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EditorialAusgerechnet Putin hat der Nato einen neuen Sinn gegeben

Die Nato hat viele Mitglieder – und seit Putins Angriff auf die Ukraine auch wieder einen Sinn. Ihre Zukunft bleibt trotzdem ungewiss. Eine Kolumne.Horst von Buttlar 10.07.2024 - 11:57 Uhr

Nato-Gipfel in Washington: Ein Festakt, aber kein Triumph.

Foto: imago images

Wer den 75. Geburtstag der Nato verstehen will, sollte auf das 40. und 50. Jubiläum sowie einige weitere Jahrestage zurückschauen. 1989, Francis Fukuyama rief das „Ende der Geschichte“ aus, stand die Nato mit damals noch 16 Mitgliedern nach vier Jahrzehnten Kaltem Krieg als Sieger da. Zehn Jahre später nahm sie Polen, Tschechien und Ungarn auf, es war der Beginn einer atemlosen Erweiterung; im Sommer 1999 führte sie erstmals einen Krieg, im Kosovo, gegen Serbien.

Ich studierte damals in St. Petersburg und sehe noch heute Boris Jelzin vor mir, wie er bebte und tobte und den Krieg im Hinterhof der Russen einen „Fehler“ nannte. In dem Jahr begann der Aufstieg eines Mannes, der 2014, zum 65. Geburtstag der Allianz, mit der Annexion der Krim dem Westen vor Augen führte, dass der systemische Konflikt mit Russland mitnichten vorbei ist: Wladimir Putin. Was damals kaum einer sah.

Die Entwicklung der Nato war im neuen Jahrhundert eine der Ausdehnung und Überdehnung; immer neue Länder suchten den Anschluss und Schutz, derweil sich das Militärbündnis in immer neue Missionen und Abenteuer rund um den Globus stürzte – weil Krieg in Europa ja Geschichte war. Bis 2019, zum 70. Geburtstag, der französische Präsident Emmanuel Macron die Nato als „hirntot“ bezeichnete. Das war damals unerhört; Putin war es dann, der das änderte: indem er dem Bündnis von außen einen neuen Sinn, eine Metamission aufzwang.

Nun also 75 Jahre, in der drückenden Hitze in Washington, 32 Länder bei 35 Grad. Ein Festakt, aber kein Triumph: Die Nato ist so groß und mächtig wie nie, die „erfolgreichste Allianz der Geschichte“, wie der scheidende Generalsekretär Jens Stoltenberg bei der Feier sagte. Und doch wirkt sie zerbrechlich. Jeder Halbsatz und Schritt von Joe Biden wurde beobachtet, in dunkler Vorahnung, ob man die Nato auch vor dem nächsten US-Präsidenten beschützen muss. Die Hilfe für die Ukraine, der Fixpunkt, das Epizentrum, steht und wackelt zugleich.

Olaf Scholz, den ich auf der Reise begleitet habe, vermaß die Nato vor allem in Zahlen: zwei Prozent geschafft, uff, während sein Verteidigungsminister grollte. Und die 80 Milliarden Euro, die Deutschland 2028 für Verteidigung ausgeben muss, versicherte der Kanzler, die stehen! Wirklich? Wir sind viel weiter als 2022, vor allem Deutschland. Aber schon der 76. Geburtstag der Nato erscheint ungeklärter, als man diese Woche in Washington einräumen möchte.

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