Wirtschaft von oben #292 – Mongolei: Ausbruch aus der Zwickmühle
Die von Rio Tinto betriebene mongolische Kupfermine Ojuu Tolgoi.
Foto: LiveEO/SentinelEine Demokratie ohne Zugang zum Meer, geografisch eingeklemmt zwischen den Autokratien Russland und China. Die Mongolei ist um ihre geostrategische Lage wahrlich nicht zu beneiden. Bislang aber hält das Land der Lage stand – mithilfe einer Doppelstrategie:
Um die Unabhängigkeit zu sichern, werden westliche Investoren umworben. Zugleich meidet das Land den Konflikt mit den übermächtigen Nachbarn. Einfach aber hat es das Land dennoch nicht, wie ein Blick auf wichtige Kennzahlen zeigt.
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Übermächtige Nachbarschaft
Auf einer Fläche von 1,5 Millionen Quadratkilometern leben nur knapp 3,5 Millionen Menschen. Sie erwirtschaften ein BIP von weniger als 45 Milliarden Euro, damit erreicht die Volkswirtschaft kaum ein Viertel der Wirtschaftskraft der einwohnermäßig vergleichbar großen Stadt Berlin.
Seit 2021 versucht die Regierung in Ulan Bator nun aber verstärkt, mit ehrgeizigen Infrastrukturprojekten aus den Startlöchern zu kommen und ihr Potenzial auszuschöpfen. Das Land setzt dabei vor allem auf seine Rohstoffvorkommen: Erdöl, Lithium, Kupfer, Gold, Uran und Seltene Erden lagern in der Mongolei.
Die selbst gesetzte Messlatte ist ein jährliches Wirtschaftswachstum von fünf bis acht Prozent. Naheliegend wäre es, sich Hilfe beim mächtigen südlichen Nachbarn zu holen: China hat bereits gezeigt, dass Infrastruktur für die aufstrebende Großmacht kein Problem ist. Doch die Mongolen wollen sich in ihrer Entwicklung nicht zu abhängig machen.
Dass dies leichter gesagt als getan ist, zeigen die Wirtschaftsdaten: Im Jahr 2023 entfielen laut Statistikamt 91,6 Prozent des gesamten Außenhandels auf China. Was dort gehandelt wird, wird schnell klar: Bodenschätze machen mit 86,6 Prozent den größten Teil der Exporte aus, der Bergbau steht auf Basis aktueller Preise für fast ein Drittel der Wirtschaftsleistung.
Beim Import stützt sich die Mongolei (nur) zu knapp 40 Prozent auf China und zu rund 25 Prozent auf Russland. Wobei fast 37 Prozent der im Ausland ausgegebenen Devisen auf den Kauf von Treibstoffen entfallen. Wie kann das sein bei einem Land, das selbst über Ölvorkommen verfügt?
Indien und die Ölfrage
Die Antwort berührt den wundesten Punkt der mongolischen Wirtschaftspolitik: Treibstoff. „Das Land verfügt zwar über eigene Ölvorkommen, aber bislang über keine Raffinerie, so dass der Rohstoff fast ausschließlich nach China exportiert wird“, erklärt Jan Triebel, der für die deutsche Außenwirtschaftsagentur GTAI die Mongolei im Blick hat.
Doch das soll sich ändern: Die indische Regierung finanziert den Bau der ersten mongolischen Raffinerie mit 1,2 Milliarden Dollar. Mit dem Projekt wurde der indische Infrastrukturriese Megha Engineering and Infrastructures Limited (MEIL) beauftragt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg ist die Finanzhilfe der größte Kredit den das Land bisher weltweit vergeben hat. Bis März 2026 soll die Raffinerie fertiggestellt sein und künftig 1,5 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr verarbeiten, was nach Regierungsangaben 55 Prozent der Inlandsnachfrage deckt. 600 Menschen sollen schlussendlich in der Anlage arbeiten, untergebracht in einer eigens errichteten Siedlung.
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Der geostrategischen Bedeutung ihrer Investition sind sich die indischen Investoren durchaus bewusst. Unmittelbar nach der Auftragsvergabe stellte das Unternehmen klar: „Die Bedeutung des neuen Projekts geht über seinen finanziellen Wert hinaus.“ Es werde die starke Abhängigkeit der Mongolei von russischen Ölimporten verringern, die Energiesicherheit erhöhen und die Anfälligkeit für Schwankungen auf den internationalen Ölmärkten reduzieren.
Doch der Weg bis dahin war länger als zunächst geplant. Nicht nur die Pandemie verzögerte den Baufortschritt sondern Berichten zufolge auch die starken Temperaturschwankungen in der Region, die zwischen plus 38 und minus 35 Grad Celsius pendeln. Auf der Baustelle kann daher nur zwischen April und Oktober gearbeitet werden. Hinzu kamen Finanzierungsprobleme in einigen Teilprojekten.
