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El Salvador Lieber Bitcoin als Dollar

Proteste in El Salvador Quelle: imago images

Eigentlich ist der Bitcoin mehr Assetklasse als Zahlungsmittel, denn dafür schwankt sein Wert zu stark. In El Salvador ist die Kryptowährung seit Dienstag trotzdem gesetzliches Zahlungsmittel. Wie das funktionieren soll.

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Traumstrände, Palmen, Sonnenschein und hohe Wellen. Der Küstenort El Zonte hat alles, was ein Surferparadies braucht. Der Strand gilt als einer der beliebtesten in El Salvador und lockt zahlreiche Touristen an. Aber in den vergangenen Jahren kamen nicht nur Surfer, es pilgerten auch immer mehr Bitcoin-Enthusiasten an die Küste El Salvadors. Denn schon jetzt akzeptieren dort viele Cafés, Tankstellen, kleine Kioske oder Friseure die Kryptowährung als Zahlungsmittel.

Gegründet wurde das Projekt namens Bitcoin Beach 2019 von Mike Peterson aus Kalifornien, der eigentlich zum surfen nach El Zonte gekommen war und dort ehrenamtlich arbeitete, als eine Großspende von einem anonymen US-Bitcoiner eintraf. Viele Einwohner des Surferparadieses hatten bis dahin keinen Zugang zu einem Bankkonto, gleichzeitig durften viele der lokalen Shops und Cafés keine Kartenzahlung anbieten. All diese Probleme soll Bitcoin Beach lösen, Ziel ist es, eine nachhaltige Bitcoin-Ökonomie zu etablieren.

Für die Menschen in El Zonte hat sich seitdem viel verändert. Einer zeigt in einem TV-Interview, wie er per App und QR-Code eine Rechnung bezahlt. Früher hätte er dafür eine Stunde mit dem Bus in die nächste größere Stadt fahren müssen, insgesamt hätte er für das Begleichen der Rechnung rund drei Stunden gebraucht.
Finanziert wird das Projekt im wesentlichen durch Spenden. Das Team von Bitcoin Beach hilft den rund 3000 Bewohnern von El Zonte nicht nur dabei, ihre Wallet, also ihr virtuelles Portemonnaie, zu installieren. In Gesprächsrunden klären sie die Bevölkerung auf über Kryptowährungen wie den Bitcoin und Themen wie Sparen und Geldanlage.

Der Blick nach El Zonte zeigt, wie digitales Bezahlen künftig auch im Rest von El Salvador funktionieren könnte. Seit Dienstag ist der Bitcoin für die 6,5 Millionen Einwohner offizielles Zahlungsmittel. Das zentralamerikanische Land ist damit das erste weltweit, das die Kryptowährung ganz offiziell zum gesetzlichen Zahlungsmittel kürt.

Vor rund drei Monaten wurde das entsprechende Gesetz verabschiedet, künftig können die El Salvadorianer dann nicht nur ihre Einkäufe per Bitcoin bezahlen, sondern auch ihre Steuern. Rund 200 Geldautomaten ließ die Regierung unter Präsident Nayib Bukele dafür aufstellen, an denen US-Dollar, die Landeswährung von El Salvador, gegen Bitcoin getauscht werden können.

Gelingt der Start, könnten wohl schon bald weitere Länder folgen. Gerade in Latein- und Südamerika ist das Interesse groß. Ende August hat Kuba angekündigt, den Bitcoin ebenfalls als Zahlungsmittel anerkennen und regulieren zu wollen, auch Uruguay plant laut einem Gesetzentwurf, dass zumindest Unternehmen Kryptowährungen als Zahlungsmittel akzeptieren dürfen.

Gerade für Entwicklungsländer wie El Salvador haben Kryptowährungen wie der Bitcoin bedeutende Vorteile. Als dezentrale Währung sind sie unabhängig von jeglicher Steuerung durch Politik oder Zentralbanken. Zugleich verschaffen sie Millionen Menschen ohne Bankkonto Zugang zu Finanzdienstleistungen. Gerade in Staaten, in denen die Landeswährung wenig Vertrauen genießt, sind Kryptowährungen beliebt. In Ländern wie Nigeria, Vietnam oder der Türkei wird der dezentrale Bitcoin bereits viel häufiger verwendet als etwa in Deutschland. Auch in Venezuela, wo der Bitcoin von vielen genutzt wird, um ihr Erspartes vor einer galoppierenden Inflation zu schützen.

Selbst in Afghanistan könnten Kryptowährungen den Menschen aktuell helfen – wenn die Coins dort breiter akzeptiert wären. Während Geldtransfers per Western Union mit hohen Gebühren verbunden sind, können Bitcoin kostenlos und digital über die Blockchain an Verwandte gesendet werden. Und anders als im Falle von Gold oder Bargeldbündeln ist der Transfer problemlos.

