Kryptowährungen: El Salvador und der Traum vom Bitcoin-Wunder
Nayib Bukele, Präsident von El Salvador, ist großer Bitcoin-Fan.
Foto: REUTERSAls Nayib Bukele auf die Bühne tritt, ertönen die Jubelrufe Tausender Menschen. Sie zücken ihre Handys, wollen den Moment festhalten – und sind offenbar sehr angetan von dem, was der Mann Anfang 40 mit weißem Hemd und Cappy ins Mikrofon spricht. Seine Vision: eine Bitcoin-Stadt, die die geothermische Energie eines Vulkans nutzt und in der Bürger abgesehen von der Mehrwertsteuer keine Abgaben zahlen müssen. In der Bitcoin-Welt gibt es einige Menschen mit verrückten Ideen, doch diese hier stammt nicht von irgendeinem schillernden Unternehmer mit Dollarzeichen in den Augen. Sondern: vom Präsidenten El Salvadors.
Die Szene stammt aus einem Videobeitrag aus dem Jahr 2021. Die Bitcoin City gibt es zwar noch immer nur in der Gedankenwelt Bukeles, doch anderswo hat der Staatschef des mittelamerikanischen Landes sein Faible für die Kryptowährung ausgelebt: Seit drei Jahren ist der Bitcoin in El Salvador gesetzliches Zahlungsmittel. Mehr noch, das Land pumpt massiv Geld in den Kryptosektor. Jeden Tag kauft Bukele einen Bitcoin.
Für gewöhnlich schafft es El Salvador nicht allzu oft in die internationalen Schlagzeilen, und wenn, dann eher wegen Korruption und Gewalt. Mit dem Einstieg ins Krypto-Abenteuer änderte sich das aber. Seither ist El Salvador zur Pilgerstätte für Bitcoin-Fans avanciert. Gleichzeitig warnten Kritiker schon früh davor, dass das ohnehin hoch verschuldete El Salvador mit seinen Bitcoin-Investments in den Staatsbankrott zu schlittern drohe. Wie sieht es heute, nach drei Jahren Bitcoin-Hype, in El Salvador aus?
Anita Posch ist große Befürworterin des Bitcoin. Die Autorin und Menschenrechtsaktivistin sieht in der Kryptowährung „das Geld der Menschen“ – eine Bezahlmöglichkeit ohne Einfluss von Staaten oder Banken. Posch unterstützt unter anderem Projekte in Afrika, um Menschen den Umgang mit Bitcoin beizubringen. Während der Bitcoin in vielen Industriestaaten in erster Linie ein Spekulationsobjekt ist, hat er anderswo tatsächlich einen Nutzen. Mancherorts wird er als Zahlungsmittel genutzt, weil Menschen dort keinen Zugang zu Bankkonten haben. Dennoch blickt Posch skeptisch auf die Einführung des Bitcoin in El Salvador.
Nur wenige Einwohner nutzen Bitcoin
Posch reiste, wie viele andere Bitcoiner, nach Mittelamerika, um sich ein eigenes Bild zu machen – und stellte fest: Das Projekt findet nur wenig Anklang. „Wirklich verbreitet ist der Bitcoin als Zahlungsmittel in El Salvador nicht. Eigentlich kann man nur in den Hotspots damit bezahlen“, sagt sie. Etwa in der Hauptstadt San Salvador, bei großen Hotelketten und Fast-Food-Ketten wie McDonald’s. Auch in El Zonte – Bitcoin Beach genannt – akzeptieren viele Läden die Kryptowährung. Insgesamt aber ziehen nur wenige Bürger El Salvadors die Bitcoin-Option: Laut Zahlen der José Simeón Cañas Central American University nutzten im vergangenen Jahr gerade einmal zwölf Prozent der Einwohner Bitcoin im Alltag. Im Vorjahr waren es 24 Prozent.
Posch überrascht das nicht. „El Salvador ist die Einführung als Zahlungsmittel falsch angegangen. Sie kam nicht von unten, von der Bevölkerung selbst, sondern wurde von der Regierung durchgesetzt – auch am Willen der Opposition vorbei“, sagt sie. Es sei daher nicht verwunderlich, dass „der Bitcoin in El Salvador auf Widerstand trifft“. Der Staat habe zwar versucht, die Bevölkerung zur Nutzung der eigenen Chivo-Wallet zu animieren. Eine Wallet ist eine digitale Geldbörse, in der Kryptowerte gespeichert werden. Doch viele haben zwar das Startguthaben gern genommen, es sich aber in Dollar auszahlen und ihre Wallet dann verwaisen lassen.
32 Prozent Rendite mit Bitcoin
Auch Timo Emden vom Analysehaus Emden Research kommt zu dem Schluss, dass die Einführung des Bitcoin in El Salvador „unter dem Strich weniger große Wellen geschlagen hat als gedacht“. Allerdings: „Aus rein wirtschaftlicher Sicht ist die Wette bis heute aufgegangen.“ Innerhalb der drei Jahre seit Start des Experiments hat sich der Bitcoin-Sparplan im XXL-Stil gelohnt. Danach sah es anfangs nicht aus. Nur wenige Monate nach Beginn crashte der Bitcoin. Der Kurs ging von in der Spitze knapp 69.000 Dollar auf 16.000 Dollar zurück. Der Kollaps der Kryptobörse FTX, die Zinswende und die Inflation drückten den Wert der Cyberdevise nach unten.
Präsident Bukele verfolgte seine Anlagestrategie unbeirrt weiter. Laut der Onlineplattform Nayib Tracker beläuft sich der Wert des staatlichen Bitcoin-Portfolios mittlerweile auf gut 330 Millionen Euro. Der durchschnittliche Einkaufspreis je Bitcoin liegt bei rund 43.300 Dollar. Insgesamt liegt die Rendite bei 32,3 Prozent. Die Befürchtung, der Bitcoin stürze El Salvador in den finanziellen Ruin, hat sich also bisher nicht bewahrheitet, im Gegenteil. Analyst Emden bleibt dennoch vorsichtig und spricht von einem „gewagten Experiment“. Denn so schnell Anleger am Kryptomarkt Gewinne machen können, so schnell können sich diese wieder in Luft auflösen.
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