Hilfe aus dem Westen
Ohne den Bergbau könnte die Mongolei ihre wirtschaftlichen Entwicklungsträume sofort begraben. Doch bisher basiert der Hauptexportzweig des Landes sowohl mengen- als auch wertmäßig zu einem großen Teil auf Kohle. Sie machte im vergangenen Jahr über 40 Prozent der Mengen und über 60 Prozent der Erlöse aus. Die wahren Schätze aber liegen anderswo, unter anderem beim Kupfer, das schon heute für 18 Prozent der Exportumsätze steht. Bei der Erschließung und Ausbeutung dieser bereits sprudelnden Geldquelle hat sich die Regierung Hilfe aus dem Westen geholt, genauer gesagt vom britisch-australischen Bergbaugiganten Rio Tinto.
Mit der Kupfermine Ojuu Tolgoi entwickelt der Konzern in der Mongolei ein Projekt der Superlative. „Rio Tinto gibt an, dass Ojuu Tolgoi nach dem kompletten Hochfahren die viertwichtigste Kupferlagerstätte der Welt sein wird“, sagt Triebel.
Nach Angaben des Betreibers fördern 21.000 Arbeiter – seit 2011 über Tage und ab 2023 unter Tage – jährlich rund 168.000 Tonnen Kupfer und 177.000 Unzen Gold. Nach dem Vollausbau soll die Kapazität auf 500.000 Tonnen Kupfer steigen, heißt es. Dieser Meilenstein soll zwischen 2028 und 2036 erreicht werden.
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Das heutige Vorzeigeprojekt illustriert aber auch, mit welchen Herausforderungen Investoren in der Mongolei zu kämpfen haben. Von der Vertragsunterzeichnung bis zum Beginn der Förderung habe es Jahre gedauert, berichtet Magnus Müller, Geschäftsführer des Deutsch-Mongolischen Unternehmerverbandes (DMUV).
Die letzte Volte im jahrelangen Hin und Her zwischen Regierung und Investor wurde erst 2022 geschlagen. Um den Untertagebau zu ermöglichen, stimmte Rio Tinto einem milliardenschweren Schuldenerlass zu. „Ich habe meine Zweifel, wie lange der Deal so hält“, kommentierte der Mongoleiexperte Julian Dierkes von der kanadischen University of British Columbia schon damals.
Für andere Bergbauunternehmen bedeutet das: Wenn sie nicht die gleiche Finanzkraft in die Waagschale werfen können, müssen sie umso mehr Zeit mitbringen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Diese Situation beim politisch vergleichsweise unbelasteten Kupfer wirft ein bedrohliches Licht auf andere, kritischere Bodenschätze des Landes wie Lithium oder Uran.
Strahlende französische Hoffnungen
Bei nuklearen Brennstoffen ist der weltpolitische Wettbewerb um einige Grade heißer. Während sich Deutschland auf absehbare Zeit von der Abhängigkeit von Uran befreit hat, sieht es bei unseren französischen Nachbarn anders aus. Frankreich stützte sich bisher vor allem auf Vorkommen in Afrika, genauer gesagt im Niger. Doch nach einer Reihe von Staatsstreichen in der Subsahara-Region droht diese Quelle zu versiegen.
Von einem Engpass spricht zwar niemand, aber sichere Alternativen müssen her. Sowohl Frankreich als auch Japan blicken auf die Mongolei, die nach Unternehmensangaben weltweit auf Platz 12 der Uranvorkommen liegt. Das halbstaatliche französische Unternehmen Orano hat hier Rückendeckung von ganz oben, wie Präsident Emmanuel Macron bei seinem Staatsbesuch in Ulan Bator deutlich machte.
Mit den Vorkommen Dulaan Uul und Zuuvch Ovoo hat man bereits einen Fuß in der Tür, noch in diesem Jahrzehnt soll die Förderung beginnen. Orano will 30 Jahre lang jährlich rund 2500 Tonnen Uran aus dem Boden holen. Während die Abbaulizenzen bereits vorliegen und ein erstes Entwicklungsabkommen mit der mongolischen Regierung unterzeichnet wurde, steht das Investitionsabkommen noch aus. Dies soll jedoch in naher Zukunft geschehen.
Für die Franzosen ist das vor allem langfristig wichtig. In der bisher wichtigsten Orano-Miene, der nigrischen Lagerstätte Somair wurden bis zum Putsch jährlich rund 2000 Tonnen Uran gefördert. Und das war lediglich eine von drei Minen des Landes. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde benötigt Frankreich jährlich mehr als 8200 Tonnen Uran, um seine Versorgung – und damit seine Energiesicherheit – zu gewährleisten. Rechnerisch könnte die Mongolei also künftig mehr als ein Viertel des französischen Bedarfs decken.
