US-Wahl 2024: „Wollen Sie jemanden, der Lügen erzählt? Oder jemanden, der weiß, wie man das Land führt?“
WirtschaftsWoche: Joe Biden ist aus dem Präsidentschaftswahlkampf ausgestiegen. Was wird nun passieren?
Howard Dean: Höchstwahrscheinlich wird Vize-Präsidentin Kamala Harris die Kandidatin. Aber das ist kein Selbstläufer.
Präsident Biden hat seine Unterstützung für Harris ausgesprochen. Was müsste geschehen, damit jemand anderes nominiert wird?
Jemand, der glaubt, dass er sie auf einem Parteitag schlagen kann, müsste sie herausfordern. Das ist möglich. Aber es wäre sehr schwierig. Harris hat Zugriff auf alle Spenden, die das bisherige Wahlkampfteam bislang eingesammelt hat. Andere würden bei Null anfangen. Das ist ein großes Problem, denn bis zur Wahl sind es nur noch weniger als vier Monate. Ich denke also, dass Harris wahrscheinlich die Kandidatin sein wird.
Die Kampagne von Präsident Biden war lange vorbereitet. Kann sie einfach auf Harris umgestellt werden?
Das sollte überhaupt kein Problem sein. Die Schwierigkeit bei Bidens Kandidatur war das Gerede über sein Alter. Das hat die Botschaft überdeckt. Mit einem jüngeren Kandidaten werden wir diese Diskussion nicht führen. Es wird also gar nicht so schwer sein, unsere Inhalte zu vermitteln.
Kamala Harris hat ein ganz anderes Image als Joe Biden. Sie war Staatsanwältin in Kalifornien, er betont seine Wurzeln in der Arbeiterschicht von Scranton, Pennsylvania. Werden die Demokraten angesichts dieser unterschiedlichen Profile ihren Wahlkampf umbauen müssen?
Nein, ich glaube nicht, dass es eine andere Botschaft sein wird. Ich denke, die Wirtschaft ist das, worüber sich die Menschen Sorgen machen. Und ich denke, Präsident Biden hat sich in Sachen Wirtschaft sehr, sehr gut geschlagen. Das ist die Botschaft. Durch den Rückzug wird die Ablenkung durch Streit über Bidens geistigen Zustand beseitigt. Damit können wir uns jetzt wieder auf die Inhalte konzentrieren. Und bei den Inhalten sollten wir Trump die Hosen ausziehen. Vergessen wir nicht, dass dies der am weitesten rechts stehende Parteitag und der am weitesten rechts stehende Kandidat ist, den wir je in unserer Geschichte hatten. Das ist das Äquivalent zum Wahlsieg der AfD in Deutschland. Ich glaube nicht, dass das bei der amerikanischen Öffentlichkeit sehr beliebt sein wird.
Ist Bidens Rückzug also eine gute Nachricht für die Demokraten, sofern sie Partei schnell einen neuen Kandidaten präsentieren kann?
Ich denke, die Auswirkungen werden positiv sein.
Vergangene Woche haben sich die Republikaner auf ihrem Parteitag sehr geschlossen gezeigt. Können die Demokraten in der gegenwärtigen Situation das Gleiche tun?
Das werden sie. Wir wissen nur nicht genau, um welche Person wir uns scharen werden. Aber ich denke, dass das, was Trump repräsentiert, von den meisten Amerikanern und sicherlich auch den Demokraten verabscheut wird.
Woran ist Präsident Biden gescheitert?
Das Problem für Präsident Biden war nicht, dass er das Land nicht führen konnte. Das konnte er eindeutig. Das Problem war die Wahrnehmung der amerikanischen Bevölkerung, dass er zu alt war. Das hat seine Kandidatur zunichtegemacht, nicht die Frage nach seinen Fähigkeiten. Jetzt können wir dem Land eine klare Alternative bieten: Wollen Sie jemanden, der in dieser neunzigminütigen Rede auf dem Parteitag Lügen über Lügen erzählt hat? Oder wollen Sie jemanden, der tatsächlich weiß, wie man das Land führt, und der drei Jahre lang dazu beigetragen hat, dies zu tun? Wollen Sie jemanden, der sich für die Rechte der Frauen einsetzt? Oder jemanden, der die Rechte der Frauen hasst? Das sind die Optionen.
Als die Präsidenten Truman und Johnson 1952 und 1968 aus dem Rennen ausschieden, verloren die Demokraten das Weiße Haus. Gibt Ihnen das zu denken?
Nun, Lyndon B. Johnson befand sich mitten in einem sehr, sehr unpopulären Krieg. Und als Harry Truman beschloss, nicht wieder zu kandidieren, hatte er bereits sieben Jahre gedient. Wir befinden uns jetzt in einer ganz anderen Situation.
Wie wird sich der Rückzug Ihrer Meinung nach auf das Vermächtnis von Präsident Biden auswirken?
Joe Biden hat die stärkste erste Amtszeit eines Präsidenten seit Lyndon B. Johnson hinter sich. Er hat in den wichtigsten Fragen Maßnahmen ergriffen, die sonst niemand ergreifen konnte. Der Klimawandel ist eine davon, die Schuldenlast von Studierenden eine andere, die Inflation eine weitere. Biden ist ein unglaublich erfolgreicher Präsident gewesen, trotz des Gejammers und des Gezeters des rechten Flügels.
Lesen Sie auch: Biden verzichtet. Harris kandidiert. Trump schäumt.