Diese Argumente nutzt auch Präsident Nayib Bukele, wenn er die El Salvadorianer vom Nutzen des Bitcoin überzeugen will. Fast sechs Milliarden Dollar werden pro Jahr von im Ausland lebenden El Salvadorianern in die Heimat gesendet, die Zahlungen machen laut Angaben der Weltbank mehr als 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Das meiste Geld wird traditionell mit Dienstleistern wie Western Union gesendet, die dafür hohe Gebühren verlangen. Laut Bukele sind es pro Jahr insgesamt 400 Millionen Dollar. Ein Problem, für das der Bitcoin eine mögliche Lösung bietet.

Laute Proteste

Trotzdem ist der Protest in El Salvador laut, auf den Straßen wird demonstriert und längst nicht jeder ist mit dem neuen Zahlungsmittel einverstanden. Viele fürchten, irgendwann nur noch mit der Kryptowährung zahlen zu können. Laut Umfragen der Universidad Centroamericana lehnen fast 70 Prozent der Bevölkerung den Bitcoin ab. Allerdings ergab dieselbe Befragung, dass lediglich 4,8 Prozent wussten, dass der Bitcoin eine Kryptowährung ist.

Trotzdem, die Skepsis bei vielen ist groß. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt, das Experiment sei „finanziell und regulatorisch zu riskant.“ Tatsächlich ist der Bitcoin per se nicht unbedingt als Zahlungsmittel geeignet. Zum einen schwankt der Preis der Kryptowährung zu stark. Zur Erinnerung: bei seinem Einbruch im Mai und Juni verlor die älteste Kryptowährung mal eben rund die Hälfte ihres Werts. Nachdem der Preis im April noch bei über 60.000 Dollar lag, waren es während des Crashs nur noch 30.000 Dollar. Mittlerweile hat sich der Kurs bei knapp 50.000 Dollar wieder eingependelt.

El Salvador will das Problem unter anderem mit einem staatlichen Treuhandfonds über 150 Millionen Dollar lösen, der Währungsrisiken absichern soll. Zum anderen betont die Regierung allerorts, dass keiner dazu verpflichtet wird, mit dem Bitcoin zu bezahlen. Die Bitcoin-Nutzung sei „einfach und optional“ heißt es in einem Werbevideo, in welchem die Regierung die staatliche Wallet Chivo bewirbt. Auch die Wallet kann parallel für Dollarzahlungen verwendet werden.

Wer sie herunterlädt, bekommt Bitcoin im Wert von 30 Dollar geschenkt. So will Bukele die Bevölkerung von der Kryptowährung überzeugen. Ein Risiko: werden die Bürger, anders als in El Zonte, nicht ausreichend über den Bitcoin und seine Risiken aufgeklärt, droht das Bitcoin-Experiment von Bukele zur Massenspekulation zu werden. Es könnte viele dazu verführen, zu spekulieren, statt die Vorteile des neuen Zahlungsmittels zu nutzen.

Ein weiterer Nachteil des Bitcoin, weshalb er eigentlich nicht gut als Zahlungsmittel geeignet ist: das Bitcoin-Netzwerk gilt als sehr langsam, Transaktionen dauern für das normale Bezahlen im Supermarkt schlicht zu lange. In El Zonte wird deshalb die sogenannte Lightning-Technologie eingesetzt, auch die Chivo-Wallet basiert auf dem Lightning-Netzwerk.

Dabei handelt es sich um eine Erweiterung der Blockchain, also des Datenprotokolls, auf dem der Bitcoin basiert. Das Netzwerk besteht im wesentlichen aus Zahlungskanälen. Im Gegensatz zur Blockchain gibt es keine Miner, die anhand von komplizierten Aufgaben jede einzelne Transaktion freigeben müssen. Das macht das Lightning-Netzwerk wesentlich schneller als die ursprüngliche Bitcoin-Blockchain.



Während die El Salvadorianer erst testen müssen, wie die neue duale Welt mit Dollar und Bitcoin funktioniert, zieht Bitcoin Beach in El Zonte ein positives Fazit. Der Ort, so heißt es seitens der Initiative, sei durch Bitcoin deutlich besser durch die Coronapandemie gekommen als vergleichbare Küstenorte, deren Wirtschaft im Wesentlichen vom Tourismus abhängt. Durch das Netzwerk sei es möglich gewesen, sich direkt gegenseitig zu unterstützen, und das ganz ohne persönlichen Kontakt und Ansteckungsgefahr, eben rein virtuell. So konnten lokale Unternehmen und Läden die Krise überstehen.

Mehr zum Thema: Kryptowährungen polarisieren die Finanzwelt. Dabei bieten Investments in den Megatrend enorme Chancen – sofern es Anleger richtig machen.

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