach ein schlechter Chef. Fertig.“ Das hört keine Führungspersönlichkeit gern. Und hier mindestens ein wenig beleidigt zu sein, wäre nur menschlich. Aber wir wollen ja nicht nur menschlich, sondern auch Profi sein. So betrachtet wäre es ideal, Sie könnten die edle Stärke aufbringen, sich zu fragen: Was steckt hinter diesem Bedürfnis, mich zu kränken? Das heißt nicht, dass Sie sich nicht parallel verbitten dürfen, dass so mit Ihnen geredet wird: „Ich bitte dich, dich mit solchen abwertenden Pauschalurteilen mir gegenüber als deinem Vorgesetzten zurückzuhalten.“ Kann man machen.
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Aber halten Sie auf jeden Fall dem Bedürfnis stand, mit Beleidigungen zu kontern. „Der hat aber angefangen“, zählt nur im Sandkasten. Widmen Sie sich lieber den Botschaften des anderen unter der Oberfläche.
2. Mehrere Botschaften in einer heraushören
Wenn es eine Erkenntnis aus den Kommunikationswissenschaften gibt, die Sie sich für immer einprägen sollten, dann diese: Jede Botschaft lässt sich auf mehreren Ebenen auslesen. Der Kommunikations-Psychologe Friedemann Schulz von Thun lässt grüßen. Es geht um dessen sogenanntes Vierseitiges Kommunikationsmodell: Neben der Sachebene schwingen in aller Regel auch noch Botschaften auf der Beziehungsebene, der Appellebene und der Selbstoffenbarungsebene mit.
Das können Sie erstaunlicherweise zu fast jeder Botschaft durchspielen. Stellen Sie sich vor, Sie haben gekocht und rufen Ihrem Schatz zu: „Essen ist fertig!“. Und dann hören Sie: „Ich hab´ keinen Hunger!“ Was denken und fühlen Sie dann? Wahrscheinlich: Da stehe ich so und so lange in der Küche und dann das! Vielleicht aber auch: Oh, da geht es jemandem nicht gut.
Je nachdem, wie Sie die Botschaft interpretieren. Was meint Ihr Schatz aber denn eigentlich mit „Ich hab´ keinen Hunger!“?
Die Sachbotschaft ist klar: kein Bedarf nach Nahrungsaufnahme. Die anderen Ebenen aber müssen von Ihnen jetzt fein gelesen werden.
Auf der Appellebene könnte die Botschaft lauten: „Warte nicht auf mich. Iss schon einmal.“ Aber auch: „Du sollst doch nichts für mich kochen.“ Oder: „Frag mich, wie es mir geht.“
Auf der Beziehungsebene könnten Sie herauslesen: „Du kochst mir nicht gut genug.“ Aber auch: „Mein Tagesablauf richtet sich nicht nach deinem Zeitplan.“ Oder: „Ich benötige statt Essen jetzt deine Zuwendung, dein Ohr, deinen Rat.“
Und auf der Selbstoffenbarungsebene: „Mir ist gerade anderes wichtiger als zu essen.“ Aber auch: „Ich möchte gerne selber entscheiden, wann ich esse.“ Oder: „Mir geht es nicht gut.“
Wie es der andere wirklich meint, können wir nicht wissen, nur erahnen. Indem wir das Gehörte interpretieren. Je besser wir den anderen kennen, umso leichter fällt es uns. Doch auch Menschen, die uns sehr nahe sind, bleiben immer auch ein bisschen eine Blackbox.
Wie soll das dann erst im Joballtag sein, wo wir den meisten Kolleginnen und Kollegen oft mit einer freundlichen, professionellen Distanz begegnen? Antwort: Nach demselben Prinzip. Versuchen wir es: „Du bist einfach ein schlechter Chef. Fertig.“
Das ist vor allem eine deutliche Botschaft auf der Beziehungsebene, denn Du-Botschaften beinhalten eben ein Urteil des anderen über den anderen und das sagt viel über die Ansichten des einen über die Beziehung aus, die beide miteinander pflegen. Der Appell, der in diesem Vorwurf steckt, könnte lauten: „Lass mich einfach in Ruhe arbeiten.“ „Kündige doch.“
Aber auch, den Bogen weiter gespannt: „Übernimm als Chef die Verantwortung, unsere Zusammenarbeit zu verbessern.“ Denn immerhin kamen ja noch weitere Hinweise hinzu: „Du hörst nicht zu. Du bist in Sachfragen beratungsresistent. Du genießt es, am längeren Hebel zu sitzen.“ Lauter Du-Botschaften auf der Beziehungsebene, die Appelle beinhalten:
„Hör besser zu.
Respektiere und nutze die Expertise deiner Fachleute.
Spiel dich nicht so auf.“
Spannend sind aber vor allem auch die Botschaften auf der Selbstoffenbarungsebene. Weil Sie hier die Verletzungen und Bedürfnisse Ihres Gegenübers heraushören können. Nämlich wahrscheinlich ja diese Ich-Botschaften:
„Ich fühle mich nicht gut geführt.
Ich sehne mich nach mehr Anerkennung als Experte.
Ich fühle mich unterdrückt und kann mich nicht entfalten.
Ich fühle mich gedemütigt und klein.“
Wenn Sie es fertigbringen, aus dem Anwurf „Du bist ein schlechter Chef“ einen Hilferuf auf der Selbstoffenbarungsebene herauszulesen, dann erkennen Sie, wo Sie bei der Optimierung der Prozesse in Ihrem Unternehmen ansetzen können. Als dem oder derjenige, die die Verantwortung dafür trägt, wird Ihnen das direkt zugute kommen. Und dann?
3. Sprechen Sie an, was Sie raushören
Es kommt Ihnen vielleicht ungewohnt vor, auf „Du bist ein schlechter Chef“ zu antworten: „Ich höre bei dir raus, dass du dich nicht gut geführt und sogar unterbewertet und gedemütigt fühlst.“
Im dümmsten Fall könnte Ihre Reaktion wiederum als überheblich wahrgenommen werden: „Bist du jetzt auch noch Psychiater oder was?“
Fliegen Sie Ihren Ansatz bei Bedarf deshalb sensibler ein. Etwa so:
„Was du mir vorwirfst, kränkt mich zwar. Und ich bitte dich, dich zurückzuhalten. Aber ich möchte trotzdem gerne dahinter kommen, womit du genau unzufrieden bist. Damit wir besser zusammenarbeiten können. Kann es sein, dass du dich von mir unterschätzt fühlst und glaubst, mehr leisten zu können? Lass uns sehr gern drüber sprechen.“
Fazit:
- Lassen Sie sich als der mit der Führungsverantwortung nicht auf den Abwärtsstrudel „Wenn du mich kritisierst, kränkst du mich, also kritisiere ich dich auch, um dich zu kränken.“
- Lesen Sie aus der Kritik vor allem die Ich-Botschaften auf der Selbstoffenbarungsebene heraus.
- Sprechen Sie Ihre Interpretationen an und formulieren Sie das als Angebot zur Überwindung des Konflikts.
Dann sind Sie souverän in Führung, machen die anderen glücklich und bringen Ihr Unternehmen voran. Viel Erfolg!
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