Kanadische Lithium-Sucher
Die Aussicht auf sprudelnde Gewinne lässt manche Bedenken in den Hintergrund treten. Vor allem die Lithiumvorkommen wecken große Erwartungen. An vorderster Front bei deren Erschließung steht das kanadische Unternehmen ION Energy. Firmenchef Ali Haji schwärmt geradezu von den Bedingungen und den Profiten, die locken.
Im Vergleich zu Lateinamerika stellt der Investor vor allem die geografischen und klimatischen Bedingungen heraus, die die Lagerstätten in der Wüste Gobi zu einer lukrativen Chance machen. Während die Vorkommen in Lateinamerika in bis zu 4500 Meter hohen Bergen liegen, befinden sie sich in der Mongolei in nur 1500 Metern Höhe.
Hinzu kommt: Bei Probebohrungen fanden die Minenbetreiber in nur sechs Metern Tiefe Lithiumkonzentrationen von bis zu 1500 ppm (parts per million) – eine der höchsten weltweit. Zum Vergleich: Die global besten Bedingungen für den Lithiumabbau finden sich laut GTAI in der Lagerstätte Salar de Atacama in Chile, wo in 2300 Metern Tiefe ähnliche Konzentrationen gemessen wurden.
Die Kanadier haben bereits an anderer Stelle im Land Erfahrungen im Bergbau gesammelt und sich mit den Vorkommen in Baavhai Uul und Urgakh Naran auch schon Lizenzen gesichert. Bleibt die Frage, wohin mit dem Lithium? „Wir sind in Baavhai Uul nur 23 Eisenbahnkilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Da China der größte Lithium-Verbraucher ist, reduziert das den Transportaufwand.“
Wenn alles nach Plan geht, wird das Lithium aus der Mongolei „wahrscheinlich das preiswerteste Lithium der Welt“ sein, schätzt der Kanadier. Seiner Kalkulation zufolge wäre der Abbau auch bei niedrigen Marktpreisen rentabel. Als Schwelle nennt er einen Preis von 2500 Dollar pro Tonne Lithiumkarbonat, etwa ein Viertel des heutigen Marktpreises. Das hören Investoren gern. Damit sich ähnliche Projekte in Europa lohnen, müsste der Lithiumpreis mittelfristig auf mindestens 15.000 Dollar steigen. Langfristig sogar eher 20.000 bis 25.000. Die Marge kann sich zudem noch deutlich verbessern, je nachdem, ob am Ende nur das Rohprodukt exportiert wird oder eine Weiterverarbeitung in der Mongolei möglich ist. Nach einem Zeitplan gefragt, hält der Bergbauexperte einen Produktionsbeginn in zwei Jahren für möglich, im schlimmsten Fall dauere es fünf Jahre.
Zuckerbrot und Peitsche
An der geostrategisch heiklen Lage aber ändern auch die besten Wettbewerbsbedingungen im Rohstoffsektor nichts. Sowohl bei der Versorgung mit den für die Energiewende wichtigen Materialien Kupfer und Lithium als auch mit dem Chiprohstoff Seltene Erden und dem militärisch nutzbaren Uran wird die Mongolei immer eine unsichere Quelle bleiben. Verschlechtern sich die Beziehungen des Westens zu Peking weiter, dürfte der Export kritischer Rohstoffe aus der Mongolei – ohne chinesische oder russische Zustimmung – faktisch unmöglich werden.
Nicht zu vergessen ist, dass die Nachbarstaaten die Mongolei auch im positiven Sinne umwerben. Erst im August berieten die drei Staaten über die Umsetzung des „Zwischenstaatlichen Abkommens über den internationalen Straßenverkehr entlang des asiatischen Autobahnnetzes“. Dieses ist Teil der Bemühungen, einen Wirtschaftskorridor zwischen Russland, der Mongolei und China zu schaffen. Hinzu kommt die Öffnung chinesischer Häfen für die Mongolei.
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Bereits in den vergangenen Jahren haben sich die Verbindungen zwischen der Mongolei und seinen Nachbarn deutlich intensiviert, wie sich an den Grenzübergängen zeigt. Am Übergang zwischen dem mongolischen Gashuun und dem chinesischen Ganqimaodu lässt sich beispielhaft beobachten, wie weit die Chinesen bereits in Vorleistung gegangen sind, um den Austausch mit der Mongolei zu intensivieren.
Auch Russland rechnet offensichtlich nicht mit einem konfrontativen Kurs der Mongolei, ist sie doch ein wichtiges Transitland für das russisch-chinesische Pipelineprojekt Power of Siberia 2, mit dem Staatschef Wladimir Putin den Export von Erdgas nach China ausbauen will. Denn auch für die Mongolei ergeben sich daraus Vorteile, erläutert GTAI-Experte Treibel: „Neben Transitgebühren bekäme das Land erstmals Zugang zu einer Versorgung mit Erdgas überhaupt“, sagt er.
Das Streben der Mongolei nach Unabhängigkeit ist echt, daran lassen alle Beobachter keine Zweifel, aber es hat seine Grenzen, sowohl physisch als auch realpolitisch.
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